Basketballtraining

Wieso sind Offensiv-Systeme wichtig?

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Im 1. Teil zum Thema „Offensiv-Systeme im Basketball“ erklärt Ihnen unser Basketballexperte Ramy Azrak, warum ein Team Offensiv-Systeme braucht.

In den nächsten Teilen wird Bogdan Suciu, Trainer bei den Telekom Baskets Bonn, für trainingsworld 3 Systeme detailliert analysieren.

Wenn Sie ein paar Allstars im Team haben, brauchen Sie keine Systeme", diesen berühmten Satz sagte einst der 2-fache NBA-Champion Kenny Smith. Der wohl eher lapidar dahin gesprochene Satz wird bei genauerer Analyse von wenigen Argumenten genährt. Natürlich sollte ein Team die individuelle Klasse und Kreativität seiner Akteure nicht eingrenzen, trotzdem helfen Systeme letztendlich, die Stärken der einzelnen Spieler und des Teams besser in Szene zu setzen. Superstar Michael Jordan war in Zeiten seiner Blüte ein Teil eines Mannschaftsgefüges und selbst er musste sich in die „Triangle Offense“ seines Trainers Phil Jackson einfügen.

 

Warum brauchen wir Offensiv-Systeme?

Apropos Michael Jordan: Die älteren unter den Lesern werden sich sicherlich noch an das Dreamteam 1992 mit Michael Jordan, Charles Barkley und David Robinson - um nur einige der Superstars zu nennen – erinnern. Das US-Amerikanische Team war ein zusammengeworfener Haufen von Superstars, die bei den Olympischen Spielen alles wegfegten, was ihnen in den Weg kam. Kenny Smith mag ich in soweit Recht geben, dass ein Team aus Superstars und Instinktbasketballern wohl auch ohne Offensiv-Systeme fast immer eine kreative oder brachiale Lösung finden wird, um zum Korb durchzukommen. Andererseits kann dasselbe Basketball-Team mit einer Philosophie, einer Sicherheit durch Automatismen und dem Wissen, was die Mitspieler tun, zweifellos noch besser sein.

Neben der eigenen Sicherheit für das Spiel können durch Offensiv-Systeme auch Lücken des Gegners systematisch aufgedeckt werden. „Systeme helfen uns, die Verteidigung in Situationen zu bringen, wo sie ihre größte Schwäche hat und somit Räume ermöglicht, die die Verteidigung unter Probleme stellt“, erklärt Bogdan Suciu und ergänzt: „In solchen Fällen kann ein Trainer mit einem gezielten Offensiv-System hochprozentige Spielsituationen kreieren.“

Auch im umgekehrten Fall, wenn der Gegner eine unerwartete Gegenmaßnahmen in der Verteidigungssituation einleitet, kann man durch ein Offensiv-Systeme Punkte erzielen. Ein Offensiv-System ist quasi der Schlüssel, um das Tor der Verteidigung zu öffnen. Stellt eine Defensive beispielsweise auf Box-and-One um, so kann der Trainer mit einem entsprechenden System die kurzfristig eintretende Konfusion wieder begradigen.

(Lesen Sie auch: Basketball-Taktik: Der Angriff gegen eine kombinierte Verteidigung)

 

Regelveränderungen wirken sich auf Systeme aus

Mit den Regelveränderungen über die Jahre sind Offensiv-Systeme noch wichtiger geworden. „Die Einführung Shot-Clock führte zum Beispiel dazu, dass es die Motion Offense nicht mehr in dieser alten Form gibt“, erklärt Bogdan Suciu. Die Zeitbegrenzung für einen Angriff wurde im Jahre 1954 (damals noch 35 Sekunden, heute 24 Sekunden) in der NBA eingeführt und hatte zum Ziel, das Spiel für den Zuschauer schneller und attraktiver zu gestalten. Die Motion Offense ist ein Verhaltensmuster, das darauf bedacht ist, durch ständiges Bewegen der offensiven Spieler und dem Passen des Balls die Verteidigung "müde zu spielen" und sie so zu Fehlern zu zwingen. „Früher wurde der Ball verwaltet und durch die Shot Clock werden Teams zum schnellen Abschluss forciert.“

Eine weitere Veränderung, die neue taktische Möglichkeiten in der Offensive zulassen, ist die Vergrößerung des 2-Punkte-Bereichs. Durch die Verschiebung der 3-Punkte-Linie um einen halben Meter nach hinten und die zunehmende Gewichtung der Athletik im modernen Basketball hat sich in Europa die Tendenz zu einer Spielweise von Fastbreaks mit ihren früheren Drag Screen (Artikel hierzu folgt), Pick and Roll, Pick and Pop und Dribble Hand Offs vieler Teams verstärkt. Der vergrößerte Spielraum eröffnet Teams mit guten Dreierschützen und Big Men (Position 4 und 5) gute Angriffsmöglichkeiten. Die Big Men sind heutzutage viel athletischer und technisch besser ausgebildet. Moderne Power Forwards und Center können sowohl bei Spielzügen mit dem Rücken zum Korb stehend als auch mit Penetration zum Korb aus dem Pick and Pop agieren.

Ein gutes Beispiel für die neu gewonnenen Möglichkeiten durch die Verschiebung der 3-Punkte-Linie sind die Brose Baskets Bamberg, die durch ihre Spielweise sehr davon profitieren. Die Analyse der Bamberger-Spielphilosophie zeigt, dass das Team von Trainer Chris Flemming innerhalb kürzester Zeit aus verschiedenen Winkeln sehr viele Picks und Screens setzt. Dadurch wird die Defense gezwungen, sich ständig anzupassen. Hierzu folgt ein gesonderter Artikel, in dem wir das genauer darstellen werden.

 

Fazit

Im modernen Basketball und auf hohem Niveau sind organisierte Systeme kaum wegzudenken. Trotz allem ist es aber wichtig, junge Basketballer zuerst in den Basics auszubilden, bevor man mit Systemen anfängt! Passen, Dribbeln und Werfen sind die wichtigsten Bausteine eines jeden Systems. Ohne diese elementaren Basics sind moderne Systeme nutzlos. Systeme der Taktik machen nach Meinung von Boddan Suciu erst ab der U16 Sinn, dann aber auch nur in Verbindung mit den Basics, ganz nach dem Motto von Dean Smith "Concentrate in the Process rather than the result". Bogdan Suciu sagt dazu: „Erst wenn man die Basics täglich besser macht, macht es meiner Meinung nach Sinn, in die große Welt der Systeme einzusteigen.“

  

Ramy Azrak

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