Interview mit Bob-Bundestrainer Christoph Langen

„Bobsport ist Geschwindigkeit und Athletik – genau meine Welt“

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Bob-Bundestrainer Christoph Langen

Zwei Mal Olympiasieger, je sieben Mal Welt- und Europameister dazu weitere zahlreiche Medaillen – Christoph Langen ist einer der erfolgreichsten Bob-Piloten der Welt. trainingsworld.com sprach im Vorfeld der WM in St. Moritz mit dem heutigen Bundestrainer der deutschen Bobmannschaft.

trainingsworld.com: Herr Langen, Sie sind einer der erfolgreichsten Piloten der deutschen Bob-Geschichte. Wie kommt man eigentlich zum Bobsport? Gibt es dafür einen Paradeweg? 

Christoph Langen: Ich bin durch Zufall dazu gekommen. Ich habe Leichtathletik und Zehnkampf betrieben, da hat man mich angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, Bob zu fahren. Ich habe mir das dann im Trainingslager angesehen und einen Aufnahmetest gemacht. Da hat man dann gemeint, man könne mich gut gebrauchen ... Geschwindigkeit hat mir sowieso schon immer gut gefallen, außerdem ist es eine sehr athletische Disziplin - das war genau meine Welt. Ich habe den Sport dann schnell lieben gelernt.  

trainingsworld.com: Was empfehlen Sie Sportlern, die gerne zum Bobsport wechseln möchten? 

Christoph Langen: Man muss schnellkräftig, leistungsfähig und leistungsbereit sein, denn pro Saison sind wir ein halbes Jahr unterwegs. Das ist schon etwas ganz Spezielles. Wenn aber jemand Geschwindigkeit und Technik liebt und gerne im Winter durch die Welt reist, dann ist er bei uns genau richtig. 


trainingsworld.com: Was muss speziell trainiert werden, um im Bobsport erfolgreich zu sein? Ist es Athletik, Fitness, Koordination oder von allem etwas?

Christoph Langen: Es ist von allem etwas, das ist auch gerade das Interessante am Bobsport. Im Fernsehen sieht man meist nur die 50 oder 60 Meter, die angeschoben werden und der Bob beschleunigt wird. Zusätzlich gehört aber sehr viel Koordination, Explosiv- und Maximalkraft sowie Schnelligkeit dazu. Mann muss sehen, dass beim Viererbob die Einstiegsgeschwindigkeit bei über 12 Metern pro Sekunde liegt, das sind rund 38 bis 40 km/h. Das muss ein Athlet mit 100 oder 110 Kilogramm erstmal laufen. Da wird viel im athletischen Bereich trainiert, damit man das kann. Das ist kein eintöniges, sondern ein sehr, sehr vielseitiges Training.   

trainingsworld.com: Welche Eigenschaften machen einen idealen Piloten bzw. einen idealen Anschieber aus? 

Christoph Langen: Im modernen Bobsport ist es aktuell so, dass der Pilot die gleichen athletischen Werte aufbringen muss wie der Anschieber. Die Zeiten sind vorbei, bei denen sich der Pilot nur reinsetzt und versucht, den Bob sicher runter zu bringen. Dazu kommt heute, dass der Pilot ein Team führen muss und koordinativ – das heißt, was die Auge-Hand-Koordination betrifft – sehr stark sein muss. Außerdem muss er technisch versiert sein und sich auch in Physik ein wenig auskennen. Zum Schluss muss er noch mentale Stärke haben, da er den Bob ja auf allen Bahnen der Welt sicher ins Ziel bringen muss. Dazu muss er noch Verantwortung für sein Team übernehmen. Die Aufgaben des Piloten sind schon sehr, sehr vielseitig ausgelegt. Der Anschieber muss im Endeffekt die gleichen Voraussetzungen mitbringen. Er muss zwar nicht die fahrerischen Qualitäten haben wie der Pilot, aber er muss sich auch in Physik und Technik auskennen. Außerdem muss der Anschieber ein gewisses, wie wir sagen, „Arschgefühl“ haben, um kleine Fehler, die der Pilot macht, an verschiedenen Stellen zu korrigieren und die Fahrlinie zu optimieren. 

trainingsworld.com: Trainieren alle zwei bzw. vier Insassen eigentlich immer gemeinsam oder trifft man sich nur zum "Fahrtraining"? 

Christoph Langen: Im Winter sind wir ein halbes Jahr unterwegs. Da sind wir jeden Tag zusammen, da wird jeden Tag trainiert. Im Sommer ist es so, dass der Lebensmittelpunkt bei vielen in ganz Deutschland verstreut ist. Die Sportler sind im Sommer größenteils bei ihren Familien und treffen sich regelmäßig an irgendeinem Stützpunkt in Deutschland, um dort speziell das Start- und das Mannschaftstraining durchzuführen. Aber die reine Athletik – also Kraft, Schnelligkeit, Maximal- und Explosivkraft, Ausdauer und Kondition – machen die Sportler zu Hause individuell mit ihrem Heimtrainer. Man kann keinen 90 Kilogramm-Mann mit einem 118 Kilogramm-Mann vergleichen. Jeder braucht sein individuelles Training, um das Maximum für sich raus zu holen.
 

trainingsworld.com: Zu Ihrer Rolle als Bundestrainer: War der Wechsel ins „andere Lager“ für Sie einfach oder doch eher mit großen Umstellungen verbunden? 

Christoph Langen: Ganz klar, das war eine große Umstellung, weil ich jetzt eine ganz andere Denkweise an den Tag legen muss. Ich bin jetzt nicht mehr nur für mich und mein Team, sondern für den ganzen Bobsport in Deutschland mitverantwortlich. Ich fühle mich aber nicht als Cheftrainer und laufe jetzt mit der Krawatte rum, sondern fühle mich noch als Aktiver und will in erster Linie meine Erfahrungen weitergeben. Da ist jetzt einfach sehr viel Organisation mit dabei, da zum Beispiel auch die Europacupserien und Landesverbandsserien mitkoordiniert werden müssen. Insgesamt ist das schon ein sehr großer Aufgabenbereich. Das hätte ich mir auch nicht so arbeitsintensiv vorgestellt, aber es macht trotzdem unheimlich viel Spaß. Bobsport ist mein Leben und das gehört einfach dazu. 

trainingsworld.com: Das heißt, dass Sie zeitlich noch intensiver eingebunden sind als in Ihrer Zeit als reiner Aktiver? 

Christoph Langen: Ja, viel mehr. Man ist ja auch beim normalen Training mit dabei. Wenn sich aber ein Aktiver zum Mittagsschläfchen hinlegt, beantworte ich Emails und versuche, alles zu organisieren. Da ist der Tag relativ ausgefüllt.  

trainingsworld.com: Nach den tollen Erfolgen aktuell bei der EM in Innsbruck: Wie schätzen Sie die Chancen für die deutschen Starter in St. Moritz ein?

Christoph Langen: Das letzte Wochenende bei der EM war sehr gut für uns. Wir haben von neun Medaillen sieben geholt. Das ist natürlich nicht Alltag, das muss man ganz klar sehen. Diese Woche haben wir bei der WM ein ganz anderes Rennen auf einer ganz anderen Bahn. Das hat mit einer normalen Bobbahn nichts zu tun. Aber in den letzten Jahren waren wir immer relativ stark hier und sind eigentlich immer sehr gut zurechtgekommen. Dennoch hat eine Weltmeisterschaft ihre eigenen Gesetze. Man muss einfach das Training abwarten und sehen, wie die Leute den Druck von außen verkraften. Es ist immer sehr schwierig zu sagen, welche Chancen wir haben. Ich denke aber, dass unsere Form ansteigend ist. Ich hoffe, dass die Leute hier bei der WM ihr Potenzial abrufen können und ihre beste Leistung bringen können.

trainingsworld.com: Haben Sie ein Medaillenziel für die WM?

Christoph Langen: Nein, das habe ich grundsätzlich nicht. Wir schauen einfach nur, dass wir unser Maximum rausholen können und dass jeder an den zwei Tagen hier sein bestes Rennen der Saison fährt. Wir müssen einfach sehen, was dabei rauskommt. Das kann man im Vorfeld nicht sagen. Man braucht ein bisschen Losglück, man braucht Glück mit der Witterung. Denn wer die Bobbahn in St. Moritz kennt, sie liegt total herrlich. Man fährt da durch den Wald – da kann es schon sein, dass durch einen Baum etwas Schnee auf die Bobbahn fällt. Es können immer unvorhergesehene Sachen passieren, deshalb machen wir uns eigentlich keine Gedanken, wie viele Medaillen wir am Wochenende holen können. Wir versuchen, einen optimalen Wettkampf zu liefern. Und was dann am Schluss dabei rauskommt, werden wir sehen.

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