Flossing in der Physiotherapie

Flossing: Therapie und Training

Richtiges Flossing kann Schmerzlinderung und Leistungssteigerung fördern

Richtiges Flossing kann Schmerzlinderung und Leistungssteigerung fördern: die neue Therapie- und Trainingsform mit dem „Gummi-Band“ verbessert die Beweglichkeit von Gelenken, steigert den Kraftfluss der Muskulatur und stellt die Elastizität von Faszien wieder her.

Schmerzfreier und beweglicher durch Abbinden

"Schmerzfrei und beweglich durch Abbinden", so titelte das Fachmagazin Physiotherapie einen Artikel zum Thema Flossing. Was martialisch klingt, erklärt die Sache doch kurz und knapp, wenngleich diese neuartige manuelle Therapie mit dem Zusatz "und Mobilisieren" noch treffender beschrieben würde. Schmerzfrei und beweglich durch Abbinden und Mobilisieren oder kurz gesagt Flossing: ein neues manuelles Tool, das Therapeuten und Trainern hilft , Patienten und Athleten wieder gesund und noch leistungsfähiger zu machen. Die Flossing-Anlagen werden um die Brennpunkte beziehungsweise betroffenen Stellen wie Gelenke, Muskeln oder Faszien gewickelt und diese anschließend mittels spezieller Übungen mobilisiert. Diese Kombination aus Flossing-Anlage und Übung fördert die Beweglichkeit von Gelenken, den Kraftfluss und die Elastizität von Muskeln und Faszien und kann auch akute oder chronische Schmerzen im Bewegungsapparat lindern. Ziel aller Applikationen ist es letztendlich, die natürliche Beweglichkeit – die Range of Motion – ganz ohne Limitierungen wiederherzustellen.

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Der positive Effekt von Flossing

Flossing bringt:

erhöhte Beweglichkeit, Schmerzlinderung, beschleunigte Regeneration, kürzere Rehabilitation

Die Wirkmechanismen beim Flossing

Obwohl es auf den ersten Blick so aussieht, sind die Gummibänder, die beim Flossing eingesetzt werden, keine Bandagen. Sie schützen nicht bzw. stützen nicht wie Manschetten. Sie sind vielmehr elastisch und dienen dazu, bewusst Gewebe zu komprimieren und abzuschnüren. Dadurch sollen zum einen alle fließenden Leitungen wie Blut und Lymphflüssigkeit unterbrochen, zum anderen ein enormer Druck von außen auf alle Strukturen und Schichten des zu behandelnden Bereiches ausgeübt werden. Das Anlegen des Floss-Bandes – die Applikation – ist nur ein Teil der Therapie beziehungsweise des Trainings. Wird das geflosste Gelenk oder die betroffene Stelle dreidimensional bewegt – idealerweise durch den Patienten oder Athleten selbst –, entstehen die erforderlichen Scherkräfte, die verklebte Oberflächen von Muskeln und Faszien zum Gleiten bringen sowie sogenannte Crosslinks zerreißen. So verändern sich noch während der Übung die Elastizität des Gewebes sowie der Tonus von Muskulatur und Faszien. Hinzu kommt die Reibung zwischen dem Band und den darunterliegenden Schichten. Dieser Reiz spricht die Mechanorezeptoren der Haut an und kann ein "Umpolen" beziehungsweise "Resetten" fehlgeschalteter Bewegungsabläufe bewirken. Bei stärkeren Verletzungen wie Muskelfaserrissen, Bänderverletzungen und Meniskusschäden kann Flossing – durch einen Experten angewendet – die Rekonvaleszenzzeit erheblich verkürzen. Hier kommt auch zum Tragen, dass die bei den Entzündungsreaktionen entstandenen Stoffe durch Flossing verstärkt abtransportiert werden und die Kompression zusätzlich zum Abbau der Schwellung beiträgt, wodurch die propriozeptiven Fähigkeiten wieder schneller zurückkehren.

Flossing wirkt auf:

Muskeln, Gelenke und Faszien

Erfunden hat das Flossing der US-amerikanische Sportwissenschaftler und Physiotherapeut Kelly Starrett. Er prägte dafür den Begriff "Voodoo Flossing" – wohl aus dem Grund heraus, dass es doch ein wenig an Zauberei erinnert, wenn durch das Anlegen der Gummibänder in Verbindung mit manualtherapeutischen Behandlungen beziehungsweise Übungen schnell eine Besserung und Schmerzlinderung eintritt. Allerdings hat Flossing nichts mit Zauberei zu tun, denn es macht sich konkrete Prinzipien beziehungsweise Mechanismen zunutze, die seine Wirksamkeit erklären. Flossing nutzt insgesamt drei Effekte beziehungsweise Reize, um Leistungsverbesserungen und Schmerzlinderung zu erreichen sowie bessere Regenerations- und Rekonvaleszenzergebnisse zu erzielen. Der Mix aus Anlagetechnik und einem bestimmten Druck des Bandes in Verbindung mit anschließender Bewegung erzeugt die drei wesentlichen Wirkmechanismen des Flossings:

Schwammeffekt: sorgt für eine "Frischwasser"-Versorgung des Gewebes

subkutane Irritation: eine Überlagerung des Schmerzempfindens durch den neuen Reiz

Kinetic Resolve: hilft beim Lösen von Fixierungen und Adhäsionen

Flossing und myofasziale Leitbahnen

Oberflächliche Rückenlinie & oberflächliche Frontallinie

Wichtig ist, bei jeder Applikation zu wissen, woher der Schmerz beziehungsweise die Beschwerden tatsächlich herrühren. Hier hilft die von Thomas Myers entwickelte Lehre der anatomy trains, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was im Körper wie miteinander verbunden ist. Die "anatomischen Leitlinien" oder "Zugbahnen" zeigen auf, wo Kräfte und auch Säfte fließen. Sie lassen beispielsweise gut erkennen, dass die Ursache für den Knieschmerz nicht dort liegen muss, wo es wehtut, sondern dieser eine Etage höher in der Hüfte oder eine Etage tiefer im Sprunggelenk verursacht werden kann. Die myofaszialen Leitbahnen sind in jeden Bewegungsablauf miteinbezogen. Diese verschiedenen Muskel-Faszien-Bahnen verlaufen auf unterschiedlichen Wegen durch den gesamten Körper, leiten Kräfte weiter und gewährleisten die nötige Elastizität sowie Beweglichkeit, aber auch Körperspannung – im Idealfall. Denn kommt es zu Adhäsionen oder "Fixierungen" auf ihren Verbindungen, verändert sich auch immer die "Mechanik" der Faszien.

Laterallinie & Spirallinie

Sie können nicht mehr so gut arbeiten, da die interzelluläre Flüssigkeit nicht mehr optimal fließen kann. Vergleichbar mit einem stehenden Gewässer kommt es zu Fäulnis- und Gärungsprozessen, deswegen der Spruch "Säftte müssen fließen können", der als naturheilkundliche Grundregel gilt. Die anatomischen Zuglinien, die von oben nach unten verlaufen, helfen gerade Therapeuten dabei, Zusammenhänge zu erkennen, die Ursache von weitergeleiteten Fehlspannungen aufzuspüren und diese dann auch systematisch zu behandeln. Beim Flossing sorgt der Schwammeffekt für eine "Frischwasser"-Versorgung des Gewebes; der Kinetic Resolve hilft beim Lösen von Fixierungen und Adhäsionen. Daher eignen sich das Floss-Band und die damit durchgeführten Applikationen ideal, um die Züge wieder auf diesen anatomischen Gleisen ohne Unterbrechung durchfahren zu lassen. Die wichtigsten Zuglinien, die Thomas Myers in seinem Buch Anatomy Trains beschreibt, zeigen die Grafiken.

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Wirkung von Flossing-Anlagen auf die Faszien

Ähnlich wie die Muskeln lassen sich Faszien über einen richtig gesetzten und gut getimten Reiz stärken, aber auch durch fehlende Bewegung oder Überforderung schwächen. Die Folge: Sie verhärten beziehungsweise verkümmern. Verletzungen, Narbenbildung, Entzündungen oder Crosslinks verändern die Strukturen und vermindern die Elastizität der Faszien. Ein nur noch wenig elastisches Fasziengewebe regeneriert verzögert, da es nicht mehr so gut mit Nährstoffen und Flüssigkeit versorgt wird. Da Faszien Muskeln vor Überdehnung oder Rissen schützen sollen, sind sie nicht so flexibel wie die Muskeln. Ihre Gitternetzstruktur aus Elastin und Kollagen macht sie "spröder" und "fester". Werden die Faszien beispielsweise durch das Bindegewebe nicht ausreichend mit Flüssigkeit versorgt, werden sie über die Maßen gefordert – besonders bei starken, ruckartigen Bewegungen. Die spröden, ausgetrockneten Faszien halten der Belastung dann nicht mehr stand und sind viel anfälliger für Verletzungen. Mikro-Zellverletzungen im Muskel- und Fasziengewebe durch überhartes Training oder zu große Belastung – auch durch dauerhaft falsche Haltung beziehungsweise nonkonforme Bewegungsabläufe – verursachen kleinste Entzündungsherde. Diese verschlimmern sich durch die beim Sport gebildeten Stoff wechselzwischen- und -endprodukte zusätzlich und führen dazu, dass das myofasziale Gewebe verkleben kann. Wenn Faszien nicht mehr einwandfrei arbeiten können, wird außerdem das Netz unnötig und an den falschen Stellen unter Spannung gesetzt, was Muskeln und Knochen, ja sogar Organe negativ beeinflusst. So verschlechtert sich nicht nur die Muskelökonomie, oftmals schränkt die "Blockade" im Gewebe auch die gesamte Beweglichkeit des Körpers ein. Folgen sind zumeist Überlastungsschäden oder Verletzungen. Faszien können auch fühlen und sind so für die Körperwahrnehmung von sehr großer Bedeutung, da sie Bewegungsabläufe koordinieren. So sensibel die Faszien auch sind, so schmerzhaft können sie Laut geben, denn sie besitzen eine hohe Dichte an schmerzleitenden Nervenendigungen (Nozizeptoren). Nicht umsonst werden die Faszien auch als Sinnesorgan bezeichnet.

Schwammeffekt: 

Das myofasziale Gewebe wird durch die einwirkende Kompression des Gummibandes in Kombination mit durch die Bewegung ausgelösten Scherkräften "ausgewalkt". Lässt der Druck beim Lösen des Floss-Bandes nach, kann sich das Gewebe wieder von Neuem mit frischer Flüssigkeit auffüllen und gleichzeitig wird seine Durchblutung verbessert. Dies führt zu einer erhöhten Viskosität des myofaszialen Gewebes: Es wird wieder geschmeidiger und sensibler. Muskeln und Faszien können dann besser gleiten und miteinander kommunizieren.

Subkutane Irritation:

Wie schon beschrieben können Faszien Schmerzen auslösen, hervorgerufen durch schlechte Haltung und Überlastung. Ursächlich für Schmerzen im unteren Bereich des Rückens ist nach neuesten Erkenntnissen häufig die Lumbodorsalfaszie (Faszie am unteren Rücken). Hier befinden sich außergewöhnlich viele dieser Schmerzsensoren mit einer niedrigen Reizschwelle. Bei einer schmerzauslösenden Faszie können durch die Applikation und die Therapie mit dem Floss-Band die mechanischen Rezeptoren (Propriozeptoren, Mechanorezeptoren etc.) so stark gereizt werden, dass es zu einer Überlagerung des Schmerzempfindens kommt. Infolgedessen können Schonhaltungen und weitere Verklebungen innerhalb der Faszien verhindert werden. Durch die momentan erreichte Schmerzlinderung kann der Patient die Gliedmaßen wieder normal ohne Einschränkungen bewegen. Dieser intakte Prozess wird im Gehirn neu abgespeichert, was die bisherige Schonhaltung auflöst beziehungsweise durch die richtige Haltung überschreibt.

Kinetic Resolve:

Dieser Effekt kommt bei der Beseitigung der sogenannten Crosslinks zum Tragen. Die Faszien bilden diese Querverbindungen nach längeren Fehlhaltungen, Verletzungen oder Ruhigstellung. Resultat: Die Dehnfähigkeit des Bindegewebes vermindert und die Beweglichkeit verschlechtert sich. Durch regelmäßige physiotherapeutische Maßnahmen wie das Flossing lassen sich Crosslinks einerseits verhindern, andererseits auch wieder auflösen. Durch das angelegte Floss-Band und gleichzeitige Bewegungsimpulse werden diese Verklebungen aufgebrochen, um die Mobilität der Gewebsschichten wiederherzustellen. Das Band hält die Haut und subkutanes Gewebe fest und das darunterliegende Gewebe wird dagegenbewegt, indem Torsionen und longitudinale Dehnungen absolviert werden – aktiv durch den Patienten oder passiv durch den Therapeuten.

Buchtipp aus der Trainingsworld-Redaktion:

unsere Autoren Andreas Ahlhorn und Dennis Krämer haben ein tolles Buch zum Thema verfasst, das wir Euch wirklich dringend empfehlen:

Flossing in Therapie und Training

Flossing in Therapie und Training

Kann ein schlichtes dünnes Gummiband ein geeignetes Therapie- und Trainings-Tool sein? Ja – vorausgesetzt, es wird richtig angewandt. Dieser Ratgeber erklärt die vielfältigen Einsatzbereiche des Flossings, einer modernen Behandlungsmethode, mit der chronische wie akute Schmerzen gelindert und der Heilungsprozess nach einer Verletzung beschleunigt werden können. Dazu erklärt Deutschlands Flossing-Experte Nummer eins, der Physiotherapeut Andreas Ahlhorn, anhand von bestimmten Beschwerdebildern, warum und wie Flossing durch Kompression „heilen“ kann.

Doch auch wer fit und gesund ist, kann Flossing nutzen, um leistungsfähiger zu werden. Denn das kurzzeitige „Abschnüren“ von Körperteilen mit dem Floss-Band lässt Muskeln, Sehnen, Gelenke und Faszien anschließend viel schneller regenerieren.

Der Sportphysiotherapeut und Personal Trainer Dennis Krämer präsentiert mehr als 50 Übungen, die gemeinsam mit dem Flossing eingesetzt werden können, um die Mobilität und Beweglichkeit der geflossten Körperpartien zu verbessern.

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