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Basketball: Experten-Interview mit Athletiktrainer Marcus Lindner (Teil 1)

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Experten-Interview mit Basketball-Athletiktrainer Marcus Lindner

trainingsworld Sportexperte für Basketball, Ramy Azrak, führte ein ausführliches Basketball-Experteninterview mit Marcus Lindner, dem Athletiktrainer der Brose Baskets Bamberg und der Deutschen Basketball Nationalmannschaft. Lesen Sie hier den ersten von 3 Teilen.

Marcus Lindner ist seit 2010 Athletiktrainer bei Brose Baskets Bamberg, dem neuen und alten Deutschen Basketball-Meister und Pokalsieger. Seit 2009 gehört er außerdem dem Trainerstab der Nationalmannschaft an. Seine steile Karriere begann an der Deutschen Sporthochschule Köln, wo der Diplom-Sportwissenschaftler 2006 sein Studium mit Schwerpunkt „Training und Leistung“ abschloss und schon als Student Kontakte zum Deutschen-Basketball-Bund knüpfte. Die beruflichen Stationen des umtriebigen 32-Jährigen waren seit Studientagen sehr vielfältig, einerseits war er als Lehrbeauftragter, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Gastdozent tätig, andererseits arbeitete er auch drei Jahre als Athletiktrainer beim ehemaligen Basketball-Bundesligisten Köln 99ers und später in Österreich bei Klagenfurt/Gmunden.

Im ersten Teil des Exklusivinterviews für trainingsworld spricht Marcus über seine Arbeit bei den Brose Baskets Bamberg, erklärt uns welche Trainingsschwerpunkte er in den Playoffs gesetzt hat und was er bei Spielen von der Bank aus analysiert.

 

trainingsworld: Marcus, erst einmal herzlichen Glückwunsch zum dritten Double mit den Brose Baskets Bamberg in Folge. Wie wichtig ist ein paar Wochen nach der Saison die Regeneration für die Spieler? Und wie beeinflusst Du die Regeneration der Spieler?

Marcus Lindner: Regeneration in der spielfreien Zeit beeinflussen? Das ist immer schwierig. Alle Spieler haben sich direkt nach der Saison im Urlaub befunden. Die meisten Spieler haben zwei Wochen Pause verschrieben bekommen, in denen sie Nichts machen sollten, und fingen danach mit dem Programm der Off-Season an. Die Spieler, die sich nicht bei der Nationalmannschaft, bei anderen Auswahlmannschaften oder in der Summer-League befinden, trainieren bei uns vor Ort. Es sind hauptsächlich die Prospects (Anm. der Red.: Perspektivspieler), die es in keinen Kader geschafft haben. Unsere Amerikaner und auch unsere anderen ausländischen Spieler, die bei uns unter Vertrag stehen, trainieren unter meiner Anleitung via Email und Skype in der Ferne in ihren Heimatstädten. Auf dem Programm stehen aktuell Basisfähigkeiten sowie ein Grundlagenausdauerprogramm, grundlegendes Kraft-, Flexibilitäts- und Mobilitätstraining.

 

trainingsworld: Ist das Training für alle Spieler gleich aufgebaut?

Marcus Lindner: Wir differenzieren das. Die Spieler kriegen, basierend auf Muskelfunktionstests, fundamentalen Leistungstests und Screenings ihre Krafttrainingspläne, d. h. je nach Bewegungskompetenz dürfen sie in unterschiedlichen Bewegungskategorien trainieren und schreiten somit unterschiedlich in der Progression fort. Es ist individuell auf die Bewegungskompetenzen der Spieler abgestimmt, was sie trainieren dürfen und was nicht.

Wir unterscheiden zwischen Übungen mit qualitativer Leistungsdiagnostik und quantitativer Leistungsdiagnositk, die verschiedene Parameter messen. Das heißt, ein Spieler muss seine exzentrische Kapazität erhöhen, der andere Spieler arbeitet mehr an der Explosivität oder an der Kopplung zwischen exzentrischer und konzentrischer Phase. Das sind die groben Elemente, die sie als Hausaufgabe bekommen haben.

 

trainingsworld: Bei den Brose Baskets Bamberg trainierst Du die Spieler mit einem Pulsgurt. Welche Erkenntnisse konntest Du dadurch in den letzten zwei Jahren, seit dem Beginn deiner Arbeit, ableiten?

Marcus Lindner: Das Training mit den Pulsgurten hilft uns, dass sich die Spieler in den optimalen Herzfrequenzzonen aufhalten, wodurch wir die Leistung der Spieler immer auf dem Schirm haben. Natürlich ist die Diagnostik auch wichtig in Bezug auf Regeneration, wenn wir regenerative Dauerläufe, ein Regenerationstraining auf dem Fahrradergometer oder auch nur ein Shoot-Around als Regeneration und Cool-Down durchführen. In diesen Fällen können wir die Spieler runter bremsen.

Ein wenig dient es auch grob zur Beurteilung, wie sich unsere Spieler unterschiedlich beansprucht haben. Das ist aber nur ein grobes Hilfsmittel, da es nur ungefähre Ergebnisse liefert und als kleiner Indikator dazu dient, wo wir uns hinbewegen.

 

trainingsworld: Welche Trainingsschwerpunkte hast Du in den Playoffs gesetzt?

Marcus Lindner: In den Playoffs ist das Hauptkriterium, dass alle Spieler voll einsatzfähig sind. Da geht es hauptsächlich um Regeneration und Erholung. Jeder Spieler hat sein Flexibilitäts- und Mobilitätsprogramm, auch basierend auf den Diagnostik-Ergebnissen. Aber auch Ernährung und Nahrungsergänzung haben mittlerweile einen großen Stellenwert eingenommen. Ein weiterer Baustein ist ausreichend Schlaf, auch natürlich in Hinblick auf die Auswärtsspiele verbunden mit teilweise stressigen Anfahrten zum Spiel. Wir versuchen so zu trainieren, dass die Spieler einen guten Biorhythmus beibehalten und fördern sie dabei. Aber hauptsächlich dreht sich in den Playoffs wie bereits erwähnt alles um die Regeneration der Spieler, um sie für Training und Spiel immer wieder optimal aufzubauen.

 

trainingsworld: Was analysierst Du während eines Spiels, wenn Du auf der Trainerbank sitzt?

Marcus Lindner: Das bin ich schon oft gefragt worden. Ich gucke mir eigentlich an, wie die Spieler sich bewegen und ob alle „rund laufen“ oder ob man bei dem Einen oder Anderen erkennen kann, dass er sich aus der Reihe bewegt. Das Ganze ist natürlich sehr subjektiv, aber meistens deckt sich dann mein eigenes Empfinden mit den Beobachtungen unseres Arztes und unseres Physios. Wir beobachten und analysieren in dieser Hinsicht alle gleich. Es ist weniger so, dass man das Spiel verfolgt, als dass man die einzelnen Spieler beobachtet, wie sie sich bewegen. Ich beobachte natürlich auch, wenn ein Spieler nach zwei Minuten die Hände in die Hüfte stemmt oder stark in die Brust atmet. All das spielt eine Rolle bei meiner Analyse.

 

trainingsworld: Es ist also nie so, dass Du bei einem Spiel entspannt zuschauen kannst?

Marcus Lindner: Während des Basketball-Spiels verrichte ich keine Schwerstarbeit und natürlich schaue ich das Spiel auch an. Aber es ist auch so, dass ich das Spiel nicht wie früher anschaue. Ich beobachte hauptsächlich die eigenen Spieler. Dies fängt schon beim Warm-up an und geht bis zur letzten Minute des Spiels. Ich kommuniziere während des Spiels ständig mit unserem Arzt und unserem Physio und auch mit den Spielern auf der Bank. Ich frage die Spieler beispielsweise wie sie sich fühlen, ob alles okay ist und bei Spielern, die unter der Woche Probleme hatten, ob sie Schmerzen spüren. Im Spiel ist aber unser Head-Coach derjenige, der die Anweisungen gibt.

 

trainingsworld: Wie wirst du eine nahezu perfekte Mannschaft – nur 2 Niederlagen in der Beko-Basketball-Bundesliga in der Spielzeit 2011/2012 – noch besser machen?

Marcus Lindner: Ich glaube, was uns noch besser machen würde sind die Rahmenbedingungen. Wir brauchen händeringend eine Trainingshalle, damit wir noch besser auf das Spiel eingehen können. Ich habe mich mit den Kollegen von den Oklahoma Thunder unterhalten. Die haben mir den Mund wässrig gemacht, als sie mir von deren Anlage erzählt haben. Das werden wir in den nächsten Jahrzehnten im deutschen Basketball nicht bekommen, da bin ich mir ziemlich sicher. Für optimale Bedingungen braucht man Räumlichkeiten für medizinische Abteilungen, für das Athletiktraining und das Basketballtraining. Das muss alles in einem Gebäude sein und bei uns ist das leider nicht der Fall.

 

Im 2. Teil des Interviews beantwortet Marcus Lindner Fragen zu seiner Arbeit beim Deutschen-Basketball-Bund und verrät uns unter anderem, wie es ist, mit Dirk Nowitzki zusammenzuarbeiten.

 

Für die Athletik Ihrer Basketballschützlinge: Athletiktraining im Basketball mit Trainingsplan 

Ramy Azrak

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