Schulsport

Krafttraining im Grundschulalter?

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Krafttraining für Kinder im Grundschulalter: gefährlich oder empfehlenswert?

Über die Fitness von Kindern und Jugendlichen wird in den letzten Jahren viel diskutiert. Oftmals wird von vielen Sportlehrern und Trainern immer noch angenommen, dass Kraft im Kindesalter nicht trainiert werden sollte. Doch stimmt das wirklich oder ist ein Krafttraining für Kinder sogar sinnvoll?

Häufig wird beim Thema Krafttraining für Kinder vor Überlastung und Gefahren aufgrund eines Krafttrainings gewarnt, obwohl die sportwissenschaftliche Forschung längst zeigen konnte, dass Kinder bereits vor der Pubertät von einem Krafttraining profitieren können. Eine kritische Haltung zum Krafttraining mit Kindern und Jugendlichen ist mit dem aktuellen Forschungsstand schon seit langem nicht mehr vereinbar.

 

Anpassungen durch Krafttraining?

Dass Kinder von einem Training der Kraft profitieren, wurde lange Zeit bestritten. Begründet wurde dies mit den fehlenden Sexualhormonen, die in nennenswerten Mengen erst während und nach der Pubertät im Organismus vorhanden sind.(1) Bestätigt wurde dies durch frühe Studien in den 1970er und 1980er Jahren, in denen oftmals keine Effekte durch ein Krafttraining aufgezeigt werden konnten. Das lag jedoch eher darin begründet, dass die in den Studien verwendeten Übungen suboptimal waren und die Intensitäten zu gering gewählt wurden, so dass Aussagen zur motorischen Kraft aus diesen Studien nicht abgeleitet werden konnten.(1) Krafttrainingseffekte werden leider zu oft allein mit Muskelwachstum in Verbindung gebracht, obwohl gerade beim Krafttraining mit jungen Sportlern eben die neuronalen Anpassungen im Vordergrund stehen sollten. Hierbei lassen sich bei entsprechenden Intensitäten bereits sehr gute Effekte erzielen. Die Einsatzziele eines Krafttrainings sind dabei weit gestreut. Die Frage nach möglichen Leistungssteigerungen ist dabei eher als untergeordnet zu betrachten, da in erster Linie gesundheitsfördernde Aspekte bzw. pyscho-physische Veränderungen im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen.

 

Dürfen Kinder Kraft trainieren?

Die Kernfrage im Rahmen eines Krafttrainings mit Kindern stellt sich nicht hinsichtlich des Ausgangspunkts „ob“ Kinder Kraft trainieren dürfen, sondern eher „wie“ Kinder Kraft am effektivsten trainieren können. Krafttraining stellt für den kindlichen Organismus keine Gefahr dar: Wenn Statistiken zu Verletzungen und Unfällen im Sport herangezogen werden, dominieren die Spielsportarten das Verletzungsgeschehen, während Krafttraining eher weniger Probleme verursacht. Aufgrund der Beliebtheit von Spielsportarten wie Fußball werden solche Analysen auf eine bestimmte Zahl von Übungsstunden relativiert. In Tabelle 1 sehen Sie eine Übersicht zu Verletzungsgeschehen bezogen auf 100 Stunden Schulsport aus einer internationalen Studie.(1) Schaut man sich des Weiteren die Arten der Verletzungen an, erkennt man, dass die im Krafttraining erlittenen Verletzungen eher Stoßverletzungen sind, z. B. an Hanteln, die nicht ordnungsgemäß weggeräumt wurden, und kaum beim Training erlittene Verletzungen.(2)

 

Sport Verletzungen pro 100 Teilnahmestundenim Schulsport
Leichtathletik (USA) 0,570
Leichtathletik (Großbritannien 0,260
Basketball (Dänemark) 0,300
Basketball (USA) 0,030
Fußball (Dänemark) 0,560
Fußball (Großbritannien 0,100
Gewichtheben (Großbritannien) 0,0017
Gewichtstraining (Großbritannien) 0,0035

Tab. 1: Verletzungshäufigkeiten relativiert am Auftreten im Schulsport

 

Welche Gefahren drohen bei einem Krafttraining?

Im Wesentlichen kann eine falsche Technik eine Gefährdung für die Gesundheit bedeuten. Deshalb ist es wichtig, dass Lehrer und Übungsleiter die Technik selber beherrschen und in der Lage sind, die richtige Technik zu vermitteln. Das Krafttraining muss vorbereitet werden, indem Rumpf und Haltemuskulatur gekräftigt und die Beweglichkeit optimiert werden. Zudem muss die Belastungssteigerung den Anpassungen der passiven Strukturen folgen. Knochen, Sehnen und Bänder haben eine vergleichsweise längere Anpassungskarenz als die Kraftentwicklung. Vor allem auf der Basis neuronaler Anpassungen geht das Steigern der Kraftfähigkeit recht schnell voran. Um Überlastungsschäden zu vermeiden, sollte deshalb gerade beim Einstieg in ein Krafttraining die Belastungssteigerung zunächst einmal langsam erfolgen. Dementsprechend sind auftretende Überlastungsschäden beim Krafttraining in der Regel durch Übertraining bedingt und kein immanentes Problem eines Krafttrainings. Die häufig genannte Gefahr von Schädigungen im Bereich der Wachstumsfugen ist für das Krafttraining mit Kindern nicht belegt. Im Gegenteil gibt es Hinweise, dass die Wachstumsfugen viel eher im Fußball oder im Turnen auftreten können.(3)

 

Welche Intensitäten sind sinnvoll?

Zu den Intensitäten im Krafttraining mit Kindern ist wenig bekannt. Oftmals wird die Intensität sehr niedrig angesetzt, um Überlastungen zu vermeiden. Dadurch verschwimmt jedoch häufig die Grenze zum Krafttraining, da bei zu niedrigen Intensitäten die Einflussgrößen eines Krafttrainings nicht mehr zum Tragen kommen. In einer Studie mit Kindern einer Grundschule im Alter von im Durchschnitt 8,6 Jahren wurde ein 10-wöchiges Krafttraining durchgeführt.( 4) Dabei wurde 2-mal pro Woche bei 70–80 % der Maximalkraft trainiert. Im Vergleich zur Kontrollgruppe konnten signifikante Zuwachsraten bei der Maximalkraft der Beinstrecker gemessen werden. Dabei blieb die Muskelmasse unverändert, so dass die Anpassungen in Form der Kraftsteigerung den neuronalen Anpassungen zugeschrieben werden können.(4) Ähnliche Effekte wurden in anderen Studien festgestellt, bei denen z. T. Steigerungsraten von 75 % bezogen auf die Maximalkraft festgestellt wurden.

 

Krafttraining in der Schule?

Auch wenn das Krafttraining nicht auf den offiziellen Lehrplänen zu finden ist, sollte durchaus auch aus pädagogischen Gründen das Krafttraining eine wichtige Rolle im Sportunterricht spielen. Fehlt einem Kind die Kraft, kann es andere wichtige Übungen beispielsweise aus dem Turnen nicht schaffen. So korreliert der Aufschwung am Reck z. B. mit der Kraft der Bauch- und Armmuskulatur. In der Schule können durch ein vorbereitendes Krafttraining anspruchsvolle Turnübungen eingeführt werden. So vermeiden Sie, dass sich die Schüler anhand von Fehlversuchen die Kraft antrainieren. Denn Fakt ist, dass einige Übungen ohne ein Mindestmaß an Kraft nicht ausführbar sind. Allerdings ist in der kurzen Zeit, die die Schüler in einer Woche Sportunterricht haben, nur schwer an überdauernde Anpassungen zu glauben. Aus diesem Grund kann nur empfohlen werden in Form von Zusatzangeboten wie AGs oder in Zusammenarbeit mit den Sportvereinen entsprechende Angebote aufzubauen. Dies gilt um so mehr, da das Krafttraining eben auch aus präventiven Gründen ungemein wichtig ist. Haltungsschäden sind dabei nur eine Dimension, denn Krafttraining spielt auch eine immer größere Bedeutung wenn es um stoffwechselbezogene Probleme wie das metabolische Syndrom geht.

 

Übungen mit freien Gewichten?

Krafttrainingsmaschinen können nur selten kindgerecht eingestellt werden. Selbst die mittlerweile erhältlichen „Kindermaschinen“ sind aufgrund der großen Bandbreite der Entwicklung oftmals eher problematisch. Aus diesem Grund sind freie Übungen besser geeignet. Zumal hier speziell das Stabilisieren geschult werden kann und sich das Üben komplexer Übungen vorbereiten lässt. Bei leistungssportlich orientierten Kindern könnten so bereits die Grundlagen für ein Langhanteltraining gelegt werden. Insgesamt lässt sich zudem ein sehr großer Teil an Übungen auch in der Schule mit den üblichen Turngeräten durchführen. Von den klassischen Klimmzügen ausgehend sind dies durchweg komplexe Übungen, bei denen sich Schwächen einfach ausgleichen lassen. Insgesamt muss der Fokus in einem Krafttraining mit Kindern jedoch in jedem Fall auf komplexen Übungen liegen, um einen Übertrag auf Alltagsbewegungen zu optimieren und zudem die Verletzungsprophylaxe wirkungsvoll zu unterstützen.

 

Die Zielsetzung bedingt das Training!

Im Training von Kindern gibt es unterschiedliche Ziele, die verfolgt werden können! Das sind einmal die pädagogischen Zielstellungen, in denen um Aspekte wie folgende geht:

- das steigern des Selbstbewusstseins

- Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten stärken

- den respektvollen Umgang mit anderen Kindern lernen

- Fairness und andere Werte vermitteln

 

Auf der anderen Seite spielt das Ziel, die Gesundheit zu verbessern, eine sehr große Rolle. Dabei stehen einmal die physiologischen Wirkungen von Sport im Mittelpunkt. Dass die Veränderungen, die durch das Trainieren von Kraft und Ausdauer hervorgerufen werden und die bei Kindern beispielsweise die Haltung verbessern oder vor bewegungsmangelinduzierten Erkrankungen, wie dem metabolischen Syndrom schützen. Lange Zeit stand dabei das Ausdauertraining im Mittelpunkt, wobei die positiven Effekte eines Krafttrainings verkannt wurden. Weit wichtiger wie diese Wirkungen sind bei Kindern aber auch die Freude und der Spaß an Bewegung, die durch das Training gefördert werden können. Die Frage lautet dann, wie am besten Kraft- und Ausdauertraining am besten transportiert werden müssen. Kinder dürfen Kraft trainieren, dem Sportlehrer oder Trainer kommt die Aufgabe zu Konzepte und Inhalte zu entwickeln, bei denen ein kindgerechtes Training zu einem Mehr an Spaß führt, bei gleichzeitig optimaler Entwicklung der motorischen Fähigkeiten.

 

Tipps für Ihr Training

- Krafttraining sollte bei Kindern bereits in der Grundschule eine wichtige Rolle spielen.

- Gestalten Sie das Krafttraining mit Kindern abwechslungsreich.

- Bauen Sie regelmäßig neue Übungen in die Programme mit Kindern ein.

- Die Bewegungsqualität sollte im Fokus stehen.

 

Lesen Sie auch: Rückentraining mit Kindern 

 

Dennis Sandig

 

Literaturangaben:

1. Leistungssport, 2009, Bd. 39 (2), S. 1–20 (Beilage).

2. Zawieja, Martin & Oltmanns, Klaus, 2011, Kinder lernen Krafttraining. Münster: Philippka.

3. British Journal of Sports Medicine, 2006, Bd. 40 (9), S. 749–760.

4. International Journal of Sports Medicine, 2011, Bd. 32, S. 357–364.

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