Basketball

Experteninterview: Antizipation im Basketball

Beim Basketball kann eine Aktion des Gegners, die aus aktueller Position, Körperhaltung und Bewegungsablauf resultiert, zu einer vorweggenommenen Handlung führen. Diese Reaktion als künftige Handlung wird durch die gegenwärtigen Sinneseindrücke im Abgleich mit bestehenden Erfahrungen beeinflusst.

Nationalspieler Dominik Bahiense de Mello im Interview über die Bedeutung von Antizipation im Basketball.

Der Begriff Antizipation leitet sich aus dem Lateinischen (anticipare, dt. Vorwegnehmen) ab. In der Sportwissenschaft versteht man unter Antizipation die „vorstellungsmäßige Vorwegnahme einer Handlung“.(1) (Basketball: Wahrnehmung und Spielerfahrung für eine bessere Antizipation) Über eine besonders gute Antizipationsfähigkeit verfügt der dreimalige Nationalspieler Dominik Bahiense de Mello, der aktuell beim Bundesligisten EWE Baskets Oldenburg unter Vertrag steht. Im Interview erklärt Dominik, worauf er beim Verteidigen seines Gegenspielers achtet und motiviert euch, jede Trainingseinheit zu nutzen, um eure Antizipationsfähigkeit zu verbessern.

 

trainingsworld: Dominik, wieso sollte ein Basketballer über eine gute Antizipationsfähigkeit verfügen?

Dominik Bahiense de Mello: Die Antizipationsfähigkeit ist ein zentrales Merkmal eines erfolgreichen Basketballspielers. Die Fähigkeit, Spielsituationen antizipieren zu können, verschafft einem sowohl in der Offensive als auch in der Defensive entscheidende Vorteile. Das bloße Vorhersehen von bestimmten Situationen alleine schafft jedoch noch keinen Vorteil. Erst die Kombination aus der individuellen Fähigkeit, aus diesem Wissen taktische Schlüsse zu ziehen und diese technisch anzuwenden, führt zum Erfolg.

 

trainingsworld: Wie ist Deiner Meinung nach die Gewichtung von Genetik (bzw. Talent), Training und Spielpraxis in Bezug auf die Verbesserung der Antizipationsfähigkeiten im Basketball?

Dominik Bahiense de Mello: Eine gewisse Grundantizipationsfähigkeit sollte ein Basketballer in jedem Falle mitbringen. Grundsätzlich lässt sich eine positive Korrelation von Spielverständnis und Antizipationsfähigkeit beobachten. Durch intensives Training und die nötige Spielpraxis kann das „Lesen“ von häufig auftretenden Spielsituationen zwar gefördert, verbessert und bestimmte Gegenmaßnahmen automatisiert werden. Die wirkliche Klasse eines Topspielers zeigt sich allerdings im Talent, diese individuellen Vorteile im Spiel für sich nutzen zu können. Das Analysieren und Trainieren dieser Inhalte sowie das ständige Anwenden im Spiel unterstützen den Erfahrungsaufbau und bilden eine ideale Basis für eine Verbesserung der Antizipationsfähigkeit.

  

trainingsworld: Was versuchst du beim Verteidigen deines Gegenspielers vorauszusehen und wie machst du das?

Dominik Bahiense de Mello: Um Handlungen meines Gegners gezielt antizipieren zu können, muss ich mich mit seinen Stärken und Schwächen vertraut machen. Oftmals hilft es nicht, nur die Athletik oder die Wurfhand des Gegners zu kennen. Vielmehr muss ich die individuellen Fähigkeiten, Vorlieben und Wurfpositionen meines Gegenspielers analysieren und dieses Wissen in meine Verteidigungsarbeit einfließen lassen. Viele Verteidigungsaktionen geschehen intuitiv und beruhen auf Erfahrungswerten. Trotzdem ist ein fundierter Kenntnisstand über meinen Gegenspieler wichtig, um mir die Verteidigungsarbeit zu erleichtern. Athletische und technische Schwächen können durch eine gute Antizipationsfähigkeit teilweise kompensiert werden.

 

trainingsworld: Zum Ende eines Spiels nimmt häufig die Konzentration ab. Welchen Zusammenhang erkennst du aus deiner persönlichen Erfahrung zwischen physischer Müdigkeit und Antizipationsfähigkeit?

Dominik Bahiense de Mello: Da mit zunehmender Müdigkeit auch die Konzentrationsfähigkeit schwindet, wirkt sich das zwangsläufig auch auf die Antizipationsfähigkeit aus. Wichtiger ist jedoch die Tatsache, dass sich selbst in einer erfolgreich antizipierten Spielsituation die Müdigkeit verstärkt negativ auf die technische Umsetzung der Gegenmaßnahme auswirkt.

 

trainingsworld: Du spielst nunmehr im 7. Jahr in der 1. Bundesliga. Kannst du dir heute im Vergleich zu deiner ersten Saison ein paar Laufwege - aufgrund deiner gewonnenen Erfahrungen - ersparen?

Dominik Bahiense de Mello: Dadurch, dass sich bestimmte Spielsituationen häufig wiederholen, kann ich bestimmte Bewegungsabläufe gezielt trainieren und Aktionen automatisieren. Erfahrungswerte aus vergangenen Spielsituationen helfen mir, mich taktisch besser zu positionieren und bestimmte Laufwege zu verkürzen. Ganz ohne Laufen geht es dann jedoch nicht.

 

trainingsworld: Kannst du unseren Lesern abschließend ein paar Tipps nennen, wie man Antizipation spielnah trainieren kann?

Dominik Bahiense de Mello: Um eine Verbesserung der Antizipationsfähigkeit zu erzielen, ist es ratsam, sich neben den persönlichen Erfahrungswerten aus Spielsituationen auch im Training mit diesem Thema zu beschäftigen. Allgemein sollte die Videoanalyse der eigenen Entscheidungen, des Verhaltens des Gegenspielers und anderen Abläufen dafür genutzt werden, seine eigenen taktischen und technischen Fähigkeiten im Individual- und Mannschaftstraining zu verbessern und das Gelernte im Spiel umzusetzen.

Man kann beispielsweise im 1-gegen-1 immer wieder testen, wie der Gegenspieler auf bestimmte Aktionen reagiert. Folglich sollte man dann trainieren, ihn in der Offensive mit unterschiedlichen Bewegungen auszuspielen oder in der Defensive durch besseres Positionieren erfolgreich von guten Wurfpositionen fernzuhalten. Auch im 5-gegen-5 kann man aus Spielsituationen taktische Schlüsse ziehen und diese zum eigenen Vorteil nutzen.

Nachhaltige Erfahrungswerte, die sich förderlich auf die persönliche Antizipationsfähigkeit auswirken, entstehen schlussendlich durch prägende Erfahrungen aus Trainings- und Spielsituationen des Basketballs. Aus diesem Grund ist es wichtig, in jeder Trainingseinheit verschiedene Situationen zu reflektieren und gezielt zu trainieren.

trainingsworld: Ich bedanke mich für das nette Gespräch!

 

Ramy Azrak

  

Literatur:

1. Sportwissenschaftliches Lexikon, Verlag Hofmann Schorndorf

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