Basketball und Athletik

Interview mit Michael Koch, Trainer der Telekom Baskets Bonn (Teil 2): Athletik und Trainingssteuerung im Basketball

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Michael Koch, Trainer der Telekom Baskets Bonn, im Interviewe über Atheltik und Leistungsdiagnostik im Basketball

„Zu meiner Jugendzeit wurden Spieler mehr am Ball ausgebildet“, erklärt Michael Koch, Trainer der Telekom Baskets Bonn, im 2. Teil des Interviews mit trainingsworld. Er erzählt über Athletiktraining und Trainingsdiagnostik und Trainingssteuerung im Basketball. 

Im 2. Teil des Interviews spricht Michael Koch (Interview Teil 1) über die Entwicklung der Athletik im Basketball, wie sich die Trainingsdiagnostik im Vergleich zu seiner aktiven Karriere weiterentwickelt hat und wieso es schwieriger geworden ist, jungen deutschen Talenten viel Spielzeit in der Bundesliga einzuräumen.

 

trainingsworld: Wie hat sich die Athletik im Basketball heute im Vergleich zu Ihrer aktiven Karriere als Spieler grundsätzlich entwickelt?

Michael Koch: Ich denke, dass sich die Athletik, so wie in anderen Sportarten auch, enorm weiterentwickelt hat. Die Trainingsmethoden sind moderner geworden. Zu meiner Jugendzeit wurden Spieler mehr am Ball und mit Schwerpunkt Technik ausgebildet. Heutzutage gibt es eigentlich in allen Profimannschaften einen ausgebildeten Athletiktrainer. Jede Mannschaft trainiert in der Vorbereitung und in der Saison Athletik. Auch in den Jugendmannschaften hat Athletik einen hohen Stellenwert, der damals noch nicht wichtig erschien. Spieler, die 12, 13 Jahre alt sind, werden früh an das Athletiktraining heran geführt, während das zu meiner Profikarriere damals kaum der Fall war. Wir sind in die Halle gegangen und haben gespielt. Wir hatten einen Trainer, der uns das Basketballspiel beigebracht hat, aber von Athletik wurde damals noch nicht viel gesprochen.

 

trainingsworld: Nimmt Athletik einen eigenen Trainingsschwerpunkt ein?

Michael Koch: Ich glaube, da wird heute ein großes Augenmerk drauf gelegt und das ist auch sehr wichtig. Man beschäftigt sich heute auch viel mehr damit, einen Spieler in der Athletik auszubilden. Es gibt genetische Voraussetzungen, die einigen Spielern einen gewissen Vorteil verschaffen und um den aufzuholen muss man hart arbeiten. Denn Basketball ist heute nun mal nicht mehr nur Technik und Taktik, sondern auch mittlerweile sehr von Athletik geprägt und nicht mehr wegzudenken. Von daher trainieren wir nicht nur in der Vorbereitung die Athletik, sondern auch in der Regel montags im Rahmen eines Athletikzirkels, wenn wir keine Europapokalspiele unter der Woche haben.

 

trainingsworld: Ist man denn heute als Trainer mehr Trainings-Manager, ganz nach dem „Klinsmann-Modell“, bei dem man einen kompletten Trainingsstab zur Verfügung stehen hat und gar nicht mehr das Training im Detail leitet?

Michael Koch: Bei uns in Bonn ist es nicht so. Bevor Peter Günschel Co-Trainer wurde, war Karsten Schul Co-Trainer (Basketball Techniktraining: Blocken und Abrollen (Pick and Roll) – nachgefragt bei Karsten Schul) bei uns und hat hauptsächlich die Athletikeinheiten in der Halle und im Kraftraum übernommen. Diese Trainingseinheiten macht jetzt Peter Günschel, genau wie vorher Karsten. Beide haben diesbezüglich einen gewissen Backround, doch ich sehe da Unterschiede zu anderen Vereinen. Viele haben einen speziell ausgebildeten Athletiktrainer. Da müssen wir auch hier bei den Baskets darüber nachdenken, ob das sinnvoll erscheint, denn das Training wird immer spezifischer. Es geht also schon in diese Richtung, als Head-Coach die richtigen Personen um sich herum zu haben.

Um beim Beispiel des Athletiktrainings zu bleiben: Es gibt kaum noch einen Trainer der eine A-Lizenz hat und gleichzeitig über eine Athletikausbildung verfügt, um auch in dem Bereich optimal vorzubereiten. Da hat sich insgesamt vieles verändert. Das sieht man auch schon daran, dass die Stelle des Athletiktrainers mittlerweile nicht nur einfach modern ist, sondern eine Mannschaft wirklich weiterbringt und ein Arbeitsfeld ist, das viel gebraucht wird.

 

trainingsworld: Welche grundsätzlichen Unterschiede gibt es in der Trainingsdiagnostik und –steuerung im Vergleich zu früher?

Michael Koch: Ähnlich wie das, was ich bereits dargestellt habe, ist dieder Aspekt genauso wichtig und hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Heutzutage kann man mit Computerprogrammen fast alles messen: Wie hoch springen meine Spieler und wie schnell laufen sie? Früher gab es den Coopertest, den bekannten 3000-m-Lauf, den wohl fast jeder noch kennt. Vielleicht gab es noch, wenn es hoch kommt, die Laktattestung. Mittlerweile ist man da sehr viel weiter und hat sehr spezifische Möglichkeiten, Tests durchzuführen. Man kann mit Lichtschranken Sprints über 40 Meter, über 50 Meter oder über eine beliebige Entfernung messen.

Auch die Trainingsmethodik bzw. die Trainingssteuerung ist natürlich weiterentwickelt worden. Da gibt es die bekannten Wackelbretter, um die Gelenkstabilität zu verbessern und allgemein viel mehr Möglichkeiten auch außerhalb des Kraftraums. Das gab es früher alles gar nicht. Ich finde diese Entwicklung gut, da man mit all diesen kleinen Verbesserungen in kleinen Schritten sehr vieles erreichen kann. Aber nicht nur die Trainingsmöglichkeiten haben sich verbessert, auch die Periodisierung hat sich verändert. Um das am Athletiktraining nochmal darzustellen: Früher wurden in der Vorbereitung die Bleiwesten angezogen und die Hürden aufgestellt und dann ging es über die Hürden. Es wurde gelaufen bis zum Erbrechen und in der Saison wurde da kaum noch dran gearbeitet. Heute ist die Trainingssteuerung viel besser geplant, beginnt mit der Vorbereitung und wird kontinuierlich über die Saison wiederholt.

 

trainingsworld: Bei Ihren Gegenspielern waren Sie als Dreierspezialist gefürchtet. Hat sich das Training der Dreierspezialisten verändert?

Michael Koch: Meiner Meinung nach hat sich da nicht viel verändert. Der Dreierwurf ist einfach gesagt nur eine Frage der guten Technik. Für das Training ist wichtig: Wiederholen! Wiederholen! Wiederholen! Wiederholen! Werfen! Werfen! Werfen! Werfen! Wir haben jetzt auch 2 Litauer in unserer Mannschaft, die als Dreierwerfer bekannt sind und die stellen sich eigentlich auch nach jedem Training hinter die Dreierlinie und werfen. Oft werfen sie auch in Competition gegeneinander, um immer wieder die Wurfbewegung zu wiederholen und einzuschleifen. Da kann man mit Athletik wenig verbessern. Das kombiniert sich nicht in diesem Sinne, das heißt nicht unbedingt „Wer höher springt trifft auch mehr Dreier“, sondern es geht nur über die Wurftechnikschulung und über die Wiederholung der Bewegung. Je mehr man also wirft, desto besser ist es.

Neben der reinen Wurftechnik ist der Erfolg auch von der Psyche abhängig. Gerade im Spiel musst du bei Misserfolg einfach weiterwerfen. Wenn ich die ersten 5 Würfe in einem Spiel alle vorbei werfe, hören viele auf. Aber ich bin ein Werfer und muss dann als Werfer einfach weiterwerfen. In diesem Bereich ist man heute auch deutlich weiter fortgeschritten als früher.

 

trainingsworld: Sie setzen bekanntlich auf Talente aus den eigenen Jugendmannschaften. Worauf kommt es für die jungen Spieler im Profigeschäft an, um sich in der Bundesliga zu etablieren?

Michael Koch: Zu allererst haben es deutsche Jugendspieler sehr schwer. Sie müssen sich gegen sehr viele Konkurrenten, vor allem aus den USA oder Ost-Europa, durchsetzen, die teilweise schon über sehr viel Erfahrung und Spielpraxis verfügen. Zu meiner Zeit wurde ich als 17-Jähriger in die Bundesligamannschaft vom MTV Gießen berufen und habe schon im ersten Jahr Spielpraxis gesammelt, aber natürlich auch viel Lehrgeld bezahlt. Im 2. Jahr war dann meine Schonfrist, in Anführungszeichen, vorbei und ich musste richtig ran. Das ist heute deutlich schwieriger für junge Nachwuchsspieler.

Mit der Einführung der NBBL (Anm. d. Red.: Nachwuchs-Basketball-Bundesliga, U19 seit der Saision 2007/2008) und der JBBL (Anm. d. Red.: Jugend-Basketball-Bundesliga, U16 seit der Saison 2009/2010) haben wir insgesamt einen qualitativ hochwertigeren Wettkampf im Jugendbasketball. Wir sind auf einem guten Weg, dass auch in Zukunft mehr junge Nachwuchsspieler die Chance auf mehr Einsätze in der Bundesliga bekommen. Ich persönlich befürworte eine Regelung, durch die alle Bundesligamannschaften immer mindestens einen deutschen Spieler auf dem Parkett haben müssen. Insgesamt liegt das Problem der Spielerausbildung meiner Meinung nach nicht unbedingt an einer geringen Anzahl an Talenten oder dem Ehrgeiz der Spieler, sondern vielmehr am System und da gibt es sehr gute Fortschritte, die in einigen Jahren wohl sichtbar werden.

 

trainingsworld: Ich bedanke mich für das nette Gespräch!

 

Ramy Azrak

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