Judotraining

Koordinationstraining im Judo ‐ Ein anderer Denkansatz

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Aufwärmübung mit hohen koordinativen Anforderungen für Judoka

Auf der Basis eines Buches von August Neumaier über Koordinationstraining aus dem Jahre 1999 ist später ein Buch über das Koordinationstraining in der Sportart Judo erschienen. Die folgenden zwei Artikel gehen auf die Kerngedanken dieser Bücher ein und zeigen auch einige praktische Beispiele auf.

„Koordinationstraining im Judo“ wurde vom Ausbildungschef des Deutschen Judobundes Ralf Lippmann und mir geschrieben. Das Buch ist Teil einer Bücherreihe, in welcher sich Experten verschiedener Sportarten mit dem Koordinationsanforderungsprofil von August Neumaier befassen. Dieser neue Denkansatz stellt nicht alle bisherigen Theorien auf den Kopf, im Gegenteil, er ergänzt diese sinnvoll und bietet eine wertvolle und praktische Herangehensweise.

 

Koordination um Judo

Wie in den vorangegangenen Artikeln zu lesen (lesen Sie z. B. auch Teil 1 der Artikelserie: Das Technikrepertoire eines Judoka), sind technische Fertigkeiten und koordinative Fähigkeiten stark miteinander verknüpft und voneinander abhängig. Ein Athlet, der im motorischen Bereich, also auch koordinativ talentiert war, wurde bisher mit den Begriffen

‐ Gleichgewichtsfähigkeit

‐ Orientierungsfähigkeit

‐ Kopplungsfähigkeit

‐ Differenzierungsfähigkeit

‐ Umstellungsfähigkeit

‐ Rhythmisierungsfähigkeit

‐ Reaktionsfähigkeit

 

in Zusammenhang gebracht (nach Blume 1978). Dem widerspricht die neue Herangehensweise von Neumaier nicht. Neumaier hat sich jedoch die Frage gestellt, ob diese Sichtweise uns in der Praxis bzw. im Trainingsalltag auch weiterbringt. Dieses fähigkeitsorientierte Denken bestimmte die bisherige Vorgehensweise im Techniktraining. Inwiefern sind aber diese oben genannten Fähigkeiten für unsere Sportart wichtig, sind sie alle gleichwertig zu betrachten, wie können die Bereiche differenziert werden und vor allem wie können diese Fähigkeiten sinnvoll trainiert werden, dass sie uns letztendlich im Judo etwas bringen?

Neumaier stellt die Anforderungen und Bedingungen einer Sportart bzw. einer Bewegung in den Vordergrund. Er systematisiert die koordinativen Anforderungen von Bewegungsaufgaben und stellte diese wie folgt in einer Grafik dar:

Koordinationsanforderungsprofil nach Neumaier (2003) (PDF)

 

 

Wie ist diese Grafik nun im Traineralltag einsetzbar?

Desweiteren stellt sich für uns die Frage, welche Informationsanforderungen und Druckbedingungen wir im Judo vorfinden.

Ein Judoka muss im Wettkampf verschiedene spezifische Bewegungsfertigkeiten koppeln und unter ständig wechselnden und erschwerten Bedingungen ausführen können…. Will man im Training diesen Anforderungen gerecht werden, dann müssen Judotechniken frühzeitig auch unter Druckbedingungen und (ständig) wechselnden Situationen geübt und trainiert werden.“(1)

Um diese Gedanken zu verdeutlichen und zu vereinfachen, hilft die folgende Abbildung. Darauf zu sehen ist der KAR, der Koordinationsanforderungsregler.

 

KAR - Koordinationsanforderungsregler nach Neumaier/Mechling, 1999 (PDF)

  

Judospezifische Informationsanforderungen (linker Kasten)

o - optische Informationsanforderungen

a - akustische Informationsanforderungen

t ‐ taktile Informationsanforderungen

k ‐ kinästhetische Informationsanforderungen

v ‐ vestibuläre Informationsanforderungen

 

G - Gleichgewichtsanforderungen

 

„…Je nach Art der Bewegungsaufgabe sind jedoch Bedeutung und Beanspruchung der einzelnen Analysatoren für die Informationsaufnahme und ‐verarbeitung unterschiedlich…“. (1)

 

Die Regler beeinflussen jedoch auch sich gegenseitig, so werden z.B. durch das Ausschalten des optischen Reglers (Übungen blind ausführen lassen) die anderen Informationsanforderungen automatisch erhöht.

Besonders wichtig in unserer Sportart sind der taktile, kinästhetische und insbesondere der vestibuläre Analysator. In der Grafik gut zu erkennen, ist die übergeordnete Stellung der Gleichgewichtsanforderungen. Die Gleichgewichtskontrolle ist von grundlegender Bedeutung für die Bewegungskoordination. Je mehr das Gleichgewicht gestört wird, desto höher ist der Schwierigkeitsgrad der diversen koordinativen Informationsanforderungen.

 

Judospezifische Druckbedingungen (rechter Kasten)

P - Präzisionsdruck

Diese Bedingung ist in anderen Sportarten, in welchen z. B. Bewegungsabläufe benotet werden, sicherlich von größerer Wichtigkeit, doch auch im Judo ist das Training unter Präzisionsdruck sinnvoll. Denn je präziser eine Technik ausgeführt wird, desto weniger werden andere Komponenten wie z. B. die Kraft beansprucht.

 

Z - Zeitdruck

Im Judo ist eine Technik mit einer individuellen, optimalen Bewegungsgeschwindigkeit am exaktesten auszuführen.“ (1) Dabei muss im Training unterschieden werden zwischen „so schnell wie möglich auf eine Situation reagieren“ und „so schnell wie möglich eine Bewegung ausführen“.

 

K1 - Komplexitätsdruck

Eine Judotechnik besteht aus verschiedenen Teilbewegungen und diese sind schwierig gleichzeitig durchzuführen. Im KAR wird genau diese Schwierigkeit unter K1 als „Simultankoordination“ verstanden. Auch sogenannte „Finten“ fallen darunter.

 

K2 - Komplexitätsdruck

Kombinationen und Handlungsketten sind unter K2, den sukzessiven Bewegungsfolgen zuzuordnen.

 

K3 - Komplexitätsdruck

Unter K3 versteht man den Druck, der durch die unterschiedliche Muskelauswahl entsteht, z.B. durch das Werfen einer Technik auf die andere, die ungewohnte Seite.

 

S1 ‐ Situationsdruck

Im Judo, im Wettkampf wird man immer mit neuen Gegnern und Situationen konfrontiert, diese Situationsvariabilität muss unbedingt trainiert werden.

 

S2 ‐ Situationsdruck

Die Situationskomplexität, worunter Umfeldbedingungen gemeint sind (Wetter, aber auch die Problematik einer Mannschaftsportart usw.), spielen im Judo eine untergeordnete Rolle, da wir eine Hallensportart sind und es jeweils mit einem Gegner zu tun haben.

 

B1 ‐ Physischer Belastungsdruck

Der konditionelle Belastungsdruck ist im Judo enorm. „Ein Judoka muss in jeder, also auch in der letzten Wettkampfphase, unter massiven Ermüdungsbedingungen eine Technik durchsetzen oder den Angriffen des Gegners erfolgreich entgegenhalten können.“(1) Dieser Faktor muss im Training unbedingt mit einbezogen werden.

 

B2 ‐ Psychischer Belastungsdruck

Die Bewegungskoordination ist auch in Abhängigkeit von psychischen Prozessen zu betrachten.“(1) Der Wettkampfverlauf, Kampfrichterentscheide, die Gefahr, einen Kampf jederzeit wegen eines kleinen Fehlers verlieren können, haben einen großen Einfluss auf die Psyche eines Athleten. Wie oft sind Favoriten an ihrer Nervosität gescheitert? Es ist unumgänglich, dass ambitionierte Trainer und Athleten auch diesen Bereich des Trainings im Alltag berücksichtigen.

 

Die Erklärungen machen deutlich, dass auch die verschiedenen Druckbedingungen sich gegenseitig beeinflussen und alle genannten Aspekte im Technik‐ bzw. Koordinationstraining mehr oder weniger ihre Wichtigkeit haben.

 

Fazit

Will ein Judoka erfolgreich sein, muss er umfassend denken und trainieren. Die Theorie und Herangehensweise nach Neumaier spricht die Komplexität unsere Sportart an, sie ist jedoch auch einfach in die Praxis umzusetzen. Der folgende Artikel befasst sich deshalb vorwiegend mit dem praktischen Aspekt dieses Themas.

 

Karin Ritler Susebeek

 

Literaturangaben:

1. Lippmann, R./Ritler Susebeek, K (2006). Koordinationstraining im Judo, Sportverlag Strauss Köln.

2. Neumaier, A. (1999). Koordinatives Anforderungsprofil und Koordinationstraining. Grundlagen – Analyse – Methodik. Sport und Buch Strauß GmbH Köln.

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