Die Top 3 Hallenseile für den Indoor-Kletterwinter 2012/13

Was muss das ideale Seil fürs Indoorklettern können?

Seile, die speziell für die Bedürfnisse im Klettergarten, alpinem Gelände und – seit mehreren Jahren auch speziell für den Indoorbereich – die Kletterhalle gefertigt werden, gibt es von so gut wie allen führenden Herstellern seit Jahren. Dennoch ist Seil nicht gleich Seil.

Insgesamt 8 Testseile standen mir und meinem Redaktionsteam für diesen Seiltest zur Verfügung. Da wir auf trainingsworld.com selbstverständlich beim „positiven Fachjournalismus“ bleiben wollen, nenne ich an dieser Stelle bewusst NICHT die fünf Indoor-Ropes, die in meinen Augen suboptimal für diesen Einsatzzweck geeignet sind, sondern...? Erraten! Die drei besten, aktuellen Indoorseile für Ihren perfekten Hallenwinter 2012/13 stelle ich Ihnen hier, sowie in den nächsten zwei folgenden Kolumnen auf trainingsworld.com, nach einem mehrwöchigen „Hardcore-Praxistest“, vor. Als „Draufgabe“ liefere ich einiges an Insider-Know-How rund um den für Ihr Kletterleben wohl essenziellsten Ausrüstungsgegenstand. (Lesen Sie auch: Sportklettern: Sicher klettern im Top-Rope)

In diesem ersten Teil werde ich kurz auf die generellen Qualitätsmerkmale der Hallenseile eingehen. Denn wie soeben kurz angedeutet: Seile aus dem Testfeld, welche evtl. im alpinen Sportklettern als „das“ Highendseil gelten könnten, oder auch für den Klettergarten zu Recht den Platz unter diesen, im folgenden genannten „Top 3“ finden würden, eignen sich nicht unbedingt für Indoor-Enthusiasten. Also, worauf kommt es wirklich an? Um bei der magischen 3 zu bleiben, kurz und knapp in drei Punkten:

 

Drei essenzielle Facts, die entscheiden...

1. Bereits beim einfachsten Kriterium der Seillänge, scheiden sich die Geister. „Wozu überhaupt ein Hallenseil? Da nehm’ ich einfach meinen noch 40 Meter langen "Ex-Alpinstrick" ... für die paar Meter allemal gut genug“, so ein „lässiges“ Zitat, das immer wieder gerne in der „Szene“ fällt. Mein Fazit ist klar: Die „Insidergewohnheit“ altgediente Felsseile kurzerhand an den beiden Enden meterweise abzuschneiden und die meist noch einigermaßen intakten Mittelteile in den Hallenwinter zu nehmen, ist lebensgefährlich. Auch kenne ich keinen erfahrenen Kletterer oder gar Profi, der dieses unverantwortliche, jedoch leider nach wie vor oft gesehene russische „Sparefroh-Roulette“ noch spielt. Nicht nur, dass die Haltbarkeit ohnehin auf wenige Klettertage begrenzt ist und eine Mantelverschiebung (dazu gleich mehr) im essentiell wichtigen Anseilbereich durch den „Kunstschnitt“ kaum zu verhindern ist ... Auch die immer mehr zu XL-Höhe tendierenden, neuen Kletterhallen verbieten ein solches Vorgehen einfach allein aus Gründen des gesunden Menschverstandes. 50 Meter sind ideal und das Seil muss an den Enden „federn“, was bei den in diesen Kolumnen getesteten Indoorseilen im Vergleich zu normalen Outdoorseilen erst deutlich später der Fall ist. Sorry – Sportklettern ist kein teurer Sport und ab und zu ein neues Seil muss einfach im Budget „drin“ sein.

Nach einem – Gott sei Dank glimpflich verlaufenen – Unfall in meinen eigenen Anfangsjahren weiß ich: Lieber 10 Meter zu viel als auch „nur“ einen zu wenig!

Über 25 Meter lange Routen, anspruchsvolle Seilverläufe und auch stattliche und dennoch sichere Abstände zwischen den Express-Schlingen dank der Höhe sind „usual business“ in modernen Kletteranlagen. „Ist das Seil wohl lang genug“, wäre die letzte Frage, die mich wie hier, fast 20 Meter über dem Boden an meiner Heimwand, der K1 Kletterhalle Dornbirn, zu Topleistungen anspornen würde. 

 

2. Bei der Beschaffenheit ist klar: Bergsteiger-Zwillings- oder Halbseile haben in einer Halle nichts verloren. Dynamische Einfachseile müssen laut UIAA-Norm (EN892)/Imprägnierung einen sog. Sturzfaktor von 1,77, statisch gebremst über eine Kante mit 5 mm Radius und 80 kg Fallmasse, mindestens 5-mal halten, also 5 Normstürze aufweisen. Dies liest sich kompliziert, dient aber nur Ihrer Sicherheit.

Einfach ausgedrückt: Je mehr Normstürze, desto mehr Reserve und meist auch Widerstandsfähigkeit im „Lang-ist-der-Winter-Halleneinsatz“. Doch auch eine Beachtung der Seildicke und selbst des Seilgewichts kann, speziell bei sehr langen Hallenrouten, die bei Wettkampftouren oft sogar in Schlangenlinien mehrere Sektoren bzw. Wandteile durchqueren, besonders bei leistungsambitionierten Indoor-Climbern sehr wohl ein Thema sein.

Eher vernachlässigbar, bzw. auch in unseren Tests kaum spürbar: Der „Dynamikfaktor“, bzw. die Sturzdehnung, mit denen die Seile den „Fall des Falles“ von sich aus so angenehm wie möglich gestalten sollen. Denn ob ein Seil hier eine Nuance mehr oder weniger Dehnung (alle getesteten Seile lagen hier ca. im selben Rahmen) aufweist, ist beim Indoorklettern eher Nebensache. Selbstverständlich bedarf es auch hier vernünftiger Einfach-Dynamikseilwerte, welche alle drei „Siegerseile“ auch liefern. Entscheidend dafür, ob ein Sturz letztlich als „hart“ oder „butterweich“ empfunden wird, ist im Speziellen bei den Indoor-Kletterhallen-Stürzen primär das Können des Sicherers, in Bezug auf dessen Routiniertheit im weichen, also dynamischen, Sichern.

 

„Specials“ der Hersteller – for indoor only?

3. Was die „Specials“, die Outdoor-Seile ansonsten auszeichnen, angeht: Weder Imprägnierung noch eine patentierte „Steinsplitter- oder Steigeisenschutzummantelung“ lohnen hier einen Euro mehr an Investition. Schließlich sorgt nicht nur in meiner Heimhalle zumeist sogar täglich der Reinigungsdienst für perfekte Bedingungen, was die hohe Lebensdauer des Seils diesbezüglich betrifft. Auch alpine „Zusatz-Belastungen“ bleiben einem Hallenseil (hoffentlich) erspart.

Erkennen Sie die schwarzen Spuren v.a. rechts meiner Kletterlinie? Speziell solche „Wandbäuche“, an denen das Kletterseil zwangsläufig beim Ablassen des Kletterers entlang scheuert, strapazieren den sog. „Seilmantel“ extrem und lassen normale Outdoorseile in der Halle rasch alt aussehen.

Ein „Indoor-Special“, das jedoch sehr wohl relevant ist: Wie rutschsicher und stark ist der sog. Seil-Mantel?

Einfach ausgedrückt: Ein Einfachseil besteht aus einem Kern der mit seinen verflochtenen Fasern die Hauptlast trägt. Dieser wird jedoch von einem Seilmantel umgeben, der ihn vor Beschädigung schützt. Ist der Mantel „durch“, ist bestenfalls noch ein einmaliges, sicheres Abseilen des Kletterers auf den Boden möglich. Mehr jedoch nicht mehr.

Dazu ergab sich im Laufe dieses Praxistests tatsächlich ein spannender „Sicherungs-Thriller“. Eines der 5 nicht genannten Seile zeigte bereits nach wenigen Klettertagen deutliche Verschiebungen des Mantels (dieser „rutschte“ von außen spürbar an einer Stelle des Seils). Prompt kam es im Weiteren zu einem Mantelriss – keine Sorge, ich erreichte, zwar mit erhöhtem Adrenalin-Spiegel, aber sicher am Seilkern abgelassen, den Boden.

Was Sie sich also an dieser Stelle merken dürfen: Je fester Mantel und Kern „zusammenhalten“, desto weniger Beschädigungsgefahr. Auch meine Langfristerfahrung zeigt: Das Ende des Seillebens ist nahe, „rutscht“ erst einmal der Mantel, auch wenn dies – Gott sei Dank – nicht jedesmal ein Riss des Selbigen nach sich zieht.

 

And the winners are...

Um nun schnellsten wieder zum positiven Teil dieser Kolumne überzuleiten: Jene drei Seile, die alle Tests in meinem eigenen, mehrwöchigen intervalltrainingsbetonten und somit extrem seilfordernden Hallenaufbau-Wochen am besten überstanden und auch was das Handling betrifft, am souveränsten abschnitten, sind in alphabetischer Reihenfolge hier aufgelistet:

BEAL „Wall Master“

EDELRID „Tower“

EDELWEISS O-Flex Seil 9,8 mm

Alle drei Seile testeten wir in der optimalen „Indoor-Länge“ von 50 Meter.

 

Die ersten zwei Detailtests folgen in wenigen Tagen direkt in Teil 2 dieser Kolumne für Ihren Hallenwinter.

Genießen Sie dank trainingsworld.com den sicheren Klettersport und bis bald!

 

Ihr Jürgen Reis  

 

Fotos: (c) Kurt Hechenberger bzw. Archiv Jürgen Reis(www.juergenreis.com) und Jürgen Christmann (www.cuadro-austria.com)

 

Rubriklistenbild: © Kurt Hechenberger / Archiv Jürgen Reis und Jürgen Christmann

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