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„Das macht Spaß und da ist für mich Luft nach oben!“ - Handbike-Weltmeisterin Dorothee Vieth im Interview

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Benjamin Herera von der Sporthochschule Köln interviewt Handbike-Weltmeisterin Dorothee Vieth. Diese befindet sich derzeit in den Vorbereitungen zu den Paralympics 2012 in London.

trainingsworld: Wie kamst du zum Handbiken?

Dorothee Vieth: Ich hatte 2002 einen Unfall mit dem Motorroller, seitdem habe ich eine teilweise Lähmung von Bein und Gesäß links. Als ich noch im Krankenhaus lag, sagte meine Freundin schon zu mir, ich bräuchte ein Handbike. Ich fand erst nicht, dass ich eins bräuchte, weil ich fest davon ausging später wieder laufen und Fahrradfahren zu können. Doch sie hat sich dann durchgesetzt. Per Zufall stand in dem Sanitätshaus, in dem ich zu der Zeit war, ein Adaptivbike, das nicht genutzt wurde. Das habe ich mir dann ausgeliehen und dann auch ganz schnell gesehen, dass dadurch meine Mobilität enorm vergrößert wurde. Ich habe es dann gebraucht erworben. Es war noch ein altes Modell. Wolfgang Schäuble hatte damals übrigens genau das gleiche Exemplar, nur meins war rosa und seins hellblau. Es hat mir von Anfang an so viel Spaß gemacht, dass ich mir dann ein solideres gekauft habe. Das war für mich der Einstieg ins Handbiken.

trainingsworld: Wann hast du gemerkt, dass das die Sportart für dich ist?

D. Vieth: Ich habe im Alltag direkt ganz viel damit gemacht. Das tolle am Adaptivbike ist ja, dass man es im Alltag benutzen kann. Ich bin damit zum Sport gefahren, zur Krankengymnastik und so weiter. Wir haben auch Radtouren damit gemacht. Ein Freund meinte 2004 zu mir, dass ich doch mal am Marathon Hannover-Celle starten sollte, weil da auch Handbikes unterwegs wären und es doch genau das richtige für mich sei. Ich habe mich dann angemeldet, mit großen Bedenken, das Zeitfenster von 3,5 Stunden nachher nicht zu schaffen. Ich war ja vorher nur im Stadtverkehr gefahren, wo die Durchschnittsgeschwindigkeit ja deutlich geringer ist. Ich bin dann einfach mal losgefahren und habe das Ding dann auch in der Adaptivbike-Klasse gewonnen. Da habe ich für mich gemerkt – oh, das ist toll! (strahlt) Das möchte ich mal wieder machen! Und das war der Anfang, dass ich anfing das als Sport anzusehen. Ich bin dann bei immer mehr Veranstaltungen gestartet.

Für 2005 habe ich mir dann vorgenommen bei der von der HCT veranstalteten Marathon-Serie mitzumachen. Es gab damals auch eine extra Wertung für Adaptivbikes. Ich bin da auch durchaus erfolgreich gefahren, und habe gesehen, dass ich mit meinem Adaptivbike fast genauso schnell war wie manche Frauen mit einem Racebike. Mein Adaptivbike wog damals mit Rollstuhl ungefähr 35 kg und die Racebikes unter 20 kg. Daher habe ich mir dann auch so ein Racebike mal ausgeliehen, zuallererst ein Liegebike, weil ich dachte, das wäre meine Position. Knien kann ich ja nicht, dachte ich, weil mein Becken ja zertrümmert war. Es ist zwar rekonstruiert aber wirklich nicht ganz hitverdächtig! Ich war auch von Anfang an tierisch schnell mit dem Liegebike, aber meine Schulter mochte das nicht. Ich bin von Beruf Geigerin und musste da auch auf meine Gesundheit achten. Ich habe dann eine sitzende Position versucht, das ging überhaupt nicht von den Nerven in den Beinen. Ich merkte dann, dass ich wirklich ein Kniebike ausprobieren musste, und war auch überrascht, dass ich in dieser Position hocken und beschwerdefrei fahren konnte. Ich bin dann den Rest der Saison 2005 mit einem geliehen Kniebike gefahren, und merkte für mich – „Das macht Spaß und da ist für mich Luft nach oben!“

trainingsworld: Wie viele Stunden trainierst du in der Woche?

D. Vieth: Ich trainiere zwischen 15 und 20 Stunden die Woche. Es wechselt aber auch ein bisschen je nach Trainingsphase. Ich meine damit aber die reine Trainingszeiten. Der Zeitaufwand ist zum Teil wesentlich größer. Jetzt im Winter z. B. habe ich das Glück in Hamburg auf einer Leichtathletikhalle trainieren zu können. Ich habe aber, wenn ich 2 Stunden fahre möchte, einen Zeitaufwand von ungefähr 4 Stunden. Weil ich erst das Rad ins Auto laden muss, hinfahren muss, alles ausladen muss, dann erst in die Halle zum Trainieren kann und am Schluss wieder alles retour. Während ich eben bei trockenem Wetter einfach bei mir zu Hause los kann.

trainingsworld: Wie sieht der Alltag einer Handbike Weltmeisterin aus?

D. Vieth: (lacht) Mein Alltag sieht als Weltmeisterin kein Stück anders aus als vorher. Ich bin von Beruf Geigenlehrerin, also freiberuflich tätig als Geigenlehrerin aber auch als Geigerin. Das heißt, ich habe ein bisschen wechselnde berufliche Belastungen. Gerade zur Weihnachtszeit habe ich sehr viel zu geigen. Dann trainier ich eher auf der Geige zuhause und ziehe von der Trainingszeit mit meinem Bike ein bisschen hab, bzw. lege die Saisonpause ein bisschen auf diese Zeit. Das ist schon ganz gut, dass die meisten Konzerte als Geigerin zwischen November und Ostern liegen, wo noch nicht so viele Wettkämpfe sind. So gibt es keine Kollision. Und da ich selbstständig bin als Geigenlehrerin kann ich mit meinen Schülern die Termine so legen wie ich es möchte. Dadurch bin ich viel flexibler als in einer Musikschule, wo keine Möglichkeit besteht, irgendetwas zu verschieben. Das ist für mich günstiger. Die kleineren Kinder kommen eher nachmittags und das heißt ich habe die Vormittage Zeit zu trainieren oder, grade jetzt im Winter, viel Zeit ins Studio zu gehen.

trainingsworld: Übst du neben dem Handbiken auch noch einen anderen Sport aus?

D. Vieth: Ich fahre gerne Ski! Ich habe jetzt auch schon wieder eine Woche Skifahren gebucht. Mit einem Monoski, also sitzend. Und ich spiele auch sehr gerne Tennis das ist auch eigentlich das was ich ursprünglich machen wollte als Sportart, aber in dem Moment, in dem ich mir einen Sportrollstuhl organisiert hatte, hat sich in Hamburg leider die einzige existente Rollstuhl-Tennisgruppe aufgelöst. Heute spiele ich ab und zu mit Freunden. Wir spielen dann Doppel. Mit 3 Läufern spiel ich dann zusammen. Das geht auch prima und macht sehr viel Spaß! Ich bin zwar ein bisschen langsam und mein Radius ist vielleicht nicht ganz so groß aber mit einem Doppelpartner ergänzt sich das eigentlich gut. Im Urlaub haben wir meinen Tennisrollstuhl auch mit und dann spielen wir auch viel zu zweit. Ich habe das Einzelfeld und meine Freundin das Doppelfeld. Dann ist das ein bisschen ausgeglichen. Ich verlier zwar trotzdem meistens, aber ab und zu gewinn ich ein Spiel! Kajak fahre ich auch noch viel, im Flachwasser, Elbe, Alster und schwedische Seen.

trainingsworld: Hast du dir noch andere sportliche Ziele außer den Paralympics 2012 in London für die nächsten Jahre gesetzt?

D. Vieth: Sportlich ist mein Fokus London und danach gucken wir mal. Das hängt von verschiedenen Dingen ab. Was danach an Wettkämpfen kommt? Frag mich das danach.

trainingsworld: Private Wünsche für die Zukunft?

D. Vieth: Gesundheit. Das habe ich nach diesem Unfall zum Glück gelernt. Ich habe Erkenntnisse gewonnen und die hängen überhaupt nicht mit Geld oder so etwas zusammen. Gesundheit ist was ganz tolles, man kann sich freuen wenn man sie hat und meistens wenn man sie hat, denkt man gar nicht darüber nach, das ist ja immer das Elend.

trainingsworld: Was ist deine größte Stärke?

D. Vieth: Disziplin ist eine ganz große Stärke von mir, das hat mir Sebastian (Anmerkung: ihr Trainer Sebastian Zeller, vom Institut für Bewegungs- und Neurowissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln) vorhin wieder gesagt. Das es auch faszinierend ist, wie genau ich meine Trainingspläne abarbeite, dass er gar nicht immer gucken muss, was er mir aufgetragen hat. Er kann es sehen, weil ich es genau so trainiere. Wenn da steht 30 min so, 4 min so, bin ich glücklich, wenn ich das exakt tun kann. Auch wenn es mir grade keinen Spaß macht ziehe ich es durch, weil ich weiß, dass es genau so das Beste für mich ist. Wenn es wirklich so viel regnet, dass es gar nicht geht, versuch ich eine Alternative zu finden oder ich gucke, ob ich alles einen Tag verschieben kann. Notfalls gehe ich ins Studio und mach irgendetwas möglichst adäquates. Das ist glaub ich eine große Stärke.

trainingsworld: Was würdest du gerne Kindern und Jugendlichen auf den Weg geben, die sich für das Handbiken interessieren?

D. Vieth: Es macht unheimlich viel Spaß! Man muss es nicht unbedingt als Leistungssport machen, das ist aber eine Möglichkeit die man hat. Es eröffnet unendlich viele Möglichkeiten, das müssen auch Familien wissen! Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die Beratung, wenn man da ganz neu drin ist, eigentlich nicht existent ist. Das eine ist ja, dass ich es als Sport machen kann, also mich bewegen kann, aber für Familien ist es ganz wichtig auch zu wissen, dass die Familien-Radtour weiterhin möglich ist! Wofür ich es auch viel nutze, sind Spaziergänge. Jetzt grade waren wir am Wochenende unterwegs in Hamburg Blankenese: Da ist es ab und zu ein bisschen steiler. Mit dem Rollstuhl komm ich da nicht alleine hoch, das ist einfach zu steil. Mit meinem Adaptivbike habe ich eine gute Übersetzung, da kann ich dann locker hochfahren. Wenn wir im Wald spazieren gehen, mit dem Rollstuhl kannst du es im Wald vergessen! Die kleinen Vorderräder graben sich im Waldboden ein und die ganze Zeit nur auf den Hinterrädern zu fahren ist tierisch anstrengend. Mit dem Adaptivbike ist es super.

trainingsworld: Liebe Frau Vieth, vielen Dank für das Interview und allen Erfolg bei den Paralympics in London!

 

Benjamin Herera/Thomas Abel DSHS

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