Trainerinterviews: 7 Fragen an… Olympiasieger Frank Wieneke

„Der Trainer sollte ein Vorbild sein“

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Trainerinterview mit Frank Wieneke, selbst Olympiasieger und Trainer von Olympiasieger Ole Bischof und anderen erfolgreichen Judokas.

In den 80er Jahren wurde er Olympiasieger und 2008 als Trainer auf den Schultern von Olympiasieger Ole Bischof durch die Halle getragen. Wie sieht Frank Wieneke die Relation von Theorie und Praxis und was hat ihn all die Jahre im Leistungssport angetrieben?

Frank Wieneke, Olympiasieger 1984 und Vizeolympiasieger 1988, war Heimtrainer und Bundestrainer vieler erfolgreicher Deutscher Judoka. 1993-2000 betreute er als Heimtrainer Größen wie Johanna Hagn, Raffaella Imbriani, Stefan Dott oder Daniel Gürschner. Als Höhepunkt seiner Bundestrainerkarriere gilt sicherlich der Olympiasieg 2008 seines Schützlings Ole Bischof. Heute arbeitet Frank Wieneke als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Trainerakademie in Köln.

1. Warum bist du Trainer? Was treibt dich an? Was oder wer inspiriert oder hat dich als Trainer inspiriert?

Ich war von 1993-2008 Trainer, davon war ich die letzten 8 Jahre Judobundestrainer im Männerbereich. Weil ich nach meiner aktiven Laufbahn weiter im Leistungssport tätig sein wollte, habe ich die Seiten gewechselt und bin Trainer geworden. Auch als Trainer war mein Anspruchsniveau hoch. Ich wollte Athleten betreuen, sie auf große Zielwettkämpfe vorbereiten und das Training auf solche Höhepunkte hin gestalten. Die ersten Jahre habe ich Athleten als Heimtrainer auf EM, WM und Olympische Spiele vorbereiten können. Die letzten Jahre war ich Bundestrainer, wobei ich die erfolgreichsten Judoka auch als Heimtrainer betreuten konnte. Als Bundestrainer durfte ich die Mehrjahresplanung und Jahresplanung der Männernationalmannschaft durchführen.

Beeinflusst und inspiriert wurde ich durch andere erfolgreiche Trainer, mit denen ich mich immer wieder intensiv ausgetauscht habe, aber auch meine eigenen Trainer von früher hatten einen sehr großen Einfluss auf meine Arbeitsweise.

 

2. Wie gehst du als Trainer mit der „Gratwanderung zu viel oder zu wenig“ um? Wie gehst du dieses Problem an? (Intensität wie Umfänge)

In den ersten Jahren habe ich noch sehr viel mittrainiert und hatte so ein Gefühl für die Belastungsgestaltung. Auch die eigene Erfahrung von der eigenen aktiven Laufbahn gab mir eine große Sicherheit in der Wahl meiner Umfänge und Intensitäten. Wichtig ist aber auch der Austausch mit den Athleten. Einen Athleten lernt ein Trainer erst in extremen Situationen richtig kennen, z. B. in längeren Trainingslagern im Ausland oder auf wichtigen Wettkämpfen. Als äußerst wichtig erachte ich die Individualität eines jeden Athleten, hier liegen die größten Leistungsreserven – also beim Sportler selbst. Die gleichen Umfänge und Intensitäten empfindet jeder Athlet unterschiedlich und wenn der eine vielleicht schon eine Pause braucht, muss ein anderer Athlet noch weiter trainieren.

 

3. Gibt es im Judo geschlechterspezifische Unterschiede, wenn es um Trainingsplanung, die verschiedenen Trainingsbereiche und die Kommunikation geht? Wenn ja, welche, aus deiner Sicht?

In den ersten 7 Jahren meiner Trainerlaufbahn konnte ich im Training und Wettkampf auch Frauen mitbetreuen (Ertel, Imbriani, Hagn und andere Soldatinnen der Sportfördergruppe). Für mich gab es keinen Unterschied in der Trainingsgestaltung. Es gibt einige Trainer, die große Unterschiede zwischen Frauen- und Männerjudo sehen, hier bin ich anderer Meinung. Natürlich werden im athletischen Bereich von Frauen nicht so hohe Werte erzielt wie bei den Männern, das ist für mich jedoch kein Grund zu einer Änderung der Trainingsgestaltung.

Ich fand das Training mit Frauen immer sehr interessant und ich hätte mir damals auch gut vorstellen können, vermehrt im Frauenbereich als Trainer zu arbeiten.

 

4. Wie siehst du den pädagogischen Auftrag eines Trainers im Leistungssportbereich? Vertrittst du als Trainer gewisse Werte? Sollen Trainer gewisse Werte vermitteln? Wenn ja, welche Werte findest du besonders wichtig?

Ich bin der Auffassung, dass der Trainer ganz traditionell ein Vorbild sein soll. Der pädagogische Auftrag sollte sich auf die Entwicklung des Athleten beziehen, sowohl im privaten als auch im sportlichen Bereich. Die Heranführung zu einem mündigen Athleten ist die Aufgabe eines jeden Trainers. Ich bin mit voller Überzeugung als Athlet und Trainer gegen Doping gewesen. Darum sind Werte wie Ehrlichkeit, Selbstbeherrschung und Respekt gegenüber meinen Gegnern oder Trainerkollegen für mich sehr hoch einzuschätzen.

 

5. Im trainingswissenschaftlichen Bereich gibt es immer wieder Innovationen, erneute Hilfestellungen und Möglichkeiten. Inwiefern nimmst du als Judotrainer diese in Anspruch? Passt du bisherige Trainingsmethoden und -inhalte immer wieder an? Wenn ja, welche und warum?

Das Schlimmste, was ein Trainer aus meiner Sicht sagen kann, ist: „Das haben wir schon immer so gemacht“. Ein Trainer, der Erfolg haben möchte, muss sich mit aktuellen Erkenntnissen auseinandersetzen und sie in sein Training mit einfließen lassen. Natürlich lassen sich nicht alle trainingswissenschaftlichen Erkenntnisse in vollem Umfang umsetzen, manchmal sagt auch die langjährige praktische Erfahrung erfolgreicher Trainer, dass die Theorie nicht der Praxis entspricht. Einer meiner Trainer hat einmal gesagt: „Was ist der Unterschied zwischen einem Praktiker und Theoretiker? Der Theoretiker weiß alles, aber es klappt nicht, und bei dem Praktiker klappt alles, aber er weiß nicht warum.“

 

6. Welches ist die wichtigste Einsicht aus deiner bisherigen Trainerkarriere?

Dass ein Trainer Erfolg haben muss. Auf der Ebene, auf welcher ich gearbeitet habe, sollte ich mit der Nationalmannschaft Medaillen erzielen. Ich wollte nie ein Trainer sein, der einen 5. Platz schönredet. Wenn in der Öffentlichkeit über einen Trainer geredet wird und es fallen Äußerungen wie „Das ist ein sehr guter Trainer“, sind es immer Trainer, die nachhaltig erfolgreich arbeiten.

Eine weitere Einsicht war bei mir, dass es immer anders kommt, als man denkt. Als Trainer musst du sehr flexibel denken bzw. handeln können und man darf sich nicht über Dinge aufregen, die man so und so nicht ändern kann. In meiner Trainertätigkeit habe ich immer zukunftsorientiert gedacht, weil zukunftsorientiertes Denken immer lösungsorientiertes Denken ist. Das ist für mich der beste Weg, um Erfolg zu haben.

 

7. Wie siehst du die Beziehung eines Trainers zum Athleten? Welche Faktoren tragen deiner Meinung nach zu einem erfolgsreichen sportlichen Weg bei?

Bei der Beziehung zu den Athleten waren für mich Vertrauen und Ehrlichkeit wichtige Faktoren. Meine Trainerphilosophie bestand darin, dass der Athlet und ich gemeinsam den Weg zum sportlichen Erfolg gegangen sind. Das heißt, ich habe ihn in vielen Bereichen gleichberechtigt behandelt, habe nicht alles vorbestimmt, sondern bin auch auf seine Meinung eingegangen. Natürlich geht es nicht immer so, aber in der Regel kann ich sagen, je älter der Athlet ist, desto mehr sollte er sich in die Planung und das Training einbringen.

Die Kunst ist es, in diesem Bereich - zwischen dem Miteinander und dem Führen des Athleten - als Trainer die richtige Balance zu finden. Auf dem Weg zum Erfolg dürfen der Respekt zum Trainer und die Autorität des Trainers nicht auf der Strecke bleiben.

 

Karin Ritler Susebeek

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