Vibrationstraining

Vibrationstraining: Eine Einführung

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Die PowerPlate des Vibrationstrainings ist kein Wundermittel, aber ein tolles Mittel für Abwechslung und neue Trainigsreize.

Vibrationstraining war vor wenigen Jahren in aller Munde. Inzwischen ist es ruhig geworden um die Wackelplatten und oftmals verstauben diese in einer dunklen Ecke. Lohnt ein zweiter Blick auf die Power Plate?

Der Hype war groß als die ersten Vibrationsplatten der Marke Power Plate Anfang des neuen Jahrtausends die Fitnessstudios eroberten. Zahlreiche Firmen brachten ähnliche Produkte auf den Markt und wollten ein Stück vom Kuchen ergattern. Spätestens als 2006 die Deutsche Nationalmahnschaft von Mark Verstegen mit diesen Mitteln fit für die Weltmeisterschaft gemacht wurde und Madonna öffentliche Lobeshymnen auf diese Trainingsmethode sang, gehörte eine Vibrationsplatte in jeden Club, der etwas auf sich hielt. Inzwischen hört man – auch aufgrund von neuen Innovationen – wenig von dem oftmals beworbenen „2 x 10 Minuten pro Woche“-Training mit den maximalen Resultaten. Haben sich die Geräte etabliert oder wurden sie schon vergessen? Wir stellen Ihnen die Pros und Contras des Trainings vor, so dass Sie entscheiden können, ob sich ein zweiter Blick lohnt.

 

Geschichte

Die Geschichte des Vibrationstrainings beginnt im alten Griechenland. Gelehrte untersuchten die Auswirkungen von Schwingungen auf den menschlichen Körper, welche sie mit einem Tuch und einer Baumsäge erzeugten. So versuchten sie die lokale Wundheilung verletzter Körperteile zu verbessern.

Danach verschwand die Vibration lange Zeit aus dem Fokus der wissenschaftlichen Betrachtung, bis 1869 der US-Amerikaner George Taylor ein Gerät zur Vibrationstherapie von Armen und Rücken erdachte.

1880 konstruierte Jean Martin Charcot einen vibrierenden Stuhl mit Helm, welcher ebenfalls in der Therapie zur Schmerzbehandlung eingesetzt wurde.

1960 führte Prof. Dr. Biermann in der damaligen DDR die ersten ernsthaften wissenschaftlichen Untersuchungen zu Thema „Vibration“ durch.

1970 entwickelte der russische Turner Dr. Vladimir Nazarov, aufbauend auf Biermanns Arbeit, ein Trainingssystem, welches im Raumfahrtprogramm der Sowjetunion Verwendung fand. Es ermöglichte das Muskeltraining im schwerelosen Raum. So wurde Muskelschwund und Durchblutungsstörungen im All vorgebeugt und die russischen Kosmonauten konnten fast 4-mal so lange im Weltraum bleiben wie ihre amerikanischen Kollegen.

1996 nach der Wiedervereinigung und dem Ende des Kalten Kriegs gelangte das Wissen auch in die westliche Welt und die Firma Galileo meldete weltweit das erstes Patent auf eine seitenalternierde Vibrationsplattform an, welche noch heute in vielen Physiotherapien benutzt wird.

1998 schaffte Guus van der Meer, ein niederländischer Nationaltrainer für unterschiedliche Sportarten, den endgültigen Durchbruch. Er entwickelte die erste Power Plate.

Wieder 10 Jahre später boten auf der Fibo 2007, der größten Messe für Fitness, über 50 Hersteller eine Vibrationsplattform an.

Inzwischen geht man davon aus, dass jedes dritte Fitnessstudio mindestens eine Vibrationsplattform mit im Programm hat.

 

Modelle

Es lassen sich zwei Bauweisen unterscheiden: Vertikal schwingende und seitenalternierende Geräte. Seitenalternierende Geräte werden häufig in Physiktherapiepraxen eingesetzt, während die vertikale schwingende Plattform sich auf dem Fitnessmarkt durchgesetzt hat.

Die alternierende Wipp-Bewegung, bei der sich die linke und rechte Seite der Platte abwechselnd auf und ab bewegen, simuliert den menschlichen Gang. Hierbei werden nie die Muskeln der rechten und der linken Körperhälfte zur selben Zeit in gleicher Art aktiviert.

Bei der Vertikalbewegung ähnelte die Belastung am ehesten einer hüpfenden Bewegung, da beide Körperhälften gleichzeitig die selbe Bewegung ausführen. Dies bietet sich bei Sportarten mit springenden Bewegungsabläufen, z. B. Volleyball, an.

Die seitenalternierende Bewegung führt zu einer wechselseitigen Krafteinleitung in die Beine, welche sich auf das Becken überträgt und wiederum die Rückenmuskulatur trainiert, was gerade in der Rehabilitation von Bedeutung ist.

Die Amplituden sind durch Fußpositionen zwischen 0 bis 6 mm auf den seitenalternierden Plattformen frei wählbar, während die Mehrzahl aller vertikalen Geräte wenige oder nur eine vorgegebene Amplitude anbietet - üblicherweise 1 bis 2 mm. Allerdings muss eine größere Amplitude nicht zwingend zu einem besseren Trainingsergebnis führen und kann auch als unangenehm empfunden werden. Generell entsteht durch die Seitenalternation jedoch eine deutliche geringere Vibration im Kopfbereich, welche zu Kopfschmerzen und Schwindel führen kann.

 

Wirkung

Harmonische Vibrationen: Gesundheitlich unbedenklich

Vereinfacht ist eine Schwingung (Vibration) das periodische Hin- und Herbewegen eines Körpers. Als Frequenz bezeichnet man die Anzahl der Schwingungen in einer Zeiteinheit, während die Schwingungsweite Amplitude genannt wird.

Nicht-harmonische Vibrationen: Gesundheitlich bedenklich

Wir unterscheiden harmonische und nicht-harmonische Schwingungen. Bei der harmonischen Schwingung, welche in einer Sinus- oder Kosinusfunktion dargestellt werden kann, liegen gleichmäßige Abläufe vor. Diese sind für den Körper unbedenklich und diese Technik kommt bei Vibrationsplattformen zum Einsatz. Im Gegensatz dazu können nicht-harmonische Schwingungen, wie sie etwa ein Presslufthammer erzeugt, dem Körper schaden.

Der Vollständigkeit halber sei noch die gedämpfte Schwingung erwähnt, welche mit zunehmender Zeit eine abnehmende Amplitude vorweist.

 

Wie funktioniert diese Schwingung im Bezug auf unser Training?

Bei konventionellem Widerstandstraining im Krafttraining befördern wir ein Gewicht (Hantel) entgegen der Beschleunigung, welche dieses durch die Erdanziehungskraft erfährt, nach oben. Um unsere Kraft zu steigern, erhöhen wir die Masse. Dies beruht auf dem physikalischen Gesetz:

Kraft = Masse x Beschleunigung

 

Beim Vibrationstraining bleibt unsere Masse (Körpergewicht) gleich und erfährt eine stärkere Beschleunigung, was in mehr Kraft resultiert.

Nach den physikalischen Grundlagen kommen wir kurz zu den physiologischen. Hier ist der Muskelspindelreflex von entscheidender Bedeutung. Er schützt den Muskel bei plötzlicher Spannung durch Kontraktion vor dem Zerreißen. Die Vibration erzeugt besagte Spannung. Je höher die verwendete Trainingsfrequenz ist, desto häufiger wird der Muskelspindelreflex ausgelöst und folglich kommt es zu mehr Muskelkontraktionen. In der Theorie sind das:

30 Hz = 1800 Kontraktionen / Minute

40 Hz = 2400 Kontraktionen / Minute

50 HZ = 3000 Kontraktionen / Minute

 

Die Vielzahl der Kontraktionen in kurzer Zeit führt zu einer besonders hohen Auslastung der Muskelfasern. Werden im Normalfall pro Bewegung je nach Trainingsstatus nur 40-80 % der Muskelfasern aktiviert, schafft das Vibrationstraining pro Sekunde eine nahezu vollständige Auslastung aller Muskelfasern.

Wichtig ist jedoch zu beachten, dass der menschliche Körper je nach Reaktionszeit nur ein bestimmtes Maß an Befehlen bearbeiten kann. Wenn zu viele Informationen angekommen, hat dies eine kontraproduktive Wirkung. Gleiches gilt für gleichbleibende Reize über längere Zeit. Der Körper gewöhnt sich an diese Einwirkung und reagiert nicht mehr wie gewünscht. Auch ist die Stärke und Dauer der Kontraktion deutlich geringer als beim klassischen Krafttraining.

Diese Dinge sollte man berücksichtigen, wenn man mit Werbungen konfrontiert wird, die in wenigen Minuten ein effektiveres Training und mehr Fitness als je zuvor versprechen. Vibrationstraining kann ein tolles Mittel für Abwechslung und neue Trainingsreize darstellen, aber es sollte mit Köpfchen und als eine von vielen Trainingsmethoden eingesetzt werden. (Wie wirkt und funktioniert Vibrationstraining?)

  

Kontraindikationen

Es gibt einige Beschwerdebilder oder Ereignisse, bei denen von Vibrationstraining abzuraten ist. Bitte konsultieren Sie dann Ihren Arzt, ehe Sie das Training beginnen.

 

Absolute Kontraindikationen

- Akute Thrombose

- Herz-, Hirnschrittmacher

- Höhergradige Osteoporose mit Frakturen

- Unbehandelte Hypertonie

- Schwere Diabetes (mit Mikroangiopathien)

- Schwangerschaft

 

Relative Kontraindikationen

- Nicht-akute Rückenbeschwerden (bei Morbus Bechterew kein Vibrationstraining!)

- Implantate länger als 6 Monate (bei einzementierten Prothesen kein Vibrationstraining!)

- Zahnimplantate (länger als 6 – 9 Monate)

- Brustimplantate (länger als 6 - 8 Wochen)

- Gallen- und Nierensteine (kleine Steine)

- Kardiovaskuläre Erkrankungen (bei ausgeprägter Insuffizienz und Entzündungen kein Vibrationstraining!)

- Stents (länger als 6 Monate)

- Epilepsie (länger als 2 Jahre)

 

Haben Sie keine der aufgezählten Beschwerden (oder sind schwanger), steht einer ersten Schnupperstunde nichts mehr im Wege.

Nach dieser kurzen Einführung widmen wir uns nächste Woche verschiedenen Trainingsbereichen und zeigen die Standardübungen.

 

Marcel Kremer

 

Literatur

1. Berschin, G.: Vibrationskrafttraining und Gelenkstabilität, Uni Maburg 2004. In: Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin 55/6.

2. Beutler, Marco: Handbuch Vibrationstraining, Leipzig 2007.

3. Dammer, Marion: Schulung Vibrationstraining (pdf), Düsseldorf 2008.

4. Hubert, G.: Vibrationstraining in der Sporttherapie. In: Bewegungstherapie und Gesundheitssport , 22, S. 46-51.

5. www.galileo-training.com

6. www.powerplate.de

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