Klettersport

Blaueis: Gletscherspirit, traumhaftes Alpen-Panorama und Top-Boulder

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Kletterausflüge und Trainingslager in weiten Teilen Europas gehörten bereits in meinen ersten Klettermonaten zu einem Fixpunkt. Das Resultat: Regelmäßige Leistungssprünge und vor allem FUN FUN FUN! Anm. d. Red.: Das Bild zeigt den Autor, während seines ersten Kletterjahres, in einer (Boulderhöhle) in Finale Ligure (Italien)

Ein brandheißer oder besser ein „perfekt-grippig-kühler“ Ausflugstipp für den Herbst: Bouldern am Berchtesgadener Blaueisgletscher

Ich starte diesen Artikel mit einem Zitat der bereits aus meiner trainingsworld.com-Kolumne bekannten Weltmeisterin:

„Ich lebe und trainiere in den Staaten – Nähe Washington D.C. Ich denke, ich habe es mir hier mit Freunden und dem Boulderraum ganz gut "geregelt" ... Das Wichtigste ist jedoch: Ich mache zuhause "eben das Beste draus", doch Ausflüge und Reisen nach Europa haben zweifelsohne die letzten Jahre mein Kletterniveau noch gewaltig gepusht.“ Sasha DiGiulian (19), Gesamtweltmeisterin (Vorstieg-, Speed-, und Boulder-Disziplin Sportklettern), Arco 2011

 

Was diese Aussage exzellent auf den Punkt bringt:

Ausflüge, Reisen und Trainingslager sind in der Einstiegsphase Ihrer Kletterkarriere ein MUST HAVE!! (Erste Schritte im Sportklettern: Anschnallen, „einsteigen“... und klettern!)

  

Das heißt... 

Meine auf diesem Portal präsentierten Weltmeister-Klimmzugsysteme & Co., bringen Ihnen sicherlich eine solide Basis an Kraft. Macht dies simultan jedoch auch einen besseren Kletterer aus Ihnen? Die Antwort ist meist allerhöchstens ein dürftiges „Jein“. Bereits beim ersten ungewohnten Kontakt mit Kletterproblemen in unbekanntem Terrain werden Sie, trotz bärenstarker Unterarme und genialer Klimmzugpower, rasch an Ihre Grenzen stoßen. Sie werden, mangels „realer Boulder- und Kletterroutentops“, ernüchtert feststellen: Nichts ist in den Einstiegs-Jahren effektiver als Ausflüge an eben „echte“ Boulderfelsen und in Klettergärten, um Ihren klettertechnischen Fähigkeiten ein konstantes „Mitwachsen“ zum gesteigerten Kraftniveau zu ermöglichen. Aus diesem Grund werde ich in den nächsten Monaten auch immer wieder Reise- und Ausflugstipps speziell für Steilwandartisten auf diesem Portal vorstellen.

Zugegeben: Jetzt, wo wir diesen Artikel veröffentlichen, hat sich zwar der Hochsommer aus Mitteleuropa endgültig verabschiedet. Doch bis die Boulder der Fränkischen Schweiz oder die Granitprobleme des Foutainebleu so richtig „grippen“ wird es noch einige Wochen dauern. Bis dahin heißt es...? Richtig! Die Überschrift dieses Kolumnenberichts beinhaltet bereits meinen Geheimtipp: Das Bouldergebiet „Blaueis“.

 

Die Lösung des „zu schwül zum schwer bouldern-Problems“: „Blaueis“!

Wohl kaum eine andere Destination ist, wenn im Flachland Sonne, Schwüle und Stechmücken das Boulderleben in den Wäldern zur Tortur machen, quasi „dem Winter voraus“ besser geeignet, um bei optimalen Bedingungen die eigenen Leistungsgrenzen nach oben zu verschieben.

Ausgangspunkt für ein Boulder-Wochenende in direkter geografischer Nähe der höchsten Gipfel der Bundesrepublik wie Zugspitze, Watzmann & Co. ist die „Blaueishütte“. Ideal: Eine oder zwei Übernachtungen und somit 1 ½ oder volle zwei Tage Klettervergnügen. Die DAV-Hütte befindet sich in den Berchtesgadener Alpen im Hochkaltergebiet. Berchtesgaden bzw. Ramsau/Hintersee ist in akzeptabler Fahrzeit aus weiten Teilen Deutschlands mit dem PKW erreichbar. Wegen der günstigen Verkehrsanbindung ist auch die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln leicht via Bus & Bahn möglich. Die nächstgelegenen Flughäfen sind Salzburg und München.

 

Knapp 2 Stunden Fußmarsch, die reichlich belohnt werden

Ein „Special-Tipp“: Im Talort Ramsau bzw. in einem der idyllischen Wirtshäuser direkt am Ufer des Hintersees einen leckeren Cappuccino genießen und dann „leicht aber powergetankt“ den Marsch antreten. Sie werden sehen: Die angeschriebenen 2 ½ Stunden Gehzeit zur Hütte sind, auch ohne Berglaufambitionen, leicht in unter 120 Minuten machbar. Der Hüttenwirt bietet Abends übrigens ausgezeichnete „Kämpfer-Dinner à la Alpinistisch-Deftig“. So heißt es, mit gefüllten Energiespeichern und noch einmal „Koffeintanken“ samt leichtem Frühstück, am nächsten Morgen: Attacke auf die traumhaften Blöcke, die in maximal 20 Minuten Gehzeit erreichbar sind. Auch für alpinistisch Unerfahrene gilt: Nur keine Angst vor dem Wort „Gletscher“. Dieser zog sich bereits Mitte der 1930er-Jahre stark zurück. So genießen Sie als Boulderer, selbst in den obersten Sektoren, zwar dessen „kühlen Spirit“, sind jedoch keinen hochalpinen Gefahren wie Gletscherspalten & Co. ausgesetzt. Steigeisen und Eispickel dürfen, sofern Sie wirklich „nur“ bei der anspruchsvollen Welt der „kleinen Felsen“ in Absprunghöhe bleiben, zuhause bleiben. Dennoch ein ernstes Wort an dieser Stelle.

 

Crashpad, Tape und Kletterpartner – und der Spaß darf beginnen!

Das Bouldergebiet am Blaueisgletscher ist bekannt für eher scharfe Kalkleisten und oft auch recht ungemütliches Absprunggelände. Will heißen: Je mehr Crashpads (Absprungmatten) und Spotter (Kletterpartner die aufpassen), desto besser. Auch eine Rolle Tape zur Hautschutz-Prophylaxe ist beim einen oder anderen Problem sicherlich eine ausgezeichnete Idee. Es macht übrigens absolut Sinn, sich wenn möglich bereits in der Hütte in Gruppen zu formieren und gemeinsam auf die, so durch zusätzlich verfügbare Matten noch „zusatzversicherte“, Boulderjagd zu begeben.

Beim Bouldern in alpinem Gelände achte ich immer auf große und passende Crashpads, sowie einen aufmerksamen „Spotter“ bzw. Kletterpartner hinter mir!

Was „Highballboulder“, also Boulderprobleme, die an sich eher der ungesicherten Seilkletterei gleichen und weit über einen möglichen, verletzungsfreien „Abgang“ hinausführen, betrifft: Meine Empfehlung ist ein generelles NO GO oder besser „no climb“! Bitte nicht und vor allem nicht in einem Gelände, in dem bei einem Unfall eine (zusatz)kostenpflichtige Hubschrauberbergung samt Bergrettungseinsatz die einzige Option wäre. Genießen Sie lieber den Spaß in sicheren und teilweise extrem anspruchsvollen Quergängen. Ich selbst bouldere am Blaueisgletscher, genau wie meine Freunde, kaum höher als zwei Meter. „Arbeit“ gibt’s in den boden- oder besser crashpadnahen Bouldern mehr als genug – Verletzungen? Nein Danke! Essenzielles, generelles Fazit bei solchen Boulderausflügen und Kletterreisen ist: Trainingslager bedeutet nicht Wettkampf. Sie sorgen für ein Umfeld, welches Sie aus Ihrer Komfortzone befördert, jedoch nicht weiter als bis zu dem Punkt, an dem es „gefährlich wird“.

 

Von Einsteigerboulder bis hin zu 8b-Testpieces

Das „Blaueis“ liefert Jedem „Arbeitsherausforderungen“ en masse!

Zurück zum Positiven, bzw. Ihrem Traum-Wochenende im Blaueis. Die besten Sektoren sind meiner Meinung nach der „Schädl“ und der „Panzer“. In beiden Gebieten finden sich von absolut anfängertauglichen Problemen über ambitionierte, traumhafte Fb-Traverse 6c-Quergänge bis hin zu High-End-Boulder (bis Fb 8b!) alles, was das Bouldererherz begehrt. Ein heißer Tipp bei der Orientierung bzw. dem Auffinden der Boulder: „Man spricht Deutsch“ und speziell an Wochenenden werden Sie sich kaum allein zwischen den Blöcken finden.

Also: Miteinander kommunizieren und am besten, wie vorhin erwähnt, gemeinsam bouldern ist das Optimum!

 

Links

- Original-Gebietsbeschreibung samt Topo des Erschließerteams um den Salzburger Spitzenkletterer Klemens „Klem“ Loskot – jedoch ohne Bewertungsdetails: http://www.bergsteigen.at/pic/pdf/1454_Topo_c15d20a5-7bf6-41bf-a155-6cb19400a687_BouldernBlaueis.pdf

- „Alpen en Bloc 2“ ist ein Kletterführer, der neben einem ausführlichen Topo (mit aktuellen Schwierigkeitsangaben) des „Blaueis“ auch noch zahlreiche andere Alpen-Bouldergebiete auf 384 Seiten detailliert wiedergibt

- http://www.panico.de/de/panico_buecher/boulderfuehrer/alpen_en_bloc_2.php

- Offizielle Homepage der Blaueishütte samt Anfahrtsbeschreibung & Co.: http://www.blaueishuette.de

 

Drei Top-Schlechtwetter Indoor-Ausweichtipps

- Kletterzentrum Salzburg (Leistungszentrum österreichischer Weltcupkletterer) http://www.kletterhalle-salzburg.at

- Boulderwelt München (eine der weltweit größten Boulderhallen) http://www.boulderwelt.de

- Kletterhalle Rosenheim (neue Kletterhalle mit Top-Routen) http://www.kletterhalle-rosenheim.de

 

Ich sage hiermit nur noch: Viel Spaß im Blaueis!

Ihr Jürgen Reis (www.juergenreis.com)

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