Die Top 3 Hallenseile für den Indoor-Kletterwinter 2012/13

Indoorklettern: Das Kletterseil Edelweiss O-Flex 9,8 und High End Tipps

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Kann ein extrem dünnes und somit vor allem im Handling besonders komfortables „Luxus-Kletterseil“ auch dem rauen Kletterhallen-Trainingsalltag Paroli bieten? Bis ich das O-Flex testen durfte, lautete meine Antwort bei diversen Seiltests mehrfach klar „Nein“

Im dritten Teil des Tests für Indoor-Kletterseile stellt Kletterprofi Jürgen Reis seinen 3. Platz vor und gibt High End Tipps zur Lösung des "Seil-Langlebe-Rärtsels".

Wie bei den vorangegangenen Hallenseil-Sieger-Beschreibungen in Teil 2 dieser Kolumne, den Produktdetails voran, zuerst einige Worte zum Hersteller:

Seit über 220 Jahren begleitet Edelweiss Bergsteiger und Kletterer und ist bis heute ein führender Ausrüster im Bereich Bergsport und Industrie. Das von uns getestete Edelweiss O-Flex Einfachseil 9,8 mm folgte in der Fertigung dem sog. „Edelweiss O-Flex-Konzept“, welches optimales Handling und zugleich große Abriebsbeständigkeit gewährleisten soll. Die spezielle Webart ergibt dabei einen einzigen Kernstrang, der für eine lange Lebensdauer des Seils sorgt. Auch dieses Siegerseil Nr. 3 wurde, wie die zwei in der letzten Kolumne vorgestellten Produkte, besonders fürs Hallenklettern entwickelt.

 

9,8 mm – DER Handling-Luxus im Testfeld

Soweit die Facts – nun zum Praxistest, bzw. lassen Sie mich vorher einige Zeilen zum Thema Seildicke oder besser -dünne zum Besten geben:

Noch zu meinen eigenen Anfängen im Sportklettern, also vor gut 18 Jahren, galten Einfachseile unter 10 mm als purer Luxus. Aufgrund der geringen Normsturzzahl schleppten die „reichen bzw. finanziell gesegneten Kletterer“ zwei (!) Seile in den Klettergarten. Mit dem „dicken“ wurde das Projekt ausgecheckt. Standen dann die Chancen für einen Durchstieg auf „realistisch“, gab’s die Attacke mit einem extradünnen und megaleichten Seil.

Der Vorteil ist (und ich erwähnte diesen bereits im ersten Teil dieser Kolumne): Bei langen Touren, besonders bei solchen mit nicht gerade verlaufenden „Linien“ bzw. „Zig-Zags“ im Zwischensicherungs- und Seilverlauf, entsteht wesentlich weniger Seilreibung. Das Klettern fällt leichter. Die Kehrseite der Medaille? Selbst im Winter 2012/13, wo technisch noch sehr viel dünner „machbar“ wäre, stoßen sogar modernste Sicherungsgeräte wie das „GRIGRI 2“ bereits bei 8,9 mm an ihre Grenze.

 

Dünn, günstig, superlativ? Der O-Flex Praxistestreport

Wie sie es jedoch bereits der Überschrift dieses, dritten Sieger-Seil-Berichts richtig entnommen haben: 9,8 mm liefern 0,9 mm Reserve und somit ist das Edelweiss O-Flex 9,8 sicherlich der Geheimtipp für alle „Hallen-Luxuskletterer“ dieses Winters. Zweifelsohne gibt sich das Seil, allein aufgrund der angenehmen Dicke bzw. Dünne, extrem geschmeidig. Besonders in langen Kraftausdauerrouten, wie im Bild am Beispiel DAV Kletterturm Kempten, doch auch in meiner Heimhalle der K1 Kletterhalle Dornbirn, kann sehr wohl jedes Gramm und eine optimale Leichtgängigkeit im Sicherungsverlauf entscheidend für das „Top“ sein. Mit 9,8 mm Seildurchmesser und nur 63 Gramm pro Seilmeter also ein klares „Go!“ für das O-Flex. Auch beim Sichern liegt es wie eben erwähnt im „Sicherheitsrahmen“ gängiger Sicherungsgeräte und „flutscht“ perfekt durch GRIGRI, Sicherungsachter & Co.

Nun zum zugegeben auch von mir erwarteten bzw. befürchteten „Haar in der Suppe“, was die Langlebigkeit bzw. die Belastungsresistenz anging. Die Überraschung war groß und Fakt ist: Bei unseren Tests zeigten sich, trotz der glatten zwei Normstürze weniger, welche das Seil im Vergleich zum Edelrid Tower (siehe Kolumnenteil 2) aufweist, auch nach mehreren hochintensiven Trainingstagen mit Intervall- und Topropebelastung keine relevanten Abnützungsspuren. Zwar sträubten sich einige Mantel-Fasern mehr als beim Tower, allerdings war, zumindest äußerlich, der Zustand in etwa mit Beals Ropemaster vergleichbar. Dennoch hegten sich nach wie vor Zweifel in mir, zumal ich das brandneue Testseil auch nur ca. 4 Wochen intensiv beim Klettern „foltern“ konnte. Auch der moderate Preis war für mich ein Indiz, dass evtl. sogar der Hersteller selbst hier den Ball flach halten wollte, was zu hohe Versprechungen an die „Ultra-Hallenmarathon-Belastung“ angeht. So fragte ich bei der Unternehmenszentrale nach und erhielt, ausgerechnet vom Verkaufsleiter, ein faires und wohl auch für Sie aussagekräftiges Statement:

"Die 9,8-mm-Variante des O-Flex ist eine komplette Neueinführung für 2013 und wird ab November in ausgewählten Geschäften verfügbar sein – ab 2013 überall im Bergsportfachhandel. Wir haben es ausgehend vom bewährten O-Flex 10,2 mm entwickelt und ca. ein Jahr lang auch von unseren Teamkletterern (Sportkletterprofis, Bergführer, Wettkampfkletterer, …) testen lassen. Im Vergleich zum „10,2er“ ist es weicher und von der Handhabung leichtläufiger, somit auch für anspruchsvolle Routenverläufe idealer geeignet. Der Nachteil (nochmals im Vergleich zum 10,2er): Es wird durch die „fehlenden 0,4 mm“ zwar etwas an Lebensdauer einbüßen, aber hält trotzdem länger als ein normales Seil. Unsere Test-Erfahrungen zeigten (auch beim intensiven Gebrauch in der Halle und beim Topropeklettern): Das Seil hält 2- oder 3-mal mehr aus als ein „klassisches Einfach- bzw. Klettergartenseil“, so Edelweiss-Sales Manager (Europa) Matthieu Damey.

Ich denke Sie stimmen mir zu: Eine klare Ansage, die auch Sie, je nach Einsatzzweck und Könnergrad, beim Kauf berücksichtigen dürfen.

 

Die perfekte Lösung der „Multiseilstrategie“?

Ob sich die oben beschriebene Praxis, also zwei Seile parallel zu klettern und das O-Flex, aus Gründen der Seilschonung, nur in den ausschlaggebenden, langen und schweren Touren bzw. zu deren Durchstiegversuchen zu verwenden, lohnt? Die Entscheidung liegt nicht zuletzt auch am Geldbeutel. Klar ist: Die Kombination aus einem der anderen beiden Siegerseile und dem O-Flex bedeuten, dass Sie wohl für die nächsten 2, je nach Trainingsfrequenz sogar 3, Jahre, was dieses Thema angeht, „ausgesorgt“ haben.

 

Tipps für den umgang mit Kletterseilen

Abschließend liefere ich Ihnen, dem Motto „aller guten Dinge...“ dieser dreiteiligen Drei-Siegerseil-Kolumne treu bleibend noch ... erraten ... 3 wertvolle Tipps für den richtigen Umgang mit Kletterseilen im Allgemeinen als Zugabe:

 

Tipp 1: Der Seilsack, das Ende des Seilsalats...

Unbedingt erforderlich ist ein Seilsack in einer Kletterhalle nicht, aber durchaus sinnvoll und nützlich.

Zugegeben: Unbedingt erforderlich ist ein Seilsack in einer Kletterhalle nicht. Sicherlich nicht nur die K1 Kletterhalle Dornbirn wird täglich gereinigt. Doch allein die „Anti-Seilsalat-Versicherung“ durch das Festbinden der Enden an den Seilsackösen und der Komfort der nicht mehr notwendigen „Seilaufnehmgymnastik“ am Ende des Klettertrainings sind die Investition dennoch wert! Auch Sie werden Ihren „Kletterhallen-Kompagnon“ namens Seilsack bald zu schätzen wissen!

 

Tipp 2: Reinigung & Co

... Ja oder...? ...doch Nein? Klar ist: Stark mit Staub oder gar kleinen Steinen verschmutzte Outdoorseile gehören regelmäßig ...? Richtig: Nicht in die Waschmaschine, sondern besser in die Badewanne und mit lauwarmem Leitungswasser bzw. der Dusche abgespült. Anschließend am besten offen einige Tage liegen lassen und immer wieder wenden. Dies verlängert garantiert die Lebensdauer. Ist dies bei einem reinen Hallenseil erforderlich? „Nothing to fix ...“ würden die Amerikaner wohl dazu sagen. Also solange das Seil nicht schmutzig ist und es außerhalb des Klettertrainings, wie in Tipp 1 beschrieben, in einem Seilsack statt einem „Staubschrank“ im Keller „ruhen“ darf... sparen Sie sich Mühen und Warmwasserkosten.

 

Tipp 3: Sicherungsgerät vs. Krangel

Last but not Least: Auch in Kletterhallen wird regelmäßig auch von Instruktoren noch immer „bergsteigerhaft genial“ mit der HMS-Sicherungstechnik, sprich nur mit HMS-Karabiner und dem HMS-Sicherungsknoten, hantiert. Es spricht, rein sicherheitstechnisch, selbstverständlich nichts gegen diese Technik. Im Gebirge, speziell wenn Abseilaktionen & Co. sowie die maximale Flexibilität des Bergsteigers im Vordergrund stehen: GO FOR IT. Aber an der Kunstwand? In meinen Augen ist dies nur ein rascher Weg, das Seil schnell verkrangelt und auch alt aussehen zu lassen. Moderne Sicherungsgeräte wie der auch in dieser Kolumne erwähnte GRIGRI und Konsorten, oder zumindest ein Abseilachter, liefern Ihnen und Ihrem Seil hier klar besser Dienste.

 

Am Ende dieses „Dreiteilers“ wünsche ich Ihnen nun etliche perfekte Hallenklettermeter und bis bald hier auf www.trainingsworld.com!

Ihr Jürgen Reis

 

Fotos: (c) Kurt Hechenberger bzw. Archiv Jürgen Reis (www.juergenreis.com) und Jürgen Christmann (www.cuadro-austria.com)

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