Trainingsgerät

Balsbike und Swingbike - alternative Ergometer

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Das klassische Fahrrad kennt jeder: Lesen Sie unseren Beitrag zu seinem Verwandten: dem Balsbike!

Das Balsbike, auch Reitrad genannt, ist nicht mit einem klassischen Fahrrad zu vergleichen. In der Nachbehandlung von operativ versorgten Gelenken wird das Sportgerät häufig eingesetzt. Erfahren Sie mehr über das Trainingsgerät!

Der Ingenieur Günter Bals entwickelte bereits in den 70er Jahren eine Art Fahrrad, das nicht allein durch die Muskulatur der Beine bewegt werden sollte, sondern auch andere Muskeln involviert. Im Unterschied zum klassischen Fahrrad beruht der Vortrieb also nicht auf der Umdrehung von Pedalen, sondern vielmehr auf einer Streck- und Beugebewegung des Rumpfs sowie der oberen und unteren Extremitäten. Weil diese Bewegung dem Reiten ähnelt, wurde das Gefährt auch „Reitrad“ genannt und als solches bereits 1978 im Aktuellen Sportstudio im Deutschen Fernsehen vorgestellt.

 

Musste das Fahrrad neu erfunden werden?

Sicher ist das „Balsbike“, wie es heute auch genannt wird, nicht mit einem Fahrrad zu vergleichen, da es nicht als reines Fortbewegungsmittel konzipiert wurde. Schon allein wegen des optimalen Wirkungsgrades und der weiteren Eigenschaften ist der Klassiker unerreichbar. Das Balsbike hingegen verfügt über spezielle physiologische Eigenschaften, die es aus heutiger Sicht interessant erscheinen lassen sich mit diesem Sportgerät erneut auseinanderzusetzen, auch wenn, oder gerade weil sich das Balsbike in den letzen Jahrzehnten nicht sehr weit verbreitete. Insofern geht es nicht darum, einen Vergleich zum Fahrrad zu ziehen, sondern vielmehr die physiologischen Eigenschaften der Ganzkörperbewegung zu betrachten und neu zu bewerten. Es handelt sich also beim Balsbike vielmehr um ein Trainingsgerät und nicht um ein Fortbewegungsmittel. Die Einsatzorte sind sehr speziell, denn gerade aus therapeutischen Gesichtspunkten kann der Einsatz eines solchen Geräts sinnvoll gestaltet werden. Dabei müssen zunächst einmal die physiologischen Grundfragen im Vordergrund stehen. Die biomechanischen Abläufe und damit verknüpfte Vor- und Nachteile in Bezug auf den Bewegungsapparat müssen festgestellt werden. Langfristig sind die Wirkungen zu evaluieren und der Einsatzbereich so neu festzulegen.

 

Was sagt die Wissenschaft?

Untersuchungen zu dieser Form von Trainingsgeräten gab es bereits einige. Eine erste Studie aus dem Jahr 1980 stammt von der Deutschen Sporthochschule in Köln und ist bis dato unveröffentlicht.(1) Im Rahmen einer Spiroergometrie auf einem festmontierten „Swingbike“, das eine lizenzierte Version des Balsbikes der Firma Hercules war, zeigte sich, dass der Puls bei gleicher Sauerstoffaufnahme auf dem Reitrad im Vergleich zum Konditionstrainingauf dem Fahrrad erhöht ist. Dieser Effekt ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass eben ein größerer Anteil von Muskelmasse auf dem Balsbike im Vergleich zum Fahrrad aktiv ist. Auf der Ebene des Energiestoffwechsels, gemessen in Form der Blutlaktatkonzentration, konnte hingegen eine etwas niedrigere Belastung gemessen werden, so dass von einer geringeren metabolischen Belastung ausgegangen werden kann.

 

Auch orthopädische Probleme können behandelt werden

Das Balsbike: Ganzkörpertraining auf 2 Rädern

Bereits in frühen Publikationen wurde auf die Bedeutung der Muskelarbeit auf dem Balsbike hingewiesen. Diesbezüglich wird besonders die Rumpfmuskulatur genannt, da diese hier im Gegensatz zu vielen anderen Ergometern sehr aktiv ist. Im Bewegungsablauf von Bedeutung ist die Anteversion und die Retroversion des Oberarms im Schultergelenk sowie der Muskulatur im Bereich des Knie- und Sprunggelenks.(2) Therapieindikationen für das Balsbike sollen Arthrose im Knie, Ellenbogenluxationen oder Einschränkungen des Hüft- oder Kniegelenks sein. Das Balsbike ermöglicht durch den Einsatz von mehr Muskelmasse ein Herz-Kreislauftraining, das auch zu Veränderungen auf metabolischer Ebene führt.

 

Das Swingbike stationär benutzen

Der gesamte Hinterbau inklusive Sattel  bewegt sich!

Neben der Variante des Swingbikes, die ein Training an der frischen Luft ermöglicht, existiert auch eine Variante, die einem Ergometer gleicht und somit stationär betrieben werden kann. Dieses Gerät eröffnet die Möglichkeit, neben dem aktiven Arbeiten der Muskulatur auch das sogenannte „Continuous passive motion“ durchzuführen, bei dem der Patient auf dem Swingbike passiv bewegt wird. Diese Trainingsform wird insbesondere direkt nach Operationen am Bewegungsapparat eingesetzt, um die Strukturen unmittelbar nach der Behandlung von Verletzungen zu bewegen, ohne jedoch durch aktives Anspannen der Muskulatur größere Kräfte auf die verletzten Strukturen wirken zu lassen.(3) Im Gegensatz zu klassischen Fahrrad-CPM-Geräten, die eine gegenläufige Beanspruchung der unteren Extremitäten bewirken, kann das Swingbike die unteren und die oberen Extremitäten jeweils symmetrisch belasten und zudem den Rumpf bewegen. In der Nachbehandlung operativ versorgter, geschädigter Gelenke kann hierdurch eine interessante Möglichkeit geboten werden, um gerade die Strukturen, die noch mangelhafte Beuge-oder Streckfähigkeit aufweisen, vorsichtig zu bewegen. (Über eine häufige Gelenksverletzung bei Läufern erfahren Sie hier mehr: Sportmedizin: Das Läuferknie)  Verbessert sich die Situation, kann das Swingbike leicht in einen aktiven Modus geschaltet werden, bei dem fortgeschrittene Patienten bereits wieder ihr Herz-Kreislaufsystem trainieren können.

 

Eine Lanze für das Swingbike brechen!

Angesichts des übergroßen Angebots an Freizeitbeschäftigungen und immer neuen Entwicklungen im Fitnessbereich, wie z. B. Skiken, Inline Nordic Skating und anderen Innovationen, konnte sich das Balsbike in den letzen Jahren kommerziell nicht durchsetzen. Angesichts vielfältiger Effekte, gerade für Patienten in der Reha, sowie präventivmedizinischer Aspekte ist das Swingbike eine interessante Alternative, wenn es um den innovativen Einsatz von Ganzkörperbelastungen mit Ausdauerschwerpunkt geht. Möglicherweise lässt sich so ein modernes Therapiekonzept durch ein nicht mehr ganz so neues Ausdauertraining auf einem innovativen Gerät ergänzen. Auch wenn sich einige der Informationen aus verschiedenen Studien sehr positiv anzuhören scheinen, muss kritisch festgehalten werden, dass in der Breite noch weitere Arbeiten notwendig sind. Es müssen demnach die proklamierten Wirkungsweisen und möglichen positiven Effekte beständig evaluiert werden. Gerade in der aktuellen Zeit, in der täglich Fernsehwerbung und Fitnessmessen ständig neue Innovationen vorstellen, die Fitness und Gesundheit in nur wenigen Minuten und ohne Anstrengung versprechen, müssen sich gerade Gerätschaften mit qualitativ hochwertigem Erscheinungsbild und breitem theoretischem Hintergrund auch wissenschaftlich überprüfen lassen. Nur wenn wirklich ein Nutzen zu erwarten ist, können breite Anwendungen und ein weiterer Einsatz empfohlen werden. Im Gegensatz zu vielen Spielereien im Fitnessbereich kann das Balsbike dabei vor allem im therapeutischen Einsatz interessant sein.

 

Training als sitzende Tätigkeit

Dem Fahrradfahren muss zugeschrieben werden, dass es eine sitzende Tätigkeit ist und somit nur geringe Anteile der Gesamtmuskelmasse Arbeiten. Dem Ingenieur Bals gelang es das klassische Fahrrad derart zu modifizieren, dass aufgrund der Beteiligung des Oberkörpers an der Fortbewegung größere Anteile der Muskulatur arbeiten müssen. In diesem Zusammenhang kann aus pragmatischen Gründen eben nicht mehr davon ausgegangen werden, dass es sich beim Balsbike um ein Sportgerät im Sinne der Fortbewegung handelt – allerdings handelt es sich um ein sehr interessantes Trainingsgerät.

 

Dennis Sandig

 

 

Literatur

1. Raschka, C.: Literaturrecherche zur klinischen Bewertung im Konformitätsbewertungsverfahren für die Geräte „Swingtrainer“ und „Relactiver“ nach Bals. Unveröffentlichter Bericht.

2. Schewior Th. (1982): Wirkungsmechanismus des Trainingsgerätes Swingtrainer aus orthopädischer und kreislaufphysiologischer Sicht. DGOT-Kongress, Mainz

3. The Netherlands Journal of Surgery 1985, Bd. 37 (6), S. 191–192

 

Fachsprache

Spiroergometrie – Analsyse der Atemgase zum Feststellen der Sauerstoffaufnahmefähigkeit bzw. des Abatmens von Kohlendioxid.

Anteversion – Bewegen einer Extremität nach vorne, z. B. Heben des Arms.

Retroversion – beschreibt die Rückführung einer Extremität.

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