Biathlon-Olympiasieger Michael Greis im Interview:

„Zwei Medaillen bei der WM sind Pflicht“

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Biathlon Olympiasieger Michael Greis.

Bei den Olympischen Winterspielen in Turin gewann Michael Greis 3 Gold-Medaillen, im Winter darauf wurde er letzter deutscher Gesamtweltcup-Sieger. Im Dezember 2012 erklärte der Allgäuer seinen Rücktritt. Wir sprachen mit ihm über sein Karriere-Ende und die deutschen Chancen bei der WM in Nove Mesto.

trainingsworld.com: Anfang Dezember vergangenen Jahres haben Sie Ihre Karriere beendet. Kommen dennoch gemischte Gefühle auf, wenn jetzt am Wochenende die WM in Nove Mesto ohne Sie startet?

Michael Greis: Überhaupt nicht. Ich bin mit meiner Entscheidung absolut im Reinen und ich bin froh, dass ich sie so getroffen habe. Ich war dem Sport ja lange verbunden und habe an vielen Weltmeisterschaften teilgenommen. Jetzt wird es Zeit, dass junge Athleten nachkommen, die den Elan und den Tatendrang haben, den ich im Dezember so vermisst habe.

 

"Auf diesem Hochleistungsniveau darf man mental nicht zweifeln"

trainingsworld.com: Das Ende Ihrer sportlichen Karriere haben Sie damit begründet, dass Ihnen "der absolute Glaube, der Wille und das Gewinner-Gen" gefehlt habe. Kann man im Training und im Wettkampf steuern, die Motivation über Jahre auf hohem Niveau zu halten oder war dieser Schritt letztendlich unvermeidlich?

Michael Greis: Jeder Sportler durchläuft in seiner Karriere einen gewissen Reifeprozess. Für junge Athleten steht der Sport absolut im Mittelpunkt, ältere Sportler denken dagegen auch über das Leben nach der sportlichen Karriere nach. Ich habe mich jahrelang mit Leidenschaft auf den Sport konzentriert, sonst hätte meine Karriere gar nicht so lange und so erfolgreich verlaufen können. Dabei habe ich bis zuletzt auch immer wieder versucht, mich ständig weiterzuentwickeln. Entscheidend war für mich dann aber das letzte Jahr, in dem es nicht so gut lief. Da sind zusätzlich zu dem genannten Reifeprozess ein paar weitere Komponenten hinzu gekommen. Auf diesem Hochleistungsniveau darf man mental einfach nicht zweifeln und erst gar keine Gedanken über das Aufhören aufkommen lassen.

 

trainingsworld.com: Gibt es ein Erfolgsrezept, so lange im Weltcup konkurrenzfähig zu sein, oder ist Erfolg eine rein individuelle Sache? Siehe das Beispiel von Ole Einar Björndalen, der jetzt auf die 40 zugeht und immer noch erfolgreich ist…

Michael Greis: In erster Linie ist das eine individuelle Sache. Ole Einar Björndalen beispielsweise ist ein unheimlich akribischer Arbeiter, der in allen Dingen sehr professionell ist – ohne das wäre er auch nicht so erfolgreich. Außerdem hat er immer noch den Glauben und den unheimlichen Willen, unbedingt gewinnen zu wollen. Das habe ich zuletzt nicht mehr so verspürt. Ich habe für mich einfach keinen Mehrwert gesehen, ob ich nun gewinne, 5. oder 15. werde. Da konnte ich kein Glücksgefühl mehr generieren, diese Komponente hat ganz einfach gefehlt. Außerdem bin ich immer an meinen Olympiasiegen gemessen worden, das war der Maßstab. Wenn ich ein junger Athlet gewesen wäre, hätte ich mich durch diese Phase schon durchgekämpft. Nun kam aber der Wendepunkt, an dem ich gesagt habe, wenn am Saisonanfang die Emotionen fehlen, dann ist die Zeit reif. (…) Ole Einar Björndalen hat zum Beispiel zuletzt in Oberhof in der Verfolgung einen Fehlstart produziert, weil er zu früh losgelaufen ist. Das zeigt, wie heiß und motiviert er immer noch ist. Wenn man gewinnen und der Beste sein will, ist das auch zwingend notwendig. Bei mir war im Endeffekt genau das Gegenteil der Fall.

 

"Evi bringt gute Schießergebnisse, aber überzeugt läuferisch nicht"

trainingsworld.com: Was halten Sie davon, wenn sich Sportler neue Herausforderungen auf ähnlichem Terrain suchen – wie zum Beispiel Evi Sachenbacher, die jetzt ins Biathlon-Lager gewechselt ist?

Michael Greis: Anfangs war ich ein wenig skeptisch, weil Evi zuletzt im Langlaufbereich auch nicht mehr auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft war und ein Regenerationsjahr eingelegt hatte. Durch ihren sehr guten Kontakt zu Ricco Groß hat sie dann bei uns Biathleten mal mittrainiert. Nachdem sie ein paar Mal geschossen hatte, konnte man schon absehen, dass es bei ihr mal in Richtung Biathlon geht. Meine Skepsis kam eher daher, da sie aufgrund ihres Alters sportlich nicht mehr die ganz großen Perspektiven hat. Sie gehört als Neuling zu den Ältesten, daher ist es ganz normal, dass man erst denkt "Warum steigt sie jetzt um?". Aber sie hat sehr professionell und akribisch trainiert, sie ist sehr ehrgeizig und die hat unheimlich viel Wert auf das Schießen gelegt. Da hat sie mich eigentlich schon überzeugt, dass sie es ernst meint und dass es ihr wirklich Spaß macht. Tragisch ist eigentlich für Evi, dass sie ganz gute Schießergebnisse bringt, aber läuferisch definitiv nicht auf dem Niveau ist, das sie bringen kann. Da ist sie noch nicht wieder in Topform. Wenn sie aber ihre Topform hat, die wir von ihr gewohnt sind, ist Evi auf alle Fälle immer eine gute Alternative für die Staffel, 100 %-ig.

 

trainingsworld.com: Ganz verschwunden von der Wintersport-Bühne sind Sie nicht, für eurosport.yahoo.de sind sie z. B. als Blogger im Einsatz. Was sind Ihre weiteren Pläne?

Michael Greis: Ich habe am Ende meiner Karriere mein Studium wieder angefangen. Im Hinblick auf die Zeit danach will ich das jetzt intensivieren und auch im Sommersemester mehr Kurse belegen. Gleichzeitig spreche ich gerade viel mit meinen Sponsoren und Partnern. Da bestehen schon konkrete Vorstellungen, wie man weiter zusammenarbeiten könnte. Es ist auf keinen Fall so, dass mir langweilig wird. Ich habe jetzt tendenziell sogar mehr zu tun als zuvor. Sicherlich war es auch mal ein Thema, irgendwann als Trainer einzusteigen. Das hat sich jetzt aber kurz und mittelfristig geändert. Man wird sehen, ob das mal wieder eine Option für mich wird. Das kann ich jetzt noch nicht beurteilen. Wir haben sehr gute und professionelle Trainer – da braucht man jetzt auch nicht unbedingt einen Michael Greis als Trainer.

 

"Man muss die Erwartungen vielleicht ein wenig zurückschrauben"

trainingsworld.com: Kurzer Blick auf das aktuelle Biathlon-Geschehen: Wie beurteilen Sie die bisherigen Leistungen der deutschen Biathleten und Biathletinnen und wie schneidet der DSV in Nove Mesto ab?

Michael Greis: Strukturell haben die Damen schon ein Problem – aber das ist nichts Kurzfristiges, das hat sich eigentlich über die letzten Jahre schon angedeutet, speziell wenn man über die letzten 10 Jahre immer sehr gute Leute hatte. Es ist von großer Bedeutung, dass immer guter Nachwuchs nachkommt. Das hat man eigentlich verpasst. Aber diese Problematik im Damenbereich gibt es nicht nur in Deutschland, sondern auch bei anderen Ländern. Der Vorteil der deutschen Mannschaft ist, dass sie jetzt sogar im Nationencup führt und die letzte Staffel gewonnen hat. Das ist momentan perfekt – aber es gab in der Vergangenheit ja bekanntlich Zeiten, in denen in jedem Rennen eine Deutsche auf dem Podium stand. Diese Zeiten sind jetzt leider vorbei. Trotzdem ist Miriam Gössner im Laufen zur Zeit sensationell gut drauf, Andrea Henkel ist stabil. Die anderen müssen sich noch machen – aber trotzdem sind die Damen in der Staffel auf alle Fälle ein Medaillenanwärter.

Die Herren haben eine sehr gute Mannschaft, eine gute Geschlossenheit und gute junge Leute kommen nach. Aber bei den Männern herrscht eine unglaubliche Dichte, die sehr viel Leistung erfordert. Deutschland, sozusagen als "Biathlon-Marktführer", ist gewissermaßen gefordert, Top-Leistungen und Podiumsplatzierungen zu bringen. Da hat bislang manchmal das nötige Glück gefehlt, um dann wirklich ganz vorne dabei zu sein.

Bei der WM ist es auf alle Fälle Pflicht, dass die Männer und Frauen zwei Medaillen holen. Das muss drin sein. Dazu braucht man aber auch das nötige Glück. Wenn es gut läuft, können unsere Athleten auf alle Fälle auch 5 Medaillen machen, zum Beispiel 2 Staffelmedaillen und 3 Einzelmedaillen. (...)

Man muss die Erwartungen vielleicht ein wenig zurückschrauben. Es tut den Athleten auch gut, wenn man nicht so große Anforderungen hat. Dann kann man sich auch mal über eine gute Platzierung freuen. Es ist nicht so, dass die anderen das ganze Jahr nichts tun. Alle sind auf einem unheimlich engen und professionellen Niveau. Manchmal fehlen ganz einfach nur Nuancen.

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