Trainingssteuerung

Trainieren mit einem Leistungsmesser?

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Tipps und Infos zur Leistungsmessung am Fahrrad

Das Erfassen der Leistungsdaten auf dem Rad ist sehr komplex. Es bedarf eines Spezialisten, um mit den Daten der Leistungsmessung effektiv arbeiten zu können. Das kann ein Trainer sein oder ein Sportwissenschaftler, der die Daten für Sie auswertet und Hinweise für Ihr Training geben kann.

Der Markt der Leistungsmesser hat sich in den letzten Monaten gewandelt wie kaum ein anderer Bereich von Geräten zur Trainingssteuerung. Zwar Kamen seit dem Ende der 80er Jahre in Deutschland die ersten mobilen Leistungsmessgeräte für den Gebrauch an Rennrädern zum Einsatz, doch war deren Preis noch sehr hoch. Dies war einer der Gründe, weshalb sich diese Geräte lange Zeit nicht im Amateur- und Freizeitsport durchsetzten. Hinzu kommt, dass die Auswertung der Trainingsdaten Erfahrung und Wissen bedarf, das im Freizeitsport oftmals der Idee gegenübersteht sich auf das Radfahren als Genuss zu konzentrieren. Vielen Radfahrern stellt sich die Frage, wie sehr sie ihr Training von Geräten abhängig machen sollen. Wir möchten Ihnen hier zeigen, was Leistungsmessgeräte erfassen und wie Sie mit den Daten im Training arbeiten können.

 

Wie wird die Leistung gemessen?

„Die Leistung“ könnte man vermuten, sei die einfache Antwort auf die Frage, was gemessen wird. Allerdings verhält es sich in Wirklichkeit doch etwas komplizierter. Je nach Hersteller werden zunächst einmal Kräfte, die auf das Material wirken, gemessen und umgerechnet. Bei dieser Methode werden die durch das Treten auftretenden Kräfte zwischen Kurbel und Kettenblattstern ermittelt. Diese Kräfte werden mittels Dehnmessstreifen bestimmt. In Kombination mit der Trittfrequenz wird im Radcomputer die Leistung errechnet. Diese Messmethodik kann auch an der Hinterradnabe oder am Pedal angewandt werden. Neben den Messsystemen gibt es von Herstellerseite auch eine eigene Auswertungssoftware. Allerdings gibt es auch unabhängige Softwarelösungen, die in der Regel etwas komplexer sind und mehr Auswertungsmöglichkeiten bieten. Allerdings sind diese Programme oft kompliziert und wenig intuitiv. Hier kann Ihnen ein Trainer helfen, der Sie bei der Datenauswertung unterstützt. Sollten Sie keinen Trainer vor Ort haben, sind Online-Lösungen, bei denen die Daten der Sportler dem Trainer direkt online zur Auswertung bereitgestellt werden können, eine gute Alternative. Insgesamt ergibt sich eine Vielzahl von Daten, die es auszuwerten gilt.

 

Name Polar CycleOps Powertap SRM Powermeter Power2max SRAM/ Quarq
Messgenauigkeit +/-2 % +/- 2 % +/- 2 % +/- 2 % +/- 2 %
Art der Messung Dehnmessstreifen Dehnmessstreifen Dehnmessstreifen Dehnmessstreifen
Ort der Messung Pedalachse Hinterradnabe Kurbelstern Kurbelstern Kurbelstern
Preis ca. 1680 € ab 700 € ab 2368,10 € Abhängig von Kurbel ab 1795 USD
Webseite www.polar-deutschland.de www.powertab.de www.srm.de www.power2max.de www.sram.com

Tab. 1: Übersicht einiger in Deutschland erhältlichen Messsysteme

 

Was ist Leistung?

Im Sport zeigt sich oft, wie wichtig ein einheitlicher Sprachgebrauch in der Trainingssteuerung ist. Leider reden Trainer, Trainingswissenschaftler und Sportler nur allzu gern aneinander vorbei. Beispiele gibt es dafür viele: Schnellkraft, Kraftausdauer und Superkompensation sind nur einige Begriffe, deren Inhalt unterschiedlich ausgelegt werden kann. Für die Leistung gilt, dass eine physikalische Definition die Leistung als Produkt aus Kraft und Geschwindigkeit beschreibt (P=v*F). Aus Sicht der Leistungsphysiologie besteht die Leistung aber zudem noch aus dem Energieumsatz pro Zeiteinheit, der aerob oder anaerob erfolgen kann. Beiden Interpretationen liegt ein unterschiedliches Verständnis zu Grunde, das Widersprüche in der Trainingsliteratur zu Radsport und Triathlon erklärt.

 

Leistung messen – aber warum?

Die Trainingssteuerung mit einem Leistungsmesser hat sich in den letzten Jahren weiter verbreitet, da die Preise gesunken sind und es im Gegensatz zu früher mehr Hersteller auf dem Markt gibt. Es ist sogar zu erwarten, dass der Markt weiter in Bewegung bleibt, wenn im kommenden Jahr Garmin mit einem eigenen Leistungsmesser startet. Auch ein großer japanischer Komponentenhersteller soll dem Vernehmen nach an einer eigenen Lösung arbeiten. In Deutschland bieten zunehmend Trainer und Institute Beratung zum leistungsgesteuerten Training an. Allerdings findet man vor allem in den gängigen Rad- und Triathlonmagazinen häufig Aussagen zum leistungsgesteuerten Training, die Sie nicht unreflektiert annehmen sollten.1 Oftmals ist die Sprache von einer höheren Genauigkeit der Trainingssteuerung mithilfe eines Leistungsmessers gegenüber der Herzfrequenzsteuerung die Rede. Dabei beruft man sich häufig auf die Einflussgrößen des Alltags, die die Herzfrequenz beeinflussen können. Diese Aussagen kommen meist von Radprofis oder Ingenieuren ohne genaue Sachkenntnis der Physiologie. Dabei wird oft die physikalische Leistung mit der physiologischen Leistung gleichgesetzt, ohne wichtige Unterschiede zur Kenntnis zu nehmen. Tatsächlich kann die Leistung die direkte Aktion des Körpers abbilden, während die Herzfrequenz eher die Reaktion des Körpers auf die Belastung darstellt. Allerdings zeigt das auch schon direkt einen Vorteil der Herzfrequenz: Sie kann auch ermüdungsbedingte Prozesse abbilden, während die Leistung alleine für sich genommen das nicht vermag.

Der Nachteil der Herzfrequenz wiederum ist, dass sie erst verzögert auf die Belastungen des Körpers reagiert, während die Leistung bei größerer Belastung direkt ansteigt. Das macht sich vor allem bei Intervallen bemerkbar, bei denen über einen bestimmten Zeitraum eine höhere Leistung gefahren werden soll. Wenn Sie beispielsweise ein 3-minütiges Intervall fahren möchten, bei dem der Körper im Entwicklungsbereich (EB) belastet werden soll, wird die Herzfrequenz nach der Beschleunigung einige Zeit benötigen, bis sie im Zielbereich angelangt ist. Ein Leistungsmesser hingegen zeigt direkt mit Beginn der Beschleunigung die erhöhte Leistung an. Dieses Phänomen spricht für den Einsatz eines Leistungsmessers bei Trainingsformen, die in Form von intensiven oder extensiven Intervallen durchgeführt werden. Allerdings möchten wir Ihnen an einem weiteren Beispiel verdeutlichen, dass auch die Leistungsmessung zu Fehlinterpretationen führen kann. Wenn Sie lange Grundlagenausdauereinheiten fahren, kommt es trotz der niedrigen Belastungen im Laufe der Zeit zu ermüdungsbedingten Reaktionen: Die Herzfrequenz sinkt, da die am Vortrieb beteiligten Körpersysteme die Arbeit nicht mehr konstant aufrecht erhalten können. Sie müssten also die Geschwindigkeit verringern um nicht die Intensität des Trainings anzuheben. Diese Körperreaktion sehen Sie allein an der Herzfrequenz – würden Sie eine Trainingseinheit mit dem Ziel der Grundlagenausdauer allein nach der Leistung steuern, ist die Intensität gegen Ende des Trainings ungleich höher als zu Beginn der Trainingseinheit. Es finden sich also Vor- und Nachteile für beide Steuerungsparameter.

 

Intelligente Auswertung zählt

Auch bei der Auswertung der Leistungsdaten lässt sich oft beobachten, dass die Unterschiede zwischen physikalischer und physiologischer Leistung nicht allen Sportlern, Sportmedizinern und Ärzten klar sind. Der Vorteil eines Leistungsmessers sind die zusätzlichen Informationen bei der Auswertung. So können Sie die Verteilung der Herzfrequenzdaten im Training sowie die Verteilung von Trittfrequenz, Geschwindigkeits- und Höhendaten in Beziehung zueinander setzten. Außerdem lassen sich statistische Auswertungen und Kenngrößen zu Verteilungen der einzelnen Daten gewinnen. Ganz konkret bedeutet dies, dass Sie beispielsweise anhand der Trainingsdaten erkennen können, wie sich Trittfrequenz und Beschleunigung in Ihrer Belastung und Beanspruchung widerspiegeln. Leistungsdaten und Herzfrequenz sollten dabei aber nicht isoliert für sich, sondern im gegenseitigen Wechselspiel betrachtet werden. Wichtigste Parameter in der Auswertung einer Trainingseinheit sind die Streuungsmaße von Leistung und Herzfrequenz im Trainingsverlauf. In Diagrammen lassen sich diese Verteilungen anzeigen und bewerten.

 

Weitere Auswertungsfaktoren

Im Laufe der letzten Jahre haben Trainer und Hersteller von Auswertungssoftware weitere Instrumente entwickelt. Allerdings sind die nicht alle uneingeschränkt zu empfehlen, da auch hier oft ausschließlich das physikalische und nicht das physiologische Leistungsverständnis zu Grunde liegt. Interessante Auswertungsmöglichkeiten bietet die Leistungsmessung insbesondere dann, wenn die Daten über einen längeren Zeitraum beobachtet werden. Mit Hilfe der Peak Power können die Leistungsdaten aus den Trainingseinheiten über einen bestimmten Zeitraum erfasst werden. Steigt diese Leistung in verschiedenen Zeitabschnitten an, kann von einer Leistungssteigerung ausgegangen werden. Es bleibt aber das Problem, dass keiner dieser Parameter wirklich mit empirischen Studien untersucht wurde. Dabei existieren neben der Auswertung der direkten Messvariablen noch viele zusätzliche Faktoren. Dazu gehört beispielsweise die „normalisierte Leistung“, der „Intensitätsfaktor“ und der „Training Stress Score“ sowie die maximale Leistung über die Trainingszeit.(2)

 

Datenauswertung

Intensitätsfaktor

Der Intensitätsfaktor soll ein Hilfsmittel zum Beurteilen Ihrer tatsächlichen Trainingsbelastung sein. Dabei wird die normalisierte Leistung in Bezug zur anaeroben Schwelle gesetzt. Werte, die kleiner als 0.50 sind, werden mit regenerativem Training gleichgesetzt. Grundlagenausdauertraining (G1) wird zwischen 0.50 und 0.77 gesehen. G2 und Intervalltraining im EB-Bereich bei 0.78-0.96. Dieser Parameter berücksichtigt die aktuelle Schwellenleistung, die jedoch als der Leistungswert definiert wird, der über eine Stunde aufrecht erhalten werden kann. Anhand dieser Festlegung zeigt sich, dass der Wert kaum wissenschaftlich haltbar.

 

Normalisierte Leistung

Die normalisierte Leistung fasst die Messwerte einer Trainingseinheit zusammen und glättet die Messwerte. So soll die Beurteilung einer Trainingsbelastung erfasst werden können. Intervalle können z. B. durch lange Phasen mit aktiver Erholung zu niedrigen Durchschnittsleistungen führen. Die normalisierte Leistung berücksichtigt das und gewichtet die Intervalle höher.

Dieser Parameter ist sehr interessant, da er Aufschluss über die Intensität einer Einheit liefern kann.

 

Trainings Stress Score

Der TSS ist das Produkt aus Zeit und Intensitätsfaktor. Dabei sollen Rückschlüsse auf die Erholungsfähigkeit möglich sein. Dies ist jedoch sehr kritisch zu hinterfragen, da die Regeneration in der Praxis wesentlich komplexer abläuft.

 

Variabilitätsindex

Bei diesem Index werden die normalisierte Leistung und die Durchschnittsleistung in Verhältnis zueinander gesetzt.

 

Fazit

Es zeigt sich, dass wir deutlich zwischen der physikalischen Leistung und der physiologischen Leistung unterscheiden müssen. Insbesondere in dieser Sichtweise liegen oftmals Fehler begründet. Wichtig ist, dass Sie neben Ihrer rein physikalischen Leistung – also Ihrer Belastung – auch lernen, Ihre physiologische Beanspruchung zu berücksichtigen.

 

Tipps für Ihr Training

- Nutzen Sie die Parameter Herzfrequenz und Leistung nicht separat.

- Nutzen Sie eine gute Auswertungssoftware.

- Besprechen Sie Ergebnisse ggfs. mit einem Trainer/Sportwissenschaftler.

- Erfassen Sie auch subjektive Trainingseindrücke.

- Machen Sie sich nicht abhängig von der Messtechnik.

 

Lesen Sie auch: Was leistet eine Trainings-App wirklich?

  

Dennis Sandig

 

Literaturangabe:

1. Triathlon Training (2008), Bd. 2 (2), S. 22–25

2. Training and racing with a power meter (2006), Velo Press: Boulder, CO

3. Leistungsgesteuertes Radtraining (2006), BoD: Norderstedt

 

Fachsprache

Dehnmessstreifen – erfasst die Verwindung von Metall und reagieren mit einer Veränderung des elektrischen Widerstandes. So können die auf eine Tretkurbel wirkenden Kräfte gemessen werden.

Grundlagenausdauer – Trainingsbereich mit aerober Belastung mit dem Ziel der verbesserten Ausprägung des Fettstoffwechsels.

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