Fitnesstraining

Altersgerechtes Training mit Kindern und Jugendlichen

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Wichtig: Kinder altersgerecht trainieren.

Ob Physiotherapeuten oder Personal Trainer und Vereinstrainer – jedes Mal fällt beiläufig der Satz: „Und junge Sportler trainiere ich auch.“ Doch was wissen Sie wirklich über die Anforderungen dieser Zielgruppe? Wir setzten uns mit dem Training für Kinder- und Jugendliche auseinander.

Kein anderes Segment der Fitnessindustrie wächst schneller als der Kinder- und Jugendsport. Allein in den USA wird damit ein Umsatz von über vier Milliarden Dollar jährlich erzielt. Mehr als eine Million Kinder, Jugendliche und Teenager hatten dort 2007 einen eigenen Trainer – eine stattliche Zahl. Doch das Wort „Leistungssteigerung“ hat im Jugendsport nichts verloren. Zumindest nicht auf die Art und Weise, wie es bislang verwendet wird. 

Auch wenn folgende Frage bissig klingen mag: Wie viel wissen Sie wirklich über das Wachstum und die Entwicklung des Menschen und darüber, wie Sie mit Kindern oder Jugendlichen trainieren sollten? Würde ich ältere Klienten mit dem Wissen, das ich über die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen habe, physiotherapeutisch behandeln oder ihre Verletzungen diagnostizieren, würden Sie mich für unprofessionell halten und das Gefühl haben, ich wildere außer- halb meines Reviers. Und das wäre nur richtig. 

Fähigkeiten stetig weiterentwickeln

Leistungstraining für junge Sportler ist einfach nicht dasselbe wie Leistungstraining für reife Sportler. Trainingsanreize müssen altersgerecht sein, kritische Phasen der neurologischen Entwicklung sind zu berücksichtigen. Tatsächlich sollte die Leistung für junge Sportler nur eine untergeordnete Rolle spielen, denn die Zunahme von Muskelkraft, Sprungkraft oder Geschwindigkeit ist das Ergebnis eines der Entwicklung angemessenen und gesunden Trainings. 

Das Konzept ist einfach und die Metapher schlicht: Vergleichen Sie die Entwicklungsschritte eines jungen Sportlers mit Ihrer Schul- oder Universitätslaufbahn. Es ist nicht möglich, innerhalb von sechs Wochen in die nächste Klasse versetzt zu werden. Sie können eine Rechenaufgabe für die zwölfte Klasse nicht lösen, wenn Sie die Basisrechenarten – Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division – in der Grundschule nicht gelernt haben. Die Ausbildung erfolgt schrittweise. Zunächst wird grundlegendes Allgemeinwissen vermittelt, und dann wird darauf aufgebaut. Ein junger Student, der intellektuell und von seiner Ausbildung her dazu bereit ist, wird damit beginnen, sich in ein ganz bestimmtes Interessengebiet zu vertiefen und sich zu spezialisieren. Doch diese Spezialisierung setzt voraus, dass er die bis dahin erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten stetig weiterentwickelt. 

Übertragen Sie dieses Prinzip auf das Training junger Sportler. Geschwindigkeit ist eine Fähigkeit. Kraft ist eine Fähigkeit. Schnellkraft ist eine Fähigkeit. Und diese Fähigkeiten können nicht im Rahmen von Sechswochenprogrammen erworben oder entwickelt werden. Weil wir uns so darauf fixieren, bestimmte „Symptome“ zu erzeugen, sind wir vollkommen betriebsblind geworden. 

Und welche Symptome sind das? 

Schwitzen wie ein durstiger Maulesel am Ende einer Trainingseinheit 

Totale Erschöpfung (der Sportler kann kaum noch nach Hause laufen) 

Heftige Schmerzen (der Sportler kann sich am nächsten Tag kaum noch bewegen) 

Übelkeit und Benommenheit 

Auf diese Symptome sind wir ganz wild. Unser ganzer Trainerstolz beruht darauf, dass wir solche Symptome erzeugen. Treten sie nicht auf, gilt eine Trainingseinheit als „zu lasch“ und als „Zeitverschwendung“. 

Der Organismus ist noch in der Entwicklung

Im Teenageralter ist der menschliche Organismus mit besonderen Herausforderungen konfrontiert, die in ein Trainingsprogramm einbezogen werden müssen. Teenager neigen zu einer schlechten Ernährung. Sie schlafen nicht viel. Sie leiden unter Schulstress, stehen unter Leistungsdruck und machen sich Sorgen um ihre Zukunft. Oft befinden sie sich in der Obhut von Trainern, die sie in Grund und Boden trainieren. Am Ende bestreiten sie jedes Sommerwochenende vier Fußballspiele, um den Idealen einer wahnsinnig gewordenen Jugendsportkultur zu entsprechen. 

Bedenken Sie, dass es sich hier um Menschen handelt, deren Organismus noch in der Entwicklung ist. Zu viel Leistung bedeutet Übertraining und Verletzungsanfälligkeit bei einer verfehlten Didaktik. Diese Jugendlichen kommen sechs Wochen lang dreimal pro Woche zu Ihnen, um sich rituelle Prügeltrachten verabreichen zu lassen, die ihnen als Maßnahmen zur „Leistungssteigerung“ verkauft werden. 

Lassen Sie es mich unverblümt ausdrücken: Wir müssen aufhören, uns selbst dafür auf die Schulter zu klopfen, dass wir die Sprungkraft des Juniors angeblich „in nur sechs Wochen“ verbessert haben. 

Biomotorische Verbesserungen stellen sich praktisch von selbst ein

Heranwachsende Sportler befinden sich in einer Wachstums- und Entwicklungsphase. Biomotorische Verbesserungen stellen sich praktisch von selbst ein. Mutter Natur hat dafür gesorgt. Der Testosteronspiegel steigt, die Muskeln verdichten sich, wachsen, und die neuronale Plastizität sorgt dafür, dass ein grundlegendes Koordinationslevel erreicht wird, um die eigenen Kräfte angemessen zu bündeln. 

Teenager werden von ganz allein schneller und stärker. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass Verletzungen vermieden werden und Jugendliche lernen, Bewegungsabläufe, die mit Kraft, Explosivkraft und Geschwindigkeit zu tun haben, richtig auszuführen. Das Alter und die Wissensgrundlage des Jugendlichen sind zu berücksichtigen. 

Es geht nicht darum, Jugendliche zum Schwitzen oder zum Kotzen zu bringen, sie bis zur Erschöpfung zu ermüden oder dafür zu sorgen, dass sie Muskelkater bekommen. Es geht darum, dass sie sich langfristig verbessern – genau wie in der Schule.

Brian Grasso

 

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