Klettersport

Peak District – Mekka des Bouldersports (Teil 2/2)

Ein heißer Urlaubs- oder besser „Boulder-Pilger-Tipp“ für die brandneue Saison 2013: Das englische Stanage (Peak District)

Vom „Must have Pilgerbesuch“ im Mekka-Epizentrum Stanage Plantation schrieb ich in Teil 1 dieses zweiteiligen Reisetipps-Specials. Doch nach diesem „must have been“, welches Sie vermutlich genau wie ich fast direkt vom Airport aus, „den rauhen, langersehnten Felskontakt kaum noch erwarten könnend“, ansteuern, gibt’s auch in den kommenden Urlaubstagen viel zu Bouldern! Nicht ganz so bekannt wie die „Plantation“, aber in jedem Fall lohnend sind die Gebiete bei Cratcliff und Robin Hood’s Strike. Dort kommt es auch vor, dass man ganz ungestört bleibt, wobei die englischen Boulderer durchwegs freundliche und höfliche Zeitgenossen sind, die auch mal „spotten“ (also den Absprung sichernd zur Seite bzw. unter dem Kletterer stehen) oder das Crashpad anbieten.

 

„Einbouldern“ in Burbage West -

und weiter zu den Geheimspots Cratcliff und Robin Hood’s Strike

Ich selbst verbrachte in diesem Hochsommer aufgrund der Vorbereitungen für einen internationalen Wettbewerb viel Zeit in einem klimatisierten Boulderraum. Speziell für Einsteiger und Sportkletterer bzw. Boulderer ohne Wettkampfziele gilt jedoch in meinen Augen auch an den (zu) warmen Herbsttagen: Raus ins Freie! Eins garantiere ich: Anschließend heißt es „Bahn frei“ für einen langen Trainingswinter dank 100 %-ig gefüllter Motivationstanks!

Zu Beginn empfiehlt sich besonders das Gebiet Burbage West. Dort gibt es viele leichte Boulder zum Eingewöhnen. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es auch Boulderprobleme im Kalk gibt, z. B. bei Stoney Middleton. Die sind allerdings eher von historischem Interesse. Wenn jemand die alten Videos von Jerry Moffat oder Ben Moon kennt und gerne sehen möchte, wo die Jungs damals trainiert haben, als es noch keine Kletterhallen gab, der kann ja mal vorbeischauen. Klettertechnisch gesehen ist es nicht lohnend, die unvorstellbar abgekletterten Felsen zu besuchen.

 

Bed & Breakfast: Die perfekten Privathotels - 

mit persönlichem Flair und „XL-Frühstück“

Wenn man eine Reise in den Peak District plant, ist es empfehlenswert sich vorab eine Unterkunft zu suchen, da es sich um ein beliebtes Ausflugsziel handelt. Es gibt genügend B&Bs oder Cottages in verschiedenen Preislagen, siehe z. B. http://peakcottagesdirect.co.uk oder www.peakcottages.com. Wer möchte, kann auch in preiswerten Jugendherbergen übernachten und natürlich gibt es auch Zeltplätze, bei denen man allerdings schon sehr wetterfest sein sollte. Ich persönlich setzte auf ein „B&B“.

Einzige Warnung an alle, die noch vormittags an den Fels wollen: Bitte den „Frühstücks-Chefkoch“, welchen auch Sie vermutlich in weißer Schürze und mit einer mehrseitigen Speisekarte wedelnd (kein Scherz!) sofort früh morgens „hab acht“ stehend vorfinden, ausbremsen! Ansonsten werden Sie zumindest die erste Tageshälfte dank einer deftigen und für die meisten Gästemägen wohl ungewohnt großen Portion Ham, Toast mit Butter, Eggs & Co erst einmal mit einem gemütlichen Verdauungsschlaf, aber sportlich „Schach-Matt“, verbringen.

 

„Die spinnen, die Briten!?“ –

Keine Sorge: Asterix und Obelix sollen Unrecht behalten, sofern Sie auf der richtigen Straßenseite fahren!

Bei der Anreise per Flugzeug wählt man als Zielflughafen am besten Birmingham oder Sheffield. Ich persönlich entschied mich für einen günstigen Flug nach London und von dort aus ging’s per „Fly & Drive“ Arrangement in ein paar kurzweiligen, autodidakten (Linksverkehr-)Fahrstunden mit Rast weiter Richtung Sheffield. Zugegeben: Das Fahren mit dem Lenkrad auf der „falschen Seite“ will recht konzentriert geübt werden, doch keine Sorge: Auch Sie werden diese Herausforderung meistern.

Wichtig bereits vor dem Check-In und auch beim Mieten eines „Bouldermobils“ der richtigen Größe: Vorher sollte man genau die Gepäcktransportregeln checken, eine Bouldermatte als Übergepäck kann ganz schön teuer werden... und Autofahren mit halb geöffnetem Kofferraumdeckel ist vermutlich auch bei den Briten nicht die „feine englische Art“. :)

Wer genügend Zeit hat, mit dem eigenen Auto anzureisen (evtl. speziell für in Nordwestdeutschland lebende Kletterer eine interessante Alternative), kann sich allmählich an den Linksverkehr gewöhnen. Hier ist jedoch doppelt Vorsicht geboten, denn trotz der „gewohnten Lenkradseite“ ist man in Wahrheit doppelt benachteiligt, was Gefahrensicht und Co. angeht.

Generell gilt: Vor allem im Nationalpark muss man in der Lage sein, auf schmalen Sträßchen zu fahren und es ist auch jederzeit mit plötzlichen Hindernissen hinter engen Kurven zu rechnen, z. B. durch Wanderer, Mountainbiker, Reiter oder die allgegenwärtigen Schafe.

 

Selbstversorgung, Pubs & More

Schon eine Weile her, dennoch unvergesslich: Meinen Aufenthalt im Peak District kann ich mit „bestem Grip“ bzw. perfekter Felsqualität absolut weiter empfehlen. Die Klettertechnik und primär „Stehvermögen“ auf kleinen, diffizilen Trittstrukturen will auf der „Plantation“ & Co. beherrscht und optimiert werden.

Lebensmittel kann man in jedem größeren Dorf bei den Cooperativen erhalten, allerdings sind die großen Supermärkte in Buxton und Chapel-en-le-Frith sehr viel großzügiger sortiert. Aber auch wenn man sich selbst versorgt, sollte man unbedingt einmal das traditionelle englische Pub-Abendessen („Pubs“) testen, z. B. im Little John in Hathersage. Die Getränke holt man sich wie meistens in England direkt an der Theke, wo man auch die Bestellung abgibt und gleich bezahlt. Man kommt so auch rasch und unkompliziert mit Einheimischen ins Gespräch und kann sich den einen oder anderen Tipp vor Ort holen. Wenn man Pech mit dem Wetter hat oder Entzugserscheinungen bekommt, kann man einen Ausflug nach Sheffield machen, wo es mehrere Kletterhallen gibt.

Und wie bereits in Teil 1 dieser Kolumne erwähnt: Zwar wird Sie der deutsche Dauerlandregen selten in der Gegend um Sheffield besuchen. Dennoch liegen die britischen Inseln nicht in der Karibik. Der eine oder andere Regennachmittag ist also normalerweise 1- bis 2-mal pro Woche „part of the game“. Doch hierzu 2 heiße Abschlusstipps:

1. Die oben erwähnten „Pubs“ sind zwar sehr wohl auch untertags geöffnet. Doch mein Tipp in Stanage lautet „insidern“ im Outside. Was ich damit meine? Kaffee und gesunde (z. B. gebackene Kartoffeln mit Cottage Cheese) oder auch einmal suboptimale (Kuchen!) Sporternährung im Szenetreff Outside in Heathersage genießen. Auch der Bergstore im unteren Stock ist ein „must have been“. Dort direkt beim Personal oder bei den Gästen im Café zufällig einem E10- oder 9a-Climber über den Weg zu laufen... Ich garantiere: gerade an Regentagen stehen die Chancen sehr gut.

2. Wenn Sie es lieber aktiv lieben: Ob sie tatsächlich die „weltgrößte Boulderhalle“ ist, wie die Betreiber sie schon bezeichneten, kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall bietet „The Climbing Works“ in Sheffield mit fast 350 (!), von Szenestars (!) vordefinierten Boulderprojekten sicherlich alles, was das „Plastikherz“ begehrt. (Alle Infos: www.climbingworks.com)

 

Somit wünsche ich Ihnen zahlreiche Bouldertops und vor allem ... Fun, Fun und noch mehr ... FUN!

Ihr Jürgen Reis (mit Christian Wolf)

Rubriklistenbild: © (c) Kurt Hechenberger und Archiv Jürgen Reis (www.juergenreis.com)

Auch interessant

Kommentare