Tennsitraining

Handlungsschnelligkeit im Tennis

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Warum ist die Handlungsschnelligkeit im Tennis von so großer Bedeutung?

Im aktuellen und professionellen Tennissport nehmen die konditionellen Leistungsvoraussetzungen einen immer größer werdenden Stellenwert ein.

Die Belastungsintensität im Training und Wettkampf ist im Tennis erheblich gewachsen. Dies liegt besonders an der Entwicklung der letzten Jahre hinsichtlich der stetig schnelleren Ballwechsel und der kürzeren Erholungsphasen, was die Sportart Tennis technisch und athletisch noch anspruchsvoller macht. Ein Vergleich der aktuellen Weltspitze zeigt, dass diese technisch bestmöglich ausgebildet ist, folglich haben sich die konditionellen Parameter wie z. B. die Handlungsschnelligkeit zu einem leistungslimitierenden Faktor entwickelt.

Handlungsschnelligkeit bezeichnet die Fähigkeit, schnellstmöglich und effektiv im Spiel zu handeln. Dabei sollen auch komplexere kognitive, technisch-taktische und konditionelle Möglichkeiten einbezogen werden. Die komplexeste Schnelligkeitsform vereint demnach sämtliche Teileigenschaften der Schnelligkeit, weshalb diese für einen Spielsportler so immens wichtig ist. Unter dem Begriff Handlungsschnelligkeit versteht der Sportwissenschaftler Andreas Hohmann: „Die Handlungsschnelligkeit ist speziell in Sportarten mit hohen Anforderungen an die situative Entscheidungsschnelligkeit (z. B. Kampfsport, Spielsport) für den Erfolg, d. h. die Qualität und Effektivität vieler sportlicher Handlungsabläufe entscheidend. In den „situativen“ Sportarten werden Sieg oder Niederlage aufgrund des Entscheidungsdrucks von einer zieladäquat ausgewählten, aufgrund des Zeitdrucks von einer frühzeitigen und geschwindigkeitsbetonten sowie aufgrund des Präzisionsdrucks von einer exakten Bewegungsausführung bestimmt.“

 

Komplexe sportartspezifische Schnelligkeitsform

Die Handlungsschnelligkeit ist eine komplexe sportartspezifische Schnelligkeitsform, die aus einer motorischen und einer kognitiven Komponente besteht. Die der informatorischen Schnelligkeit zugeordnete Wahrnehmungs-, Antizipations- und Entscheidungsschnelligkeit sind für die Informationsaufnahme und Informationsverarbeitung wichtig. Die Reaktionsfähigkeit, als Resultat der Situationserkennungsprozesse, Situationsanalyseprozesse und Situationsentscheidungsprozesse, ist für die motorische Handlungsausführung von Bedeutung. Wahrnehmungs-, Antizipations-, Entscheidungs- und Reaktionsschnelligkeit gehören zu den psychischen Faktoren (kognitive Komponente) der Handlungsschnelligkeit. Bewegungs- und Aktionsschnelligkeit bilden die physischen Faktoren (motorische Komponente). Eine Differenzierung der Handlungsschnelligkeit hinsichtlich einer informatorischen (kognitiven) und einer motorischen Komponente nehmen zahlreiche Autoren vor(1,2). Die größten Reserven scheinen bei den kognitiven bzw. informatorischen Prozessen zu liegen, welche etwa 70–80 % des Zeitbedarfs für eine technisch-taktische Handlung ausmachen. Brack und Bubeck(1) haben hierzu eine Strukturpyramide zur Handlungsschnelligkeit erstellt (vgl. Abb. 1), welche auf die Einflussgrößen, die Schnelligkeit allgemein und auf die Komponenten der Handlungsschnelligkeit eingeht.

 

Abb. 1: Strukturpyramide der Handlungsschnelligkeit (nach Brack & Bubeck, 1999, 35) (PDF)

 

Die Komponenten der Handlungsschnelligkeit

Als Fundament der Handlungsschnelligkeit sowie der elementaren Schnelligkeit stehen verschiedene Einflussgrößen. Anlage- und entwicklungsbedingte Einflussfaktoren sind z. B. das Alter, das Geschlecht oder die Genetik. Außerdem haben motorischsensorische Faktoren, u. a. intermuskuläre Koordination (Technik), Antizipation und die Wahrnehmung, einen gehörigen Einfl uss auf die Handlungsschnelligkeit. Nicht zu vernachlässigen ist die psychische Komponente, mit der eine positive Grundstimmung, eine erhöhte Konzentration und Aufmerksamkeit gemeint ist. Intramuskuläre Koordination, DVZ, Ermüdung und Reizverarbeitungsgeschwindigkeit (Rekrutierung, Frequenzierung und Synchronisation) sind neurophysiologische Aspekte und stellen eine weitere Einflussgröße dar. Die anatomisch-biomechanischen Einflussfaktoren, wie z. B. Maximalkraft, Schnellkraft, Proportionen der Hebelverhältnisse, Körpergröße, Körpergewicht und Muskelfaserstruktur, komplettieren die Einfl ussgrößen der Handlungsschnelligkeit bzw. elementaren Schnelligkeit. In der mittleren Ebene sind mit der informatorischen und der motorischen Aktions- und Frequenzschnelligkeit die beiden Komponenten der Handlungsschnelligkeit aufgeführt (vgl. Abb. 1). Die motorische Aktions- und Frequenzschnelligkeit basieren auf Kraft, Ausdauer, Bewegungstechnik und Koordination. Steinhöfer(1) verdeutlicht, dass die motorische Komponente von koordinativen und konditionellen Anteilen geprägt ist. Bei der Koordination wird nochmals zwischen der intramuskulären und intermuskulären Koordination unterschieden. Das Wahrnehmen einer konkreten Spielsituation sowie die Ausführung einer schnellen Bewegung treten im Wettkampf zusammen auf und sind daher nur schwer trennbar. Beide Komponenten sind wichtig, denn eine schnelle aber falsche Aktionsausführung führt nicht zum Erfolg.

 

Charakteristika der Profis

Die besten Tennisspieler der Welt zeichnen sich dadurch aus, sich schnell bewegen zu können und simultan viele Informationen aus der Spielsituation zu erkennen und zu verarbeiten. Dabei wählen sie in kürzester Zeit die wichtigsten Informationen aus und entscheiden sich aufgrund der Erfahrung schnell und richtig. Spielsituationen können anhand weniger Merkmale wahrgenommen und beurteilt werden, Entscheidungsprozesse vollziehen sich deutlich schneller und die Ausführung der Handlung beginnt früher. Hinzu kommt, dass die Genauigkeit der Zielhandlung erheblich höher ist. Bestandteile der informatorischen bzw. kognitiven Komponente stellen die Prozesse der Wahrnehmungs-, der Antizipations- und der Entscheidungsschnelligkeit dar. In der obersten Ebene steht als komplexe Form die Handlungsschnelligkeit mit oder ohne Ball. Von komplexer Form wird deshalb gesprochen, da die Handlungsschnelligkeit nicht nur von motorischen Faktoren, sondern auch von kognitiven Aspekten abhängig ist. Positiv beeinflusst wird diese Schnelligkeitsform von mehrjähriger Bewegungserfahrung, damit bei Problemstellungen instinktiv oder auch routinemäßig gehandelt werden kann.(1)

 

Die Handlungsschnelligkeit als leistungslimitierender Faktor

Eine Umfrage bei 30 deutschen Spitzentrainern (DTB A-Trainer und Diplom-Trainer) zeigt, dass der Schnelligkeit die größte Bedeutung zugeschrieben werden muss. Sowohl in der Kreisklasse als auch in der Weltklasse geben die Trainer an, dass dies die wichtigste konditionelle Komponente darstellt.(3) Die heutigen Spitzensportler zeigen immer wieder, wie wichtig es ist, in extremen Situationen variabel, genau und mit einer hohen Konstanz zu agieren. Unerwartete Gewinnschläge, eine hervorragende Reaktionsfähigkeit und präzise Schläge aus vollem Lauf (gute Gleichgewichtsfähigkeit) werden für den Tennissport immer bedeutender. In einem solchen Fall wird häufig davon gesprochen, dass die Bewegungen sehr ökonomisch und gut koordiniert seien.

 

Der Zeitdruck ist entscheidend

Weber et al.(4) sind zu der Erkenntnis gekommen, dass zirka die Hälfte aller Grundschläge unter Zeitdruck stattfi nden. Bei einem angesetzten Spiel auf zwei Gewinnsätze (Hartplatz) werden im Mittel zirka 55–70 Schläge unter Zeitdruck gespielt. Bei drei Gewinnsätzen steigt die Anzahl auf durchschnittlich 105 Schläge an. Besondere Qualität der Laufschnelligkeit und Präzision treten so verstärkt in den Fokus, da die Zahl der Fehler positiv beeinfl usst werden kann. Verbesserte Antrittschnelligkeit (einschließlich Antizipation) in Kombination mit präziser Beinarbeit kann nicht nur die Zahl bisher unerreichbarer Bälle senken, sondern auch eine Absenkung der Stufenhöhe hinsichtlich des Zeitdrucks bewirken(6). Neben Koordination und Ballgefühl gehört nach Born(5) die Schnelligkeit zu den bedeutendsten Faktoren in der Sportart Tennis. Dies bezieht sich jedoch nicht nur auf die Schnelligkeit der Beine bei Antritten, Sprüngen oder Richtungswechseln, sondern auch auf die Schlagschnelligkeit und die Reaktionsfähigkeit. Aufgrund des immer schneller werdenden Spiels wird die Bedeutung der Reaktionsschnelligkeit zunehmend wichtiger. Gefordert werden viele kurze Sprints, ein Abbremsen vor dem Schlag und ein zügiges Zurückkommen zur Ausgangsposition.

 

Fazit

Das Training der Schnelligkeitsfähigkeit im Tennis muss sowohl unter dem Aspekt der Reaktion als auch dem schnellen Ausführen einer Aktion gesehen werden. Konditionelle und koordinative Aspekte spielen hier eine große Rolle, so dass im Training das spezifische Umsetzen und Vorbereiten der Spieler auf verschiedenen Ebenen geschehen muss. Lineare und nicht-lineare Schnelligkeitsleistungen wie Antritte und Schläge sind wichtige Trainingsziele, zu denen auch das Steigern der Reaktionsfähigkeit zählt. Die Komplexität der Anforderungen erfordert den Einsatz differenzierter Trainingsprogramme auf Basis der leistungsphysiologischen Anforderungen.

 

Tipps für Ihr Training

- Spielnahe und komplexe Bewegungsaufgaben in das Training integrieren.

- Technische, taktische und psychische Fähigkeiten sollten im Training enthalten sein.

- Match- und Trainingserfahrung sind sehr wichtig.

- Zahlreiche Handlungsmuster vermitteln.

 

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Roy Epple

 

Literaturangaben:

1 Brack, R. (2007), Trainingswissenschaft. Institut für Sport- und Bewegungswissenschaft Universität Stuttgart.

2 Steinhöfer, D. (2003), Grundlagen des Athletiktrainings: Theorie und Praxis zu Kondition Koordination und Trainingssteuerung im Sportspiel. Münster: Philippka.

3 Ferrauti, A., Maier, P. & Weber, K. (2006), Tennis Training (2. Aufl .). Aachen: Meyer & Meyer Verlag.

4 Weber, K. et al. (2010). Veränderungen der Weltspitze erfordern Umdenken im Training. Deutsche TennisSport, Bd. 21 (5), S. 4–11.

5 Born, H. P. (2010), Zwei Fliegen mit einer Klappe. TennisSport, Bd. 19, S. 36–37.

6 Epple, R. (2011), Test zur Überprüfung der Handlungsschnelligkeit. TennisSport, Bd. 22, S. 8–15.

 

Fachsprache

Intermuskuläre Koordination – Zusammenwirken verschiedener Muskeln

Intramuskuläre Koordination – Nerv- Muskel-Zusammenspiel eines einzelnen Muskels

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