Kinder/Krafttraining

Kinder sollten Kraft trainieren!

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Krafttraining schadet Kindern nicht - sie sollten sogar Kraft trainieren!

Dürfen Kinder Krafttraining machen? Schadet es ihrer Gesundheit oder sollten sie sogar Kraft trainieren? Und werden sie dadurch stark? Diese und andere Fragen beantwortet Dennis Sandig und räumt mit alten Vorurteilen auf.

Lange Zeit wurde über die Frage diskutiert, ob Kinder Kraft trainieren dürfen. Im Vordergrund stand immer die Angst, dass Krafttraining Kinder in ihrem Wachstum gefärden würde, da durch das Krafttraining die Wachstumsfugen beschädigt werden könnten. Außerdem wurde bezweifelt, dass Krafttraining überhaupt bei Kindern wirkt. Aufgrund der hormonellen Situation von Kindern vor der Pubertät ging man davon aus, dass die fehlenden Sexualhormone Krafttrainingsanpassungen verhindern würden. Während in Deutschland ein Umdenken erst langsam erfolgt, ist der aktuelle Forschungsstand schon um einiges Weiter.(1)

 

Keine Gefahr durch Krafttraining

Entgegen der oftmals geäußerten Ängste zeigen empirische Analysen, dass ein Krafttraining keineswegs eine Gefährdung der Knochen oder Wachstumsfugen darstellt.(1) Ganz im Gegenteil ist das Krafttraining eine Chance, gerade bei Kindern positiv auf die Haltung zu wirken. Auch die Gelenke werden durch eine starke Muskulatur geschont und bei Stürzen kann ein Muskelkorsett helfen, Verletzungen am Band- und Sehnenapparat sowie an der Muskulatur oder den Knochen zu vermeiden.

Betrachtet man die Prävention von Erkrankungen ist das Krafttraining für Kinder sogar empfehlenswert, denn viele Zivilisationskrankheiten sind bewegungsmangelinduziert und können durch ein Krafttraining in der Entstehung verhindert werden. So wirkt ein Krafttraining positiv bei Problemen im Kohlenhydratstoffwechsel und einem sich entwickelnden Typ 2-Diabetes, wie er aufgrund von zu kohlenhydratreicher und bewegungsarmer Lebensweise entstehen kann.

Bezogen auf die Verletzungshäufigkeit liegt Krafttraining bei Kindern relativiert an 100 Übungsstunden weit abgeschlagen auf den hinteren Rängen, während Fußball, Basketball und Kampfsportarten die vorderen Plätze belegen. Verletzungen, die im Krafttraining bei Kindern beobachtet werden, beziehen sich in der Mehrzahl auf das „Stoßen“ an nicht weggeräumten Hanteln oder an anderen Gerätschaften.(1) Bei jedem Sprung sind Kinder größeren Belastungen ausgesetzt als beim Training mit Gewichten. Niemand käme dabei auf die Idee, Kindern das Rennen oder Springen zu verbieten.

 

Werden Kinder stark?

Anpassungen an ein Krafttraining laufen nicht allein auf muskulärer Ebene ab, so dass Effekte durchaus auch bei Kindern ohne nennenswerte Produktion von Sexualhormonen zu erwarten sind. Anpassungen auf neuronaler Ebene, wie die inter- und intramuskuläre Koordination, die Rekrutierung oder die Frequenzierung führen zu einer Kraftsteigerung bereits im Kindesalter. Allerdings müssen die Trainingsmethoden aus pädagogischen Gründen angepasst werden, um Kindern beim Training Spaß und Freude zu bieten. Hier bieten sich insbesondere Übungen zum Vorbereiten komplexer Freihantelübungen und ergänzende Übungen mit dem Medizinball, Kletterübungen oder Zugübungen an.

In einer Studie amerikanischer Sportwissenschaftler wurden sehr gute Ergebnisse bei untrainierten Jugendlichen erzielt, wenn höhere Wiederholungszahlen mit großen Lasten bewegt wurden und diese zu Beginn in Form eines Einsatztrainings durchgeführt wurden.(2) Sind jedoch Fortschritte erkennbar, empfiehlt es sich, auf Trainingsumfänge von 2-3 Sätzen umzusteigen.

 

Kinder mit Qualität an das Krafttraining heranführen

Martin Zawieja, ein ehemaliger Weltklassegewichtheber und Dozent der Trainerakademie des Deutschen Olympischen Sportbundes entwickelte ein umfassendes Programm mit dem Ziel, Kindern ein komplexes Krafttraining zukommen zu lassen. Bei seiner Idee werden wichtige technische Grundlagen gelegt und diese mit Koordinations- und Stabilisierungstraining kombiniert. So schaffte er es, jugendlichen Sportlern verschiedener Leistungsklassen aus den Ballsportarten Handball und Fußball das komplexe Langhanteltraining beizubringen. Bei seinem trainingspraktischen System werden entwicklungsbedingte Charakteristika ebenso berücksichtigt wie die technischen Grundlagen. Neben einer breiten koordinativen motorischen und athletischen Ausbildung darf dabei die altersgerechte Belastungsgestaltung nicht vernachlässigt werden.(3)

 

Warum Kinder mit Hanteln trainieren sollten

Aktuell gibt es verschiedene Hersteller der aus Fitnessstudios bekannten Maschinen, die ihr Portfolio auf Minimaschinen ausweiten, um die neue „Zielgruppe“ Kinder ansprechen zu können. Ähnlich wie bei Erwachsenen sind auch bei Kindern Maschinen jedoch eher das 2. Mittel der Wahl, wenn es um das optimale und funktionelle Trainieren des Muskelkorsetts geht. Bei Maschinen fällt auch bei spezialisierten Geräten das Einstellen auf die Körpermaße der Kinder schwer. Gerade in der Pubertät, wenn das Verhältnis von Oberkörperlänge und Extremitäten aus dem Ruder läuft, ist das Einstellen von Maschinen nur schwer möglich. 

Es bietet sich daher an, die Grundlagen des Hanteltrainings mit einem Besenstil zu erlernen. Später können Plastikhanteln, wie sie in so genannten „Body Pump“-Fitnesskursen verwenden werden, in das Training eingebaut werden. Letztendlich sind zudem Medizinbälle und klassische Materialien aus der Turnhalle wie Ringe, Reck oder Kletterstangen, Mittel der Wahl, um Kinder effektiv Kraft trainieren zu lassen. (Krafttraining für Kinder in der Schule: Ein Zirkeltraining für die Turnhalle)

 

Fazit

Die Frage, ob Kinder Kraft trainieren dürfen, darf nicht einfach mit „ja“ beantwortet werden. Vielmehr SOLLTEN Kinder Kraft trainieren und dies kann bereits im Sportunterricht beginnen. Viel zu oft müssen sich Kinder hier bei Sportarten wie dem Turnen über Fehlversuche die nötige Kraft für solche Übungen antrainieren. Gerade aus pädagogischen Gründen würde es jedoch Sinn machen, regelmäßig Grundlagen durch Krafttraining zu schulen, um Kinder dann bei den Zielübungen schneller Erfolge spüren zu lassen. Denn starke Kinder rennen schneller, springen höher und werfen weiter!

 

Dennis Sandig

Literatur

1. Leistungssport, 2009, Bd. 39 (2), S. 1–22.

2. Journal of Strength and Conditioning Research, 2001, Bd.15 (4), S. 459–465.

3. Zawieja, M. & Oltmanns, K. (2011). Kinder lernen Krafttraining. Münster: Philippka.

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