Interview mit Thomas Rupprath

"Der DSV ist nicht professionell"

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Thomas Rupprath als Eurosport-Kommentator bei den Olympischen Spielen in London.

Nach dem enttäuschenden Abschneiden der deutschen Schwimmer bei den Olympischen Spielen in London ist die Kritik groß. Morgen beginnt die Kurzbahn-WM. trainingsworld.com sprach vorab mit Ex-Weltmeister und Eurosport-Experte Thomas Rupprath über Olympia, Kritik am DSV und die Abhängigkeit vom TV.

trainingsworld.com: „Bei unserem letzten Interview während Olympia hatten Sie gesagt, “Wir sind nicht mehr die Top-Schwimmnation” und dass wir mit Paul Biedermann und Britta Steffen eigentlich nur zwei Schwimmer hätten, die in der internationalen Weltspitze mithalten können. Hat sich das Ihrer Ansicht nach nach den Olympischen Spielen geändert?“ 

Thomas Rupprath: „Wenn man sich die Ergebnisse des Weltcups in Berlin, die Kurzbahn-Europameisterschaft und auch die Deutschen Meisterschaften ansieht, sind wir nicht gerade auf vielen Positionen in der Top 3 der Weltrangliste auf der Kurzbahn.“ 

Die anderen waren bei den Olympischen Spielen einfach schneller

trainingsworld.com: „Woran liegt es Ihrer Ansicht nach, dass gerade Britta Steffen im Herbst und Winter in der Weltcupserie sehr große Erfolge gefeiert hat, aber bei Olympia ohne Medaille geblieben ist? Wurde falsch trainiert und wurden vielleicht falsche Höhepunkte gesetzt?“ 

Thomas Rupprath: „Ich glaube nicht, dass eine Britta Steffen mit ihrem damaligen Trainer Norbert Warnatsch sich den Schuh anziehen kann, dass sie falsch trainiert hätte. Norbert Warnatsch ist einer der erfolgreichsten und erfahrensten deutschen Schwimmtrainer – ich glaube nicht, dass da viel schief läuft, gerade weil er ja mit Britta Steffen 2008 auch zwei Mal Olympiasieger geworden ist. Ich glaube, dass da technisch nichts falsch gemacht wurde. Man war an dem Tag oder an dem Wochenende ganz einfach nicht so fit wie vielleicht andere Gegnerinnen – sie ist ja auch immerhin Vierte geworden, das darf man nicht vergessen. Sie wird daran gemessen, dass sie Olympiasiegerin ist. Das ist auch unser Manko, dass wir alles auf Britta Steffen und Paul Biedermann abgestellt haben. Auch Paul Biedermann ist meiner Meinung nach ein sehr, sehr starkes Rennen über 200 Meter Kraul bei Olympia geschwommen, aber die anderen waren ganz einfach schneller und damit muss man dann auch leben. Das ist wie im Fußball: Deutschland wird auch nicht immer Weltmeister und trotzdem spielen wir guten Fußball. Nur ist es im Schwimmsport so, dass wir nicht so viele Top-Athleten wie beispielsweise im Fußball haben. Jogi Löw kann hier von vielen jungen Leuten zehren, die noch über lange Jahre hinweg Erfolg haben werden. Das fehlt bei uns, (…) da wird es keinen geben, der die nächsten Jahre auf hohem Niveau schwimmen wird.“ 

trainingsworld.com: „Stichwort DSV: Zuletzt haben Paul Biedermann und Britta Steffen scharfe Kritik am DSV geäußert. Wie stehen Sie dazu?“ 

Thomas Rupprath: „Zunächst frage ich mich, was die Kritik gebracht hat. Nichts. Kritik üben, aber keine neuen Lösungsvorschläge hinzustellen, bringt nichts. Statt zu sagen ‚Ich wünsche mir einen neuen Präsidenten, der etwas mit dem Schwimmsport zu tun hat und näher an den Athleten dran ist‘ muss man konkret sagen, den und den wünsche ich mir und das und das soll geändert werden. Anders wird das ja auch nichts im Deutschen Schwimmverband. (…) Auch Britta Steffen weiß ja, dass an den Strukturen im Deutschen Schwimmverband nicht viel geändert wird. (…) Wenn man aber ganz einfach sieht, dass es nicht bergauf, sondern seit mehreren Jahren bergab geht, und man sich immer nur auf zwei Sportlern ausruht, dann wird es schwierig.“ 

trainingsworld.com: „Das heißt also: Kritik ja, aber dann mit konkreten Lösungsvorschlägen?“ 

Thomas Rupprath: „…und wenn man weiß, dass man was ändern kann. Britta weiß ja auch, dass bei uns im Deutschen Schwimmverband nicht viel geändert wird. Im Großen und Ganzen gebe ich Britta und Paul immer Recht – sie sind Sportler und letztendlich die, die die Leidtragenden sind. Aber eine Frau Thiel macht ihren Job schon auch ganz gut, da muss man mal die Kirche im Dorf lassen. Auch ein Lutz Buschkow als Teamchef, der ja mehrere Sparten betreut, macht seinen Job auch wirklich gut. Das ist schon ok. Aber wir sind nicht professionell. Wir haben einen zu kleinen Etat, wir nehmen nichts in die Hand. (…) Wir haben immer nur das Minimum, das uns SMS, der Vermarkter des Deutschen Schwimmverbands bringt. Die Schweden, Franzosen und Briten haben alle mehr Sponsoren und können damit natürlich auch die Sportler unterstützen und das Ganze professioneller betreiben. Wir haben gar nichts.“ 

"Wir sind Prostituierte des Fernsehens."

trainingsworld.com: „Abgesehen von der Sponsorenseite: Wie beurteilen Sie die zeitliche Überschneidung der deutschen Kurzbahn-Meisterschaft in Wuppertal mit der EM in Frankreich? War der Zeitpunkt unglücklich gewählt?“ 

Thomas Rupprath: „Natürlich, meiner Meinung nach ist das alles unglücklich. Gerade auch, wenn man jetzt schon wieder hört, dass die Qualifikation für die Weltmeisterschaften 2013 um drei Wochen verschoben wird, weil vielleicht zwei oder drei Mal bei ARD und ZDF kurz was gezeigt wird. Dann sage ich mir: Wir sind Prostituierte des Fernsehens. Es geht nicht um den Leistungssport und darum, wie sich die Sportler top vorbereiten können. Wir haben uns danach zu richten, wie das Fernsehen Schwimmen übertragen möchte. Leider sind wir in der unglücklichen Lage, dass wir das Geld benötigen und darauf angewiesen sind. (…) Die Trainer und Sportler hatten sich und ihren Trainingsablauf schon auf die Qualifikation eingestellt. Trainingslager, die schon gebucht waren, müssen jetzt umgebucht werden, der Trainingshöhepunkt wird auf einmal um drei Wochen anders gesetzt und Trainer müssen jetzt wieder neue Trainingspläne schreiben. Wenn wir uns immer so für das Fernsehen prostituieren, würde ich als A-Mannschaft einfach mal sagen, ich starte bei der Deutschen Meisterschaft nicht. (…) Irgendwann muss man ganz einfach mal ein Zeichen setzen. Dass es immer und immer wieder solche Probleme im Deutschen Schwimmverband gibt, kann ich wirklich nicht verstehen.“ 

trainingsworld.com: „Weiterer aktueller Punkt: Der DSV sucht momentan einen neuen Cheftrainer. Nach jüngsten Medienberichten wird dies Ihr Ex-Trainer Henning Lambertz sein. Wie stehen Sie zu dieser Personalie?“ 

Thomas Rupprath: „Ich glaube, es ist für ihn nicht ideal, Bundestrainer zu werden, weil er seine Stärken speziell am einzelnen Sportler selbst hat. (…) Ich glaube, dass es ganz einfach profitabler wäre, wenn er weiter 1:1 am Mann arbeiten würde, wie er es in Essen gemacht hat. Dort hat er Spitzenqualität abgeliefert und den Stützpunkt zu einem der besten in ganz Deutschland gemacht. (…) Gar keine Frage, er ist ein absolut fähiger Mann. Ich glaube aber – sonst wäre auch ich mit ihm nicht so erfolgreich gewesen – dass seine Qualität darin liegt, den Sportler 1:1 zu betreuen und nach vorne zu bringen.“

Wir haben gute Schwimmer, aber keinen, der um Medaillen mitschwimmt  

 

trainingsworld.com: „Ausblick auf die Kurzbahn-WM in Istanbul: Könnte einer der DSV-Akteure mit Ausnahme von Britta Steffen und Paul Biedermann in Istabul eine Überraschung schaffen?“ 

Thomas Rupprath: „Es gibt aus deutscher Sicht eigentlich keinen Athleten, der für eine Sensation gut ist oder bei dem man sagen würde ‚Mensch, das kommt ein absoluter Kracher‘. (…) Maximilian Oswald beispielsweise wird hochgelobt als dreifacher Jugend-Europameister, schwimmt tolle Zeiten und wird dann bei der Europameisterschaft, bei der er erstmals im Herren-Team ist, 33. auf der Kurzbahn. Entweder fehlt da die Einstellung zu so einem Event – dann fahre ich erst gar nicht hin – oder die Leute haben, nachdem sie Jugend-Europameister geworden sind, die Lust verloren. Man muss das auch so sehen: Mit der Stiftung Deutsche Sporthilfe bekommen die Leute, die Jugend-Europameister werden, einen höheren Bonus und mehr finanzielle Unterstützung, als wenn sie das nächste Jahr beispielsweise zur WM mitfahren, in den B-Kader kommen, aber im Halbfinale ausscheiden. Dafür bekommen sie nichts. Da sagen die dann: ‚Jetzt habe ich ja weniger als letztes Jahr bei der Jugend-EM. Ich bin zwar im A-Team und dabei gewesen, aber ich habe nichts davon.‘ Das ist für die Sportler ja auch frustrierend. Die werden ja gar nicht mehr finanziert und honoriert, dass sie den Sprung ins A-Team geschafft haben. Daher wird aktuell, das hat mir auch zuletzt Antje Buschschulte gesagt, ganz viel darauf fokussiert, die Schwimmer top vorbereitet zu den Jugend-Europameisterschaften zu bringen, dass sie dort gewinnen oder eine Medaille machen. Das ist auch unser Problem. (…) Ich hoffe, dass Paul Biedermann und Britta Steffen noch lange schwimmen. Wir haben ja gute Schwimmer – aber wir haben keinen, der kontinuierlich um Medaillen mitschwimmt. Das haben wir ja nicht mal mit Britta Steffen, sondern nur mit Paul Biedermann. (…) Mehr haben wir nicht. Uns fehlt im Moment einfach die Kontinuität und die Klasse.“

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