Olympia-Silbermedaillengewinner Peter Schlickenrieder im Interview

„Wir sind für die Nordische Ski-WM sehr gut aufgestellt“

TV-Experte Peter Schlickenrieder.

Am 20. Februar beginnt in Val di Fiemme die Nordische Ski-WM. Im Interview mit trainingsworld.com sprach der Olympiazweite im Langlauf-Sprint von Salt Lake City, Peter Schlickenrieder, über die Faszination der Nordischen Ski-WM, die Trainingsmethoden der drei Sportarten und die deutschen Chancen. 

Bei den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City gewann Peter Schlickenrieder die Silbermedaille im Langlauf-Sprint. Inzwischen arbeitet er erfolgreich als TV-Experte und analysiert die nordischen Wettkämpfe. Bei den aktuellen Weltmeisterschaften in Val di Fiemme ist er selbstverständlich ebenfalls wieder vor Ort. Das italienische Wintersportzentrum im Trentino ist damit nach 1991 und 2003 zum dritten Mal Gastgeber der weltbesten Skilangläufer, Nordischen Kombinierer und Skispringer.

 

trainingsworld.com: Worin liegt für Langläufer der Reiz an so einem großen Event?

Peter Schlickenrieder: Der Reiz liegt darin, dass der komplette Langläufer gefordert ist – also nicht nur das Konditionswunder auf der langen Strecke, sondern auch der Taktiker, der die Wettkämpfe am besten verkraftet und auf den Punkt fit ist. Wichtig ist, sich seine Kräfte richtig einzuteilen und die Vorbereitung exakt zu timen, um dann letztendlich nicht nur bei einem, sondern bei mehreren Events erfolgreich zu sein. Zudem findet alles vor einem großen Publikum statt, da muss man auch einen gewissen psychischen Druck aushalten.

 

"Leistungen, Entwicklungen und Ergebnisse haben einen Grund"

trainingsworld.com: Ab der zweiten Woche sind Sie als TV-Experte für die ARD tätig. Was machen Sie genau vor Ort und wie bereitet man sich auf diesen Job vor?

Peter Schlickenrieder: Im Endeffekt geht die Vorbereitung über das ganze Jahr: Man schaut im Trainingslager vorbei, man sieht sich an, wie sich die Athleten entwickeln, man begutachtet die Testwochen. Das, was man letztendlich bei einer WM oder EM sieht, bahnt sich ja meistens schon über einen längeren Zeitraum an. Mann kann daher auch nicht erst vor Ort recherchieren, sondern man muss schon über einen längeren Zeitraum im Vorfeld dabei sein, mal mittrainieren oder mit den Athleten sprechen. Zudem versucht man, immer telefonisch mit den Athleten Kontakt zu halten und auch ‚die zweite Reihe’ und den Nachwuchs im Blick zu haben. Ich denke, wenn man den Job gut machen will, muss man versuchen, sehr nah am Geschehen dran zu sein. (...) Die WM ist eigentlich nur noch das Produkt der ganzen Vorbereitung. Vor Ort geht es bei der Weltmeisterschaft darum, den Spagat zwischen dem ‚normalen‘ Fernsehzuschauer und dem Hochleistungssportler zu schaffen. Die Kunst ist, die Dinge so darzustellen, dass sie für den Großteil der Fernsehzuschauer nachvollziehbar sind und gleichzeitig die Faszination der Sportart transportiert wird. Auf der anderen Seite dürfen die Dinge auch nicht zu sehr vereinfacht und nur ‚schwarz oder weiß‘ dargestellt werden – denn oft haben Leistungen, Ergebnisse und Entwicklungen einen gewissen Grund, den man als Experte bestmöglich herausarbeiten will. Man muss ganz einfach Geschichten erzählen, wie beispielsweise jetzt bei der WM über Val die Fiemme und das Trentino und die Lebensart der Langläufer. Wir machen uns mit den Redakteuern im Vorfeld eine Menge Gedanken, was man an speziellen Geschichten zeigen kann, die den Fernsehzuschauer interessieren und mit denen wir unseren Sport spannend darstellen können. Zum anderen wollen wir immer nah am Rennen bleiben und versuchen, die Besonderheiten der Strecke zu beschreiben.

 

trainingsworld.com: Worin liegen die Unterschiede in der Wettkampfvorbereitung der drei Sportarten – Skilanglauf, Nordische Kombination und Skisprung?

Peter Schlickenrieder: Wenn man die drei Sportarten miteinander vergleicht, gibt es natürlich sehr große Unterschiede. Das eine Extrem ist der Skilanglauf, das andere der Skisprung – die Nordische Kombination liegt in der Mitte. Skisprung ist eine klassisch schnellkräftige Sportart, bei der man eigentlich keine große Ausdauer benötigt. Die Ausdauer-Leistungsfähigkeit braucht man maximal dafür, um sich schneller vom Wettkampf- und Reisestress zu erholen. Das Entscheidende beim Skisprung sind letztlich die Schnellkraft, die Spritzigkeit, das Fluggefühl und die koordinativen Fähigkeiten. Wenn man das Ausdauertraining zu umfangreich gestaltet, gefährdet man diese Fähigkeiten. Skispringer trainieren daher komplett konträr zu den Langläufern, die in erster Linie darauf Wert legen, ihre Ausdauerfähigkeit und ihre Laktatmobilisation auf den Punkt zu timen. Das heißt, Langläufer müssen ihr Ausdauertraining ganz genau abgestimmt an einem bestimmten Zeitpunkt zurückfahren oder durch intensives Intervalltraining ersetzen, um die antrainierte Ausdauerfähigkeit mit einer hohen Laktatverträglichkeit zu paaren. Das ist bei jedem einzelnen Athleten individuell verschieden. Würde zum Beispiel der Skispringer soviel Ausdauer trainieren wie der Langläufer, würde er wahrscheinlich nicht mehr so gut vom Schanzentisch abheben. Die Trainingsschwerpunkte sind also komplett unterschiedlich. Und genau das ist die große Herausforderung der Nordischen Kombinierer. Auf der einen Seite sollten die Athleten soviel Ausdauer trainieren, dass sie läuferisch mithalten und in der Spitze dabei bleiben können. Auf der anderen Seite müssen sie aufpassen, dass sie ihre schnellkräftigen und koordinativen Fähigkeiten nicht verlieren. Das ist die große Schwierigkeit. Man sieht das daran, dass es manchmal sehr bestimmende Athleten gibt, die sich dann aber schwer tun, die Leistung im Jahr darauf zu wiederholen. (...) Das ist es sehr schmaler Grat, den es zu treffen gilt.

 

"Wenn ein Biathlet nicht unter die Top 15 der Langläufer kommen kann, gewinnt er nichts mehr"

trainingsworld.com: Die Biathletin Miriam Gössner startet in Val die Fiemme im Langlaufwettbewerb. Ist es möglich, nach einer Biathlon-WM den „Hebel“ komplett umzuschalten und sich zu 100% auf eine neue WM zu konzentrieren?

Peter Schlickenrieder: Ich denke schon. Man sieht mittlerweile im Biathlon-Bereich, dass das läuferische Niveau sehr stark geworden ist. Wenn man als Biathlet nicht im Langlauf-Weltcup unter den ersten 15 mitlaufen kann, dann gewinnt man auch nichts mehr. Die Zeiten, in denen man nur durch gutes Schießen etwas gewinnen konnte, sind ganz einfach vorbei. Für Miriam Gössner ist es mehr eine psychische Leistung, wie sie sich darauf einstellen kann, Misserfolge im Biathlonbereich abhaken zu können. Wenn man von Erfolg zu Erfolg hetzt, ist es natürlich leichter, als wenn man im Gepäck noch gewisse Rückschläge mit sich rumschleppen muss. Leichter wäre es also natürlich, wenn man eine wirklich erfolgreiche Biathlon-WM hinter sich hat und dann zur Langlauf-WM geht. (...) Dennoch ist die Leistung von Miriam Gössner gigantisch, wenn man sieht, was für ein Mediendruck bei der Biathlon-WM auf ihr lastet und sie dann durch eine Langlauf-WM noch mehr im Focus steht. Um diesen Spagat zu gewährleisten, muss man schon stabil sein.

 

trainingsworld.com: Wie kommt es, dass die deutschen Langläufer wie beispielsweise Tobi Angerer und Axel Teichmann innerhalb der letzten Jahre so viele Höhen und Tiefen durchlebt haben und nach ihren Gesamtweltcup-Siegen aktuell nicht mehr an die ganz großen Erfolge anknüpfen können?

Peter Schlickenrieder: Das liegt ganz klar daran, dass mittlerweile ganz neue Langlauftypen vorne sind. Wenn man an einen Dario Cologna oder einen Petter Northug denkt, sind das schnellkräftige Athleten, die sowohl einen 20 Kilometer-Lauf wie auch ein Sprint-Rennen gewinnen können – das hat es so bislang noch nicht gegeben. Selbst ein Tobi Angerer, der tendenziell eher schnellkräftig ist, hat über Jahre hinweg den Sprint nicht mehr trainiert, weil er gedacht hat, er braucht das nicht mehr in dem Sinne. Hinzu kommt, dass man durch das Ausdauertraining automatisch an Schnelligkeit verliert, je älter man wird. Das ist ein Punkt, an dem sich Tobi Angerer und Axel Teichmann mit Athleten konfrontiert sehen, die Fähigkeiten haben, die sie selbst nicht haben. Der zweite Punkt ist, dass sich die Disziplinen verändert haben – wie zum Beispiel das 50 Kilometer-Rennen oder das Verfolger-Rennen, das nicht mehr im Einzel-, sondern im Massenstart gestartet wird. Das heißt, es gibt immer mehr Massenstart-Rennen, bei denen in der Regel bis zur Ziellinie die Top 15 bzw. Top 20 zusammen sind – und dann setzt sich in der Regel der beste Sprinter durch. Folglich haben die deutschen Athleten die Leistungsfähigkeit, dieses Tempo mitzulaufen – bis 200 Meter vor die Ziellinie, aber dann nicht mehr. Eigentlich können sie also fast die gleiche Leistung abrufen wie vor zehn Jahren. Die Fähigkeiten, die jetzt ein Cologna oder ein Northug haben, haben sie vor zehn Jahren nicht gehabt und die haben sie jetzt auch nicht. Allerdings hat vor 10 Jahren in einem Einzelrennen das hohe Tempo oft gereicht, das Rennen durchzulaufen und zu gewinnen. Neben neuen Läufertypen und veränderten Disziplinen kommt sicherlich auch hinzu, dass es ganz einfach schwierig ist, den Körper über 20 Jahre am Leistungslimit zu bewegen. Dann tritt ein Gewöhnungsprozess ein und die klassische Trainingstheorie greift ganz einfach nicht mehr. Das heißt, was im Jahr zuvor erfolgreich war, reicht im Jahr darauf vielleicht nicht mehr. Da muss man dann vielleicht unorthodoxe Wege gehen. Ich denke, nur über neue Ideen und extremere Wege hat man dann überhaupt noch eine Chance, den Körper wieder einem Trainingsreiz auszusetzen. Da muss man entweder sehr mutig sein oder das Glück haben, genau den richtigen Schalter zu finden. Dafür gibt es aber keine wissenschaftliche Grundlage mehr, da sehr viel aus dem Instinkt heraus passiert.

 

"Die Skispringer können vorne mitspringen"

trainingsworld.com: Trauen Sie den deutschen Athleten in Val die Fiemme trotzdem eine erfolgreiche Platzierung zu – auch in den anderen Sportarten?

Peter Schlickenrieder: Ich glaube, dass wir für die Nordische Ski-WM sehr gut aufgestellt sind. Die Skispringer, die in den letzten Jahren ein Stück von der Weltspitze weg waren, können wieder ganz vorne mitspringen. Es ist sehr erfreulich, was Bundestrainer Werner Schuster auf die Beine gestellt hat. Da ist eine sehr gute Stimmung im Team, neue Springertypen sind da und der Generationswechsel ist vollzogen worden. Mit ihrem Mannschaftsgeist sind die Skispringer ganz einfach Medaillenkandidaten. Ähnlich ist es in der Nordischen Kombination, die deutschen Athleten haben in den letzten Weltcups sehr gute Leistungen gebracht. Da herrscht ein gutes Mannschaftsgefühl mit guten Typen, Bundestrainer Ronny Ackermann hat sich gut zurecht gefunden. Und auch beim Langlauf denke ich, dass gerade ein Tim Tscharnke oder ein Hannes Dotzler einen deutlichen Schub nach vorne gemacht haben. Speziell in den Teamwettbewerben sind wir für eine Überraschung und für vordere Plätze gut. Tobi Angerer hat erst kürzlich beim Weltcup in Sotchi bewiesen, dass er zur absoluten Weltspitze gehört. Ich denke, dass wir bei der WM wesentlich besser aussehen werden als in den Weltcups, die wir bislang gesehen haben.

Hier finden Sie weitere Informationen zu Peter Schlickenrieder.

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