Faszientraining

Training und Therapie: Verklebte Faszien lösen und Schmerz lindern

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Faszien-Training und Therapie: verklebtes Bindegewebe lösen und Schmerzen lindern!

Faszien und damit verbundene Erkenntnisse zu deren Vorhandensein sind nicht ganz neu. Bereits ab den 1960er Jahren gab es Mediziner und Therapeuten, die sich mit den bindegewebigen Strukturen und deren Funktion und Bedeutung im Zusammenhang mit Bewegung, Schmerzen und Beschwerden auseinandersetzten.

Anatomisch sind Faszien und Sehnenplatten also nicht neu - interessant sind jedoch die neueren Befunde zu Trainierbarkeit und Funktion der bindegewebigen Strukturen. Trotz aller Euphorie muss der Praktiker aber auch die vielen Fragezeichen berücksichtigen, die nach wie vor im Zusammenhang mit Faszien noch im Raum stehen.

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Anatomisches Strukturen, wie die auffällige Sehnenplatte im Bereich des Oberschenkels, der Tractus Illiotibialis, sind schon seit Jahrhunderten bekannt. Auch die Tatsache, dass bis zu 40 % der Muselfasern des großen Gesäßmuskels in die Faszia lata münden, ist nicht neu. Diese Hülle aus Bindegewebe umschließt die Muskeln, die an der Oberschenkelaußenseite verlaufen. In den letzten Wochen und Monaten häuften sich die Berichte in populären Medien zu Erkenntnissen rund um die Faszien und mögliche Wirkzusammenhänge im Training. In Fitnessstudios finden sich mittlerweile Trainingstools wie feste Schaumstoffrollen oder Massagestäbe, mit deren Hilfe die Faszien „bearbeitet“ werden können. Was aber genau verbirgt sich hinter der angenommenen Wirkung und wer profitiert von einem Faszientraining

Anatomie der Faszien 

Molekularbiologisch standen rund um die Jahrtausendwende die Muskeln im Fokus der sportmedizinischen und sportwissenschaftlich ausgerichteten Forschungseinrichtungen. Strukturen innerhalb der Muskeln, wie das Titin, standen dabei ebenso im Fokus der Untersuchungen, wie die Erkenntnisse zu den Abläufen im Rahmen der Muskelhypertrophie beim Krafttraining. Erst ab 2007 entwickelten sich zunehmend Fragestellungen zur Struktur und den Wirkungsweisen der Gewebsverbindungen. Dabei wird der Begriff „Faszie“ mittlerweile wesentlich komplexer verstanden, als noch vor wenigen Jahren. Unter Faszien werden alle faserigen und kollagenen Bindegewebe verstanden, die ihrerseits das körperweite Fasziennetz bilden. Dazu gehört das „Fascia superficialis“ genannte Unterhautbindegewebe ebenso, wie das intramuskuläre Bindegewebe. Jeder Muskel und auch die Organe werden von Faszien umgeben und bilden so eine Vernetzung aus Bindegewebsfasern1. Die Struktur der Bindegewebshüllen wird dabei als fadenartiges Netzwerk beschrieben, das je nach Anforderung eher straff und dicht oder aber eher locker gewebt ist. Je nach Aufbau der Gewebestruktur unterstützen so die Faszien Bewegungen und sind auch für die Bewegungsfreiheit der Gelenke verantwortlich. Be- und Entlastung stimulieren dabei körpereigene Zellen dazu Kollagen anzulegen oder abzubauen, so dass je nach Belastungen eine Zu- oder Abnahme der Festigkeit feststellbar ist. Im Gegensatz zu Knorpeln und Sehnen sind Faszien sehr feine Strukturen.

Faszienstretching: Diagnose, Behandlung, Training

Faszienstretching

Faszienstretching beschreibt und erklärt die einzigartige manuelle Behandlungsmethode der Fascial Stretch Therapy™, die Ann und Chris Frederick entwickelt haben. Die Methode behebt gezielt neuromyofasziale Imbalancen und Störungen und ist inzwischen als schnell wirkende und effektive Therapie zur Wiederherstellung und Erhaltung eines gesunden Nerven-, Muskel-, Skelett- und Fasziensystems anerkannt. Dieses Handbuch für Trainer und Therapeuten beschreibt fundiert und verständlich, wie die Methode funktioniert, wie sie sich von anderen Faszienbehandlungen unterscheidet und wie sie in allen Bereichen des Bewegungsapparates angewendet werden kann. Zahlreiche Farbfotos verdeutlichen die Techniken. Der Untersuchungsverlauf wird detailliert erklärt, sodass der Therapeut lernt, die Bedürfnisse seiner Klienten einzuschätzen und eine effektive Behandlung zu planen. Um den Therapieerfolg weiter zu erhöhen, zeigt das Buch auch, wie Faszienstretching in eine umfassende manuelle Behandlung integriert werden kann.

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Faszien ziehen sich bis ins kleinste Detail 

Schaut man sich Aufnahmen der Faszienschicht an, sind zarte, durchsichtige Netze erkennbar. Ähnlich eines Spinnennetzes im Sonnenaufgang sind sie mit Topfen bedeckt. Die einzelnen Fasern sind dabei nahtlos vernetzt. So bilden die Faszien eine Art Kontinuum aus Gewebe, das zudem noch von einer Flüssigkeit durchzogen ist1. Bewegung und damit verbunden Zug, Druck und Kompression sind unmittelbar mit der Funktion und dem Zustand dieses Systems verbunden. Obwohl das Darstellen der dreidimensionalen Strukturen und deren Zusammenhänge noch schwierig ist, können zunehmend neue Erkenntnisgewinne aus der internationalen Forschung vermeldet werden.

Faszien können auf unterschiedliche Weise stimuliert werden

Im optimalen Trainingszustand sind Faszien unmittelbar an der Orientierung der Extremitäten im Raum und der Beweglichkeit beteiligt. Verklebt, untrainiert und ungeordnet bilden die Faszien nicht die charakteristische wellenartige Struktur aus. Dies kann zu Einschränkungen in Beweglichkeit und Lageorientierung führen.

Im Rahmen eines Functional Movement Screens kommt es vor, dass Menschen vermeintlich Ihren Fuß bei der Testübung „Inline Lunge“ „gerade“ auf dem Testkit ausrichten. Bei objektiver Bewertung von außen steht der Fuß jedoch schief. Hierfür kann auch das fasziale System verantwortlich sein.

Faszientraining - Mal wirkt es...

Auch Bewegunserfahrung und anmutige Bewegungen können die Faszien trainieren.

Aktuell wird das Thema „Faszien“ sehr positiv in den Medien dargestellt. Etwas „kritisch“ muss man anmerken, dass die Wirkweisen in Training und Therapie keineswegs eindeutig geklärt sind. Wie so oft ist das menschliche System in seiner Gesamtheit zu komplex, als dass einfache kausale Zusammenhänge beschreibbar wären. In der Praxis fällt auf, dass es Sportler oder Patienten gibt, die unmittelbar auf ein Bearbeiten der Faszien reagieren. Direkt nach der Anwendung der Blackroll oder anderen „Rollen“ sind dann Verbesserungen bei Trainings- oder Testübungen erkennbar. So kann sehr oft durch das „Rollen“ der lateralen Oberschenkelseite oder des vorderen Oberschenkels eine verbesserte Bewertung beim „Aktiven Beinheben“ im „Functional Movement Screen“ erfasst werden. Auch Trainingsübungen, wie das einseitige Beinablassen zeigen unmittelbar Veränderungen, wenn der Proband auf das Traktieren der Faszien reagiert. Auf der anderen Seite kommt es auch vor, dass Sportler nicht auf das Rollen reagieren. So kann es sein, dass Einschränkungen der Beweglichkeit möglicherweise bei einigen Sportlern eher über aktiv-dynamisches oder statisches Dehnen beeinflusst werden können.

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Tipps zum Faszientraining

Die Faszien können auf unterschiedliche Art und Weise stimuliert werden. Neben den bekannten Selbstmassagen mit Schaumstoffrollen sind auch Dehnübungen und Übungen wie Sprünge, eine Möglichkeit auf die Faszien und deren Struktur bzw. Gesundheit einwirken zu können. Dabei werden die Faszien komprimiert und in Ihrer Struktur geordnet. Auf ähnliche Weise sind auch Dehnübungen eine Möglichkeit, auf die Faszien und ihren Trainingszustand hinzuwirken. Dies kann einmal mit federnden Bewegungen aber auch mit langkettigen Dehnübungen passieren. Dabei werden Muskeln nicht isoliert sondern in ihrer Funktionskette gedehnt. Zu den dynamischen Übungen lassen sich auch Sprünge und Treppenläufe addieren. Experte Robert Schleip empfiehlt hier das Springen auf der Treppe, das betont leichtfüßig und leise ablaufen soll.

Video: Faszientraining mit der Blackroll

Fazit

Faszien kommen zwischen Muskeln und Muskelfaserbündeln vor, sind aber auch direkt unter der Haut und in den Übergängen zwischen Muskeln und Sehen vorhanden. Sie sind gleichsam überall im menschlichen Körper zu finden und sind sehr fein in ihrer Struktur. Derzeit steht die Faszie aus verschiedenen Blickwinkeln im Fokus der Wissenschaft. Medizin, Sportmedizin, Biologie und Sportwissenschaft, aber auch Fragestellungen aus Sicht der Physiotherapie werfen sehr interessante Forschungsfragen auf.

Autor: Dennis Sandig

Literatur: 

1. Journal of Bodywork & Movement Therapies, 2012, Bd. 16, (4), S. 496 - 502. 

2. Journal of Bodywork & Movement Therapies, 2012, Bd.16, (1). S. 94-100.

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