Fitnesstraining

Core Training - Ein Mythos kritisch hinterfragt

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Was steckt hinter dem Trend zum Coretraining?

Aber was leistet das Core-Training wirklich? Welche Wirkungen und Effekte kann ein Training der Rumpf-Muskulatur bewirken? Handelt es sich bei den angenommen Wirkungen um tatsächlich nachweisbare Effekte?

In den letzten Jahren hat sich das „Functional Training“ im Leistungs- und Breitensport weit verbreitet. Innerhalb dieser Trainingsform werden insbesondere Trainingsübungen propagiert, mit deren Hilfe die Stabilität der Rumpfmuskulatur erhöht und die Kraft der Rumpfmuskulatur gesteigert werden soll. Das „Core-Training“ wird dabei von den Vertretern des „Functional Trainings“ als besonders wichtig angesehen. So hat einer der bekanntesten Trainer, Mark Verstegen, zahlreiche Bücher zum Core-Training für verschiedene Sportarten von Fußball bis hin zum Golf publiziert.

 

Was ist Core-Training?

Mark Verstegen muss im Zusammenhang mit „Core“ und „Core Training“ in einem Atemzug genannt werden. Seiner Arbeit in den Trainingszentren seiner Firma „Athletes Performance“ und den damit verbundenen Publikationen ist die Verbreitung des Begriffs zu verdanken. Core soll dabei den „Körperkern“ bezeichnen und gilt laut Verstegen als Zentrum der Körperkraft. Erst ein starker Rumpf und gut trainierter Core soll Leistungen auf höchstem Niveau überhaupt möglich machen. Die zugrunde liegenden Erklärungen klingen auf den ersten Blick logisch: Wenn beim Laufen oder Werfen Kraftimpulse erzeugt werden, ist der Rumpf das Zentrum für den „Übertrag“ der Kräfte. Allerdings sind derartige Behauptungen aufgrund des komplexen Zusammenwirkens der Regelmechanismen des neurophysiologischen Systems zu hinterfragen: Kann es einen isolierten „Core“ in der Betrachtung überhaupt geben? Wenn ja, welche Muskeln sind denn dem „Core“ zuzuordnen? Eine Antwort auf diese Frage kann es nur unter Berücksichtigung der individuellen Stärken und Schwächen eines Sportlers sowie der zu Grunde liegenen sportartspezifischen Bewegunsanforderungen geben.

 

Core-Stabilität ist nicht entscheidend!

Eine Studie der Universität Wuppertal ging der Frage nach, ob die Stabilität der Rumpfmuskulatur, die dem „Core“ zugeschrieben wird, entscheidend für die Sprint-, Kraft- und Ausdauerleistungsfähigkeit ist.(1) In ihrer Untersuchung wurden 24 Spieler der 1. Fußball-Bundesliga analysiert. Getestet wurde die Maximalkraft (Einer-Wiederholungsmaximum) der Beinstreckerkette und der Brust-/Armstrecker. Außerdem wurden ein Sprungtest und Sprinttests über 5 m, 30 m und ein 22 m mit Richtungswechseln (Agility) erfasst.(1) Die Ausdauer wurde in einem Intervall-Shuttle-Run bestimmt. Die Core-Stabilität wurde in 4 einzelnen Tests bestimmt. Das Ergebnis dieser Untersuchung stellt einige Behauptungen zum „Core“ und zur „Core Performance“ in Frage. So konnte keinerlei Beziehung zwischen der Core Stabilität und der Leistung in den Schnelligkeits-, Kraft- und Ausdauertests gefunden werden.(1) Für den Profifußball wird diese These auch in andere Untersuchungen unterstützt!(2)

 

Schnelligkeit und Sprung: Kraft statt Core?

Bezogen auf die Leistungsfähigkeit im Sprung und bei Sprints scheint insbesondere die Fähigkeit zu möglichst großen Impulsen in der Bewegungsmuskulatur leistungslimitierend zu sein. Das Core-Training beinhaltet große Anteile von Übungen, die auf instabilen Unterlagen ausgeführt werden. Auch Übungen mit dem eigenen Körpergewicht sind weit verbreitet. Wer seine Schnellkraft und damit die Sprint-, und Sprungleistung erhöhen will, muss jedoch hohe Lasten mit der Zielmuskulatur bewältigen. Grundvoraussetzung für das saubere Durchführen dieser Übungen ist ein stabiler Rumpf, der sich beispielsweise in den Zielübungen direkt trainieren lässt. Wer die Kniebeuge mit hohen Lasten ausführt, trainiert bereits durch die Kniebeuge die Rumpfmuskulatur.

 

Core Training in Reha und Freizeitsport

Da die gezeigten Anforderungen in Sprint, Sprung und Ausdauer offensichtlich nicht unmittelbar durch „Core-Training“ beeinflussbar sind, bleibt die Frage, ob die Wirkung bei Rückenschmerzen oder anderen Problemfeldern zu suchen sind? Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2009 kommt zu dem Ergebnis, dass „Core Training“ bei Rückenproblemen nicht besser wirkt, als klassische Bewegungsformen.(3) Aus Sicht der Autoren sind schwache Rumpf- oder Bauchmuskeln sowie ein Ungleichgewicht zwischen diesen Muskeln keine pathologische Erscheinung, sondern eine ganz natürliche Variation. Schwache Bauchmuskeln oder andere Schwächen im „Core“ sind keine Auslöser für Rückenbeschwerden. Demnach kann auch das spezielle „Core Training“ eben nicht vor solchen Problemen schützen.(3)

  

Fazit

Gibt es überhaupt „Core“ Muskeln und wenn ja, welche sind es? Die Komplexität menschlicher Bewegungen im Allgemeinen und sportlicher Aktivität im Speziellen verbietet die Unterteilung in „kleine“ Core-Muskeln und „große“ Bewegungsmuskeln.(3) Diese Einteilung reduziert die Wirklichkeit der Muskulatur zu unrecht und dient eher der „Werbung“ für spezielle Literatur und Trainingsmethoden, als dass sie die physiologische Wirklichkeit beschreiben kann!(3) Dass es sich beim „Core-Training“ um keine neue „Wundermethode“ für die Fitness handelt, zeigen aktuelle Studien. Dennoch ist verwunderlich, wie sehr sich die Konzepte zum „Core“ und zum „Functional Training“ verbreiten, ohne dass die zugrunde liegenden Evidenzen berücksichtigt werden. Gerade die neurophysiologischen Grundlagen zur Schnelligkeit und zur Kraft sind nicht neu, sondern beruhen auf intensiven Arbeiten der letzten 25 Jahre sportwissenschaftlicher Forschung.

 

Dennis Sandig

 

Literaturangaben:

1. Hoppe et al.,3rd World Conference on Science and Soccer, 14th to 16th May 2012, Ghent – Belgium

2. Journal of Strength and Conditioning Research, 2008, Bd 22 (6), S. 1750-1754.

3. Journal of Bodywork & Movement Therapies, (2010), Bd. 14, 84-98.

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