Beweglichkeitstraining

Wie Sie am besten ins Yoga Training einsteigen!

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Eine Anfängerin in Utthita Trikonasana

Die Menschen kommen in den unterschiedlichsten Verfassungen und aus den unterschiedlichsten Gründen zum Yoga. Wie stellen vor, wie Sie am besten in die Übungen einsteigen können.

Die meisten von ihnen haben davor schon Gymnastikkurse besucht und verfügen teilweise sogar über eine große Bewegungsintelligenz. Die wenigsten aber haben Erfahrung mit einer körperlichen Praxis, die von ihnen verlangt, sich auf die besondere Art und Weise zu bewegen und erforschen wie der Yoga: indem sie Atem, Körper und Geist bewusst verbinden, während sie immer komplexere und anspruchsvollere Körperhaltungen einnehmen. Die meisten Neulinge beginnen nicht mit einem Einführungsseminar, sondern besuchen regelmäßige Kurse und müssen dann feststellen, dass sie in eine Welt voller unbekannter Begriffe, Techniken und Herausforderungen in einen fließen- den Strom eintauchen. Der Yogalehrer Max Strom (1995) erinnert sich daran, dass er in seiner ersten Yogastunde 1991 "völlig verwirrt" gewesen sei und "Wut und Verzweiflung" empfunden habe. Wenn Sie nun noch eine spirituelle Dimension hinzufügen – und sei es nur, dass Sie aum singen –, bauen viele von ihnen Widerstände auf, die ihre Erfahrung noch weiter komplizieren. 

Der Anfängerunterricht ist im Yoga die erste Stufe der Praxis.

Hier geht es unabhängig vom Alter oder der körperlichen Verfassung um ein erstes Erwachen von Gewahrsein und Energie in Körper und Geist, was im Ashtanga Vinyasa Yoga als Yoga Chikitsa oder "Yogatherapie" bezeichnet wird. Nach und nach öffnen sich die Energiebahnen und Prana kann müheloser und vollständiger durch den Körper fließen, was ihm dabei hilft, sich von Giftstoffen zu befreien und das Nervensystem zu beruhigen. Um dies gefahrlos und dauerhaft tun zu können, muss man lernen, sich mit dem Atem zu bewegen, sich bei der Erkundung der Asanas vom Atem leiten zu lassen sowie die Stellungen korrekt auszurichten und zu vervollkommnen, um nach und nach mehr Festigkeit und Leichtigkeit zu entwickeln. Auf diesem Weg stößt man auf Hindernisse und Schwierigkeiten, während sich angestaute Spannungen sowie gewohnte Haltungs- und Atemmuster manifestieren, was zu Frustration oder Selbstakzeptanz (oder beidem) führt. Stunde um Stunde kräftigt und dehnt man den ganzen Körper, löst chronische Spannungen, entdeckt einfachere Möglichkeiten, das Gleichgewicht zu halten und sich zu öffnen, während man Yoga als schrittweisen Prozess der Selbsterkenntnis und der Selbsttransformation praktiziert. 

Ein Verständnis für die Asanas entwickeln

Die Unterrichtung von Yoganeulingen ist eine Gelegenheit, das eigene Bemühen um "Anfängergeist" zu vertiefen und auch die anderen in der Gruppe dazu zu ermutigen. In dieser geistigen Haltung öffnen wir uns dem, was wir gerade tun, als wäre es das erste Mal. Der Körpergeist weiß zwar aus Erfahrung, wohin die Reise geht und was zu erwarten ist. Aber dieses eingefahrene Denken soll aufgeweicht werden, damit wir das, was gerade geschieht, neu und verhältnismäßig frei von vorgefassten Meinungen erleben können. Wenn wir dies als Lehrer tun, können wir ein einfühlsameres Verständnis für die Erfahrung neuer Schüler entwickeln. So können wir ihnen leichter die Führung und Unterstützung geben, die sie brauchen, um so weit wie möglich zu kommen. Genau genommen, ist es sogar viel anspruchsvoller, als fortgeschrittenen Schülern hochkomplexe Asanas zu vermitteln, weshalb Sie der Anfängerunterricht zu einem besseren Lehrer macht. 

Viele Veränderungen durch Yoga Training

Alle neuen Schüler haben eine persönliche Begrüßung durch ihren Lehrer verdient. Dieser erste Kontakt dient dazu, sich nach ihrer bisherigen Erfahrung, ihren Verletzungen und Absichten zu erkundigen, er leistet aber auch einen wesentlichen Beitrag dazu, dass sie sich im Unterricht wohler fühlen. Wir müssen ausdrücklich erklären, dass unser Interesse im Yoga der Art und Weise gilt, wie wir vorgehen, nicht der Frage, wie weit wir dabei kommen; dass wir in diesem Prozess Atem, Körper und Geist bewusst verbinden, während wir die Entwicklung von Kraft, Beweglichkeit und Gleichgewicht im Rahmen einer langfristigen Praxis ganzheitlicher Integration erforschen. Im Yoga finden Veränderungen vielleicht noch mehr als bei allen anderen körperlichen Aktivitäten oder Disziplinen langsam, oft im Laufe von Jahren statt, während die dauerhafte Praxis lebenslange Gewohnheiten auflöst. Überdies ist diese Veränderung nur selten linear. Heben Sie die Bedeutung von Festigkeit und Leichtigkeit hervor, demonstrieren Sie Balasana (Kind) und ermutigen Sie neue Schüler, in dieser oder einer anderen Haltung zu ruhen, wann immer sie das Bedürfnis da- nach verspüren. Bitten Sie sie unabhängig davon, ob sie Hilfsmittel zu brauchen glauben oder nicht, einen Yogablock, einen Gurt und zwei Decken oder eine Yogarolle neben die Matte zu legen. Wahrscheinlich wird ihnen der eine oder andere Gegenstand im Lauf der Stunde von Nutzen sein – vielleicht sogar alle. Setzen Sie die neuen Schüler nach Möglichkeit nebeneinander, damit Sie einfacher etwas demonstrieren oder spezielle Anleitungen geben und zugleich die ganze Gruppe im Blick behalten können. Versuchen Sie auch, sie hinter erfahreneren Schülern zu platzieren, bei denen Sie sicher sein können, dass sie sich an die Grundformen der Asanas halten (statt hinter einem Wichtigtuer, dessen hochtrabende Variationen die Neulinge verwirren und einer sicheren Praxis abträglich sein können). 

Ausführliche Hinweise und Abwandlungsmöglichkeiten wichtig

Nutzen Sie die Anwesenheit neuer Schüler, um die Grundlagen von Ujjayi Pranayama sowie die Grundelemente aller Asanas noch einmal zu wiederholen. Von dieser Wiederholung werden auch die erfahrenen Schüler profitieren – sogar diejenigen, deren Geduld dabei vielleicht auf die Probe gestellt wird. Stellen Sie sich bei Surya Namaskara direkt neben die neuen Schüler, um ihnen alle Asanas und Übergänge besser demonstrieren und erklären zu können. Bitten Sie den Rest der Gruppe, in Adho Mukha Svanasana (nach unten schauender Hund) zu verharren, während Sie mit den Neulingen noch einmal die Asanas von Surya Namaskara (Sonnengruß) durchgehen, die sie offenbar verwirrend fanden oder die eine besondere Herausforderung für sie waren. Geben Sie ihnen ausführlichere Hinweise und Abwandlungsmöglichkeiten.

Quelle:

Stephens, Mark: Yoga-Workouts gestalten - Riva Verlag,
 München 2014

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