Fußball Taktik

Fußball Coaching: Taktikanalyse des FC Barcelona – Teil 2

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Das Tiqui-Taca zeichnet den FC Barcelona im Besonderen aus.

Im 2. Teil der Taktikanalyse des FC Barcelona stellen wir das spezielle Passspiel und das dafür grundlegende Positionsspiel in den Mittelpunkt. Außerdem behandeln wir das Pressingspiel, aber auch die Fähigkeiten zum schnellen Konter. Auch Schwächen und Entwicklungen werden in den Blick genommen. 

Pass- und Positionsspiel

Es ist das Merkmal schlechthin, das die Mannschaft um Messi so auszeichnet und eben von anderen Teams so sehr abhebt: das Tiqui Taca, das herausragende Passspiel! Jedoch beschreibt das Tiqui Taca nicht ausschließlich das Passspiel, die Basis für das reibungslose und so leicht erscheinende Funktionieren dieser „Magie mit dem Ball“ ist ein auf höchstem Niveau stattfindendes Positionsspiel. Nur dadurch ist es möglich, dass beinahe jeder katalanische Spieler in Ballbesitz mindestens zwei, meist sogar drei, vier oder fünf Anspielstationen hat. Diese Fülle an Möglichkeiten, Mitspieler in Szene zu setzen, macht das Spiel dieses Teams so unausrechenbar, so schwer zu verhindern bzw. einzuschränken.

Egal in welcher taktischen Formation Pep Guardiola auch spielen lässt, sei es das typische 4-3-3, das 3-4-3 oder auch das 3-3-4 wie zum Beispiel beim Rückspiel gegen den AC Mailand im Champions League Viertelfinale, eines stimmt so gut wie immer: das Positionsspiel. Wichtig hierbei ist nicht, welcher Spieler welche Position besetzt, sondern dass jede Position im taktischen Konzept besetzt ist, egal von wem. Die Spieler müssen also eine taktische Orientierungsfähigkeit aufweisen. D. h. ein Spieler muss im Techniktraining ein Raumverständnis entwickeln, dass ihn in jeder Spielsituation in die richtige Beziehung zu den Mitspielern, zu den Gegnern, zum Ball und zu den Toren stellt. Das ist die Fähigkeit, die beim FCB jeder Spieler nahezu perfektioniert hat. Jeder weiß, wie er sich in der jeweiligen Situation zu verhalten hat und zwar im Zusammenspiel mit allen situativen Einflüssen. Eben erst dann ist es möglich, dem ballführenden Spieler eine Fülle von Spielmöglichkeiten zu eröffnen.

Diese Möglichkeiten werden mit schnellem, präzisem und meist flachem Passspiel genutzt. Jeder Pass eröffnet eine neue Spielsituation, welche wiederum durch perfekte Aufteilung nahezu optimal gestaltet wird.

 

Offensives Gegenpressing

Fragt man in Barcelona nach dem Defensivkonzept, so erhält man die Antwort: behalte immer den Ball in den eigenen Reihen, versuche ihn nicht zu verlieren! Manchmal aber verliert auch Barca den Ball. Ein für das folgende Pressing ausschlaggebendes Merkmal der Ballverluste von Sanchez und co. ist, dass sie zumeist tief in der gegnerischen Spielhälfte stattfinden. So kann die Abwehrformation extrem hoch stehen bleiben, es folgt ein sofortiges, aggressives Gegenpressing. Das Pressingspiel, das Guardiola spielen lässt, ist allerdings nicht darauf angelegt, den Ball im Zweikampf zurückzuerobern. Vielmehr versucht seine Elf tief in der gegnerischen Hälfte alle Passwege zuzustellen, sodass nur noch eine mögliche Option bleibt. Auf diese Option wird dann gelauert. Spielt der gegnerische Spieler den provozierten Pass, wird dieser abgefangen und die Offensivmaschine läuft sofort wieder an. Viele Gegner reagieren auf dieses Pressing auch mit einem langen Befreiungsschlag, der dann von Barcelona in der eigenen Hälfte aufgenommen wird. Die Antwort darauf ist dann wieder der typische Spielaufbau beginnend beim Torhüter oder den Innenverteidigern.(Der Innenverteidiger - ein heimlicher Spielmacher)

 

Konterspiel

Der Begriff Konterspiel im Zusammenhang mit dem FC Barcelona, der Mannschaft, die jedes Spiel dominiert und weit über 70% Ballbesitz sein Eigen nennen kann, klingt im ersten Moment befremdlich. Es gibt jedoch in jedem Match Situationen, in denen sich auch die Fähigkeit zeigt, einen schnellen, überfallartigen Angriff zu spielen. Beispiele sind hierfür Balleroberungen nach gegnerischen Ecken oder Freistößen. Dann schaltet die Mannschaft extrem schnell um. So gut wie immer greifen sie in der „ersten Welle“ (ein Begriff aus dem Handball, wie in Teil 1 der Taktikanalyse so auch hier der Rückgriff auf diese Sportart) zu viert oder zu fünft an, während der Rest geordnet nachrückt. Der ballführende Spieler macht Tempo, die Offensivspieler halten das Spiel sehr breit, besetzen die Flügel. Auch das Sturmzentrum ist besetzt. Die verteidigende Mannschaft, die beim extrem schnellen Gegenangriff nur mit wenigen Spielern hinter dem Ball ist, muss somit sehr viele Gegenspieler auf sehr großem Raum verteidigen. Geht es Richtung Sechzehnmetermarkierung, rücken die Flügelspieler ca. bis an die Ecken des „16ers“ ein. Der Ball läuft wie immer schnell und präzise aber auch zielstrebig zum gegnerischen Tor.

 

Hat dieses Team Schwächen?

Scheint das Spiel von Barcelona auch perfekt zu sein, so ist gerade die Spielzeit 2011/12 ein Beleg dafür, dass auch dieses Team nur aus Menschen besteht und somit auch Schwächen aufweist. In der spanischen Primera Division haben die Katalanen zwar erst zwei Niederlagen zu Buche stehen, jedoch mussten sie sich schon sechsmal die Punkte teilen. Der anstehende „El Clasico“ ist angesichts der vier Punkte Rückstand auf den Erzrivalen Real Madrid wohl die letzte Möglichkeit, nochmals am Titel zu kratzen. Im Halbfinalhinspiel der Champions League half Chelsea, wenn auch mit Glück, der Weltöffentlichkeit zu zeigen, dass auch die Spanier schlagbar sind.

 

Fazit

Das Tiqui Taca ist eine Form des Fußballs, die Ballbesitz und das Beherrschen des Gegners über alles setzt. Zu oft allerdings in dieser Saison, wie an der Stamford Bridge in London, übertreibt das Team dieses Spiel. So vergeben sie häufiger Großchancen, indem sie den Ball nochmals querlegen, ihn lupfen oder noch schöner im Tor unterbringen wollen. Diese Fahrlässigkeit wird in engen Partien bestraft. Es ist ihre Verspieltheit, die Kunst, die sie schaffen, die manchmal auch zur Gefahr für ihren Erfolg werden kann. Kunst ist nicht immer effektiv, aber unheimlich schön.

 

Benjamin Götz

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