Anthropologie

Der Mensch als Ausdauersportler

+

Eine Studie zu den größten Ausdauerleistungen aller Zeiten.

Die Ausdauer gilt als eine natürliche physiologische Eigenschaft des Menschen. Tatsache ist jedoch, dass die Evolution weniger eine ausdauerstarke Spezies aus uns gemacht hat, als vielmehr Sportler, die in der Mittagshitze laufen, mit hervorragender Präzision werfen, sowie kräftig zuschlagen können. Und das, obwohl wir im Vergleich zu den Menschenaffen relativ schwach ausgeprägte Oberarme haben. Eine neue faszinierende Arbeit des Laufsport-Experten Professor Tim Noakes beschäftigte sich mit den größten Ausdauerleistungen aller Zeiten.

Angesichts der oben genannten Fakten sind die Ergebnisse wirklich beachtlich.
Das tatsächliche Langstreckenpotenzial des Menschen wurde in einer außergewöhnlichen Serie von 6-Tage-Wettläufen untersucht, die zwischen 1874 und 1888 von US-amerikanischen und britischen Profisportlern ausgetragen wurden. Bei diesen Läufen lag deren normaler Energieverbrauch bei etwa 60.000 kcal.

Mit der Entwicklung des Fahrrads wurden diese Wettläufe durch 6-Tage-Rennen abgelöst, die wiederum zur heutigen Tour de France, dem Marathonrennen „Race across America“ und 2 Läufen quer durch die USA (1928 und 1929) führten. Der Gesamtenergieverbrauch bei den verschiedenen Wettkämpfen liegt bei schätzungsweise 168.000, 180.000 bzw. 340.000 kcal!

Diese Verbrauchswerte verblassen jedoch völlig, wenn man den Gesamtenergieverbrauch von Scotts Expeditionstrupp bei der britischen Antarktisexpedition in den Jahren 1911/12 betrachtet. An den meisten der 159 aufeinanderfolgenden Tage der Expedition zog Scotts Team 10 Stunden lang seine voll beladenen Schlitten zum Südpol und zurück. Dabei legte man eine Strecke von 2500 km zurück. Der berechnete Gesamtenergieverbrauch des Einzelnen lag bei etwa 1 Million Kilokalorien (6000–7000 kcal pro Tag). Damit war ihre Leistung die mit Abstand größte sportliche Ausdauerleistung, die jemals bewältigt wurde!

Im Vergleich dazu verbrauchen Bergsteiger nur rund 4.000 kcal pro Tag, wenn sie in Höhen über 4.000 m steigen. Dieser Energieverbrauch ist vergleichsweise gering, weil in extremer Höhe nur geringe Belastungsintensitäten möglich sind. Nach Ansicht von Professor Noakes wird dieser geringe Energieverbrauch nicht durch eine ungenügende Sauerstoffversorgung der Skelettmuskulatur oder des kardiovaskulären Systems an sich verursacht. Er ist wahrscheinlich eher die Folge der Prozesse im Gehirn, die dafür sorgen, dass der Körper vor Schäden geschützt wird. Das gilt insbesondere für das Gehirn selbst, das durch die extreme Höhe geschädigt werden kann.


Advanced in Experimental Medicine and Biology, 2007, Bd. 618, S. 255–276

Auch interessant

Kommentare