Interview mit Barbara Schett

„Ich wünsche mir wieder mehr Spielvariation im Damentennis“

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Ex-Tennisprofi Barbara Schett im trainingsworld-Interview     

Ab dem heutigen Dienstag treten in Istanbul die 8 besten Tennisspielerinnen der Welt bei den WTA Championships an. trainingsworld.com sprach mit Ex-Profi Barbara Schett, die als Expertin für Eurosport im Einsatz ist, über die Chancen von Angelique Kerber, Powertennis und Veränderung im Training.

trainingsworld: Wie hat sich das Damentennis in den letzten Jahren in Ihren Augen verändert?

Barbara Schett: Das Damentennis ist in der Breite viel athletischer geworden. Man sieht es beispielsweise auf der Tour bei Victoria Asarenka, die extrem athletisch ist. Das ist im Damentennis momentan das A und O. Zusätzlich ist das Damentennis sehr schnell geworden – es gibt mehrere Spielerinnen, die ziemlich Gas geben können. Das ist vielleicht die größte Änderung in den letzten 10 bis 15 Jahren.

trainingsworld:  Kann man sagen, dass sich der Spielertypus grundlegend geändert hat?

Barbara Schett: Ich denke schon. Die meisten Spielerinnen im Damentennis spielen heute sehr schnell, lang und mit Power-Tennis. Früher gab es bei der Mehrheit der Profis doch noch mehr Abwechslung im Spiel. Ich glaube, dass das vielleicht auch an den Trainern liegt, die den Spielerinnen das Power-Tennis beibringen. Ich würde mir für die Zukunft im Damentennis wieder etwas mehr Spielvariation wünschen – mit kurzen Cross-Schlägen, Stopps, Slice.   

trainingsworld: Ist das Damentennis dadurch einseitiger geworden?

Barbara Schett: Das ist Geschmackssache. Wenn man direkt am Platz sitzt und sieht, wie schnell die Bälle geschlagen werden, dann ist das schon sehr, sehr beeindruckend. Ich habe mir früher trotzdem auch immer gerne Spielerinnen angesehen, die Variation ins Spiel gebracht haben – wie beispielsweise Kim Clijsters oder Justine Henin. Das gefällt mir persönlich besser, als wenn jemand nur gerade drauf spielt. Aber wenn ich dann Victoria Asarenka sehe, mit welcher Intensität sie auf den Platz geht, und wie sie jeden Punkt wie einen Matchball spielt, dann denke ich mir: Wow, das ist wirklich beeindruckend. Ich kann nicht sagen, dass mir die eine Art besser gefällt als die andere – beide Spielarten haben was für sich und sind toll anzuschauen. Vielleicht ist es heutzutage auch ganz einfach schwieriger, Variationen ins Spiel zu bringen, wenn die Gegnerinnen so schnell spielen.

trainingsworld:  Wie hat sich das Training im Vergleich zu Ihrer Zeit verändert? Trainiert man heute mehr als früher?

Barbara Schett: Das würde ich nicht sagen. Von der Trainingsintensität kann man heute auch nicht länger als sechs, sieben Stunden am Tag trainieren. (…) Ich glaube, dass heutzutage auf dem Platz wieder mehr auf Tempo gesetzt wird, so dass Kinder und Jugendliche den Ball so schnell wie möglich schlagen können. Außerhalb des Platzes glaube ich nicht, dass großartig anders trainiert wird – hier ist wichtig, Schnelligkeit, Kraft, die Muskulatur und Ausdauer zu trainieren. Ich glaube, dass sich da nicht wahnsinnig viel geändert hat. Ich denke nur, dass die Masse jetzt auch außerhalb des Platzes mehr an der Fitness trainiert. Wenn ich mir zum Beispiel die Spitzenspielerinnen heute ansehe, die machen auch während des Turniers einiges außerhalb des Platzes. 

trainingsworld:  Gedankensprung zur deutschen Starterin bei der WTA-Weltmeisterschaft in Istanbul: Angelique Kerber steckt gerade im besten Profijahr ihrer Karriere. Wie bewerten Sie ihre Leistung in dieser Saison?

Barbara Schett: Hut ab vor der Leistung von Angelique Kerber! Sie ist einfach eine unglaubliche Kämpferin auf dem Platz und sie hat den Vorteil, dass sie Linkshänderin ist. Sie spielt aggressives Tennis, aber auch mit Variation. Sie bewegt sich gut und sie glaubt an sich – das ist wohl das meiste, was sich bei ihr verändert hat. Sie ist komplett positiv eingestellt. Außerdem hat sie es ganz einfach verdient, so weit vorne zu stehen, weil sie sehr, sehr konstant spielt und keine Aussetzer wie manche anderen Spielerinnen hat. 

trainingsworld:  Wer holt in Istanbul den Titel und wo landet Angelique Kerber?

Barbara Schett: Serena Williams und Victoria Asarenka in einer Gruppe zu haben, ist natürlich sehr schwer. Bei den WTA-Championships muss man alle Matches auf hochklassigem Niveau spielen. Da geht es gleich von Anfang an voll los und man kann sich nicht erst in ein Turnier reinspielen. Dennoch ist Angelique die einzige Spielerin, die Serena Williams dieses Jahr geschlagen hat – vielleicht gelingt ihr die eine oder andere Überraschung. Sie hat beim Masters im Prinzip nichts zu verlieren und soll ganz einfach genießen, in Istanbul dabei zu sein. Angelique Kerber ist dann gefährlich, wenn sie sich den Druck wegnimmt und frei aufspielt. Meine Favoritinnen sind aber Serena Williams und Victoria Asarenka.

trainingsworld:  Wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Mehr Informationen über Barbara Schett:

www.barbaraschett.at

www.eurosport.yahoo.de

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