Klettertraining

Goldfinger: Vom schwachen zum starken Glied in der Kette

+
Die Finger von Weltcupsieger Andreas Bindhammer sind zweifelsohne „massivste Kletterfinger“. Über die Jahre adaptierte Jürgen nach und nach und die Finger zogen mit.

Das Wohl und Wehe hängt bei allen Spitzenkletterern buchstäblich an Fingern, die tragfähig wie Stahlklammern sein müssen.

Kennen Sie Alain Robert? Der (mittlerweile 51‐jährige) Franzose ist ein Freikletterer, der sich insbesondere durch spektakuläre Fassadenklettereien an Brücken und Hochhäusern einen Namen, sogar einen imageträchtigen Künstlernamen gemacht hat: „Spiderman“. Rufen Sie auf Youtube einen seiner Trailer auf, beispielsweise hier. Dann sehen Sie gleich in der ersten Einstellung, wie Robert einen einarmigen Klimmzug macht, aber was für einen: Mit einem Finger – in einem Loch im Fels! Nicht dass ich das zur Nachahmung empfehle, aber es ist ein „Fingerzeig“, was der Mensch aushalten kann. Obwohl die Art zu Klettern, die den Franzosen bekannt machte, für mich eher ein teilweise lebensgefährlicher Showact, und als solcher ein cleverer Geschäftszweig ist – seine körperliche Fitness ist zweifelsohne mehr als beeindruckend. Und sein Business, sein Wohl und Wehe hängen wie bei allen Spitzenkletterern buchstäblich an Fingern, die tragfähig wie Stahlklammern sein müssen.

 

Von eisernen Krallen und Goldfingern

Das Problem: Die fragilen Finger sind eigentlich nicht für die Art Belastung, wie sie Hochleistungsklettern nun einmal mit sich bringt, gemacht. Andererseits, wie langfristige Anpassung zu „unmöglich“ gehaltenen Leistungen führen kann, beweisen z.B. auch Kampfkünstler eindrucksvoll. Mit den Fingerspitzen spalten sie Melonen, zerbrechen gar Flusskiesel – ein Paradoxon, denn das dürfte physiologisch gar nicht funktionieren, und doch geht es! Glauben Sie mir: Ich selbst durfte vor einigen Jahren eine atemberaubende Vorführung der Shaolin‐Mönche, quasi aus der ersten Reihe begutachten. Waschbetonplatten brachen unter den Fäusten dieser blitzschnellen „Männer aus Stahl“ und deren Kehlköpfe hielten Lanzenspitzen stand. Ganz ohne Netz und doppelten Boden. Dazu übrigens auch gleich zwei Hörtipps: Ein echter Shaolin‐Mönch, sowie ein österreichischer Gastbesucher im Shaolin‐Kloster (Oliver Klettner) finden Sie auf den www.Power‐Quest.cc Podcasts 73 und 288. Doch von den Kämpfern zurück zu den „Fightern in der Kletterwand“ bzw. Ihren Kletterfingern. Über Sinn und Unsinn von Demonstrationen der „1‐Finger‐Extreme“, wie am Beispiel Alain Robert in den ersten Zeile dieser Kolumne erwähnt, möchte ich hier nicht diskutieren. Mir ging’s nur darum, Ihnen aufzuzeigen, was alles möglich ist, wenn man will und sich langsam an solche Extreme herantastet. Spitzenkletterer stehen diesen Martial‐Arts‐Heroes in Sachen Fingerwunder jedenfalls in nichts nach.

 

 

Durchleuchtung gefragt: Röntgen bringt’s ans Licht

Doch selbst mein schwächster Finger, der Kleinfinger, zeigt in einem aktuellen Röntgenbild knöcherne „Verstärkungen“ im Gelenksbereich.

Zugegeben: Noch habe ich keine „Bindhammerfinger“, und auch Andreas Bindhammers Regenerationsfähigkeit übertrifft die meinige nach wie vor. Doch selbst mein schwächster Finger, der Kleinfinger, zeigt in einem aktuellen Röntgenbild knöcherne „Verstärkungen“ im Gelenksbereich. Auch Sie sollten nur mit äußerster Vorsicht auf die herkömmlichen Studien zu Regenerations‐ und Adaptationsfähigkeit hören. Hochleistungssport von frühester Jugend an bis ins hohe Alter ist möglich.

Diverse Röntgenbilder der letzten Jahre zeigten, wie meine von außen zwar recht unscheinbar schlanken Finger quasi nach und nach „aufrüsteten“, und zwar von innen. Knochenmineralisierung und ‐dichte steigerten sich signifikant. Primär „positiv auffällig“ waren meine am stärksten belasteten Mittel‐, Ring‐ und Zeigefingerstrukturen. Dort, wo bei „normalen Menschen“ der Knochen „Weichmaterial“ wie Knochenmark besitzt, ist bei mir, zumindest im Fingerbereich, „nur“ harter, massiver Knochen zu sehen!

Die Fingerkraft ist das am schwersten zu entwickelnde Element.“ John Gill, Boulderlegende und „konzeptioneller Vater des Sportkletterns“

 

Meine „Stahlfinger“ habe ich jahrelanger Aufbauarbeit zu verdanken. Man fängt nicht sofort mit aufgestellten Fingern an Mikroleisten, mit einfingerigen Klimmzügen und dergleichen Stunts an, sondern reduziert nach und nach die Kontaktfläche der Hand/Finger, wählt erst einfache Routen/Griffe und erhöht schrittweise die Belastung. Geben Sie sich dazu als Neueinsteiger im Klettersport mehrere Jahre Zeit. Lernen Sie langfristig zu denken und planen. Der Muskel passt sich sehr schnell an, die Knochen aber brauchen sehr, sehr lange.

Der Sport hat wohl jeden Aspekt meines Seins gestärkt. Von körperlichen Merkmalen, über meine mentale Stärke, bis hin zur Werteordnung, die ich den Dingen in meinem Leben gebe. Meine Fingerknochen wurden über die Jahre, auch von außen sichtbar, richtig dick und stark. Ich schreibe das übrigens hauptsächlich den unzähligen Klimmzügen zu, welche ich an Griffboards und an Holzleisten neben dem Klettern machte und immer noch als fixen Bestandteil in mein Training integriere.“ Steve Haston, weltweit stärkster Kletterer über 50, in einem Private‐Coaching‐Telefonat

 

„Hand‐ und Fingerpflege“

Ein finaler, wichtiger Experten‐Tipp von Andreas Bindhammer und in meinen Augen absolut korrekt: Arbeiten Sie kontinuierlich und möglichst ohne überlange Kletterpausen an Ihrer Finger‐Konditionierung und einem Finger-Krafttraining.

Eine oder zwei lockere Wochen, z. B. nach einer hoch intensiven, mehrmonatigen Trainings‐ oder Wettkampfphase sind natürlich sinnvoll. Jedoch klettere bzw. bouldere ich, genau wie [mein Bruder] Christian, selbst dann. Jedoch etwas verspielter und weniger intensiv. Doch ein mehrwöchiges Fernbleiben vom Klettersport schwächt aus meiner Sicht die Belastbarkeit der Finger. Von übermäßigem Pausieren wurde meiner Erfahrung nach noch niemand stärker. Tatsache ist: Wer härter, umfangreicher und intelligenter trainiert, steht auch auf dem Siegerpodest.“ Andreas Bindhammer, Weltcupsieger Sportklettern

 

Im zweiten Teil des Artikels gehe ich auf Besonderheiten bei Jugendlichen ein und wie man mit Verletzungen im Fingerbereich professionell umgeht.

Ihr Jürgen Reis mit Nikolai Janatsch

Auch interessant

Kommentare