Fußballtraining

Handlungsschnelligkeit im Fußball

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Alles über die Wichtigkeit und das Training der Handlungsschnelligkeit im Fußball

Situationen zügig erkennen und die richtigen Schlüsse ziehen: Antizipationsfähigkeit, Entscheidungsfähigkeit und Kreativität sind grundlegende Eigenschaften für Erfolg. Wie aber bildet man Spieler darin aus und um was genau geht es, wenn man von Handlungsschnelligkeit im Fußball spricht?

Theoretische Grundlagen

Christoph Daum, Fußballlehrer und u. a. ehemaliger Trainer von Bayer 04 Leverkusen definierte den Begriff der fußballspezifischen Handlungsschnelligkeit auf dem Internationalen Trainerkongress 2005 in Düsseldorf wie folgt:

Als Handlungsschnelligkeit im Fußball bezeichnen wir die Fähigkeit, auf Grund von visuellen, gedanklichen, technisch-taktischen und konditionellen Möglichkeiten situationsspezifisch möglichst schnell zu handeln“.

Der Begriff der Handlungsschnelligkeit beschreibt demnach die komplexen Schnelligkeitsanforderungen kognitiver und motorischer Art, setzt sich dementsprechend zusammen aus der Reaktionsschnelligkeit sowie der Bewegungsschnelligkeit. Gekennzeichnet ist diese Schnelligkeit durch ihren Ablauf in drei Phasen:

1. Reaktionsphase

2. Beschleunigungsphase

3. Schnelligkeitsphase

 

Betrachten wir nun das Fußballspiel unter dem Gesichtspunkt der Reaktionsleistung, so finden wir hier enorme Anforderungen an die Spieler von heute vor. Dadurch, dass es sich bei Fußball um einen Mannschaftssport handelt, spielt sich jede Situation im Zusammenspiel von diversen Einflussfaktoren ab. Mitspieler, Gegner und Ball sind hierbei ebenso zentral wie der Raum, in dem sich die Spielszene gerade ereignet oder welche Bedingungen im Moment vorherrschen (Wetter, Zuschauer, etc.). Zudem ist die Spielgeschwindigkeit in den letzten Jahren um ein Vielfaches gestiegen, zeitlicher Druck und Gegnerdruck auf engstem Raum erschweren etliche Situationen (als Beispiel seien hier Strafraum- und Torabschlussaktionen genannt). Ein Spieler muss also in Abhängigkeit von etlichen, situativ variierenden Determinanten richtig reagieren. Nicht genug, dass er richtig reagieren muss, dies muss auch noch so schnell und präzise wie möglich geschehen. Wie setzt sich nun solch eine Reaktion in einer komplexen Spielsituation zusammen? Der Spieler muss nacheinander

1. wahrnehmen,

2. antizipieren,

3. entscheiden und

4. agieren.

Diese vier komplexen Vorgänge müssen in Bruchteilen von Sekunden ablaufen. Reagiert der Spieler in einer Situation also schnell, präzise und richtig, leitet er eine Handlung, eine Aktion ein. Hier kommt nun die Bewegungsschnelligkeit ins Spiel. Allgemein lässt sich diese in die zyklische und die azyklische Bewegungsschnelligkeit untergliedern. Von zyklischer Bewegungsschnelligkeit spricht man, wenn es sich um die schnelle Ausführung gleicher, hintereinander folgender Bewegungen von einzelnen Körperteilen oder des gesamten Körpers handelt. Unter diese Kategorie fällt beispielweise der Sprint. Ist hingegen von Einzelbewegungen von Körperteilen oder des gesamten Körpers und deren schnellstmöglicher Ausführung die Rede, so fällt dies in den Bereich der azyklischen Bewegungsschnelligkeit. Fußballspezifische Beispiele sind hierbei der Torschuss, der Sprung zum Kopfball, der Kopfball an sich, etc.

Neben der Bewegungsschnelligkeit spielt auch ein Aspekt eine wesentliche und selektierende (im Hinblick auf die Klasse verschiedener Spieler) Rolle, der meist außenvor bleibt, aber gerade beim Lösen von neuen Spielsituationen überaus wichtig ist: die Kreativität. Je kreativer ein Spieler ist, desto besser und einzigartiger löst er Probleme oder Situationen. Blickt man auf Weltklasseleute wie Messi und Andres Iniesta vom FC Barcelona, so heben sie sich genau hier von der Masse ab. Sie handeln schnellstmöglich, präzise und einzigartig. Das macht das Spiel der Katalanen unberechenbar und genau deshalb werden sie von der kompletten Fußballwelt bewundert und als momentanes Idealbild dargestellt.

 

Umsetzung im Trainingsalltag

Wie schon gehört ist die fußballspezifische Handlungsschnelligkeit ein sehr komplexes Feld. Dieses Feld kann auch nur komplex trainiert werden, ein Kochrezept bzw. eine einzelne Übung zum Perfektionieren der betreffenden Komponenten gibt es nicht. Das Training soll auf den Wettkampf, das Spiel, mit all seinen Anforderungen vorbereiten, also muss das Training den Wettkampf so gut wie möglich simulieren. Wird das erreicht, so kann man sich sicher sein, dass auch die fußballspezifische Handlungsschnelligkeit deutlich verbessert wird. 

  

Spielformen

Ein Training, das die Handlungsschnelligkeit der Spieler fordern und fördern soll, kann nicht aus Übungsformen, deren Ablauf und Lösung der Trainer vorgibt, aufgebaut sein. Solche Übungsformen, wie es zum Beispiel gewisse Passfolgen etc. sind, sind ohne Frage wichtig, um Grundtechniken und -abläufe zu trainieren. Geht es jedoch um schnelles Entscheiden, um Antizipieren von Spielsituationen und um adäquates Handeln, bringen diese festen Übungen keinen Ertrag. Hier kommt den Spielformen eine entscheidende Bedeutung zu. Spielformen setzen sich stets aus zwei konkurrierenden Teams zusammen, die ein Ziel verfolgen. Es entstehen unendlich viele verschiedene Spielsituationen, neue Raumaufteilungen, Zweikampf- und Überzahl-Unterzahl-Situationen. Jeder Spieler findet unterschiedliche Situationen vor, die es für ihn und für das Team zu lösen gilt. Genauso passiert dies auch im Wettkampfspiel. Ein ständiges „Entscheiden-Müssen“, ein ständiges „Sich- Einstellen“ auf die neuen Gegebenheiten. Genau das ist es, was das Training bieten muss. Und das bringt die Spielform von sich aus schon mit.

 

Provokationsregeln

Um in den Spielformen Schwerpunkte setzen zu können, ist zuallererst einmal die Art der Spielform wichtig. Geht es zum Beispiel um das reine Ballhalten, spielt man am besten ohne Tore. Ziel ist es hierbei, den Ball solange wie möglich in den eigenen Reihen laufen zu lassen. Ist das Angriffsspiel von Bedeutung, macht es weniger Sinn ohne Tore zu spielen, sie sollen eben gerade das Ziel darstellen. Habe ich mich als Trainer für die Art der Spielform entschieden, kann ich noch an anderen Schrauben drehen. Spielfeldgröße und Spieleranzahl sind zwei wichtige Punkte, mit deren Hilfe ich meine Schwerpunkte unterstreichen und weiter herausarbeiten kann. Zu guter Letzt besteht die Möglichkeit, Provokationsregeln einzuführen, an die sich die Spieler in der Spielform halten müssen. So kann man die Ballkontaktzahl pro Spieler begrenzen bzw. variieren, Tabuzonen einrichten oder eine zeitliche Angabe für Angriffe vorgeben.

 

Variable Anforderungen und Ziele

Im modernen Fußball hört man immer häufiger, von welch zentraler Bedeutung das Umschalten ist. Gemeint ist hier meist das Umschalten von Offensive auf Defensive und umgekehrt. Dieser Prozess beginnt jedoch im Kopf eines jeden Spielers, „schaltet“ er situativ schneller als der Gegner, haben er und sein Team einen Vorteil. Und dieser Vorgang im Kopf des Spielers muss ebenfalls trainiert werden, ein Spieler muss sich schnellstmöglich auf neue Anforderungen und Situationen einstellen. Möglich ist das ebenfalls durch Spielformen, diesmal gibt man als Trainer aber variable Anforderungen und Ziele vor. So kann mitten im Spiel eine Richtungsänderung stattfinden, zusätzliche Tore werden zum Ziel des Spiels gemacht oder Tabuzonen werden auf Trainerkommando gewechselt.

 

Überzahl-Unterzahl-Spiele

Sieht man sich ein Fußballspiel genauer an, so beginnen zwar beide Teams in Gleichzahl elf gegen elf, in nahezu allen Spielsituationen (betrachtet man sie isoliert) findet man hingegen Überzahl-Unterzahl- Situationen vor. Im Wettkampf ist dies also der Regelfall, egal ob in Ballbesitz oder gegen den Ball. Um diese Situationen im Spiel besser und schneller lösen zu können, muss auch dieser Aspekt im Training behandelt werden. Hierfür kann man jegliche Spielformen modifizieren, beispielsweise kann man ein Team von Beginn an in Überzahl antreten lassen. Eine Methode, um stets die ballbesitzende Mannschaft in Überzahlsituationen zu bringen, ist es, einen neutralen Spieler zu installieren, der immer zum Team in Ballbesitz gehört, also mit dem Ball „wechselt“. Wahlweise und je nach Schwerpunkt und Können der Spieler kann man auch zwei oder drei neutrale Spieler einbauen.

 

Variable Auslösesignale

Viele Spielformen, gerade diese mit variablen Anforderungen und Zielen, hängen von den Kommandos des Trainers ab. So ändert er die Spielrichtung oder das Tor, auf das gespielt wird, per Zuruf. Diese akustischen Signale sind aber nicht wirklich spielnah. Spieler nehmen auslösende Signale in Spielsituationen nahezu immer optisch wahr. So wäre es also sinnvoll, die akustischen Signale im Training immer wieder durch optische zu ersetzen. Ein Beispiel wäre das Hochhalten einer Farbe, die ein neues Zieltor, das in der gleichen Farbe markiert ist, signalisiert. So lernen die Spieler, Auslösereize schneller und besser wahrzunehmen, egal in welcher Art sie auftreten. Der Spieler trainiert sprichwörtlich mit allen Sinnen.

 

Ein Potpourri an Möglichkeiten

Als Trainer hat man durchaus etliche Möglichkeiten, das Training „spielnäher“ zu machen und die Spieler dadurch gezielt an die Anforderungen des Wettkampfs heranzuführen. Provokationsregeln, Spielfeldgröße, Spieleranzahl, variierende Anforderungen, alles das sind Stellschrauben, an denen ein Trainer drehen kann. Ein guter Trainer stellt sie so, dass seine Schwerpunkte gezielt trainiert werden und in jeder seiner Einheiten seine Philosophie zu erkennen ist. Vermittelt er eine sinnige und in sich geschlossene Idee und verbindet diese mit wettkampfnahem Training, wird dies ein Gewinn für jeden Spieler.

(z.B. auch: Für schnelle Beine: Einbeinige Lateralsprünge)

  

Fazit

Die Anforderungen im Fußball sind wesentlich komplexer als es das einfache Trainieren der Einzelbestandteile erfordert. Allein ein Sprint über 20–30 Meter ohne Gegner ist im Fußball eine seltene Situation. Das herbeiführen von Trainingssituationen, die denen im Spiel ähneln kann im Rahmen des Konditionstrainings im allgemeinen und im Schnelligkeitstraining im Speziellen von Vorteil sein. Anstelle eines linearen Sprints emfpiehlt es sich beispielsweise, dass der Trainer einen Ball spielt und zwei Spieler hierauf reagieren und um den Ball sprinten müssen. So wird sowohl die Schnelligkeitsleistung, als auch das Reaktionsvermögen spezifisch getestet, so dass durch die Spielnähe koordinative und konditionelle Aspekte geschult werden können.

 

Benjamin Götz

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