Jedermann-Radfahrer

„Functional Training“ ist keine optimale Möglichkeit zum Steigern Ihrer Kraft!

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Was ist sinnvoller für Radsportler: Funktionelles Training oder klassisches Krafttraining?

Das „Functional Training“ oder „Funktionelle Training“ erfreut sich derzeit großer Beliebtheit und wird auch Radsportlern gerne empfohlen. Wir erklären Ihnen, was genau ein „funktionelles Training“ ist und ob Sie beim Radfahren von dieser Form des „Krafttrainings“ profitieren.

Glaubt man Trainern und Befürwortern des „Functional Trainings“, so sind deren Übungen wahrlich eine Wunderwaffe. Sie sollen vor Überlastungen schützen und Verletzungen vermeiden und sollen zudem auch noch Ihre Leistung effektiv steigern. Was aber verbirgt sich denn genau hinter einem so genannten funktionellen Training und welches Training ist dann unfunktionell? Nach wie vor steigern Radsportler ihre Kraft am wirkungsvollsten mit einem klassischen Hanteltraining.

 

Was bedeutet „funktionell“?

Das so genannte „Functional Training“ stammt ursprünglich aus den USA und wurde von Physiotherapeuten für die Reha entwickelt. Viele Annahmen und Grundlagen des funktionellen Trainings sind praktisches Erfahrungswissen und entstammen Ideen und Überlegungen aus der Sportpraxis. Die sportwissenschaftlichen Grundlagen zur Wirkung und Effektivität von funktionellem Training sind noch sehr dünn.

Die wichtigste Annahme ist, dass Bewegungen trainiert werden und nicht isolierte Muskeln. Das Trainieren komplexer Bewegungen soll sich besonders positiv auf alltägliche und sportliche Bewegungsabläufe auswirken. Diese Aussage ist dem Krafttraining entlehnt und beschreibt, dass es weniger effektiv ist, an einer isolierten Krafttrainingsmaschine zu trainieren. Ein Beispiel dafür ist das isolierte Beinstrecken am Gerät. Eine komplexe Übung dagegen ist die Kniebeuge.

Allerdings kommt es in der Praxis auch vor, dass nach Verletzungen oder nach Fehlbelastungen einzelne Muskeln isoliert aufgebaut werden müssen. Wer sich beim Radfahren z. B. das Schlüsselbein gebrochen hat, kann per se keine Hantel auf dem Schultergürtel ablegen und folglich auch keine Kniebeuge durchführen. Die komplexe Übung Kniebeuge wäre in diesem Fall unpraktikabel und in diesem Zusammenhang unfunktionell.

Die pauschale Aussage, dass allein komplexe Bewegungen funktionell sind, isoliertes Training jedoch nicht, muss daher als falsch angesehen werden. Gerade bei Radsportlern muss das „funktionelle“ am „Functional Training“ erst einmal kritisch hinterfragt werden. So können im Anschluss an Verletzungen des vorderen Kreuzbandes Probleme durch ein Abschwächen der medialen Anteile des Oberschenkelstreckers entstehen. Diese Ausgangssituation ist im Krafttraining und der damit verbundenen Übungsauswahl zu berücksichtigen Hierbei wird deutlich, dass ein einfaches Abgrenzen von funktionellen und unfunktionellen Übungen pauschal nicht möglich ist!

 

Gibt es unfunktionelle Übungen?

Das Unterteilen in funktionelle und unfunktionelle Übungen ist daher kritisch zu betrachten. Grundlegend stellt sich hier die Frage, inwiefern die Etikettierung als „funktionell“ überhaupt Verwendung finden kann. Letztendlich bedeutet der Begriff „funktionell“, dass eine Übung die „Funktion“ unterstützen bzw. verbessern soll. Es geht in diesem Zusammenhang darum, die Zielstellung eines solchen Trainings herauszuarbeiten. Der Zweck heiligt sozusagen die Mittel – was zum Ziel führt und nicht schadet ist funktionell.

Wenn es darum geht, die Kraft effektiv zu steigern, stellen sich auf einmal viele Übungen des „Functional Trainings“ als vollkommen „unfunktionell“ heraus. Das Trainieren der motorischen Eigenschaft Kraft setzt den Einsatz von ausreichend hohen Lasten voraus. Übungswiderstände müssen an die Leistungsfähigkeit des Sportlers angepasst sein. Übungen mit dem eigenen Körpergewicht und Trainingsübungen mit sensomotorischen bzw. koordinativen Aspekten eigenen sich hier weniger. Die Reizschwelle, um physiologische Anpassungen im Sinne eines Krafttrainings zu produzieren (z. B. Muskelwachstum), sind dabei meist zu gering – besonders für besser Trainierte. Wer seine Muskelkraft steigern möchte, muss beim Üben mind. 50-60 % seiner Maximalkraft einsetzen! Liegt die Reizschwelle darunter, sollte erst gar nicht von einem Krafttraining gesprochen werden.

 

Bewegungen trainieren?

Für Radsportler werden im funktionellen Training Übungen empfohlen, die „kräftigend“ wirken sollen und gleichzeitig die Koordination schulen. Grundlegend müssen Sie immer Ihr persönliches Ziel berücksichtigen: Was wollen Sie verbessern? Steht das Steigern der Kraft oder das Verbessern der Koordination im Vordergrund? Bei genauer Betrachtung kann eine Übung selber niemals als „funktionell“ oder „unfunktionell“ eingeteilt werden. In erster Linie muss Ihr Trainingsziel und der Zustand Ihres Bewegungsapparates bekannt sein. Übungen, die nach den Kriterien des funktionellen Trainings als unfunktionell gelten, können durchaus funktionell sein, wenn es darum geht, isoliert an Ihren Schwächen oder Problemen zu arbeiten. Fakt ist jedoch auch, dass gerade bei Radsportlern oftmals einzelne Muskeln ein Problem darstellen können: Ist Ihr Knie nicht stabil, kann dies z. B. an zu schwachen Gesäßmuskeln liegen. Diese stabilisieren Ihren Oberschenkel nach außen und verhindern ein zu starkes Knicken nach innen. (Das richtige Verhältnis von Stabilität und Mobilität)

  

Krafttraining als Kern Ihres Ergänzungstrainings!

Neben den Muskeln, die an Ihrem Vortrieb auf dem Rad beteiligt sind, müssen Sie auch Ihren Rumpf trainieren. Wenn Sie an langfristigem Leistungsaufbau interessiert sind und Verletzungen vermeiden wollen, empfehle ich Ihnen ganzjährig zusätzlich zum Radfahren ein ergänzendes Training durchzuführen. Wenn Sie mit wenigen komplexen Hantelübungen arbeiten und diese mit Übungen aus dem Bereich des Stabilisationstrainings ergänzen, erreichen Sie diese Ziele mühelos.

Durch viele Studien ist belegt, dass das klassische Krafttraining mit komplexen Übungen an der Langhantel auch Freizeitradsportlern hilft, Ihre Radleistung zu verbessern. Ein wirklich funktionelles Training erreichen Sie erst, wenn Sie sich Ihrer Schwächen und Ihrer Ziele bewusst sind.

 

Eine Stunde pro Woche reicht aus

Wenn Sie Ihre Radleistung effektiv unterstützen möchten, sollten Sie an einem Wochentag eine Stunde Training einplanen, in der Sie an Ihrer Kraft arbeiten. Dazu müssen Sie keine Unmengen von isolierten Übungen durchführen. Wenn Sie eine Reißkniebeuge durchführen, verbessern Sie Ihre Rumpfstabilität und Ihre Kraft. Diese Übung sollte Ihr Radtraining ganzjährig ergänzen.

 

Dennis Sandig

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