Coaching

Trainingsmythen und Trainerwahn

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Viele veraltete Methoden werden noch heute ohne aktuelle wissenschaftliche Prüfung angewendet.

Coaching, d. h. Andere zu trainieren, ist eine Kunst. In seinem nachdenklich stimmenden Artikel erläutert Tom McNab, warum Trainer sich öfter auf die Wissenschaft stützen und weniger den neuesten Trends folgen sollten.

Das Buch „Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds” (Außergewöhnliche populäre Irrtümer und der Massenwahn) sollte eine Pflichtlektüre für alle Trainer sein. Es ist ein Buch von Charles Mackay aus dem Jahr 1841. Darin beschreibt er, auf welche verrückten Einfälle die Menschheit im Laufe der Jahrhunderte gekommen ist. Beispiele hierfür sind der Südsee-Börsenschwindel, die Tulipomanie (die Tulpe als Spekulationsobjekt) und die Kreuzzüge. Die Liste der Verrücktheiten, auf die sich Menschen schon eingelassen haben, ließe sich noch beliebig verlängern.

Auch die Leichtathletik, insbesondere der Laufsport, blieb hiervon nicht verschont. Damals, bevor das Coaching aufkam, und selbst in den ersten Jahren des Coachings, war dies durchaus verständlich und entschuldbar, denn bis dahin hatte man den Sport nur selten wissenschaftlich betrachtet. In der heutigen Zeit ist dies jedoch nicht mehr zu entschuldigen. Heute lässt sich jede neue Technik oder Trainingsmethode irgendwie wissenschaftlich überprüfen.

 

Frühere (und heutige) Irrtümer

Interessant ist es, einmal rückblickend zu betrachten, welche Irrtümer es früher gab, und zu vergleichen, welche sich bis heute gehalten haben. Doch längst nicht alle Ideen und Vorstellungen waren falsch. In manchen Fällen wurden richtige Trainingsmethoden einfach nur falsch angewendet. Ich hoffe, dass sie in ihrer Gesamtheit ein Bild von den falschen Denkweisen vermitteln können, die neuen Trainingsmethoden oftmals anhaften:
 

1. Schwitzen und Entschlacken

Diese Methode war sehr beliebt, denn man hielt sie für leistungsfördernd. Erste Anwendungshinweise hierzu findet man schon in Dokumenten aus dem Jahr 1700. Immerhin folgten das Schwitzen und Entschlacken der medizinischen Theorie des 18. Jahrhunderts, in deren Mittelpunkt die „Viersäftelehre“ (schwarze Galle, gelbe Galle, Schleim und Blut) stand. Diese Methode hielt sich aber auch dann noch, als die Denkweise des Mittelalters in der Medizin längst als überholt galt. Sogar Mitte des 20. Jahrhunderts wurde sie noch von Profiläufern und Fußballern angewendet!

 

2. Flüssigkeitsentzug

Im 19. Jahrhundert war der Flüssigkeitsentzug als Mittel zur Gewichtsreduzierung sehr verbreitet. Nach Aussage von Joe McGhee, Marathongewinner der Commonwealth-Spiele 1954, wurde sie sogar in den späten 1950er-Jahren noch angewendet. Damals riet man sogar bei Marathonläufen von einer Flüssigkeitszufuhr ab.

 

3. Intervalltraining

Das Intervalltraining wurde in den späten 1930er-Jahren von dem Deutschen Woldemar Gerschler entwickelt, der nach dieser Methode den Läufer Rudolf Harbig trainierte. Harbig lief 1938 die 800 m in 1:46:6 Minuten. Gerschlers ursprüngliches Intervalltraining basierte auf wissenschaftlichen Grundsätzen und war im Prinzip ein Krafttraining für das Herz. Anfang der 1950er-Jahre übernahmen britische und andere Trainer diese Methode. Sie wandten sie auf eine Vielzahl anderer Disziplinen an, von Sprint bis Langstrecke, jedoch ohne entsprechende Modifizierung. Und genau hier lag das Problem: in der Annahme, dass das Intervalltraining ein allgemein gültiges „wissenschaftliches“ Patentrezept sei. Auf diese Fehlinterpretation trifft man auch heute gelegentlich noch.

 

4. Zirkeltraining

Diese Art des Krafttrainings mit progressiver Belastungssteigerung bei geringer Intensität wurde in den 1950er-Jahren von den britischen Sportpädagogen Morgan und Adamson entwickelt. Das Zirkeltraining besteht aus Übungen, die mit einer hohen Zahl von Wiederholungen und über eine Dauer von bis zu 90 Minuten oder länger durchgeführt werden. Das Zirkeltraining war immer nur dafür gedacht, eine allgemeine grundlegende Fitness zu erreichen. Eine konkrete Relevanz für bestimmte Wettkämpfe oder trainierte Sportler war schon immer fragwürdig. Diese Trainingsart eignet sich durchaus zur Stärkung bestimmter Muskelgruppen und generell für die Ausdauer und trainiert (bei Nichtsportlern) in gewissem Umfang auch die Maximalkraft. Das Kernproblem hierbei lag jedoch schon immer in der mangelnden Spezifität.

Seit 1957 wurden diverse Varianten des Zirkeltrainings entwickelt. Doch es gab kaum Untersuchungen darüber, ob diese Varianten für bestimmte Wettkämpfe auch einen Nutzen haben. Und obwohl es keine physiologischen Ansatzpunkte gibt, die für eine solche Trainingsform sprechen, stieß ich gerade in jüngster Zeit auf einige Fälle, in denen auf nationaler Ebene startende Sprinter angewiesen wurden, mit Widerstand oder ganz leichten Gewichten eine Minute lang Übungen und dann eine Minute Pause zu machen. Es ist wirklich unglaublich, dass diese sportunspezifische Art von Zirkeltraining auch im 21. Jahrhundert als Wettkampfvorbereitung verwendet wird.
 

5. Sandläufe

Hiermit arbeitete der exzentrische australische Trainer Percy Cerutty oft und gerne. Insbesondere bei Herb Elliot, einem begnadeten Läufer, der bei den Olympischen Spielen 1960 die 1.500-m-Strecke gewann. Die Folge war, dass Anfang der 1960er-Jahre auf der ganzen Welt Läufer an den Strand oder in Sandgruben strömten. Das war jedoch vergebene Liebesmüh und führte nur zu vermehrten Verletzungen der Achillessehne! Der Grund, warum Cerutty hauptsächlich Sandhügel nutzte, liegt klar auf der Hand – er hatte einfach keine andere Trainingsmöglichkeit. Hätte er einen Sportplatz in der Nähe gehabt, hätten wir wahrscheinlich nie etwas von Sandläufen gehört. Dies heißt allerdings nicht, dass gelegentliche Workouts im Sand nicht auch ihre Berechtigung haben, z. B. zur Kräftigung der Fußmuskulatur. An diesem Beispiel wird deutlich, dass es keine „Wundermittel“ gibt und dass Trainer sich den Umständen anpassen und die sich ihnen bietenden Möglichkeiten nutzen müssen.
 

6. 160 km pro Woche

So wie die Sandläufe lässt sich auch das Training mit sehr hohem Laufpensum auf einen bestimmten Trainer zurückführen, den Neuseeländer Arthur Lydiard. Er war der Trainer von Peter Snell, der bei den Olympischen Spielen 1964 die Goldmedaillen über 800 m und über 1500 m gewann. Vor einigen Jahren hatte ich ein längeres Gespräch mit Snell. Bei der Gelegenheit erzählte er mir, dass er, soweit er sich erinnern konnte, kein einziges Mal 160 km in einer Woche gelaufen sei. Dazu bestand auch keine Veranlassung, denn die beiden Disziplinen, in denen er antrat, erforderten eine schnelle Grundgeschwindigkeit und große Kraftausdauer. Auf Eigenschaften, die bei Langstreckenläufen gefordert sind, kam es für ihn gar nicht an.

Wie man weiß, fördert ein längeres Ausdauertraining, wie z. B. Langstreckenläufe bei langsamem Tempo über 2 Stunden oder länger, die Entstehung von Mitochondrien. Dies wiederum erhöht die aerobe Kapazität und die Ausdauer. Das ist allerdings eine recht einseitige Betrachtung des Trainings. Studien, die sich mit dem Laufpensum beschäftigen, belegen alle, dass die Verletzungsrate ab einer Laufleistung von 80 km pro Woche steil ansteigt. Langsames Laufen über lange Strecken wirkt sich zudem auch negativ auf die schnellen Muskelfasern aus. Alle großartigen Läufer wie Snell zeichnen sich hingegen durch eine sehr hohe Grundgeschwindigkeit aus. Peter Snell z. B. lief die 400 m in 47,7 Sek. Leider wird die Entwicklung der Grundgeschwindigkeit beim Langstreckentraining häufig vernachlässigt.
 

7. Speedballtraining

Anfang der 1970er-Jahre trieb eine schottische „Profi-Schule“ die Buchmacher fast in den Ruin. Scheinbar konnte sie innerhalb weniger Monate aus mittelmäßigen Läufern Champions machen. Die Schule kombinierte Speedball (eigentlich ein altmodischer Punching-Ball) mit Tausenden von „Chinnies“, einer uralten und von Profiboxern heiß geliebten Übung für die Bauchmuskeln. Ich war einmal Zeuge der Begegnung zwischen einem schottischen Trainer, der ein absoluter Befürworteter des Speedballtrainings war, und dem damaligen Nationaltrainer im Boxen, der Speedball als Trainingsmethode im Boxen und erst recht in der Leichtathletik komplett ablehnte. Die Begeisterung für das Speedballtraining beschränkte sich allerdings nicht nur auf die Voodoo-Welt schottischer Leistungssportler. Auch andere Cheftrainer auf nationaler Ebene waren begeisterte Anhänger dieser Trainingsart. Aber ich werde die Betroffenen lieber schonen und hier keine Namen nennen.
 

8. Passives Stretching

Ich möchte betonen, dass es sich hierbei nicht um das Aufwärmen und Mobilisieren handelt oder um ein therapeutisches Stretchen, wie es von Physiotherapeuten durchgeführt wird. Es geht auch nicht um das Stretching nach dem Training, das für die Regeneration erwiesenermaßen durchaus sinnvoll ist. Was ich bezweifle, ist, dass ein umfangreiches passives Stretching im Hinblick auf die Verletzungsprävention von Nutzen ist. Dieser Aspekt war bislang noch nicht wissenschaftlich untersucht worden. Jetzt liegen jedoch Untersuchungen hierüber vor, und die sprechen deutlich dafür, dass passives Stretching keinen Schutz bietet, sondern sogar Schäden am Muskelgewebe hervorrufen kann. Selbst eine absolute Zufallsstudie bei Ballett-Tänzern würde ergeben, dass deren Verletzungsrate trotz des vielen Stretchings, das sie machen, wahrscheinlich sogar höher ist als die von Leichtathleten. Viele Trainer, die Verfechter des passiven Stretchings sind, lassen jedoch völlig außer Acht, dass Muskeln synergistisch arbeiten und in harmonischem Zusammenspiel kontrahieren und entspannen. Muskeln bereiten Sie am besten auf eine bestimmte Aktivität vor, indem Sie die Bewegungen dabei (oder zumindest wesentliche Teile davon) mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten ausführen.

 

Wie zu Beginn schon gesagt,

möchte ich nicht alle hier beschriebenen Methoden abwerten. Einige (wie das Intervalltraining und das lange Laufpensum von 160 km pro Woche) wurden einfach nur zweckentfremdet oder falsch angewendet. Andere, z. B. das Zirkeltraining (das für weniger gut Trainierte durchaus von Nutzen ist), müssen als Trainingsform für hochtrainierte Sportler ernsthaft in Frage gestellt werden. Manche, wie z. B. der Speedball, sind einfach nur Schwachsinn. Das Problem ist, dass alle irgendwann einmal als „Bibel“ betrachtet wurden. Daher stellt sich natürlich die Frage, wie viele unserer derzeit allgemein anerkannten Trainingsmethoden einer ernsthaften wissenschaftlichen Untersuchung überhaupt standhalten können.

 

Trainingstransfer …

Ich bin überzeugt, dass man anhand der Übungen, die ein Trainer seine Sportler machen lässt, sehen kann, welchen Trainerkurs der Trainer zuvor belegt hat. Ob eine Übung für den großen Zeh, für die linke Augenbraue oder eine von Professor Alucard von der transsilvanischen Universität entwickelte Übung für den Zeigefinger – solche Sachen werden von Trainern nur deshalb übernommen, weil sie zum Inbegriff der Lehre wurden. Diese Übungen werden nur in Ausnahmefällen einmal überprüft. Das kommt oft daher, dass die Trainer glauben, die Übungen könnten gar nicht falsch sein – denn schließlich wurden sie entweder von einer damaligen Berühmtheit oder vom Trainer eines prominenten Sportlers empfohlen.

Etwa eine Woche nach einem Kurs schießen Mutationen dieser Übungen wie Pilze aus dem Boden. Viele unterscheiden sich von der Originalübung. An diesem Punkt muss ich jetzt allerdings Farbe bekennen. Ich habe nämlich jahrelang die Laufübungen des verstorbenen Bud Winter (eines ehemaligen US-amerikanischen Leichtathletiktrainers) eingesetzt und weiterentwickelt. Mithilfe dieser Übungen konnte sich der britische 100-m- Läufer Greg Rutherford innerhalb von 2 Jahren von 11,50 auf 10,38 Sekunden verbessern. Aber hierbei handelte es sich auch nicht um isolierte, von der jeweiligen Disziplin losgelöste Übungen. Es waren vielmehr fokussierte Übungen, die alle in Relation zur tatsächlichen Situation bei Laufwettkämpfen standen.
 

… und „praxisnahe Übungen“

Bei effektiven Übungen findet immer ein Trainingstransfer statt. Daher sollte man sie eigentlich besser als „praxisnahe Übungen“ bezeichnen. Nehmen wir einmal an, eine Übung sei geeignet und werde sportspezifisch angewendet. Effektiv ist sie jedoch nur dann, wenn sie so bald wie möglich im eigentlichen Bewegungsablauf ausgeführt wird, damit ein nutzbringender Transfer stattfinden kann. Stattdessen beobachten wir häufig, dass auf dem Trainingsplatz Sportler, die über unterschiedlichste Fähigkeiten verfügen, alle nach demselben Schema „gedrillt“ werden. Aus unerklärlichen Gründen machen alle dieselbe Anzahl von Wiederholungen. Dies erfolgt jedoch isoliert und ohne rechtzeitige Übertragung auf die jeweilige Disziplin!

Hierfür gibt es zahlreiche Beispiele. Ich erinnere mich, dass man in den späten 1950er-Jahren versuchte, mit Übungen an Land das Schwimmen beizubringen. Die Tatsache, dass ich trotzdem nicht schwimmen konnte, als ich dann im Wasser war, kümmerte meinen Schwimmlehrer kein bisschen. Er hatte mir gezeigt, wie es geht. Wenn ich dann trotzdem noch nicht schwimmen konnte, lag das ganz allein an mir!

 

Betrachten wir zum Beispiel einmal den Fußball. Dazu hat der holländische Trainer Coerver eine Reihe von Ballübungen für Kinder entwickelt: den „Cruyff-Übersteiger“, den „Ronaldo-Shuffle“ und noch viele andere. Coerver versucht jedoch, diese Minifähigkeiten so früh wie möglich in 2-gegen-2-Spielen und kleinen Turnieren zu trainieren, um einen effektiven Transfer zu erreichen. Ohne diesen Transfer bleiben sie nur sterile Übungen und haben wenig praktischen Nutzen.

Dabei will ich gar nicht abstreiten, dass die meisten Übungen einen Nutzen haben. Ich möchte hier lediglich monieren, dass so viel Zeit damit verbracht wird (insbesondere bei Anfängern). Außerdem möchte ich betonen, dass unbedingt ein Transfer stattfinden muss und dass neue Übungen auf jeden Fall einer eingehenden technischen Überprüfung unterzogen werden sollten. Jede Sekunde, die wir als Trainer mit einem Sportler verbringen, muss einen berechtigten Zweck und messbaren Nutzen haben.

Wolfgang Schmidt, ein Diskuswerfer aus der ehemaligen DDR, soll angeblich eingeräumt haben, dass er Trainern, die neue Techniken kennen lernen wollten, immer Dutzende von Diskusübungen vorgestellt hätte. Er selbst habe allerdings immer nur 2 dieser Übungen praktiziert. Dies erklärte er damit, dass er den Trainern einfach nur das gegeben habe, was sie wollten. Und alles, was sie wollten, war eine Sammlung neuer Übungen, die sie mit nach Hause nehmen konnten! (Coaching)

 

Zusammenfassung

Wer von der „guten alten Zeit“ spricht, beweist eigentlich nur, dass er ein schlechtes Gedächtnis hat. Aber in der Vergangenheit besaßen Nationaltrainer in Bezug auf neue Ideen zumindest immer eine Filterfunktion. Heutzutage (dies gilt zumindest für Großbritannien) gibt es keine Verbindung mehr zwischen unseren ehrenamtlichen Trainern und den auf internationaler Ebene agierenden Trainern, die tatsächlich in der Lage sind, neue Methoden auf ihre Zweckmäßigkeit hin zu überprüfen. Es spricht jedoch nichts dagegen, dass Trainer sich eigene Filtersysteme schaffen und neue, moderne Übungen und Trends nach alter Väter Sitte wissenschaftlich überprüfen. Trotzdem möchte ich nochmals darauf hinweisen, dass das Trainieren keine Wissenschaft, sondern eine praxisbezogene Tätigkeit ist. Inwieweit wir als Trainer Erfolg haben, hängt davon ab, wie wir wissenschaftlich getestete Methoden anwenden. Aber es muss auf jeden Fall irgendjemanden oder irgendetwas geben, der oder das uns vor weiteren Speedballtrainingsmethoden bewahrt und Zeigefingerübungen, wie die von Dr. Alucard, überprüft!

Tom McNab ist ehemaliger Cheftrainer der englischen Leichtathletik-Nationalmannschaft und schreibt über das Coaching im Sport und Sportunterricht

Quellenangaben

1. JAMA. 1982 Dez. 248 Auflage, 23. Ausgabe, S. 3118- 31121

2. American Journal Sports Medicine, 1993, 21. Ausgabe, S. 711-719



 

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