Judotraining

Wie lerne ich eine Technik im Judo?

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Athlet der Sportfördergruppe beim Technischen Ergänzungstraining im Bundesleistungszentrum in Köln

Wie wird ein in Artikel 1 vorgestellter Handlungskomplex im Trainingsalltag erarbeitet? Auf was muss ein Trainer bezüglich Aufbau und Reihenfolge sinnvollerweise beachten? Im folgenden Artikel finden Sie konkrete Antworten.

Lesen Sie hier den 1. Teil des Artikels: Das Technikrepertoire eines Judoka

Leo Held hat sich in den 90er Jahren eingehend mit Techniktraining beschäftigt, das Techniktraining im Judo systematisiert und ein Stufenmodell entworfen. Nach dem Studium allgemeiner trainingswissenschaftlicher Literatur zu diesem Thema kam er zum Schluss, dass im Judo eine Technik stufenweise erlernt werden sollte. Er hat das Techniktraining im Judo systematisiert und ein Stufenmodell entworfen, das sich bis heute im Traineralltag im deutschsprachigen Raum durchgesetzt hat. Natürlich kommen immer wieder neue Sichtweisen und Ergänzungen hinzu, welche das Stufenmodell jedoch nicht komplett verändern, sondern eher verdeutlichen, erweitern oder vervollständigen.

 

Welchen Stellenwert hat die Technik in unserer Sportart?

Erste allgemeine Definitionen des Begriffs treten bereits 1960 auf und werden immer wieder ergänzt und neu formuliert. Ob auf biomechanischen oder sportwissenschaftlichen Erklärungs- und Definitionsversuchen basierend, unumstritten ist, dass im Judo die Technik ein wichtiger Baustein bildet. Bei Heinisch (8) nimmt die Technik sogar eine zentrale Stellung ein. Andere sprechen von einem „leistungslimitierenden Faktor“ (6) oder sehen die Technik als „Mittel zum Zweck“ (10) an. Harre/Krug sprechen (11) von „einem durch psychophysischen Voraussetzungen des Menschen realisierbaren charakteristischen Lösungsverfahren“ und damit kommt auch die Individualität eines Sportlers in einer Definition zum Tragen.

Die Technik steht auf zwei Pfeilern, den koordinativen Fähigkeiten und den Bewegungsfertigkeiten (7). Natürlich hängen die beiden Bereiche zusammen. Held spricht 1995 von einem „Abhängigkeitsverhältnis“ beider Bereiche und Neumaier ist 1999 der Meinung, dass sich die Fähigkeiten und Fertigkeiten durch einen „gemeinsamen Aufschaukelungsprozess“ verbessern.

Fakt ist, dass die verschiedenen koordinativen Fähigkeiten wie z. B. die Gleichgewichtsfähigkeit oder die Rhythmisierungsfähigkeit sich nicht entwickeln können, ohne dass man sich bewegt. Es sind hierzu also gewisse Bewegungsfertigkeiten notwendig. Im Gegenzug sind jedoch bestimmte Bewegungsfertigkeiten wie zum Beispiel auf einem Bein stehen, ohne gewisse koordinative Fähigkeiten gar nicht möglich.

 

Fazit fürs Techniktraining im Judo

Welche Schlüsse können wir nun aus diesen Definitionen und trainingswissenschaftlichen Erklärungen ziehen? Die Basis für eine erfolgreiche Sportlerlaufbahn ist eine frühe abwechslungsreiche Ausbildung koordinativer Fähigkeiten, so dass die sportartspezifischen Bewegungsfertigkeiten, also die Judotechniken, schneller und ökonomischer erlernt werden können. Zur Grundausbildung im Judo gehört eine breite Palette verschiedener Techniken im Stand, Boden und im Stand-Bodenübergang. Die Qualität der Ausführung ist von großer Wichtigkeit. Die koordinativen Anforderungen einer bestimmten Technik sollten im Techniktraining berücksichtigt werden. Das Vorschalten von geeigneten und spezifischen Vorübungen ist sinnvoll. Kann ein Kind zum Beispiel nicht stabil auf einem Bein stehen und verfügt somit nicht über die geforderte Kraft und Gleichgewichtsfähigkeit für eine bestimmte Technik (zum Beispiel Uchi-mata), dann macht es Sinn, erst diese Voraussetzungen zu schaffen.

 

Stufenmodell nach Held (1)

1960 hat Meinel in Bezug auf Techniktraining von Grob- und Feinformen gesprochen. In einem ersten Schritt wird eine Technik in ihrer Grobform angeeignet und ausgeprägt. Dann wird die Grobform herausgebildet und in einen letzten Schritt die Feinform einer Technik stabilisiert und variabel verfügbar gemacht. Die Definitionen und Begrifflichkeiten von Martin/Carl/Lehnertz besagen grundsätzlich nichts anderes, ihre Formulierungen sind jedoch etwas moderner und haben sich im Traineralltag durchgesetzt. Sie sprechen vom Technikerwerbstraining, welches in Bewegungslernen und Automatisation aufgeteilt wird, dem Technikanwendungstraining und dem Technischen Ergänzungstraining. Diese Begrifflichkeiten bilden die Basis für Helds Stufenmodell:

 

Stufe 1

In einem ersten Schritt werden einzelne Techniken, Bewegungen, worunter auch taktische Handlungen fallen, isoliert erlernt. Die optimale Situation für Technik ist vorgegeben, der Judoka, der die Technik lernt, reagiert also auf eine Situation. Der Trainingspartner verhält sich kooperativ.

 

Stufe 2

Auf Stufe 2 werden nach wie vor die Situationen vorgegeben. Der Partner reagiert jedoch nun auf gewisse Techniken mit einer passenden Verteidigung (Ausweichen oder Blocken), so dass der lernende Judoka nicht nur reagiert, sondern auch agiert. Er schafft optimale Situationen für gewisse Techniken, indem er mit einer taktischen Handlung oder mit einer vorbereitenden Technik den Partner zu einer Reaktion zwingt. Der Tori kann nun bereits die isoliert erlernten Techniken verknüpfen. Der Uke ist jedoch noch kooperativ.

Auf beiden Stufen ist eine präzise Ausführung von großer Wichtigkeit. Durch hohe Wiederholungszahlen sollen die einzelnen Bewegungen, jedoch auch die Verknüpfungen automatisiert werden.

 

Stufe 3

Zu diesem Zeitpunkt sind die Ausführungsbedingungen nicht mehr standardisiert und somit variabel. Der Partner arbeitet nicht mehr kooperativ mit, sondern gibt Widerstand und reagiert nicht mehr wie abgesprochen. Der Tori muss auf Situationen reagieren, die optimale Situation für eine Technik erkennen und erfühlen. Die einzelnen Techniken sollen auf diese Weise variabel verfügbar gemacht werden.

 

Stufe 4

Auf der letzten Stufe sollen die verschiedenen Techniken kombiniert und variiert werden. Der Tori erkennt optimale Situationen für eine Technik und kann darauf reagieren, gleichzeitig ist jedoch das Ziel dieser Stufe, dass er auch optimale Situationen erarbeiten kann und somit agiert. Trainiert wird auf dieser Stufe unter offenen Ausführungsbedingungen, die Situationen sind also nicht vorgegeben und der Partner reagiert frei.

 

Ausblick

In zwei weiteren Artikeln zum Thema Techniktraining wird das Stufenmodell von Held durch weitere Sichtweisen ergänzt, vertieft und mit praktischen Beispielen verdeutlicht. Gleichzeitig werden in den folgenden Monaten Handlungskomplexe von ehemaligen Athleten und erfolgreichen Trainern vorgestellt.

 

Karin Ritler Susebeek

 

Literatur

1. Held, L. (1995). Stufenmodell für einen systematischen Aufbau eines Handlungskomplexes im Rahmen der langfristigen technisch-taktischen Entwicklung eines Judoka. Diplomarbeit DSHS Köln (unveröff.)

2. Lippmann, R. u.a. (1999). Trainer-B-Skript Köln.

3. Lippmann, R./Ritler Susebeek, K (2006). Koordinationstraining im Judo, Sportverlag Strauss Köln.

4. Meinel, K. (1960). Bewegungslehre, Verlag Volk und Wissen Berlin.

5. Martin, D./Carl, K./Lehnertz, K. (1993). Handbuch der Trainingslehre, Schorndorf.

6. Grosser M./Neumaier, A. (1982). Techniktraining Theorie und Praxis aller Sportarten, München.

7. Grosser, M. (1991). Schnelligkeitstraining, München.

8. Heinisch, D.(2003). Artikel in Judo in Bewegung, Hrsg. Uwe Moosbach.

9. Neumaier, A. (1999). Koordinatives Anforderungsprofil und Koordinationstraining. Grundlagen – Analyse – Methodik. Sport und Buch Strauß GmbH Köln.

10. Letzelter, M. (1984). Trainingsgrundlagen, Rowohlt Taschenbuch Verlag Reinbek.

11. Schnabel, G./Harre, D./Krug, J. (2009). Trainingslehre – Trainingswissenschaft, Meyer & Meyer Taschenbuch.

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