Karate

Grundlagen des Karate-Kumite Trainings

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Die optimale Körperzusammensetzung für Karateka und ein sportartspezifisches Training machen den Erfolg

Die wichtigsten Muskeln für das Schlagen, Treten und Abwehren sind der Pectoralis major, der Obliquus externus abdominis, der Bizeps, Trizeps, der Trapezmuskel, der Delta und Latissimus dorsi, der Gluteus, der Bizeps femoris und der Quadrizeps. Das sportartspezifische Training wird durch gezieltes Krafttraining für die einzelnen Muskelgruppen und Muskelschlingen ergänzt.

Um beispielsweise die Treffer zum Kopf des Gegners erfolgreich ausführen zu können sind neben einer guten und schnellen Technik auch lange Arme und Beine von Vorteil. So fließen konstitutionsbiologische Kriterien in die Talentsichtung mit ein. Andere wissenschaftliche Untersuchungen über den Verlauf einer Technik oder deren Stabilität werden benutzt, wenn sich Technikabläufe als kritisch erweisen und optimiert werden müssen. Ein Beispiel mag der Mawashi geri sein. In seiner „klassischen“ Ausführungsweise wird er als Halbkreisfußstoß getreten. Dabei gibt es immer noch Trainer, die ein gestrecktes Standbein akzeptieren. In seiner „modernen“ Variante wird der Tritt wegen einer deutlich besseren Stabilität mit gebeugtem Standbein angeleitet (Interview Prof. Ascieri 2008). Zudem wird er in der Wettkampfform direkt, im Ansatz wie Mae geri gerade getreten und am Bewegungsende erst gedreht. Biomechanisch lässt sich nachweisen, dass in einem angefersten Zustand ein Bein schneller ist, als wenn man mit geöffnetem Kniewinkel tritt. Das bedeutet, das sich die Hüftwinkelgeschwindigkeit positiv durch den Kniewinkel beeinflussen lässt. Dabei muss es sich um kein aktives Anfersen handeln. Letztendlich wird das Trägheitsmoment kleiner und damit die Drehgeschwindigkeit höher. Zudem verkürzt ein gerades Treten den zurückzulegenden Weg ebenso, wie die Zeit des Gegners darauf zu reagieren. Untersuchungen von Emmermacher et al.(4) weisen jedoch in ihrer Tendenz darauf hin, dass es keine Unterschiede in der Ausführungsgeschwindigkeit von Kreistritten, bezogen auf das Trittbein (vorne vs. hinten) existieren. Sie untersuchten welche Variante schneller ist. Dabei zeigte sich das der Weg für das vordere Bein zwar kürzer ist, jedoch der Tritt mit dem hinteren Bein schneller ist. Am Ende erreichen beide Techniken gleichzeitig ihr Ziel. Da die effektivste Kraftübertragung aber entlang einer Geraden ist, sollte die gerade getretene Variante stärker ihr Ziel treffen.

Ähnliche Technikanpassungen an das Wettkampfgeschehen sind auch aus dem Taekwondo bekannt (www.tkd-swisttal.de, 2007). Bei Tritten zeigten Abraham et al.(1) das die Ansteuerung alle Beinmuskeln unterschiedlich betrifft. Der muskulus bizeps femoris wird beim Tritt zuerst und am heftigsten innerviert, gefolgt vom M. gastrocnemius, der das Knie beugt. Für den wichtigsten Wettkampftritt den Drehtritt oder mawashi geri ergibt sich der höchste prozentuale Anteil an der gesamten Trittzeit durch den muskulus satorius von >50%, den muskulus gluteus maximus von >40% und den muskulus tibialis anterior von 40%. Der im Training wesentlich häufiger beachtete muskulus rectus femoris und der biceps femoris erreichen nur eine 30%ige beziehungsweise 10%ige Anteilnahme an der Trittdauer. Trainingsspezifisch sollte ein individuelles Krafttraining darauf eingehen. Untersuchungen von Baker et al.(2) weisen nach, dass die im Karate produzierten hohen Trittgeschwindigkeiten auch mit hohen Kräften verbunden sind die wirkungsvoll einsetzbar sind. Dabei hat sich gezeigt das die erreichten Kraftwerte nicht mit einer starken Beinmuskulatur produziert werden. Demnach muss das Karatetraining an sich einen Einfluss auf die Anzahl der angesteuerten Muskelfasern haben. Denn nur durch eine verbesserte Rekrutierung, Frequenzierung und Synchronisation (z.B. IK-Training) können ohne Muskelzuwachs top Kraftleistungen erbracht werden.

Im Freikampf finden sich schnellkräftige, schnellkraftausdauernde und azyklisch hohe Handlungsschnelligkeiten. Zudem wird eine optimierte Reaktionszeit und Antizipationsfähigkeit bei den kumitetypischen Auswahlreaktionen vorausgesetzt. Auswahlreaktionen zwingen den Athleten, in bestimmten Kampfsituationen, aus einer Vielzahl, vom Gegner beeinflusste Reaktionen zu wählen. Im Kumite ist das Training der Schnelligkeit demnach ein zentraler und überaus komplexer Punkt.

Die Ausdauer wird im Karate als Grundlage zur Regeneration eingesetzt und als Schnelligkeitsausdauer findet sie in der Wettkampfperiode Einzug ins tägliche Training. Spitzenkampfbelastungen führten im Nationalkader zu über 15 mmol/l Laktat im Blut. Dabei ist die Laktatentstehung auf die Anhäufung dieses Abfallproduktes, eines ohne Sauerstoff stattfindenden (anaeroben) Stoffwechsels (Glykolyse) zurückzuführen. Die Glykolyse ist die entscheidende Energiebereitstellungsform während eines Kampfes. Dieser anaerobe, laktatzide Stoffwechsel führt zu einer raschen, aber kurzfristigen Energiebereitstellung während einer Muskelarbeit. Nach einer etwa einminütigen Belastung kommt es dann zu einem Energieabfall. Das entstehende Laktat beeinflusst die Glykolyse negativ und behindert die Bildung weiterer Energieträger wie das Adenosintriphosphat. Aus dem Kickboxen weiß man, dass eine signifikante Korrelation zwischen dem Anstieg des Blutlaktats und einer erhöhten Herzfrequenz existiert. Die Ähnlichkeit des Anforderungsprofils zum Karate lässt hier einen Übertrag zu. Die Herzfrequenz kann nach Li(9) als Trainingssteuerungsmittel eingesetzt werden, wenn spezifisch in einem bestimmten Metabolismus trainiert werden soll (laktazid oder alaktazid).

Die Muskulatur übersäuert durch zu hohe Laktatwerte und kann nicht mehr entsprechend kontrahiert werden. Eine hohe Laktattoleranz und eine Erweiterung der ATP Speicher sind Anzeichen eines guten Trainingszustandes und verlängern das Kämpfen auf höchstem Niveau. Die Resynthese des Laktats zu Glykogen dauert unter optimalen Bedingungen bis zu 15 Minuten. Bei den heutigen Kampfzeiten im Karate ist durch Kampfunterbrechungen zur Trefferwertung oder die Wartezeiten zwischen den Kämpfen keine vollständige Erholung gewährleistet und es kommt zu Leistungseinbußen im Turnierverlauf. Dies hat auch Einfluss auf das Training in der Vorbereitungsperiode. Das aerobe und anaerobe Grundlagentraining muss rechtzeitig als Voraussetzungen für eine optimale Regenerationsfähigkeit absolviert werden.(6,12)

Erwähnenswert sollten auch die Ergebnisse von Beneke et al. (2004) sein. Sie fanden überraschenderweise heraus, dass es im Kumite zu einer überwiegend aeroben Energienutzung kommt. 77.8 (5.8)% der Energiebereitstellung laufen nach ihren Untersuchungsergebnissen so ab. Desweiteren sind 16.0 (4.6)% auf einen anaerob alaktaziden- und 6.2 (2.4)% auf einen rein laktaziden Metabolismus zurückzuführen. Schenkt man diesen Ergebnissen glauben so sollte eine verstärkte Ausdauerroutine als eine gute Grundlage für anstehende Wettkämpfe angesehen werden.

Mitglieder der französischen Auswahlmannschaft wurden mittels supramaximalen, anaerob-laktaziden Intensitäten belastet. Diese dauerten 2-3 Minuten an und entsprachen etwa 140% ihrer VO2max Kapazität. Es zeigte sich, dass sie im Gegensatz zu Karateka mit nationalem Niveau diese Belastungen besser standhalten konnten und auch ihre finalen Laktatwerte signifikant unter denen der Vergleichsgruppe waren. Das lässt die Vermutung zu das dies durch eine verbesserte Laktattoleranz erreicht wurde. Ein anaerobes supramaximales Training hat demnach auch seine Berechtigung und schafft den Unterschied nicht nur von schnell und langsam, sondern auch von Erfolg und Misserfolg.

Die durchschnittliche Muskelfaserzusammensetzung von Karateka wird mit 58% schnellen Fasern (schnelle Myosinketten MHC IIA + MHC IIX) angegeben. Karateka haben geringe Anteile an langsamen Typ 1 Fasern und sind somit für ein schnelligkeitsorientiertes Training bestens geeignet.(11,14) Im Karate ist die Muskel- und Knochenmasse gegenüber Nichtsportlern erhöht.(5) Beides bedeutet das Karate nicht nur als Leistungssport seine Aufgaben der Körperbaumodulierung erfüllt, sondern dass vor allem im Breitensport krankheitsprophylaktische Akzente gesetzt werden. Dabei verbessert sich die allgemeine Fitness und im speziellen die Herzkreislaufleistung.(7) Je höher das Kampfniveau desto besser ist die Laktattolleranz ausgebildet und je später wird die, die Leistungsfähigkeit negativ beeinflussende, Milchsäure produziert.(10) Im Interdisziplinären Vergleich schneiden Karateka und Taekwondoka bezüglich des Körperfetts besser ab als Sumotori und Judoka. Karate ist dazu geeignet das passive Körpergewicht zu reduzieren und die physische Leistungsfähigkeit zu optimieren. Laktatwerte von über 9 mmol/l und Herzraten von annähernd 200 Schlägen pro Minute sind dafür verantwortlich, dass es zu einem Trainingsumsatz für Breitensportler von bis zu 600 kcal in der Stunde kommt.(7) Pro drei Minuten Wettkampf werden im Leistungssport etwa 100 kcal verbraucht.

Fetthaltiges Gewebe (Endomorphie) hat die größte ungünstige Auswirkung auf die Leistung der Armtechniken. Demgegenüber steht die positive Korrelation der Muskelmasse (Mesomorphie) mit der Schlaghärte und Geschwindigkeit.

Bei gleichzeitigem Training und Schwitzkuren soll sich das Verhältnis von Muskel- zu Fettgewebe verbessern. Wookwang und Kijin (13) fanden jedoch heraus, dass dabei die anaerobe Leistungsfähigkeit gerade bei den niedrigen Gewichtsklassen, deutlich nachlässt. Auf schwergewichtige Kämpfer hatten die Nahrungsbeschränkungen keinen Einfluss. Demnach sollte das Abnehmen in den unteren Gewichtsklassen von Trainern und Kämpfern noch umsichtiger gestaltet werden, so dass es zu keinen massiven Leistungseinbrüchen kommt.

Ein langer Körperwuchs wirkt sich ebenso positiv auf die Endomorphie aus, hat allerdings durch die Hebelveränderungen eine negative Beeinflussung der Beintrittkraft zur Folge. Breite Schultern und lange Arme deuten hingegen auf eine gute Schlagleistungsfähigkeit hin. Die Stöße sind schneller und stärker und treffen den Konkurrenten in einem größeren Abstand. Es kann ebenso vermutet werden, dass Blöcke zur Verteidigung schneller und stärker sind und so die gegnerischen Attacken besser neutralisieren können. Ein Karateka wird also durch längere Extremitäten in die Lage versetzt einen größeren Kampfbereich abzudecken. Weil er in der Lage sein muss, die Situation im kürzesten möglichen Zeitraum zu erkennen kann ein größerer Aktionsraum nur von Vorteil sein. Die Notwendigkeit eines adäquaten Reaktionstrainings beeinflusst eine größere Armlänge nicht.(8)

Im Training wie auch in Testverfahren werden immer noch überwiegend schnellkraftausdauernde Methoden verwandt. Zum Beispiel sollen die Liegestütz pro Minute eine Aussage über deren Fitnesslevel ergeben. Dies muss überdacht werden. Im karatespezifischen Kämpfen absolvieren die Beine eine ständige Bewegung und es kommt zu keinen Verschnaufpausen. Die Arme hingegen sind nur in einzelnen Kampfaktionen gefragt und werden meist locker am Körper gehalten. Da aber die Arme über 80% aller Treffer erzielen, müssen sie extrem schnell agieren. Im Gegensatz dazu müssen die Beine eher ausdauernden Belastungen standhalten. Ein Testverfahren wie oben beschrieben scheint das Belastungsprofil nicht exakt widerzuspiegeln. Die besten Vorhersagekriterien für eine effiziente Kampfesweise sind die Fähigkeit sich schnell und multidirektional zu bewegen, sowie hohe Tritt-, Schlag- und Blockgeschwindigkeiten zu erzielen.(3)

  

Dr. Jürgen Fritzsche 

Quellenangabe:

1. Abraham C., Dyson R. and Kingman J. Muscular activity of the striking leg during the martial arts front, side and turning kicks, PART I: BIOMECHANICS Communications to the Annual Conference of the British Association of Sport and Exercise Sciences (BASES), 2000.

2. Baker J., Baker T. and Bell W. Lean leg volume and anaerobic performance in elte male karate internationals, journal of human movement studies, 28, S. 39-49, 1995.

3. Blazevie S., Katie R. and Popovie D. The effect of motor abilities on karate performance Collegium antropologicum, ISSN 0350-6134, vol. 30, no2, pp. 327-333, 2006.

4. Emmermacher P., Witte W., Bystryzycki S. and Potenberg J. Different variations of the karate technique mawashi-geri, XXV ISBS Symposium, Ouro Preto – Brazil, 2007.

5. Fritzsche J. Sportanthropologische Untersuchungen der aktiven, passiven- und gesamten Körpermasse von Elitekarateka; Österreichisches Journal für Sportmedizin, 2-3/2006.

6. Grosser M., Starischka S. und Zimmermann E. Das neue Konditionstraining, München, BLV, 2004.

7. Imamura H., Yoshimura Y., Kazuhiro K., Nishimura S. and Nakazawa A. Maximal oxygen uptake, body composition and strength of highly competitive and novice karate practitioners. Applied Human Science 17, S. 215-218, 1998.

8. Katic R., Blazevic S., Krstulovic S. and Mulic R. Morphological Structures of Elite Karateka and Their Impact on Technical and Fighting Efficiency Coll. Antropol. 29, 1: 79–84, 2005.

9. Li Z. Relation Between Blood Lactate Levels, Heart Rate, And Rating Of Perceived Exertion Medicine & Science in Sports & Exercise, Volume 37(5), S. 79, 2005.

10. Ravier G. , Dugué B. , Grappe F. , Rouillon J. Maximal Accumulated Oxygen Deficit and Blood Responses of Ammonia, Lactate and pH after Anaerobic Test: a Comparison between International and National Elite Karate Athletes Int J Sports Med, 27: S. 810-817, 2006.

11. Ricoy J., Encinas A., Cabello A., Madero S., Arenas J. Histochemical study of the vastus lateralis muscle fibre types of athletes, J Physiol Biochem., 54(1), S. 41-47, 1998.

12. Weineck, J. Optimales Training. Erlangen: perimed, 2004.

13. Wookwang C. and Kijn K. changes of body composition and anaerobic performance after rapid weight loss in taekwondo players, www.cev.org.br/br/biblioteca/preolymp/download/O.250.doc, Internet: 05.2008.

14. Zawadowska B., Majerczak J., Semik D., Karasinski J., Kolodziejski L., Kilarski W., Duda K. and Zoladz J. Characteristics of myosin profile in human vastus lateralis muscle in relation to training background, Folia Histochemica et Cytobiologica, Vol. 42, No. 3, pp. 181-190, 2004

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