Klettern

Klettern: Supereffizienter Ganzkörpersport

Jürgen Reis, Sportkletterprofi und International startender Wettkampfkletterer für Österreich, erklärt verschiedene Formen des Freizeit- und Wettkampfkletterns, welche Voraussetzungen es braucht, warum es so effektiv trainiert und warum der Mensch überhaupt klettert.

Vertikales Treffen mit der eigenen Evolution

Gehen und Laufen sind motorisch wohl unbestritten die erste Natur des Menschen, doch danach kommt gleich das Klettern. „Klettern ist ebenso fest in unseren Genen verankert ("hardwired in the DNA"), wie laufen!“ meinte kürzlich US-Fitness-Experte Steve Maxwell. Wir blicken definitiv mit unserer fürs Klettern geradezu prädestinierten „Körperausstattung“ an natürlichen Greif- und Steigwerkzeugen der ureigensten Evolution als Primaten und geborene Klettertiere ins Angesicht.

Jürgen Reis mit zarten 9 Jahren: Der „Klettertrieb“, ist genau wie das Laufen, bei den meisten Kindern „natürlich verankert".

Einen Teil seines evolutionären Aufstieges verdankt der Mensch sicher wohl auch dieser Fähigkeit zum wortwörtlichen Aufwärtsstreben. Auf die Spitze oder den Gipfel emporklimmen sind positiv besetzte Metaphern und entfalten ihren praktischen Zweck im Gewinnen von Überblick, Draufsicht und Erfahrungen. Kleine Kinder befriedigen ihre Neugierde, ihren Forscher- und Bewegungsdrang, welche hier bezeichnenderweise fast noch eins sind, indem sie einem inneren Drang folgend sofort überall raufklettern müssen. Weitblickende Eltern lassen es – na klar, unter Einhaltung der Mindestsicherheit – zu.

Klettern heißt im Wesentlichen, den Körper unter geschicktem Einsatz von Armen, Beinen, Händen und Füßen hauptsächlich vertikal, also in die Höhe, zu bewegen, manchmal aus technischem Gründen auch travers oder wieder etwas runter. Wir sprechen hier vom sportlichen Klettern am Felsen und in der Halle mit charakteristischem, ausgefeiltem Bewegungsrepertoire und spezifischen sportmotorischen Anforderungen. Historisch nicht ganz abgrenzbar hat es sich in den 1960/70er Jahren in Europa und den USA aus dem Bergsteigen zu einer heute völlig eigenständigen Sportart mit eigenen Verbänden, Normen und Regeln entwickelt. Sportklettern unterscheidet sich vom traditionellen Bergsteigen vor allem durch eine Idee, ein Leitmotiv: Routen zu bewältigen ohne Zuhilfenahme technischer Hilfsmittel.

 

Wunderschöne Freizeitbeschäftigung vs. knallharter Hochleistungssport Klettern

Freizeitkletterer gehen diesem mit Erlebnispotential randvoll gepacktem Sport oft zum Selbstzweck, aus Gründen natur- und lebensnaher Selbsterfahrung bis hin zum gezielten pädagogischen Einsatz oder neuerdings auch zur Rehabilitation nach, um die Ganzkörperkoordination zu schulen. Der Sportkletterer strebt dazu noch nach reproduzierbarer, vergleichbarer und (von Verbänden oder Fachleuten) anerkannter Leistung.

Am Felsen misst sich der leistungsorientierte Sportkletterer an möglichst schwierigen Routen, die möglichst als Erster, möglichst, ohne die Route vorher gesehen zu haben, bewältigen will. Das höchste der Sportkletterer-Gefühle wäre eine Erstbegehung im obersten Schwierigkeitsgrad On-sight oder Flash, aber auch Wiederholungstouren und Bewältigungen schwieriger Routen, die man vorher sehr wohl studiert hat, sind begehrte Einträge in Klettererbiographien.

 

Wettkampf-Sportklettern – drei Disziplinen auf dem Sprung zu Olympia

Sportklettern setzen wir an dieser Stelle ausnahmsweise, um den Fokus systematisch weiter zu verengen, mit dem Wettkampf (fast immer) in der Halle gleich, denn nur hier gibt es organisierbare, im Schwierigkeitsgrad rasch anpass- und veränderbare, standardisierte, für alle gleiche, d.h. faire Bedingungen. Wir unterscheiden drei Arten: Lead- oder Schwierigkeitsklettern, Bouldern und Speedklettern.

 

Lead- oder Schwierigkeits-Wettkampfklettern: Konzentration in (fast) unbekanntem Terrain

Leadklettern wird von den Medien oft als „Königsdisziplin des Wettkampfkletterns“ bezeichnet

Beim Lead- oder Schwierigkeitsklettern müssen Routen von ca. 15 bis 25 m Höhe in zunehmender Schwierigkeit innerhalb eines – allerdings großzügigen – Zeitlimits bewältigt werden. Die Teilnehmer dürfen die Route vor Beginn des Wettkampfes einige Minuten von unten besichtigen. Dann aber heißt es ab in die Isolation für die, die nicht dran sind. Voneinander abspicken gibt’s nicht. Eine immer kleiner werdende Anzahl von Athleten rückt Runde um Runde vor, bis im Finale der besten Zwei der Sieger ermittelt wird. Der von unten gesicherte Kletterer führt das Sicherungsseil mit und hängt es am nächsthöheren Haken ein, deshalb heißt es eben auch Vorstiegs- oder Lead-Klettern.

 

Bouldern: Mehr als Kraftmeierei an schmalstem „Gesims“

Im letzten Jahrzehnt entwickelte sich „Bouldern“, auch abseits der Wettkämpfe, zu einer der beliebtesten Disziplinen des modernen Sportkletterns.

Bouldern ist die Maximalkraftdisziplin des Sportkletterns. Die Routen, Boulder oder Kletterprobleme sind sehr kurz, oft nur drei bis vier Meter hoch, aber dafür umso knackiger. Hier wird nicht mit dem Seil gesichert, Matten (Crashpads) reichen zum Auffangen von Stürzen aus. Die Würze liegt in der für Außenstehende nahezu unfassbar extremen Schwierigkeit durch sehr kleine Griffe und teilweise starke Überhänge. Bei Wettkämpfen siegt derjenige, der für mehrere vorgegebene Boulderprobleme am wenigsten Versuche benötigt, z. B. auch mit Zeitlimit.

 

Speedklettern: Sprint himmelwärts

Speedklettern ist die Sprintdisziplin des Sportkletterns und wird an zehn oder 15 m langen Norm-Routen auf Schnelligkeit durchgeführt. Dabei treten zwei von oben (durch Toprope) gesicherte Kletterer direkt im nervenaufreibenden K.o.-System gegeneinander an.

 

Was braucht der Kletter-Novize für seinen ersten Einstieg?

Wer mit dem Klettern beginnen will, sollte sich zunächst Experten mit entsprechender Erfahrung und Kompetenz wenden und dort einen Einsteiger-Kurs absolvieren: Alpenvereine, Kletterhallen, Sportunis u.dgl. sind erprobte Anlaufstellen. Sie stellen oft die Grundausrüstung leihweise zur Verfügung und vermitteln die technischen Grundlagen des Kletterns und Sicherns. Wer ernsthaft ins Bouldern einsteigen will, braucht natürlich Kletterschuhe, Magnesiumbeutel samt Inhalt, damit der Griff nicht aus den vor Aufregung und Anstrengung feuchten Fingern flutscht, coole Climbing-Wear nicht zu vergessen– und los geht’s. Fürs Lead-Klettern kommen noch die Sicherungsgeräte, Seil und Gurt dazu. Aber trotz allem Elan bitte mit Hirn! Klettern ist definitiv auch ein Denksport der ganzheitliche Aspekte und Fähigkeiten von den Athleten abverlangt. Kletterwände wollen ergründet, enträtselt, verstanden werden, erst dann geben sie den Weg nach oben frei.(Sportklettern – die abenteuerliche Art des Kraft- und Ausdauertrainings)

 

Schraubstockgriff und athletischer Leichtbau-Körper: Konditionierung für Sportkletterer

Jürgen Reis ist österreichischer Sport-Kletterprofi.*

Tolles Equipment ist wichtig! Seinen Nutzen entfaltet es aber erst mit hervorragender körperlicher Konditionierung. Wer höher hinaus will, wird sehr schnell merken, dass ohne systematisches Vorgehen die individuellen Leistungsgrenzen – manchmal frustrierend - schnell erreicht sind: Wie erreicht man den nächsthöheren Griff, den nächsthöheren Level, den höheren Schwierigkeitsgrad? Wie trainiert man den Körper DURCH und FÜR das Klettern richtig? Was gilt es alles zu beachten in der komplexen Ganzkörper(kraft)sportart Klettern? Mit diesem zum Thema passenden „Cliffhanger“ setzen wir den ersten Haken in die Wand. Wir steigen vor, Sie hängen Ihr Sicherungsseil ein und folgen uns auf www.trainingsworld.com. Nächster Halt: trainingsmethodische Fragen zur Konditionierung des perfekten Kletterkörpers!

  

Jürgen Reis mit Nikolai Janatsch

Co-Autor Nikolai Janatsch studierte Sportwissenschaften und ist staatlich geprüfter Fitness-Trainer und Turn-Lehrwart

Fotos: Kurt Hechenberger und Archiv Jürgen Reis (www.juergenreis.com)


*Jürgen Reis ist österreichischer Sport-Kletterprofi und langjähriges National-Kader-Mitglied mit Spezialisierung auf das Indoor-Lead-Klettern, worin er zahlreiche nationale und internationale Topplatzierungen verbuchen konnte. Als einen der größten sportlichen Erfolg nennt er den 10. Platz beim Weltcup in Singapur 2002. Er verfügt über verschiedene Trainerqualifikationen im Bereich Klettern und Fitness, darunter den BSA Leistungssport Body-Trainer und den Leistungssport-Lehrwart (Österreich). Zudem legt er großen Wert auf die mentale Komponente und ist geprüfter NLP-Practioner. Als Unternehmer in eigener Sache hat er mittlerweile höchst erfolgreich fünf Fachbücher zum Thema Krafttraining und Fitness veröffentlicht, ferner rief er als einer der Mitinitiatoren den heute größten Kraftsport-Podcast Europas, www.power-quest.cc, ins Leben, in dem er u.a. nationale und internationale Top-Trainer und Kletterprofis interviewt. Ferner ist Jürgen Reis einer der weltweit führenden Experten der, vom renommierten US-Coach Ori Hofmekler entwickelten Warrior-Diet und bietet Seminare, sowie Private-Coachings dazu an. Weitere Infos: www.juergenreis.com.

Rubriklistenbild: © Jürgen Reis/trainingsworld

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