Mastersport

Sportliche Leistung und Lebensalter am Beispiel Radsport

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„Nicht schlecht für einen alten Mann“, zog der 37-jährige Lance Armstrong nach den ersten beiden Trainingseinheiten in Adelaide eine kleine Bilanz seines Vorbereitungsprogramms (Saarbrücker Zeitung, 13.01.2009). Der mehrfache Tour-de-France-Sieger beendete bei seinem Comeback die Rundfahrt in Australien auf dem 29. Platz

Er zeigte sich nach dreieinhalbjähriger Pause zufrieden: „Ich bin in der Lage, immer noch auf höchstem Level zu fahren“ (Salzburger Nachrichten, 25.01.2009). Bei diesem Fazit überrascht das Alter des Texaners weit weniger als die lange Trainingspause.

 

Ausdauer und Lebensalter

In Langzeitausdauerdisziplinen liegt das Höchstleistungsalter recht hoch. Untersuchungen an Läufern zeigen, dass das Alter, in dem die maximale Leistung erbracht werden kann, mit der Distanz ansteigt. So liegt bei deutschen Leichtathleten das Höchstleistungsalter über 100 Meter im Mittel bei 24 Jahren und steigt bis auf 30 Jahre beim Marathonlauf. Bei Frauen entwickelt sich dies vergleichbar, von 22 Jahren über die 100 Meter auf ebenfalls 30 Jahre beim Marathon (Hegner, 2006). Der Franzose Gilbert Duclos-Lassalle ging sogar auf die 40 Jahre zu, als er 1993 zum zweiten Mal hintereinander die „Schlacht auf dem Kopfsteinpflaster“ beim Klassikerrennen Paris–Roubaix gewann. Neben einer sehr guten Leistungsfähigkeit ist ihm hierbei sicherlich seine langjährige Erfahrung als Radprofi zu Gute gekommen. Im Radsport liegt das Höchstleistungsalter recht hoch, ungefähr zwischen dem 28. und dem 38. Lebensjahr. Es ist ein langjähriger Trainingsaufbau notwendig, um an die Spitze zu gelangen. Talentierte Quereinsteiger im U23-Bereich haben deshalb noch das Potenzial, den Status eines speziell geförderten Kaderfahrers im Bund Deutscher Radfahrer zu erreichen (BDR, 2002). Es kann festgehalten werden, dass bei Langzeitausdauerdisziplinen das Alter zunächst für den Sportler spielt – entsprechendes Training vorausgesetzt.

 

Kraft und Lebensalter

Während in Langzeitausdauerdisziplinen das Höchstleistungsalter recht hoch liegt, stellt sich dies in anderen Sportarten durchaus gegenteilig dar. Besonders in Disziplinen, bei denen weniger das Herz-Kreislauf-System der physiologische Leistungsträger ist und vor allem die Skelettmuskulatur gefordert wird. So liegt das Höchstleistungsalter beim 100-Meter-Lauf – wie bereits aufgezeigt – durchschnittlich bei 24 Jahren. Dass die erreichbare Bestzeit in den folgenden Lebensjahren in der Regel zurückgeht, kann auf die Leistungsfähigkeit der Muskulatur zurückgeführt werden. Bereits nach dem zweiten Lebensjahrzehnt kann es zu einer schrittweisen Abnahme der Muskelkraft und -masse kommen (vgl. u.a. Lexell et al., 1983; Hughes und Schiaffino, 1999; Frontera et al., 2000, Andersen et al., 2001). Bei Radsportlern wirkt sich dies besonders negativ auf die Leistungen bei kraftvollen und rennentscheidenden Situationen aus, wie Sprints und Attacken (Wagner et al., 2010). Eine Abnahme der Muskelmasse reduziert ebenfalls den Grundumsatz an Kalorien und begünstig dadurch die Zunahme von Körperfett, was die Leistung im Radsport zusätzlich negativ beeinflussen kann. Um einem Rückgang der Leistungsfähigkeit entgegenzuwirken, gewinnt das Krafttraining daher mit steigendem Alter an Bedeutung. Im Radsport kann die deutliche Empfehlung ausgesprochen werden, dass vor allem ältere Sportler das Maximalkrafttraining stärker in den Trainingsprozess einbeziehen sollten (Müller et al., 1994; Wagner et al., 2010).

 

Trainierte vs. Untrainierte

Der biologische Alterungsprozess muss wie die Trainierbarkeit als genetisch bestimmt angesehen werden (vgl. u.a. Frederiksen und Christensen, 2003). Bei untrainierten Erwachsenen ist der Rückgang der Maximalkraft jedoch wesentlich größer als bei trainierten. Ursache dafür ist im höheren Erwachsenenalter hauptsächlich das Fehlen von intensiven Kraftbeanspruchungen (vgl. u.a. Jeschke und Zeilbeger, 2004). Obwohl Ausdauertraining positive Effekte auf das Herz-Kreislauf-System hat, schützt es nicht vor einem Schwund an Muskelmasse im Altersgang. Dieser Aspekt unterstreicht, warum ein Radsportler nur mit Radfahren allein einem altersbedingten Rückgang an Muskelkraft nicht effektiv entgegen wirken kann. Die Reize beim Radfahren auf die Muskulatur sind nicht hoch genug, um Anpassungen im Sinne eines Krafttrainings zu provozieren (Wagner et al., 2010).

 

Fazit

Je weniger bei einer Disziplin das Herz-Kreislauf-System gefordert ist und der Leistungsträger vor allem die Skelettmuskulatur ist, desto niedriger ist in der Regel das Höchstleistungsalter. So liegt bei deutschen Leichtathleten das Höchstleistungsalter über 100-Metter im Mittel bei 24 Jahren und steigt bis auf 30 Jahre beim Marathonlauf. Radsportler merken einen altersbedingten Rückgang der Muskelkraft zunehmend durch eine verminderte Leistungsfähigkeit bei kraftvollen Sprints und Attacken. Um einem Rückgang der Leistungsfähigkeit entgegenzuwirken, gewinnt das Krafttraining daher mit steigendem Alter an Bedeutung. Gerade ältere Sportler sollten das Maximalkrafttraining stärker in den Trainingsprozess einbeziehen. Auch abseits sportlicher Ambitionen trägt ein Krafttraining wesentlich zum Steigern der Leitungsfähigkeit und Lebensqualität im Alter bei – besonders dann, wenn das Fahrrad am Ende einer sportlichen Laufbahn an den Nagel gehängt wird (Wagner et al., 2010).

 

Andreas Wagner M.A.

 

Quellenangaben:

1. Andersen, J. L., Schjerling, P. & Saltin, B. (2001). Muskeln, Gene und Leistungssport. Spektrum der Wissenschaft, März 2001, 70-75.

2. BDR (2002). Nachwuchsprogramm (Überarbeitete Fassung 2002), Bund Deutscher Radfahrer e. V.

3. Frederiksen, H. & Christensen, K. (2003). The influence of genetic factors on physical functioning and exercise in second half of life. Scandinavican Journal of Medicine And Science In Sports, 13, 9-18.

4. Frontera, W. R., Hughes, V. A., Fielding, R. A., Fiatarone-Singh, M. A., Evans, W. J. & Roubenoff, R. (2000). Aging of skeletal muscle: a 12-yr longitudinal study. Journal of Applied Physiology, 88, 1321-1326.

5. Hegner, P. (2006). Sportliche Leistung und Lebensalter. Leistungssport, 36 (1), 34-40.

6. Hughes, S. M. & Schiffiano, S. (1999). Control of muscle fibre size: a crucial factor in ageing, Acta Physilogica Scandinavica, 167, 307-312.

7. Jeschke, D. & Zeilberger, K. H. (2004). Altern und körperliche Aktivität. Deutsches Ärzteblatt, 101 (12), A789-A798.

8. Lexell, J., Henriksson-Larsen, K., Winbald, B. & Sjöström, M. (1983). Distribution of different fiber types in human skeletal muscles: Effect of aging studied in whole muscle cross sections. Muscle and Nerve, 6, 588-595.

9. Müller, P., Witt, M., Zinner, J. Krünägel, J. U. (1994). Untersuchungen zur Belastungswirkung allgemeiner und spezieller Krafttrainingsmittel im Radsprint. Forschungsbericht. Leipzig: Institut für Angewandte Trainingswissenschaft.

10. Wagner, A., Mühlenhoff, S., Sebastian & Sandig, D. (2010). Krafttraining im Radsport. Methoden und Übungen zur Leistungssteigerung und Prävention. Urban & Fischer bei Elsevier: München. www.krafttraining-im-radsport.de

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