Trainingsplanung

Aha-Erlebnisse im Training: Tendinitis oder Tendinosis?

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Michael Boyle beim Functional Training Summit in München.

Manchmal sind es die kleinen Momente, die uns in der Praxis weiterhelfen. Michael Boyle, US-Coach und Autor von "Functional Training", hat in einem zweiteiligen Artikel sechs persönliche Aha-Erlebnisse zusammengestellt. Lesen Sie heute die ersten drei.

Aha Nr. 1: Tendinitis und Tendinosis 

Die meisten Menschen, die glauben, sie hätten Tendinitis, haben in Wirklichkeit Tendinosis. Eine chronische Tendinitis gibt es nämlich nicht. Entweder handelt es sich um eine akute Entzündung, dann ist es eine Tendinitis. Oder aber der Zustand ist chronisch und dann ist es eine Tendinosis. Wer also beispielsweise chronische Schulterschmerzen hat, der hat Tendinosis. Das bedeutet, dass aufgrund chronischer Überlastung und ineffektiver Erstbehandlung eine Strukturveränderung in der Sehne stattgefunden hat. Es bedeutet auch, dass mit Eisbehandlung und Entzündungshemmern nichts mehr auszurichten ist, weil nämlich keine Entzündung mehr vorliegt. Der Physiotherapeut Dr. Donnie Strack warnt sogar vor einer langfristigen Gabe von entzündungshemmenden Mitteln, weil diese die Sehne weiter schwächen und damit einer Heilung entgegenwirken.

Aha Nr. 2: Zur Behandlung von Sehnenentzündungen 

Die Behandlung von Weichgewebe bei Sehnenentzündungen oder auch chronischen Sehnenverletzungen soll einen ähnlichen Effekt wie Krafttraining haben: Der Therapeut will das Gewebe stimulieren, um eine chemische Reaktion zu bewirken, die die Heilung einleitet. Hierbei ist wichtig zu wissen, dass Schmerzen bei der Behandlung sogar erwünscht sind. Nur wenn die Behandlung intensiv genug ist, erzielt man die gewünschte Reaktion des Gewebes. Der Schmerz fühlt sich ähnlich an wie Muskelkater und sollte nach einigen Tagen verschwunden sein. Zu Schwellungen oder Bewegungseinschränkungen darf es in der Folge aber nicht kommen. Es spielt zunächst einmal keine Rolle, in welcher Form das Gewebe stimuliert wird und welche Behandlungsbezeichnungen dafür verwendet werden. Der Masseur nennt es Tiefenmassage, der Physiotherapeut Mobilisation und der Chiropraktiker Manipulation. Alle Therapieformen können helfen. Die Behandlung regt den Fibroblast zum Wachstum an, was wahllos ausgerichtetes, unreifes Typ 3 Kollagen - wie es in Tendinosis vorkommt - in stärkeres, parallel ausgerichtetes Typ 1 Kollagen umwandelt. Bisher bin ich immer meinem Grundsatz treu geblieben, dass Bewegungen niemals wehtun dürfen. Ich stelle Athleten immer eine Frage, die sie klar mit ja oder nein beantworten müssen: Haben sie bei der Bewegung Schmerzen oder nicht? Ja bedeutet: Training abbrechen. Hier ist eine Ausnahme der Regel: In der Rehabilitation beziehungsweise Konditionierung von Tendinitis/Tendinosis soll der Athlet nämlich Schmerzen verspüren. Dr. Strack betont explizit, dass der Athlet sogar Schmerzen verspüren muss, will man eine chemische Reaktion hervorrufen. Gewicht beziehungsweise Wiederholungszahl muss so ausgewählt werden, dass der Athlet in der Folge einige Tage lang Muskelkater verspürt.

Aha Nr. 3: Das Wolffsche Gesetz der Transformation von Knochen 

Das Wolffsche Gesetz wurde vom Berliner Anatom und Chirurgen Julius Wolff (1835–1902) im 19. Jahrhundert aufgestellt. Es besagt, dass sich der Knochen einer gesunden Person aufbaut und an Festigkeit zunimmt, wenn er belastet wird. Der äußere kortikale Anteil des Knochens wird unter steter Belastung immer dicker. Wird der Knochen hingegen nicht oder nur wenig belastet, baut er sich ab, weil er so für den Stoffwechsel leichter zu versorgen ist. Wolff konnte mit seiner Forschung zeigen, dass der Knochen sich in seiner Form an die Funktion anpasst und bei dauerhafter Entlastung degeneriert. Ein Facharzt für plastische Chirurgie erklärte mir in diesem Zusammenhang, dass er in manch extremen Fällen sogar ein Wadenbein (das ist ein relativ dünner Knochen ohne Stützfunktionen) in den Oberschenkel transplantiert hat, um den Oberschenkelknochen zu ersetzen. Im Laufe der Zeit nahm dieser dünne Knochen dann die Form und Stärke des Oberschenkelknochens an. Dies zeigt deutlich, dass im Körper nicht nur Muskeln, Sehnen und Knorpel unter Belastung stärker werden, sondern dass dieses Gesetz auch für Knochen gilt. Wissenschaftliche Studien haben ergeben, dass Sportler dickeren Hyalinknorpel haben als Nicht-Sportler. Dieser Knorpel schützt ihren Körper vor Arthrose.

Weitere Aha-Erlebnisse von Michael Boyle lesen Sie in Teil 2 Aha-Erlebnisse im Training: Verkürzte Muskulatur und Synergisten.

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