Beweglichkeitstraining

Die 4 Entwicklungsstufen im Yoga

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Im Yoga werden verschiedene Entwicklungsstufen vom Anfänger zur Vollendung beschrieben.

Viele hundert Jahre später finden wir den ersten Nachweis einer körperlichen Yogapraxis. Sie umfasste mehrere Asanas und andere Übungen, die Hatha Yoga genannt wurden.

In den ersten Schriften, vornehmlich der im 14. Jahrhundert von Swami Svatmarama verfassten Hatha Yoga Pradipika (Muktibodhananda 1993, 566–574) und der Siva Samhita (Vasu 2004, 28) lesen wir von vier Entwicklungsstufen im Yoga, die für das Erlernen aller Yogapraktiken gelten sollen (in der Siva Samhita werden diese Stadien speziell für die Praxis des Pranayama angeführt). Sie werden bhava genannt, was eine spontane Entwicklung nahelegt, bei der sich die Qualität der Körper-Atem-Geist-Erfahrung immer weiter verfeinert. Diese vier Stadien geben uns die traditionelle Einteilung in die Stufen Anfänger, Geübte, Fortgeschrittene und Könner. 

1. Arambha Avastha – Anfängerstufe: 

Hier macht man sich erstmals mit dem eigenen Körper vertraut und erkundet die Asanas auf der grobstofflichen Ebene, während man ihre Grundformen und -bewegungen erlernt. B. K. S. Iyengar (2009, 168) bezeichnet dies als die Stufe, auf der man "an der Oberfläche kratzt". Das Ziel ist es, ein Gefühl für die Ganzheit jedes Asanas zu bekommen und Festigkeit und Leichtigkeit zu entwickeln, während man erforscht, wie man den Atem aus- dehnen und verfeinern kann. 

2. Ghata Avastha – Gefäßstufe: 

Hier erforscht man allmählich gründlicher, wie körperliche Veränderungen die Beschaffenheit des Geistes beeinflussen können. In der eigenen Praxis gelangt man zu einem feineren Gewahrsein des Atems, der Geräusche sowie des allgemeinen Empfindens und verfeinert so das Gefäß von Körper und Geist. Man kommt vermehrt zu einer innerlichen Bewegung, beginnt mit Praktiken des Atemverhaltens und kommt nach und nach in der steten Verpflichtung, den Atemfluss und damit auch das Gewahrsein zu verfeinern, zu immer komplexeren Pranayamas. 

3. Parichaya Avastha – Stufe der Anhäufung: 

Hat man den Tempel des Körpers mit Asanas für Anfänger und Geübte und das Werkzeug des Atems mit Pranayamas verfeinert, macht man sich im nächsten Stadium mit dem Geist vertraut. Man bleibt bei der Asana- und Pranayamapraxis, um die Verkörperung des Bewusstseins zu erforschen, jede Zelle des Seins mit hochentwickeltem Gewahrsein zu erfüllen und auf diese Weise ein Gefühl der völligen Integration von Körper und Geist zu erlangen. 

4. Nispattia Avastha – Stufe der Vollendung: 

Hat man Körper, Atem und Geist zu reinem, nahtlosem Sein verfeinert, wird alles, was man im Leben tut und erlebt, zu einer lebendigen Meditation. Im Zustand der Seligkeit verliert sich sogar der Unterschied zwischen Körper und Bewusstsein. 

Auf der von diesen frühen Texten gelehrten Anfängerstufe (Arambha Avastha) des Hatha Yoga beginnt der Schüler mit den shatkarmas, die dazu beitragen, eine erste Harmonie im Körpergeist herzustellen.6 Dies erleichtert den Zugang zu Patanjalis Pfad, der mit Yama, Niyama und Asana beginnt. Von nun an schreitet man auf dem Weg vorwärts, den auch das Yogasutra beschreibt und auf dem man sich zunächst mit Asana, dann mit Pranayama beschäftigt, die beide den vier Stufen der Meditationspraxis vorausgehen. Diese Reihenfolge wird von vielen traditionellen und zeitgenössischen Lehren vorgeschrieben.

Lesen Sie auch: Traditionelle Ansätze des Yoga.

Aus:

Stephens, Mark: Yoga-Workouts gestalten, Riva Verlag, München 2014

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