Interview mit Birgit Lennartz-Lohrengel

"Ich habe bis zu zehn Marathons im Jahr absolviert"

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Birgit Lennartz-Lohrengel im Jahr 2005.

Birgit Lennartz-Lohrengel ist eine der erfolgreichsten deutsche Langstrecklerinnen. Sie gewann 66 Marathonläufe, zahlreiche Ultramarathonläufe und hält den Deutschen Rekord über 100 km. In Teil 1 des trainingsworld-Interviews erzählt Sie, wie Sie zum Laufen kam und erklärt Ihre Motivationstricks.

trainingsworld.com:Guten Tag Frau Lennartz-Lohrengel, gibt es bei Ihnen eigentlich einen Tag ohne Laufen?

Birgit Lennartz-Lohrengel:Ich laufe nicht mehr so viel wie zu meiner aktiven Zeit. Ich treibe zwar immer noch rund 2 Stunden Sport pro Tag, mache aber – auch bedingt durch meine Arbeit im Fitnessstudio – mehr andere Sachen, zum Beispiel Spinning und Aqua Jogging. Ich mache zwar auch noch Laufwettkämpfe aber maximal noch Marathons.

trainingsworld.com:Für viele Läufer ist solch ein Marathon von 42,195 km die ultimative Herausforderung. Sie liefen 100-km-Ultraläufe. Wie kamen Sie dazu?

Birgit Lennartz-Lohrengel:Das hat sich eigentlich eher zufällig ergeben. Mein Vater war Dozent an der Deutschen Sporthochschule und war selber aktiver Läufer. Als Kinder wollten wir dann immer schon mitlaufen, gerade im Urlaub. Da hat sich mein Vater gedacht: „Lass die mal, die geben schon nach ein paar hundert Metern auf“. Aber wir haben durchgehalten und Spaß am Laufen entwickelt. Damals gab es ja auch noch Laufserien für Kinder- und Jugendliche, so dass ich seit 1978 regelmäßig gelaufen bin, in der Regel 10-km-Läufe. Quasi als Belohnung sind wir dann aus dem Training heraus den ersten Marathon gelaufen. Nur auf Ankommen. Nach 3:51 Std. waren wir im Ziel. 1980 sind wir dann in New York gestartet. Fit waren wir ja und trainiert hatten wir auch genug. Leistungsmäßig bin ich ab 1982 auf die Marathon-Strecke umgestiegen und nach einer Zeit von 2:49 Std. in Frankfurt auch erstmals für den DLV interessant geworden.

trainingsworld.com:Von da ist es ja aber schon noch ein weiter Weg bis zum 100-km-Lauf!

Birgit Lennartz-Lohrengel:Aber auch das hat sich per Zufall entwickelt. Ich habe 1989 meinen Abschluss an der Deutschen Sporthochschule in Köln gemacht. Thema meiner Diplom-Arbeit war „Die Geschichte des Ultralanglaufs unter besonderer Berücksichtigung der Entwicklung in Deutschland“. Weil ich auch wissen wollte, über was ich schreibe und mein Vater zudem der Vorsitzende des neu gegründeten Verbandes war, bin ich mal einen Wettbewerb mitgelaufen und habe gleich gewonnen.

trainingsworld.com:Der Beginn einer einmaligen Karriere im Ultralauf. Was war Ihre größte Herausforderung?

Birgit Lennartz-Lohrengel: Den Swiss Alpine Marathon habe das erste Mal mitgemacht, ohne genau zu wissen, was auf mich zu kommt. Sonst hätte ich das vielleicht nicht gemacht (lacht). Mein Mann und ich haben später mal versucht, die Strecke abzufahren, haben dies aber aufgegeben. Letztendlich habe ich den Swiss Alpine bei 10 Starts 10 Mal gewonnen...

trainingsworld.com:Einer von vielen erfolgreichen Wettkämpfen an denen Sie teilgenommen haben. Wie groß war Ihr Trainingsumfang in Spitzenzeiten?

Birgit Lennartz-Lohrengel:Gar nicht so viel mehr als im Marathon-Training. Auch in meiner aktiven Ultralauf-Zeit bin ich “nur“ 120 bis 150 km in der Woche gelaufen. Letztendlich ist natürlich jeder Mensch individuell. Daher gibt es auch kein Patentrezept, was das Training angeht.

trainingsworld.com:Dennoch, bei solchen Umfängen muss man sich doch täglich fürs Training motivieren können. Wie bekamen Sie das hin?

Birgit Lennartz-Lohrengel:Motivation war bei mir nie ein Thema. Schließlich war ich Leistungssportlerin und es gab immer eine Meisterschaft, die vor der Tür stand. Ich brauchte aber auch den Wettkampf, da ich nicht so gerne alleine laufe. Daher habe ich mir möglichst viele Wettkämpfe gelegt, so dass ein Misserfolg auch mal leichter zu verkraften war. Der nächste Wettkampf kam ja bald.

Da sehe ich auch das Problem bei vielen Sportlern heute, die sich zwei Jahre auf einen Wettkampf, zum Beispiel die Olympischen Spiele, vorbereiten. Sie machen nicht viele Wettkämpfe im Vorfeld und versagen dann am Saisonhöhepunkt, weil die Anspannung zu groß ist. Für mich war die Wettkampfsituation quasi der Alltag. Das hilft bei der Vorbereitung, aber auch beim Verarbeiten. Schließlich hatte ich auf dem Weg zum Saisonhöhepunkt viele kleine Teilerfolge. Auch in der Schule und der Uni hatte ich nie ein Problem, da ich diese Stresssituationen gewohnt war. Das hat mir nichts ausgemacht.

trainingsworld.com:Viele Wettkämpfe als Motivation. Das ist das Geheimnis?

Birgit Lennartz-Lohrengel:Natürlich belebt einen auch Konkurrenz. Man wird nachlässig, wenn man immer gewinnt. Ich lasse mich nach wie vor nicht gerne schlagen. Wenn in meiner Altersklasse jemand schneller ist, motiviert mich das enorm.

Letztendlich ist Laufen für mich im Wesentlichen aber Spaß und Freude, auch wenn ich lieber in einer Gruppe oder im Wettkampf laufe. Daher habe ich mich auch immer bei möglichst vielen Rennen angemeldet und diese dann quasi als Training genommen. Vor kurzem absolvierte ich meinen 1700. Wettkampf. Manchmal hatte ich zwei bis drei an einem Wochenende. Natürlich kann man diese nicht immer Vollgas laufen. 

In Spitzenzeiten habe ich bis zu 10 Marathons in einem Jahr absolviert. Mit Warm- und Auslaufen kam man dann auch auf 50 bis 60 km, was eine gute Trainingseinheit für eine Ultraläuferin ist. Viele Davon habe ich dennoch gewonnen, aber manche Veranstaltungen gewann man damals auch mit einer Zeit von ca. 3:10 Std. 

trainingsworld.com: Sie sprechen es an: damals. Laufen war noch nicht so populär. Was hat sich verändert?

Birgit Lennartz-Lohrengel:Es gab noch nicht die große Laufbewegung, die es heute gibt. Marathons waren noch kleine Veranstaltungen, aber insgesamt war das Niveau deutlich höher. Früher ist nur jemand Marathon gelaufen, der sich auch intensiv darauf vorbereitet hatte. Nach 5 Stunden wurde das Ziel in der Regel geschlossen. Ab einer Zeit von 4 Stunden kann man aus meiner Sicht nicht mehr von Marathon „laufen“ reden. Das bekommt man mit einer vernünftigen Vorbereitung hin.

Lesen Sie hier Teil 2 des Interviews mit Birgit Lennartz-Lohrengel.

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