Trainingslehre

Overspeed-Training

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Bewegungswissenschaftler und Sportler haben die Vorteile von Trainingseinheiten auf dem Laufband diskutiert, seit dieses Gerät an Popularität gewann.

Momentan ist die vorherrschende Meinung, dass das Laufband Läufern eine äußerst intensive, hoch kontrollierte Trainingseinheit bietet (die zusätzliche Steuerung rührt daher, dass Sie am Gerät die genaue Geschwindigkeit einstellen können), dass das Laufband Trainingseinheiten am Berg für Athleten simuliert, die im Flachland leben und somit benachteiligt sind (schließlich kann die Steigung bei den meisten ordentlichen Laufbändern bis auf mindestens 25 % erhöht werden) und dass das Laufband Sportlern die Chance bietet, auch bei schlechten Wetterverhältnissen auf höchstem Niveau zu trainieren.

 

Trainingseinheiten auf dem Laufband haben allerdings auch ihre Nachteile: Viele Athleten empfinden das Laufen auf dem Laufband als biomechanisch verschieden zum normalen Laufen im Gelände. Viele behaupten sogar, dass zu viel Laufbandtraining die Laufökonomie und Laufeffizienz stark beeinträchtigen könne, wenn Sie anschließend auf normalem Untergrund laufen. (Diese Behauptung ist jedoch wissenschaftlich NICHT bewiesen)

 

Entlasten Sie Ihre Füße

Nun ist wieder Bewegung in die Laufband-Debatte gekommen: Einige Befürworter des Laufbands sind der Meinung, man solle regelmäßig auf dem Laufband laufen, ohne die Beine mit dem ganzen Körpergewicht zu belasten (GEWICHTSENTLASTETER Zustand). Sie sollen sich mit schnellen trippelnden Schritten fortbewegen und den Laufgurt kurz berühren, ohne dass die Beine Ihr ganzes Körpergewicht tragen müssen. Im Grunde genommen könnte das hohe Gewicht Ihres Rumpfes von einem (Fallschirm-)Gurtwerk fixiert werden, so dass Ihre Beine frei rotieren – bei einer Geschwindigkeit wie der von Roger Black, dem ehemaligen britischen 400-m-Europameister und Olympiazweiten. Sie würden Ihren Beinen „beibringen“, bei noch nie dagewesenen Geschwindigkeiten zu arbeiten. Dahinter steht die Idee, dass Sie auf einen Teil dieser blitzschnellen Beinarbeit noch zurückgreifen können, wenn Sie sich wieder aufs Laufen auf festem Untergrund konzentrieren.

 

Im Grunde genommen ist so ein gewichtsentlastetes Laufen auf dem Laufband eine Art „Overspeed“-Training. Das bedeutet, dass Sie Ihre Muskeln zwingen, bei höherer Intensität zu arbeiten, als sie das normalerweise tun. Fundierte wissenschaftliche Forschung hat ergeben, dass Overspeed-Training die Wurfgeschwindigkeit bei Baseballwerfern und Bowlern beim Cricket erhöht - bei diesen Sportarten wurde beim Training ein Ball geworfen, der leichter ist als der eigentliche Spielball. Was das Krafttraining angeht, so wird der Schnellkraft durch diese Methode ein Schub gegeben – hier wird „über der Höchstgeschwindigkeit“ trainiert, indem man ein Gewicht, das leichter ist, als die üblich gestemmten, schneller hebt als gewöhnlich. Warum also sollte Overspeed-Training (in ein Gurtwerk schlüpfen und auf einem Laufband wie verrückt loslaufen) nicht auch für Läufer von Nutzen sein?


Sich in ein Gurtsystem zu hängen und die Beine auf dem Laufgurt umherzuschleudern, stellt im Prinzip ein Mittel dar, jene schnellfeuernden Nervenzellen zu trainieren, die Bewegungen steuern und die Aktivität der Beinmuskeln während sehr schneller Kontraktionen koordinieren. Auch wird den Muskelzellen „beigebracht“, bei erhöhten Entladungsraten zu funktionieren. Bewegungsphysiologen nehmen an, es sei einfacher dies zu bewerkstelligen, wenn die Nerven und Muskeln sich nicht gleichzeitig damit abplagen müssten, das ganze Körpergewicht zu stützen (einige Wissenschaftler behaupten sogar, dass die Nerven und Muskeln womöglich niemals lernen, bei extremer Geschwindigkeit zu funktionieren, wenn sie sich damit aufhalten, Gewicht zu tragen. Daher das Grundprinzip des gewichtsentlasteten Laufens auf dem Laufband).

 

Läufer machen das schon seit Jahren

Falls Sie ein wenig verblüfft sind von diesem Gedanken, so vergessen Sie nicht, dass auch wenn gewichtsentlastetes Laufbandlaufen neu ist, Overspeed-Training überhaupt keine neuartige Idee innerhalb der Läufergemeinde ist. Jahrzehntelang haben verschiedene Laufcoaches ihre Läufer dazu ermutigt, einige ihrer Trainingseinheiten auf leicht abschüssiger Strecke durchzuführen, was es leichter macht, bei schnellem Tempo wie eine Rakete abzugehen (dies war eine ziemlich gängige Praxis beispielsweise in Finnland während der Glanzeit von Lasse Viren und anderen großen finnischen Läufern). In jüngerer Zeit sind Läufer „zu schnell“ gelaufen, während sie mit einem Seil, das an die hintere Stoßstange eines Autos angebunden war, „abgeschleppt“, oder von einem großen, langen Gummiband vorwärts gezogen wurden.

 

Gewichtsentlastetes Overspeed-Training auf dem Laufband hört sich soweit ganz ordentlich an, aber wie sieht es mit einigen stichhaltigen Beweisen aus? Nun ja, ein Physiotherapeut namens Malcolm Macaulay von der Universität von Minnesota-Duluth hatte schon jahrelang ein Laufband-Gurtwerk verwendet, um Läufern zu helfen, sich von Verletzungen zu erholen. Dann baten ihn 2 Trainer vor Ort , einigen unverletzten Marathonläufern zu zeigen, wie man sich diese Vorrichtung fürs Overspeed-Training zunutze macht. Anfängliche Versuche mit dem Gurtwerk schienen vielversprechend, da Athleten, die sich am Training mit Gewichtsentlastung beteiligten, 3 Hauptaussagen aufstellten:

  • Einige Athleten berichteten, ihre Laufmechanik hätte sich nach dem Laufen „im Gurtwerk“ radikal verbessert
  • Viele Läufer behaupteten, sie hätten immer das Gefühl gehabt, ihr Beineinsatz während des Laufens sei zu langsam gewesen. Das gewichtsentlastete Training habe ihnen geholfen, die Beingeschwindigkeit schnell und locker zu verbessern
  • Einige Läufer gaben an, nach dem gewichtsentlasteten Training hätten sie das Gefühl, bei anderen Aktivitäten viel schneller geworden zu sein. Ein häufiges Zitat war: „Ich habe das Gefühl, ich bewege mich jetzt viel schneller auf dem Tennisplatz, und meine Beingeschwindigkeit beim Fahrradfahren hat sich auch verbessert.“
  • Macaulay war mit nur vereinzelten Anhaltspunkten nicht zufrieden und führte eine Studie durch, in der 5 männliche Läufer mit überdurchschnittlichem Leistungsvermögen (maximale Sauerstoffaufnahme = 57 ml/kg min) mit Gurtwerk auf dem Laufband liefen und sich so sich auf Halbmarathons und Marathonläufe vorbereiteten. 5 ähnliche Läufer bereiteten sich unterddessen auf dieselben Wettkämpfe vor, aber machten kein gewichtsentlastetes Overspeed-Training. Alle diese Läufer waren erfahren und hatten zuvor schon Marathons bestritten.

     

    2 Mal die Woche schlüpfte die Gruppe der Läufer mit gewichtsentlastetem Training in das Gurtwerk, welches ungefähr 25 % des Körpergewichts trug (so mussten die Beinmuskeln lediglich 75 % des normalen Gewichts tragen), und lief noch nie dagewesene Geschwindigkeiten auf dem Laufband. Genaugenommen war ihr Durchschnittstempo mit dem Gurtwerk um ungefähr 22 % schneller als die durchschnittliche Geschwindigkeit, die sie während des konventionellen Trainings erreichen konnten. Derweil trainierte die Kontroll-(Nicht-Overspeed)-Gruppe auch mit Gurtwerk auf dem Laufband, aber das Gurtwerk trug das Körpergewicht nicht. Sie liefen ihre normalen Trainingsgeschwindigkeiten.

     

    Und das Fazit?

    Unglücklicherweise lieferte das gewichtsentlastete Training keinesfalls gewichtige Ergebnisse. Training mit Gewichtsentlastung verbesserte die Laufökonomie, verglichen mit normalem Laufen, nicht. Es ergaben sich auch keine schnellere Laufzeiten für 1,6 km oder 5 km.(1)

     

    Davon nicht abgeschreckt denkt Macaulay immer noch, dass Training mit dem Gurtwerk für viele Läufer gut geeignet ist. „Eine der Schwierigkeiten bei unserer Studie ist, dass wir die gewichtsentlasteten und die gewichtsbelasteten Läufer bei ähnlich wahrgenommenen Anstrengungen während ihrer Tempo-Trainingseinheiten trainieren ließen. Wenn wir die gewichtsentlasteten Läufer dieselben Herzfrequenzen oder Sauerstoffverbrauchsraten hätten erreichen lassen, wie die Athleten ohne gewichtsentlastendes Gurtwerk, wären die Ergebnisse womöglich anders ausgefallen“, argumentiert er.

     

    „Gewichtsentlastetes Laufen bietet Läufern und anderen Athleten eine Möglichkeit, Ausdauer und Tempo bei geringerem Verletzungsrisiko zu verbessern“, sagt Macaulay. „Es ist auch für Anfänger nützlich, da es Laufen mit weniger Gelenkverletzungen ermöglicht.“ Das stimmt sicherlich, aber wir müssen noch abwarten, ob das Anlegen eines Gurtwerks wirklich dabei hilfreich sein kann, die Schnellkraft der Beine zu steigern!

     

    Owen Anderson
     

    Quellenangaben:

  • „Die Wirkung von Overspeed-Laufbandtraining mit Gurtwerk auf die Laufökonomie und Leistung“/ „Effect of Overspeed Harness Supported Treadmill Training on Running Economy and Performance,“ Medicine and Science in Sports and Exercise, Band 27 (5), Beiheft, 1995
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