2. Kölner Abend der Sportwissenschaften

Der Jogger von heute – der Gelenkpatient von morgen

Gestern fand an der Deutschen Sporthochschule Köln der 2. Kölner Abends der Sportwissenschaften statt. Diskutiert wurden Auswirkungen des Laufens auf Gelenke und Gesundheit. Den Impulsvortrag hielt Prof. Dr. Brüggemann (Institut für Biomechanik und Orthopädie). Lesen Sie hier sein Statement.

Statement Prof. Brüggemann

 

Körperliche Aktivität und Sport sind durchgängig mit positiven Attributen in Bezug auf die Gesundheit, die Prävention aber auch auf die Rehabilitation von gesundheitlichen Defiziten verbunden. Bei einer Vielzahl gesundheitlicher Erkrankungen und auch schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen wie etwa Herz-Kreislauferkrankungen wird physische Aktivität und auch die damit verbundene mechanische Belastung als vorteilhaft verstanden. Insbesondere Ausdauerbelastungen werden als physiologisch günstig und gesundheitsförderlich eingestuft. Laufen oder Joggen als die elementare Form des Ausdauertrainings sind jedoch mit relativ hohen und vor allem repetitiven mechanischen Belastungen insbesondere der Gelenke der unteren Extremität verbunden. Die Amplitude und die Signalfrequenz der beim Laufsport an diesen Gelenken auftretenden Belastungen werden zumindest subjektiv und anekdotisch mit Gewebeüberbeanspruchung in Verbindung gebracht. Es werden aus solchen Belastungen resultierende Degenerationen und insbesondere eine Progression der Degeneration der lastübernehmenden Gewebe vermutet.

Bemerkenswerterweise wird bei erwarteter Zunahme der Prävalenz osteoarthrotischer Gelenkerkrankungen  in den kommenden Dekaden körperliche Aktivität im Allgemeinen und Laufsport im Besonderen aktuell intensiv gefordert und promoted (vgl World Health Report 2001), ohne das damit verbundene Risiko der mechanischen Überbeanspruchung überhaupt zu diskutieren.

Der Effekt körperlicher Aktivität auf Veränderung der Gelenke wird traditionell an Osteophyten (Lane et al. 1990, Michel et al. 1992), Gelenkspaltbreite als Surrogat für die Knorperdicke (Lane et al. 1993, Szoeke et al. 2006) oder am subchondralen Knochen (Wang et al. 2006) festgemacht. Aktuelle Arbeiten verwenden bildgebende Verfahren zur Bestimmung von Knorpeldicke oder Knorpelvolumen oder biochemische Marker (z.B. COMP; Cartilage Oligomeric Matrix Protein) zur Beurteilung der Geweberektion auf körperliche Belastung. In einem systematischen Review zum Zusammenhang von körperlicher Aktivität und Effekten für das Kniegelenk berichten Urquhart et al. (2011) aktuell von einer strengen Evidenz eines positiven Zusammenhangs des Auftretens von Osteophythen und körperlicher Aktivität und damit eines Zusammenhangs zwischen körperlicher Aktivität und Gelenkdegeneration. Experimentelle Simulationen von Laufbelastungen am Tiermodell weisen auf ein deutlich erhöhtes Riskos eines spontanen und übermäßigen Zelltodes von Gelenkknorpelzellen hin. Neue Arbeiten an Knorpelzellkulturen zeigen grundsätzliche und deutliche Effekte von mechanischen Beanspruchungen auf Veränderungen der Extrazellularmatrix. Am Tiermodell konnten lokale Knorpelhöhenzunahmen als Reaktion auf definierte Belastungen gefunden werden (Hamann et al. 2011). Der Effekte langfristiger mechanischer Belastungen auf die Gelenkknorpelantworten wurden an Athleten mit unterschiedlicher Belastungsvorgeschichte nachhaltig gezeigt (Brüggemann et al. 2011).

Der Beitrag wird versuchen, den Effekt des Laufens und der damit verbundenen mechanischen Belastungen auf die Gelenkgesundheit grundsätzlich und besser zu verstehen und die vorliegenden Studienergebnisse systematisch aufzuarbeiten und zusammenzufassen. Besondere Berücksichtigung werden dabei langfristige Vorbelastungen und damit möglicherweise verbundenen Adaptationen in Bezug auf die mechanischen Gewebeeigenschaften finden. Gewebeantworten auf definierte mechanische Belastungen bei Verwendung physikalischer und biochemischer Biomarker weisen nämlich auf  einen strengen Zusammenhang von langfristiger mechanischer Belastung, Anpassung auch bradytropher  Gewebe  und  aktueller Gewebeantwort und damit letztlich die Gewebebelastbarkeit hin. 

Ob der Jogger von heute zum Gelenkpatienten von morgen wird, hängt zum einen streng von der aktuellen und individuell sehr unterschiedlichen mechanischen Belastung beim Laufen (z.B. aufgrund individuell unterschiedlicher Gelenkgeometrie und –architektur oder Segmentachsen) und zum anderen von den mechanischen Gewebeeigenschaften und den diese maßgeblich bedingenden langfristigen Vorbelastungen ab. Laufen und Joggen wird damit nicht nur mit nachhaltig  positiven Effekten sondern insbesondere vor dem Hintergrund möglicher Gefahren muskuloskelettaler Überbeanspruchung und auch den daraus resultierenden ökonomischen Folgen diskutiert.

Prof. Dr. G.-P. Brüggemann

Institut für Biomechanik und Orthopädie, Deutsche Sporthochschule Köln

 

Kölner Abend der Sportwissenschaft

Moderiert von Wolf-Dieter Poschmann diskutierten am 05. November 2012 Univ.-Prof. Dr. Gert-Peter Brüggemann, Univ.-Prof. Dr. Christoph Breuer, Univ.-Prof. Dr. med. Hans-Georg Predel und Marathon- und Ultramarathonläuferin Birgit Lennartz-Lohrengel die Frage "Heute Jogger - Morgen Patient?" in einer Podiumsdiskussion.

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