Trainerinterviews: 7 Fragen an… den Bundestrainer der Frauen Michael Bazynski

„Irgendwie bin ich in das Ganze hineingewachsen…“

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Bundestrainer Michael Bazynski

Michael Bazynski, der aktuelle Bundestrainer der Frauen, erzählt, was ihn täglich an seiner Arbeit motiviert und was aus seiner Sicht zum Erfolg führt. Außerdem äußert er sich zu verschiedenen Trainingsformen und Trainingsphilosophien.

1. Warum bist du Trainer? Was treibt dich an? Was oder wer inspiriert dich oder hat dich als Trainer inspiriert?

Irgendwie bin ich in das Ganze hineingewachsen… Es gab eigentlich keinen Zeitraum in meinem Leben, in welchem ich nicht mit Judo in Berührung war. Als Trainer habe ich immer schon nebenher gearbeitet. A weil es mir immer Spaß gemacht hat und B weil ich mich und meine eigene Sportkarriere dadurch finanzieren konnte. Den Beruf Trainer habe ich dann ergriffen, als ich selbst aufgehört habe zu kämpfen. Damals bin ich zunächst Landestrainer für den Männerbereich geworden und war der erste hauptamtliche Trainer Nordrhein Westfalens. Dazu kam dann etwas später auch die Verantwortung für alle Kader als Leistungssportkoordinator.

Michael Bazynski kann sich nicht an eine Zeit ohne Judo erinnern. Er ist in eine Judofamilie hineingeboren, war selbst ein erfolgreicher Kämpfer und nebenher immer als Trainer tätig. Seine Trainerkarriere begann schon früh im Verein, später auf Landesebene und seit 2001 als Bundestrainer. Bis 2009 war er verantwortlich für die Juniorinnen, danach für die Frauen. Neben der Betreuung vieler erfolgreicher Judoka, wie u.a. Anna von Harnier, Anna Gradante und Johanna Hagn, konnte unter seiner Leitung Kerstin Thiele 2012 an den Olympischen Spielen in London die Silbermedaille erkämpfen.

Judo an sich hat mich natürlich geprägt, in meiner Entwicklung, im Alltag, im normalen Leben mit Freunden, der Familie und im Umgang mit allen Menschen. Mich haben jedoch auch viele Menschen und Persönlichkeiten geprägt, in erster Linie mein Vater, natürlich weil er mein Vater war, jedoch auch weil er mein erster und wichtigster Trainer war. Aber auch andere Trainer wie Opa Schutte aus Holland, Wolfgang Hofmann, Albert Verhülsdonk, Heiner Metzler usw. Natürlich habe ich mir das eine oder andere abgekuckt und mir immer überlegt, was mir gefällt, was ich gebrauchen und sinnvoll umsetzen kann. Wichtig dabei ist es aber, eine eigene Linie zu verfolgen, die zur Person passt.

Es gibt für mich nach wie vor nichts Schöneres, als mit Athleten zu arbeiten. Das tägliche Training, das Verbessern, das Weiterbringen eines Athleten im Hinblick auf die physische und technisch taktische Entwicklung ist das, was mir am meisten Spaß macht. Die Arbeit auf und neben der Matte und die gesamte Betreuung eines Athleten oder einer Athletin darum herum, das ist meine tägliche Motivation.

 

2. Wie gehst du als Trainer mit der „Gratwanderung zu viel oder zu wenig“ um? Wie gehst du dieses Problem an? (Intensität wie Umfänge)

Ganz wichtig in dem Zusammenhang ist es, die Athleten zu kennen, zu wissen, wie sie reagieren, was gerade in ihrem Umfeld geschieht, wie es z. B. im Studium läuft, welche Probleme die Sportler beschäftigen usw. Diese Faktoren müssen im täglichen Trainingsprozess mitberücksichtigt werden, weil sie die Athletin natürlich beeinflussen und belasten können. Als Trainer muss ich gut beobachten können, wie der Sportler oder die Sportlerin auf alle Belastungen, Anforderungen und auf Auseinandersetzungen reagiert. Der Trainer muss den ganzen Prozess dann dementsprechend steuern. Natürlich werden auch Testverfahren, biochemische Untersuchungen, regelmäßige Blutkontrollen usw. unterstützend eingesetzt. Entscheidend jedoch sind im täglichen Training die Beobachtung, das Feedback der Athletin und das permanente Reflektieren.

Ein Trainer muss sich immer überlegen, ob das, was er nun vorhat, zur Athletin oder zum Athleten passt. Zum Teil muss man auch mal spontan das Training umstellen, mal mehr machen, ein Training ausbauen oder eben andersherum das Training reduzieren, wenn sich z. B. ein Sportler nicht mehr konzentrieren kann. Dies läuft über die Kommunikation, jedoch auch über die eigenen Beobachtungen und Erfahrungen. Bei Athletinnen, die ich schon über mehrere Jahre betreue und in vielen Stresssituationen erlebt habe, weiß ich aber meist schon, wenn sie zur Halle hereinkommen, in welcher Verfassung sie sind. Ich versuche mich immer auch in die Athletin „hineinzufühlen“, zu überlegen, welcher Weg für sie der richtige ist. Das ist wichtig für eine vernünftige Zusammenarbeit, den Weg gehen wir letztendlich gemeinsam.

 

3. Gibt es im Judo geschlechterspezifische Unterschiede, wenn es um Trainingsplanung, die verschiedenen Trainingsbereiche und die Kommunikation geht? Wenn ja, welche, aus deiner Sicht?

Gerade im Bereich der Kommunikation gibt es große Unterschiede. Natürlich kann man das nicht generalisieren. Aber im Großen und Ganzen wollen Frauen von dem, was sie wie tun, mehr überzeugt werden. Sie fragen mehr nach - das zeigt aber auch, dass sie sich mit der Sache richtig auseinandersetzen und beschäftigen. Sie wollen auch eher über Inhalte und das „Warum“ diskutieren und im Allgemeinen mehr miteinbezogen werden. Wenn sie jedoch überzeugt sind, auf dem richtigen Weg zu sein, dann sind sie zu mehr als 100 % bei der Sache. Die Zuverlässigkeit und Selbstdisziplin ist dann auf jeden Fall größer als beim anderen Geschlecht. Das zeigen meine langjährigen Erfahrungen bei der Arbeit mit Männern und Frauen.

Trainingsinhaltlich sehe ich keine großen Unterschiede. Natürlich gibt es Unterschiede in der Ausprägung der Athletik. Auch die unterschiedlichen Hebelverhältnisse sollten in der Auswahl der Techniken eine Rolle spielen. Dies wird auch aus Analysen deutlich, die aufzeigen, welche Techniken oder Technikgruppen vor allem bei den Frauen zum Erfolg führen und welche Techniken eher die Männer anwenden. Nehmen wir zum Beispiel die Kata-guruma-Varianten aus früheren Zeiten. Diese waren mehrheitlich nur bei den Männern zu beobachten. Natürlich gab es auch Frauen, die darauf spezialisiert waren, aber das war nur eine kleine Minderheit. Oder bei den O-uchi-gari-Varianten ist das Verschlingen der Beine öfter bei den Frauen wahrzunehmen.

Als ein großes Problem in der Entwicklung der Athletinnen erachte ich die größere Verletzungsanfälligkeit der Frauen im Bandbereich der Extremitäten, z. B. der Kreuzbänder. Auch Männer verletzen sich mal am Kreuzband. Diese Problematik ist jedoch deutlich öfter bei den Frauen zu beobachten, da im Vergleich die Hebel länger sind und damit die Scherwirkung größer und zusätzlich das Kraft-Masse-Verhältnis ungünstiger. Das sind Dinge, die man im Training berücksichtigen sollte, das heißt jedoch nicht, dass man alles grundsätzlich anders machen muss. Diese Besonderheiten sollten einfach zusätzlich beachtet werden. Gerade im Nachwuchsbereich müsste hinsichtlich der Verletzungsgefahr und Instabilität präventiv vermehrt gearbeitet werden, was aus meiner Sicht aber leider viel zu wenig gemacht wird.

 

4. Wie siehst du den pädagogischen Auftrag eines Trainers im Leistungssportbereich? Vertrittst du als Trainer gewisse Werte? Sollen Trainer gewisse Werte vermitteln? Wenn ja, welche? Wenn ja, welche Werte findest du besonders wichtig?

Für mich ist es selbstverständlich als Trainer - aber auch als Mensch - einen pädagogischen Auftrag zu erfüllen, da ich immer auf irgendeine Art und Weise Einfluss auf mein Umfeld, meine Familie, meine Freunde und Bekannten habe. Dies sollte jedem Trainer bewusst sein und sein Handeln bestimmen. Natürlich vertrete ich feste Wertvorstellungen. In einer „Judofamilie“ wie ich sie hatte, sind die Judowerte immer selbstverständlich gewesen. Diese werden absolut zu Recht hochgehalten, dafür stehe ich auch. Doch für mich waren sie gefühlt nichts Besonderes, sondern alltäglich. Wichtig finde ich sie alle.

 

5. Im trainingswissenschaftlichen Bereich gibt es immer wieder Innovationen, erneute Hilfestellungen und Möglichkeiten. Inwiefern nimmst du als Judotrainer diese in Anspruch? Passt du bisherige Trainingsmethoden und –inhalte immer wieder an? Wenn ja welche und warum?

Generell bin ich immer offen für alle Neuerungen und wissenschaftlichen Tendenzen. Ich möchte hierzu jedoch auch sagen, dass vieles, was als neu angepriesen wird, nicht wirklich neu ist. Wie z. B. das HIT-Training (High intensitiy training) oder auch Übungen mit den Kettlebells. Diese Trainingsformen oder Übungen kannte man vor vielen Jahren auch schon, nun werden sie „neu“ entdeckt oder auch einfach mit einem neuen Namen versehen. Vieles, was neu erscheint, ist also nicht unbedingt immer neu. Nichtsdestotrotz ist es auch interessant, den Fokus wieder auf Dinge zu legen, die man vielleicht verdrängt oder gar vergessen hat. Ich finde es wichtig, immer wieder Neues auszuprobieren. Entscheidend finde ich es jedoch, erst zu reflektieren und nicht alles blind zu übernehmen. Alle Trainingsformen und Übungen müssen zum Sportler und auch in die Trainingsphase passen. Bei jeder neuen Idee muss die Umsetzung auch Sinn machen und einen Zweck erfüllen. Dabei muss der ganze Prozess beobachtet und wissenschaftlich begleitet werden, um auch feststellen zu können, was bei wem wie wirkt. Ich bin jedoch immer bereit und offen, an Innovationen zu arbeiten und finde es spannend, Dinge neu oder weiterzuentwickeln und kreativ zu sein.

 

6. Welches ist die wichtigste Einsicht aus deiner bisherigen Trainerkarriere?

Disziplin, Zuverlässigkeit, Kreativität, Ehrlichkeit, Ausdauer und Ehrgeiz zahlen sich irgendwann immer aus.

 

7. Wie siehst du die Beziehung eines Trainers zum Athleten?  Welche Faktoren tragen deiner Meinung nach zu einem erfolgsreichen sportlichen Weg bei?

Natürlich gehören zu dem, was ich bisher gesagt habe, auch gewisse Charaktereigenschaften und Talent im motorischen, konditionellen, aber auch mentalen Bereich dazu, um erfolgreich sein zu können.

In der Beziehung von Athlet und Trainer ist das Vertrauen sehr wichtig. Ich kann Extremsituationen leichter meistern, wenn ich weiß, dass ich einen verlässlichen Partner habe. Auch im täglichen Training, wo ich immer wieder an meine Grenzen oder auch darüber hinausgehen muss, kann ich nur 100 % geben, wenn ich weiß, da ist jemand, der dies optimal für mich macht und plant. Nur dann ist ein Athlet bereit, diesen Weg zu 100 % zu gehen. Dazu ist also Vertrauen notwendig, in die Person selbst, jedoch auch in das Know-how des Trainers. Mir ist es auch wichtig, dass meine Athleten wissen, dass ich nur das Beste für sie will. Natürlich habe ich auch als Trainer Erfolg, wenn es gut läuft, aber letztendlich ist und bleibt es der Erfolg des Athleten. Und meine Aufgabe als Trainer ist es, hierfür die optimale Unterstützung zu geben.

 

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Karin Ritler Susebeek

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