Verletzung im Oberschenkel: Hamstringruptur

Hamstringrupturen und deren Behandlung

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Hamstringruturen passieren meist bei schnellkraftorientierten Sportarten wie Sprinten, Kontaktsportarten, Ballspielen oder Tennis.

Die ischiocrurale Muskulatur ist eine der wichtigsten Muskelgruppen in unserem Körper, die bei optimalen Kraft- und Längenverhältnissen für eine korrekte Körperhaltung, für Schmerzfreiheit im Rücken und den unteren Extremitäten und für eine dynamische sportliche Ausführung verantwortlich ist.

Funktionelle Anatomie

Zu der „Hamstring“-Muskelgruppe (auf dt. ischiocrurale Muskulatur) gehört die gesamte hintere Oberschenkelmuskulatur: M. biceps femoris (mit seinen zwei Köpfen), M. semitendinosus und M. semimembranosus. All diese Muskeln gehören den Flexoren des Kniegelenkes und den Extensoren des Hüftgelenkes an und sind mehrgelenkige Muskeln. D.h. diese Muskelgruppe wirkt gleichzeitig auf die Hüfte, das Knie und führt ihre Wirkung bis zum Sprunggelenk aus.

Die meisten Stränge der ischiocruralen Muskulatur entspringen am unteren Beckenanteil dem Tuber ischiadicum und setzen unterhalb des Knies am Unterschenkel, an der Tibia und Fibula, an. Aufgrund dieser anatomischen Position beeinflussen die Kraft- und die Längenverhältnisse der Hamstrings die Position des Beckens und somit des Rückens. Zahlreiche Haltungsschwächen können durch fehlende Kraft in dieser Muskelgruppe erklärt werden. Auf der anderen Seite können Knieschmerzen durch eine längere und flexiblere Muskelgruppe eliminiert werden.

Die Hamstrings neigen zur Verkürzung besonders bei überwiegend sitzender Tätigkeit und bei sportlichen Tätigkeiten, bei denen diese Muskelgruppe in ihrer Kraft oder Flexibilität kaum beansprucht wird.

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Verletzungsmechanismus

Die Verletzung ist das Ergebnis einer übermäßigen kraftvollen Kontraktion bei Beugung des Kniegelenkes oder Streckung des Hüftgelenkes. Im Vergleich zu einem nicht stimulierten Muskel werden unmittelbar vor der Ruptur des kontrahierenden Muskels mehr Kraft und Energie absorbiert“.(1)

Biomechanische Studien erbrachten den Beweis, dass die höchste Belastung der Muskel-Sehnen-Einheit und die Anspannung der ischiocruralen Muskulatur während der letzten Schwungphase – kurz vor dem Aufsetzen des Fußes auf den Boden – auftreten und dieser Zeitraum das höchste Verletzungsrisiko in sich trägt.(2)

Die meisten Verletzungen dieser Art passieren bei schnellkraftorientierten Sportarten wie Sprinten, Kontaktsportarten, Weitspringen, Ballspielen, Tennis und auch Wasserskilaufen.

Die Verletzung kann in jedem Bereich der Muskel-Sehnen-Einheit auftreten und der verletzte Sportler verspürt Schmerzen beim Beugen des Kniegelenkes oder Strecken der Hüfte gegen Widerstand.

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Behandlung

Das verletzte Bein sollte in den ersten 3-5 Tagen geschont, gekühlt und unter Kompression hochgelagert werden. Je nach Schwere der Verletzung kann bereits ab dem 5. Tag mit dem Übungsprogramm (Kraft- und Beweglichkeitstraining) begonnen werden. Die Intensitätssteigerung ist von der Schmerzlinderung und von der Verbesserung der Beweglichkeit abhängig. Die Wiederaufnahme des Sports ist in der Regel bereits nach 2 bis 4 Wochen möglich, wobei man an dieser Stelle die Verletzung zu 100% auskuriert haben sollte, bevor man mit dem gewohnten Training wieder startet.

Rückkehr zum Sport

Thorborg warnt besonders stark vor zu früher Rückkehr nach der Verletzung der ischiocruralen Muskulatur. Denn bei einer Rückkehr nach weniger als 3 Wochen ist das Wiederverletzungsrisiko sehr stark gegeben, was ein Aussetzen des verletzten Sportlers von bis zu einem Jahr zur Folge haben kann. Um die Verletzung der Hamstrings vollständig zu beheben, ist es wichtig den genauen Ursprung des Problems zu beheben.

Ein trügerisches Zeichen bietet das Jogginglaufen bei einem moderaten Tempo. Denn diese Art der Bewegung ist bereits nach mehreren Tagen schmerzfrei nach der Verletzung möglich. Die exzentrische Arbeitsweise der Muskulatur bei Schnellkraftsportarten wird dabei aber komplett übersehen. Wir erinnern uns, dass die Verletzung genau beim Kraftanstieg Richtung Maximalkraftkontraktion passieren kann. Und genau diese Kontraktionsfähigkeit der Muskulatur sollte komplett wieder hergestellt werden.

Des Weiteren sollte man NICHT die sportliche Fähigkeit vor einem Wettkampf oder einem Spiel als endgültiges Einsatzkriterium ansehen. Denn das Wiederverletzungsrisiko ist immer noch um 15 Mal höher als bei einer kompletten Genesung.

Vor so einem Einsatz sollten wichtige Faktoren wie

- funktionelle Muskellänge,

- Kontraktionsfähigkeit,

- ballistische Bewegungen,

- Schnelligkeitsläufe,

- sportspezifische Bewegungen,

- Muskelermüdung und

- Verhalten bei Wettkampfsituationen unabhängig von der zeitlichen Komponente getestet werden.

 

Betrachtet man die Entwicklung der isometrischen Kraft, kann man bei einem Sprinter eine Funktionsfähigkeit von 70% nach 2 Wochen, 85 % nach 3 Wochen und 90 % nach 6 Wochen beobachten. Die vollständige Funktionsfähigkeit der Hamstrings ist aber erst nach 16 Wochen des entsprechenden Rehabilitationstrainings zu beobachten.

Warum sollte man also vor der vollständigen Wiederherstellung der isometrischen Kraft mit intensiven exzentrisch orientierten Kraftbelastungen anfangen?

 

Spezifisches Training

Abb. 1: Übung "Nordic Hamstring"

In seiner Studie führte Thorborg ein sportartspezifisches und gleichzeitig ein sehr simples Training der progressiven Belastungssteigerung durch und erreichte damit einen 85 % Erfolg in Hinsicht auf das gesunkene Wiederverletzungsrisiko der Sportler im Folgejahr.

Die Übung Nordic Hamstring stellt einen optimalen Bewegungsablauf zum langsamen Aufbau der exzentrischen Kraft dar. Dabei wird

- die aktuelle Länge des Muskels in seiner Kraft optimal ausgenutzt,

- der Muskel wird dabei auf verwandte Bewegungen vorbereitet und

- das Knie und die Hüfte werden langsam auf Stresssituationen während eines Wettkampfes vorbereitet.

 

Die Trainingssteuerung sah in dieser Studie wie folgt aus:

1. Woche: eine Trainingseinheit

2. Woche: zwei Trainingseinheiten

3. bin 10. Woche: drei Trainingseinheiten danach eine Trainingseinheit/Woche während 6 Monaten

 

Die Trainingsintensität sollte sich am aktuellen Leistungsstand des Sportlers orientieren, jedoch Richtung Kraftausdauertraining, d. h. 2-3 Sätze jeweils 15-20 Wiederholungen, gehen.

 

Fazit

Zunächst ist es wichtig, die isometrische Kraft und die Kontraktionsfähigkeit mit einer hohen Rekrutierungsrate aufzubauen. Erst wenn dies gegeben ist, kann die Belastung langsam unter einem exzentrischen Charakter fort gesetzt werden. Wird die Regenerationszeit beachtet, ist die Wiederverletzungsquote und eine längere Zwangspause nicht der Rede wert.

Autorin: Marina Lewun

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Literaturangaben:

1. Peterson, L., Renström, P. (2002). Verletzungen im Sport. 3. Auflage, Deutscher Ärzte-Verlag, Köln

2. Thorborg, K. (2012). Why hamstring eccentrics are hamstring essentials. British Journal of Sports Medicine 46 (7), S. 463-465.

3. Platzer, W. (1999). Taschenatlas der Anatomie. 7. Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart

4. Tittel, K. (1998). Beschreibende und funktionelle Anatomie des Menschen. 13. Auflage, Urban & Fischer Verlag, München

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