Trainingsworld im Interview mit 800 m-Olympiasieger Nils Schumann

„Der Anti-Doping-Kampf hat einen höheren Stellenwert als die Nachwuchsförderung“

Seit gut einer Woche laufen die Olympischen Sommerspiele 2012 in London. Heute steigen auch die Leichtathleten in die Wettkämpfe ein. Trainingsworld sprach mit dem 800 m-Olympiasieger Nils Schumann über die aktuelle Situation der deutschen Athleten.

trainingsworld: Zunächst ein kurzer Blick auf die bisherige Bilanz der Olympischen Spiele. Nach einem zähen Start in die Wettkämpfe haben die deutschen Teilnehmer inzwischen das ein oder andere Edelmetall holen können. Wie haben Sie die Spiele aus deutscher Sicht bislang wahrgenommen?

800 m-Olympiasieger Nils Schumann im Interview über die Situation von Athleten in Deutschland und das Erlebnis "Olympische Spiele"

Nils Schumann: Olympia lebt ja vor allem von solchen Geschichten, dass immer wieder Athleten ganz besondere Leistungen erreichen können, die vorher nicht für möglich gehalten wurden und so nicht absehbar waren. Die Olympischen Spiele kitzeln eben immer das besondere Quäntchen Leistung heraus. So ähnlich war es auch bei mir vor zwölf Jahren. Ich war ja nicht unbedingt als Favorit an den Start gegangen. Und in London freuen wir uns jetzt zum Beispiel mit Kerstin Thiele, die überraschend Silber im Judo gewonnen hat.

 

trainingsworld: Bei Großereignissen wie den Olympischen Spielen schaut die ganze Welt zu. Inwiefern kann solch eine Öffentlichkeit die Athleten bei ihrer Vorbereitung auf die Wettkämpfe beeinflussen? Braucht es hier eine spezielle mentale Stärke, um mit diesem Druck erfolgreich umgehen zu können?

Nils Schumann: Grundsätzlich sind für einen Sportler Eigenschaften wie Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein unerlässlich. Im Idealfall ist es so, dass man sich dieses Selbstvertrauen dadurch aufgebaut hat, indem man im Training gut gearbeitet, sich über Wettkampfserien vorbereitet und so seine eigenen Stärken herausgearbeitet hat. So war es zum Beispiel bei mir bei den Olympischen Spielen. Ich hatte als 22-jähriger Läufer schon den Europameistertitel errungen und wusste, ich kann etwas ganz Großes erreichen. Und ich konnte die Atmosphäre damals in Australien als Motivation empfinden. Ich war so begeistert vom Olympischen Dorf, von der ganzen Organisation und von den Wettkämpfen, dass mich das absolut beflügelt hat. Als wir dann vor 112.000 Zuschauern zum 800 Meter-Finale in das Stadion geführt wurden und auf der Videoleinwand die Heroen der Vergangenheit gezeigt wurden, da habe ich gemerkt: Jetzt wird wieder ein Stück Sportgeschichte geschrieben.

Umgekehrt gibt es aber natürlich auch die Situation, dass man von dieser Erwartungshaltung und dem öffentlichen Interesse erdrückt und gelähmt wird. Das ist ein ganz schmaler Grat. Deswegen ist es vielleicht gerade bei Olympia für viele Newcomer leichter, große Erfolge zu erringen, weil sie noch ein Stück unbeschwerter sind als die arrivierten Profis, die dort unbedingt den Olympiasieg erreichen wollen.

 

"Unterbringung im Olympischen Dorf ist für ‚Sensibelchen‘ nicht einfach"

trainingsworld: Als Sportler haben Sie die Olympischen Spiele selbst hautnah erlebt. Was passiert denn aus Trainingssicht noch vor Ort? Wie sieht das Programm der Athleten so kurz vor den Wettkämpfen aus?

Nils Schumann: Die meisten Athleten sind ja nicht so lange vor ihren Wettkämpfen im Olympischen Dorf, weil natürlich dort auch die Störungen sehr groß sein können. Klar ist man begeistert von dem Austausch der Athleten, aber dann hat man wiederum nur ein kleines Zimmer und es gibt Viele, die sehr laut feiern. Also die Unterbringung im Olympischen Dorf ist für „Sensibelchen“ nicht unbedingt einfach, obwohl es sehr, sehr schön ist.

Trainingstechnisch kann man dann nicht mehr viel machen. Meistens ist es vor diesen harten Wettkämpfen auch so, dass man noch einmal eine Erholungsphase hat und dementsprechend ruhiger trainiert. In der Regel sollte das Training getan sein und man bereitet sich dann ganz gezielt auf den Wettkampf vor und überlegt, was esse ich, wie viel Schlaf brauche ich und im Bereich der Physiotherapie werden noch einmal letzte Blessuren auskuriert. Also man versucht wirklich, die Akkus richtig aufzuladen.

 

„Schöngeister scheitern auf der Strecke“

trainingsworld: Ihre Paradestrecke waren die 800 Meter. Auf dieser Distanz sind Sie 2000 in Sydney Olympiasieger geworden. Jetzt geht mit dem Deutschen 800 Meter-Meister Sören Ludolph in London ein in der Öffentlichkeit relativ unbekannter Läufer erstmals bei Olympischen Spielen an den Start. Können Sie kurz beschreiben, was Sören Ludolph für ein Typ ist?

Nils Schumann: Ich bin ja selber noch gegen Sören gelaufen. Mein letztes Rennen habe ich 2009 bei den Deutschen Meisterschaften gegen ihn bestritten. Da hat er Silber gewonnen und ich Bronze. Ich habe damals schon gemerkt, dass er sehr tempohart ist und ein großer Kämpfer. In den vergangenen Jahren gab es einige Läufer, die vielleicht auf den ersten Blick deutlich talentierter erschienen als er. Sören ist von der Körpergröße und von der Statur her nicht unbedingt der Prototyp eines 800 Meter-Läufers, aber was ihn von den anderen unterscheidet und ihn erfolgreich macht, sind seine hohe Disziplin, sein hoher Einsatzwille und sein Kampfgeist auf der Strecke. Die 800 Meter sind sehr schmerzhaft und sehr unangenehm und viele – ich sage mal - „Schöngeister“, die vielleicht gutes Talent haben, sind eben genau daran gescheitert.

 

trainingsworld: Was darf man von Sören Ludolph in London erwarten?

Nils Schumann: Viele hätten ihm die Olympiateilnahme wahrscheinlich nicht zugetraut, aber die Normerfüllung mit einer Zeit von 1:44 hoch zeugt von seiner Klasse. Damit braucht er sich in London nicht zu verstecken. Den Sprung, den Sören jetzt noch schaffen muss, ist die Rennen so zu gestalten, dass er auch im Endspurt die Leute noch besiegen kann. Und da ist der Ausscheidungskampf im 800 Meter-Rennen bei den Olympischen Spielen gnadenlos.

 

„Entwicklung der deutschen Laufdisziplinen bereitet mir Sorge“

trainingsworld: Bei den Laufdisziplinen dominieren im Weltmaßstab Athleten und Athletinnen aus den USA und Jamaika auf den kürzeren, Afrikaner auf den längeren Strecken. Wie schätzen Sie hier die Perspektiven der deutschen Läuferinnen und Läufer ein?

Nils Schumann: Dass in den Laufdisziplinen immer etwas geht, hat die Vergangenheit gezeigt. Die Erfolge von Dieter Baumann oder mir waren ja auch nicht die erwarteten Siege. Also Überraschungen sind immer möglich. Grundsätzlich muss ich aber sagen, dass vom Niveau her im internationalen Vergleich die Schere zwischen Europa und Amerika oder Afrika weiter auseinander klafft. Als deutscher Läufer stehst du aktuell im europäischen Vergleich sicher ganz gut da und hast wie zuletzt bei den Europameisterschaften Siegchancen, aber im Weltmaßstab hat sich doch einiges getan.

Nur ein Bespiel: Im Marathon der Männer haben in Kenia alleine über 50 Läufer die Olympianorm erfüllt. Das sind Bandbreiten, von denen wir nur träumen können. Bei uns in Deutschland gibt es sicherlich hier und da mal ein Talent, aber leider fehlt die Breite. Und das ist eine Entwicklung, die nicht nur mir, sondern auch vielen Aktiven und Trainern Sorge bereitet. Mittlerweile ist es teilweise ja so, dass sich selbst bei Deutschen Meisterschaften kaum mehr genügend Athleten melden, um überhaupt Vorläufe bestreiten zu können. Deshalb darf man auch nicht überrascht sein, wenn bei den Olympischen Spielen nichts Zählbares im Laufbereich herauskommt.

 

„Wir sind durch unsere Lebensweise verweichlicht“

trainingsworld: Was sind denn die Gründe für diese Entwicklung? Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass die deutschen Läufer im Weltmaßstab nur noch eine untergeordnete Rolle spielen?

Nils Schumann: Wenn man es ganz objektiv betrachtet und den gesamten deutschen Sport einbezieht, dann muss man ganz ehrlich sagen, dass der deutsche Sportler in den Disziplinen konkurrenzfähig ist, in denen zum einen der Anteil der ausübenden Weltbevölkerung geringer ist und zum anderen der finanzielle und materielle Aufwand an technischen Hilfsmitteln sehr hoch ist. In den grundlegenden athletischen Disziplinen wird es immer schwerer, konkurrenzfähig zu bleiben.

Ich sage es mal hart formuliert: Wir sind wahrscheinlich durch unsere Lebensweise auch in vielerlei Hinsicht etwas verweichlicht. Ich selber kenne Kenia sehr gut, weil ich viele Monate dort im Training war. Dort herrscht einfach noch eine andere Einstellung zu solchen Belastungen.

 

„Würde meinem Sohn nicht empfehlen, als Läufer in den Leistungssport zu gehen“

trainingsworld: Vor den Olympischen Spielen hatte die Fechterin Imke Duplitzer mit ihren Aussagen über den DOSB und den Funktionären für Aufsehen gesorgt. Welche Rolle spielen denn aus Ihrer Sicht die deutschen Sportfördersysteme gerade in den athletischen Disziplinen?

Nils Schumann: Ich maße mir nicht an, alle Sportfördersysteme in Deutschland genau zu kennen. Das sind auch sehr subjektive Erfahrungen, die ich gemacht habe, aber bei uns fängt der Ärger ja oftmals schon damit an, dass über Fahrtkostenrückerstattungen diskutiert werden muss. Ganz ehrlich: Ich habe selber einen vierjährigen Sohn, dem ich heute nicht mehr empfehlen würde, als Läufer in den Leistungssport zu gehen. Und das ist schon ein Armutszeugnis. Speziell mit dem Deutschen Leichtathletikverband war ich in den vergangenen Jahren sehr, sehr unzufrieden. Gerade in Zeiten, wo es mir als Athlet auch einmal schlecht ging, und man Unterstützung gebraucht hätte, war diese Hilfe nicht da.

Umgekehrt habe ich manchmal den Eindruck, dass Themen wie der Anti-Doping-Kampf einen viel höheren Stellenwert haben als die Nachwuchsförderung. Natürlich spielt der Kampf gegen Doping eine wichtige Rolle, aber ich habe das Gefühl, die Relationen gehen verloren. Wenn ich heute sehe, was die jungen Athleten an Regularien oder Statuten und Pflichtstarts über sich ergehen lassen müssen, da frage ich mich, wo der Anreiz für den Leistungssport bleibt. Die Hürden, die ein junger Läufer überspringen muss, um richtig trainieren zu können und vielleicht einmal internationale Meisterschaften bestreiten zu können, sind mittlerweile so hoch, dass das nur in ganz seltenen Ausnahmefällen überhaupt noch gelingt.

Finanziell sind die meisten Sportarten ein Draufzahlgeschäft. Klar kann ich als Olympiasieger gutes Geld verdienen, aber dieses Ziel erreichen nur wenige und der Weg dahin ist lang. Deshalb muss es auch für die Athleten, die „nur“ Vierter werden eine gewisse Absicherung geben.

trainingsworld: Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Schumann.

 

Mehr Informationen über Nils Schumann unter www.prana-sports.de

Rubriklistenbild: © Nils Schumann/matchit PR

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