Interview mit Zeitfahrweltmeister Tony Martin

„Ich will meinen WM-Titel verteidigen“

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Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin geht als der Favorit an den Start.

Vom 15. bis 23. September findet in der niederländischen Provinz Limburg die 79. UCI-Straßen-Weltmeisterschaft statt. Kurz vor der Straßen-WM hat trainingsworld.com mit dem amtierenden Zeitfahrweltmeister und Silber-Medaillen-Gewinner von London, Tony Martin, gesprochen.

trainingsworld.com: Zunächst ein kurzer Rückblick auf Ihr Radsport-Jahr 2012. Nach ihrem Verletzungspech bei der Tour und dem damit verbundenen Ausstieg gab es in London bei den Olympischen Spielen die Silbermedaille. Bei der Vuelta sind Sie nun in der vergangenen Woche ebenfalls vorzeitig ausgestiegen. Wie zufrieden sind Sie mit dem bisherigen Saisonverlauf?

Tony Martin:Bislang war das für mich aufgrund der unglücklichen Umstände eine eher durchwachsene Saison. Ich denke, dass ich im Vergleich zum letzten Jahr mit den Ergebnissen erst einmal nicht zufrieden sein kann. Verletzungsbedingt konnte ich die Tour nicht so bestreiten, wie ich wollte – mit sehr viel Pech und dem Reifendefekt bereits im Prolog. Sonst wäre ich vielleicht um das Gelbe Trikot mitgefahren und hätte das Trikot dann in der ersten Woche mit großer Wahrscheinlichkeit tragen können. Dann kam auf der ersten Etappe der Kahnbeinbruch, wodurch für mich die gesamte Tour hinfällig war. Das war sehr, sehr unglücklich. Dafür gab es vier Wochen später in London mit der Silbermedaille einen Lichtblick. Das war in Anbetracht der ganzen Umstände eine sehr gute Leistung. Damit bin ich sehr zufrieden und freue mich, dass das auch vom Umfeld so gewürdigt wurde. Das war sicherlich der bisherige Saisonhöhepunkt und seitdem habe ich die Weltmeisterschaft voll im Visier und habe versucht, mich über die Vuelta optimal vorzubereiten.

 

„Die Möglichkeit, Weltmeister zu werden, ist groß“ 

trainingsworld.com: Welchen Stellenwert im Vergleich zu den Olympischen Spielen hat für Sie die Straßen-WM und mit welchen Zielen gehen Sie in das Event?

Tony Martin: Es ist unbestritten, dass die Olympischen Spiele das wesentlich größere Ereignis sind. Ich denke, für jeden Sportler, der daran teilgenommen hat, hat das einen wesentlich größeren Stellenwert. Genauso ist es für mich. Es war ein unbeschreiblich schönes Erlebnis, dabei sein zu dürfen. Der Gewinn der Silbermedaille hat das ganze Pech vergessen gemacht, wie den Trainingsunfall, wo ich mit einem Auto zusammengestoßen bin oder die Verletzung am Kahnbein. Definitiv hängen an Olympia noch einmal mehr Emotionen als an einer Weltmeisterschaft und ich bin sehr glücklich über die Medaille. Jetzt bei den Weltmeisterschaften tue ich mich ein bisschen schwer mit einer Zielsetzung. Gefühlt will ich schon Weltmeister werden, auch vor dem Hintergrund, dass ein Wiggins und ein Cancellara nicht da sind. Damit rücke ich automatisch in die Favoritenrolle. Die Möglichkeit, Weltmeister zu werden, ist groß und ich würde gerne den Titel verteidigen.

 

trainingsworld.com: Bei der Straßen-WM wird es erstmals seit 1994 wieder ein Mannschaftszeitfahren geben. Wie läuft das Training mit den Mannschaftskollegen ab und wie beurteilen Sie die Chancen ihres Teams?

Tony Martin: Zunächst einmal ist das keine unbekannte Situation, weil wir ja das ganze Jahr mit dem Team unterwegs sind. Auch wenn es jetzt erst einmal ungewohnt ist, als Team bei einer Weltmeisterschaft zu starten, ist es für die Harmonie im Team angenehm, weil ich mit meinen fünf Kollegen das Jahr über am Rumreisen bin und wir uns sehr gut kennen. Über den gesamten Saisonverlauf sind wir demnach sehr gut eingestimmt. Bis zum jetzigen Wochenende haben eigentlich alle Fahrer ein unterschiedliches Vorbereitungsprogramm gemacht. Ich war zum Beispiel mit zwei Teamkollegen bei der Vuelta, wieder andere Fahrer waren bei Eintages-Rennen in der ganzen Welt unterwegs. Im Prinzip ist der gestrige Donnerstag der erste Tag gewesen, wo wir alle eine spezielle Vorbereitung zusammen gefahren sind und uns jetzt zwei Tage intensiv auf den Wettbewerb und den Kurs selber vorbereiten, um eine optimale Strategie zu finden. Sicherlich gibt es auch Teams, die sich schon vor Wochen getroffen haben und zusammen trainiert haben. Wir haben uns entschieden, das Training individueller zu halten, so dass sich jeder optimal vorbereiten kann.

 

trainingsworld.com: Und wie schaut die optimale Strategie Ihres Teams für das Mannschaftszeitfahren aus?

Tony Martin: Zunächst einmal schaut man im Team, wie die Reihenfolge der Fahrer überhaupt sein könnte. Das hängt vom Typ und vom Körperbau ab, so dass die ganze Geschichte auch harmonisch aufgebaut ist. Was macht windschattentechnisch Sinn? Es ist sicherlich nicht sinnvoll, den größten Fahrer hinter dem kleinsten fahren zu lassen. Dann guckt man sich die ersten Kilometer vom Start an und schaut, wie die verlaufen und entscheidet dann beispielsweise, dass der erste Fahrer vielleicht ein etwas sprintstärkerer Mann ist, der das ganze Rennen relativ schnell starten kann und die Mannschaft in Schwung bringt, um bereits vom Start weg die ein oder andere Sekunde gut zu machen. Wenn anschließend kurz nach dem Start ein Berg kommt, dann schaut man, ob einer der Bergfahrer an Position zwei oder drei fährt und die Mannschaft den Berg gut hochführen kann. Entscheidend ist, auf der Strecke zu gucken, den am besten geeignetsten Fahrer für das entsprechende Teilstück zu finden und zu bestimmen, wie lange die Führungslängen sein sollen, die der jeweilige Fahrer die Mannschaft anführen soll. Was macht von der Kraftentwicklung und von der Kraftausdauer am meisten Sinn? Es ist nicht immer die Mannschaft am stärksten, die die besten Einzelfahrer hat. Harmonie ist sehr wichtig und dass nicht einer dem anderen zeigen will, wie stark er ist und vielleicht den schwächsten kaputt fährt, der dann keine gute Führung mehr bringen kann. Das sind alles Aspekte, die man im Team beachten muss und oftmals gibt es bei sechs Fahrern dazu dann sechs Meinungen. Da muss man dann natürlich innerhalb der Mannschaft einen Konsens finden. Ich denke, wir haben übers Jahr hinweg bereits bei mehreren Mannschaftszeitfahren gezeigt, dass wir sehr gute Ergebnisse bringen können. Insofern bin ich sehr optimistisch, dass wir für das Rennen am Samstag eine gute Strategie finden werden. Wir gehen sicherlich als Mitfavoriten an den Start und sind hochmotiviert, um den Sieg zu kämpfen.

 

„Im Wettkampf erreicht man ganz andere Schmerzgrenzen als im Training“

trainingsworld.com: Bei der Vuelta haben Sie gesagt „Die harten Bergkilometer haben mir gut getan“. Was bringt die „Schinderei“ am Berg für die Vorbereitung auf die WM? 

Tony Martin:  Durch meinen Kahnbeinbruch während der Tour musste ich dort vor dem Hochgebirge abbrechen und habe dann danach auch keine Berge trainieren können und wollen. Deshalb war die Vuelta ein Wettkampf, der mich jetzt ins Hochgebirge geführt hat. Das war von der Gewöhnung her ein wichtiger Schritt, um wieder neue Trainingsreize zu setzen. Zum anderen muss ich sagen, dass man einfach in Wettkämpfen über körperliche Grenzen und über Schmerzgrenzen hinaus kommt, die man sich so im Training nicht zuführen kann. Sicherlich kann man sich im Training einmal motivieren, eine halbe Stunde am Anschlag zu fahren. Aber wenn es dann im Rennen wirklich eineinhalb, zwei Stunden nur Vollgas geht, wo du dir nur noch wünschst, dass jetzt bald Ruhe ist und es kommt einfach keine Ruhe rein, dann wärst du im Training lange an dem Punkt, wo du sagen würdest: O.K., es reicht. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Im Wettkampf musst du weiter fahren. Das sind dann diese fünf bis zehn Prozent, die man im Rennen mehr gibt, die einen dann körperlich weiterbringen und einfach diese Trainingsreize setzen, die man dann braucht, die den Körper weiterbringen, die einen mental weiterbringen, weil man sieht, dass es irgendwo  immer noch weiter geht. Wenn man dieses Gefühl dann auch in den nächsten Wettkampf nehmen kann, wie für mich jetzt das Zeitfahren bei der WM, dann ist das eine sehr wertvolle Erfahrung.

Lesen Sie morgen in Teil 2 des Interviews warum Tony Martin den Kampf gegen die Uhr liebt und wie er über zurückkehrende Doping-Sünder denkt.

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