30 Wochentrainingsstunden als Basis für Ihren nächsten Kletterlevel oder: Die Lehrjahre eines Kletter-Profis (Teil 4)

Weitere Grundlagen des "Robert & Jürgen early years"-Systems

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Ein einfaches Hangelgestell kann auch für fortgeschrittene Kletterer Ausgezeichnetes leisten!

Weiter geht’s mit den Grundsätzen! Und zwar mit den Grundsätzen, mit denen Sie Ihre Leistung im Klettern gnadenlos steigern können! Die wichtige Essenz aus diesem Artikel: Arbeiten Sie mit dem, was Sie haben - aber tun Sie es viel.

Sie erinnern sich noch, wo ich vor Kurzem, in Teil 3 abschloss? Richtig! Grundsatz 1: Starten Sie, ob allein oder im Team! Und... auch richtig! Ich versprach noch eine Zugabe. Hier ist sie! Sollte der Trainingspartner noch (oder wieder mal) auf sich warten lassen, hier einer meiner US-Coaches, der es nach gut 60 Jahren (!) Kraftsporterfahrung wohl wissen muss:

Ich ließ noch nie ein geplantes Training ausfallen. Und im Gegensatz zu vielen anderen Athleten trainiere ich normalerweise alleine. Ich fand einfach niemanden, der langfristig zuverlässig mitzog. Nichts frustriert mehr als ein Trainingspartner der zusagt und dann nicht kommt. Also ging und gehe ich alleine meinen Weg – reine Gewohnheitssache und letztlich nur eine Frage der eigenen Disziplin.“

Es gibt tolle Bilder von „Mr. Past-40 U.S.A.-Gewinner“ (mit Zusatzauszeichnungen für „Most Muscular Man“, „Best Legs“ und „Best Abdominals“) Clarence Bass mit 70 topfitten Lebensjahren. Ich selbst durfte diesen Mentor bereits 3-mal zu einem Winter-Trainingslager in New Mexico besuchen. Ich garantiere: Ein „ripped real deal“ wie aus dem Bilderbuch! Die generelle Leistungsfähigkeit des aktuell 75-jährigen und seine langfristige Gesundheit wären zweifelsohne auch für manch (jüngeren) Kletterer ein wahres Geschenk.

Weiter geht’s mit der „Grundsatz-Ausbeute“ meiner frühen Trainingsjahre. Mein zweiter absoluter Profitipp auch für Ihre Kondition, der in unseren frühen Jahren quasi Haus- oder besser Fitnessparcours-Wald-gemacht war, lautet ...

 

Grundsatz 2: Arbeiten Sie mit dem Vorhandenen

Zugegeben: Um wettkampfklettern zu können, braucht’s mehr als Klimmzüge und „Leiterhangeln“. Dennoch: Im Urlaub und zur Formerhaltung bei Fingerproblemen könnten ein einfaches Hangelgestell, wie das oben auf dem Foto gezeigte aus dem original „Robert & Jürgen System“ im Dornbirner Fitnessparcours, auch für fortgeschrittene Kletterer Ausgezeichnetes leisten! Eine ähnliche Hangelleiter bildet inzwischen übrigens den Kern meines semispezifischen Nachmittagstrainings auf meinem Balkon.

Nein, Sie brauchen im Normalfall keine zusätzliche Kletterliteratur und kein „Guruwissen“ mit komplexen Übungsanleitungen, um loszustarten. Was die „Ressource“ Wissen angeht: Allein wenn ich bedenke, was ich Ihnen in meinen vergangenen 45 (!) Kolumnen hier auf www.trainingsworld.com/sportarten/klettern mitgeben durfte und was noch folgt ... UND: Vermutlich sind Sie bereits Mitglied in einem Kletterzentrum und auch ein erfahrener Kletterinstrukor, Coach oder Trainingspartner ist in „Griffweite“. Woraus auch immer Ihre Infrastruktur, damit meine ich also sowohl Ihr Wissen, Ihr Umfeld, als auch letzten Endes die „bauliche Beschaffenheit" Ihrer „Kletterwelt“, besteht: Nutzen Sie diese, und verbessern Sie sie, falls erforderlich, während des Trainingsprozesses.

Das bedeutet: TRX-Bänder mit in den Boulderraum oder die Kletterhalle zu nehmen oder die Gewichtsweste im „Schlepptau“ an den Wochenenden an die Klimmzugstange zu den zusätzlichen Krafttrainingseinheiten zu transportieren? Alles ausgezeichnete Ideen. Selbstverständlich spricht nichts gegen ein konstantes Lernen und Wachsen. Nicht zuletzt kann, wie soeben angedeutet, auch so manche Internetpräsenz – wie diese hier – Ihnen wertvolle Trainingsinhalte und auch Dauermotivations-Schützenhilfen liefern. Doch alles in Maßen.

Glauben Sie mir aus 17 Jahren Profierfahrung und persönlichen Gesprächen samt Trainingslagern & Co. mit Weltcupsiegern rund um den Globus: Der Champion trainiert zuerst mit dem, was er hat, und lernt bzw. adaptiert seine Pläne, sein Equipment, etc. hinterher, sofern überhaupt Bedarf besteht!

Ein erst wenige Wochen „altes“ Foto: Dieses Campusboard im Kletterraum war quasi mein Weihnachtsgeschenk 2012 an mich selbst.

Ein erst wenige Wochen „altes“ Foto: Dieses Campusboard im Kletterraum war quasi mein Weihnachtsgeschenk 2012 an mich selbst. Mit meinem Coachie Sven Albinus gemeinsam gestaltete sich das Umschrauben und Montieren an der existierenden Wand als „sinnvolle Ruhetags-Aktivbleib-Aktion“. Der Materialeinsatz war übrigens auch minimal, wie Sie noch in einer künftigen Kolumne hier auf www.trainingsworld.com erfahren werden. Und war es absolut „trainings-überlebensnotwendig“? Natürlich freue auch ich mich über regelmäßig neue Herausforderungen und „Spielsachen“. Doch zugegeben: Oft denke ich an die, auch hier in meinen Kolumnen bereits beschriebenen, Ex-Ostblock-Kletterer östlich des Uralgebirges, wie den 3-fachen Boulder-Weltmeister Dmitry Sharafutdinov (siehe Kolumne #4). Denken Sie daran: Auch Sie haben vermutlich schon weit mehr an perfekter Infrastruktur, als so mancher Weltcupfinalist, also nützen Sie diese auch!

 

Fazit

Das Einfache, aber konstant Durchgezogene, ist, nicht nur im Leistungssport, oft der „ganz einfache“ Schlüssel zum Erfolg der Champions. Der „quick fix“, wie die Amerikaner die „schnelle, möglichst bequeme Lösung zum Erfolg“ gerne nennen, existierte schon damals im Fitnessparcours absolut nicht. Und ganz besonders gilt dies in komplexen Sportarten wie dem Sportklettern. Ich ermutige Sie am Ende dieser Kolumne: Wählen Sie Ihren Weg und bleiben Sie dabei. Weder mit Internetforenwissen, noch „genialer, trendiger Kletterliteratur“ können Sie sich um Ihr eigenes tägliches Training „schummeln“. Die „Tastaturenhelden“ und „Forenschlauen“ sind, meiner Erfahrung nach, oft nicht einmal selbst ambitioniert im Klettersport aktiv. Und als allerletzte Bestätigung schließe ich diesen Artikel, womit ich ihn startete: Richtig, ein indirektes Zitat eines weiteren Athleten aus der Kategorie derer „die es nun einmal wissen müssen“.

Der spanische Lead-Weltmeister 2011 und wohl erfolgreichste Wettkampfkletterer der vergangenen 10 Jahre Ramón Julián Puigblanque

Ramón* ist in meinen Augen vielleicht nicht der cleverste Kletterer. Aber er hat eine große Stärke: Er "klebt" an seinem Plan fest. Seit Jahren zieht er seine Strategien durch und der Erfolg gibt ihm recht. Langfristiges Dranbleiben macht den Profi überlegen und den Amateur eben zu dem, was er ist.“ (* Anm. d. Red.: Gemeint ist der spanische Lead-Weltmeister 2011 und wohl erfolgreichste Wettkampfkletterer der vergangenen 10 Jahre Ramón Julián Puigblanque) Dies sagte mir Steve Haston (54), weltweit stärkster Kletterer über 50, in einem Private-Coaching-Telefonat.

 

Zwei weitere Grundsätze erwarten Sie im abschließenden 5. Teil dieser Kolumnenserie. Fürs Erste wünsche ich Ihnen erneut viel Erfolg mit dem bislang Gelernten und bis bald hier auf www.trainingsworld.com

Ihr Jürgen Reis mit Nikolai Janatsch

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