Rio 2016 – Interview mit Ralf Heiler, Nationaltrainer von Luxemburg

„Ich passe ganz gut zu einem kleinen Land wie Luxemburg…“

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Ralf Heiler mit Marie Muller in London 2012

Trainer verschiedener erfolgreicher Judoka auf nationaler und internationaler Ebene erzählen in einer neuen Interviewreihe von ihrer Planung und Strategie für die folgenden Olympischen Spiele und welche Rolle sie als Trainer dabei spielen: Interview mit Ralf Heiler, Nationaltrainer von Luxemburg

Ralf Heiler war bisher Trainer vom Bundesligisten KSV Esslingen und als Partner und Trainer von der für Luxemburg startenden Marie Muller bekannt. Er betreute Marie unter anderem an bisher zwei Olympischen Spielen, während sie sich in Peking noch unter die ersten 9 Plätze kämpfte, errang sie in London einen hervorragenden 5. Platz. Seit Beginn 2013 ist Ralf Heiler nun Nationaltrainer von Luxemburg und verantwortlich für die Judozukunft des Kleinstaates.

 

1. Auf welche Voraussetzungen triffst du in Luxemburg? Mit welcher Strategie gehst du vor?

Da triffst du gleich in ein Wespennest. Mein Vorgänger wurde wegen Unstimmigkeiten mit dem Präsidium und mit verschiedenen Offiziellen von der Arbeit freigestellt. Mit ihm gingen jedoch auch all seine Athleten, die hauptsächlich seiner Trainingsgruppe in seinem Verein angehören. Nun ist nahezu alles, was mein Vorgänger in den letzten 6 Jahren aufgebaut hatte, weg. Die Athleten haben öffentlich erklärt, dass sie unter diesem Präsidium nicht mehr für Luxemburg antreten werden.

In diesem Sommer finden die Spiele der kleinen europäischen Staaten statt, diese Spiele sind vor allem wichtig für die weitere finanzielle Förderung. Dieser Anlass war auch das Druckmittel meines Vorgängers und seiner Athleten auf das Präsidium. Trotz aller Probleme ist es meine Aufgabe, ein kleines Team zusammenstellen, welches die Qualifikation für die Spiele schaffen könnte. Im Vordergrund stehen jedoch für mich die strukturellen Prozesse. Ich bin mir auch sicher, dass die Situation nach den Spielen der Kleinstaaten anders aussieht. Mit strukturellen Prozessen meine ich einerseits den Aufbau von Trainingsmöglichkeiten auf neutralem Boden, andererseits die Entwicklung eines gut funktionierenden und engagierten Trainerteams.

Langfristig möchte ich mich auch um die Trainerausbildung kümmern. Bisher ist es so, dass sich die wenigen interessierten und erfahrenen Trainer im Ausland fortgebildet haben. Trainer sind in Luxemburg einfach Mangelware und in diesem Bereich haben wir auf jeden Fall noch viel Potenzial.

Ein weiterer Punkt meiner Strategie ist, ein gut funktionierendes Trainerteam aufzubauen. Wir haben hier kein professionelles Netz, auf welches ich zurückgreifen könnte. Wir haben in Luxemburg zwar viel weniger Athleten, doch müssen diese auf verschiedenen Niveaus betreut werden. Ich brauche Leute, die mich unterstützen und die Betreuung der Athleten auf den verschiedenen Turnieren‐Ebenen gewährleisten können. Ich bin im Gespräch mit engagierten Vereinstrainern, aber auch schon mit etwas älteren Athleten, welche ich dazu einarbeiten und begeistern möchte.

 

2. Was hast du schon konkret verändern können? Was sind deine nächsten Schritte?

Eine gemeinsame Randori‐Einheit haben wir bereits. Auf meine Bitte hin wurde dieses bisher genannte „Nationaltraining“ umbenannt auf „LUX‐Randori“, mit dem Ziel, dass sich so viele Judoka wie möglich angesprochen fühlen und nicht nur die Kaderathleten. Alle anderen Einheiten hatte mein Vorgänger durch seinen Verein abgedeckt. Dies ist natürlich für mich keine Option, weil dies zu großen Problemen geführt hat, da dadurch auch erfolgreiche Athleten früher oder später den Verein gewechselt haben. Mittelfristig soll es so sein, dass sich eine Leistungsgruppe 2-mal in der Woche zum Randoritraining treffen kann. Desweiteren soll eine Technikeinheit, ein Krafttraining und ein allgemeines Athletiktraining auf neutralem Boden stattfinden. Die restlichen Einheiten müssen dann individuell über die Vereine oder über Trainingsreisen, z.B. nach Metz, Nancy, Kaiserslautern abgedeckt werden. Momentan ist es so, dass ich kaum „neutrale“ Räume zur Verfügung habe, so dass ich versuche, die Athleten anders zusammenzuziehen z.B. durch Trainingseinheiten im Ausland. Aber mittelfristig sollte alles realisierbar sein. Ich möchte meine Pläne jedoch gut mit den Vereinen abstimmen. Wir wollen ja die vorhandenen Strukturen nicht kaputtmachen, sondern diese, wenn möglich, auch sinnvoll einbinden.

 

3. Mit welcher Strategie gewinnt Marie Muller 2016 nach einem 9. und 5. Platz an ihren dritten Olympischen Spielen eine Medaille? Wie sehen die folgenden 4 Jahre bei Marie aus? Wo liegen die Schwerpunkte? Wird viel am Trainingsalltag verändert?

Marie hat die letzten Jahre sehr oft gekämpft, erst Ende 2011 hatten wir die eigentliche Grundausbildung abgeschlossen, also eigentlich kamen für uns die Spiele 2012 etwas zu früh. Sie hat spät mit Leistungssport begonnen und war in der Vergangenheit relativ häufig verletzt. Viel gekämpft hat sie in den letzten 4 Jahren vor allem wegen dem Qualifikationsmodus und weil sie keine Gewichtsprobleme hatte. Hinzu kam, dass sie eben auch noch viel lernen konnte und musste.

In den folgenden 4 Jahren wird sie weniger kämpfen, aber viele Lehrgänge machen, weil es uns in Luxemburg an Trainingspartnern mangelt. Wir werden mehr im technisch‐taktischen Bereich arbeiten und uns dann die Rückmeldung über die Lehrgänge holen. Marie wurde nach den Spielen an der Schulter operiert und beginnt erst jetzt wieder mit Judo, so dass wir von einem Übergangsjahr sprechen. In der Vergangenheit konnte sich Marie konstant in der Weltrangliste nach vorne kämpfen. Wir werden nun versuchen, unter die ersten 16 zu kommen und einfach noch stabiler zu werden. Sie ist auch älter und kann sich keine großen oder viele Verletzungen erlauben.

Marie wird ihr Judo und auch ihre Athletik nicht mehr großartig verändern. Wir haben in der Vergangenheit immer ein wenig experimentiert, gute Erfahrungen werden wir natürlich übernehmen und damit weiterarbeiten. Vor den Olympischen Spielen 2012 haben wir z. B. ein Crossfit‐Programm eingebaut. So kurz vor den Spielen war dies etwas riskant, wir haben aber letztendlich super Erfahrungen damit gemacht. In Zukunft haben wir vor, eine Mischung zwischen dem klassischen Krafttraining und dem experimentierten Crossfit‐Programm zu machen. Wir werden also nicht mehr allzu viel ändern, aber auch Acht geben, dass sich nicht einfach nur die Routine einschleift. Wir hatten in der Vergangenheit nie die Möglichkeit, Experimente medizinisch oder wissenschaftlich auszuwerten. Marie musste bisher immer in sich rein hören und ich musste von außen die Sache beurteilen. Wir haben auch nie eine klassische UWV gemacht, alles lief immer sehr individuell ab. Aber statistische Werte spielen für mich sowieso keine wesentliche Rolle. Ob Marie nun 2 kg mehr drückt oder weniger, ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass sie dann im Judo im richtigen Moment die Kraft anwendet.

 

4. Inwiefern verändern die neuen Wettkampfregeln eure Taktik, euren Trainingsalltag? Wie stehst du zu den neuen Regeln? Was würdest du anpassen, wenn du könntest?

Ja, technisch –taktisch müssen wir sicherlich das eine oder andere ändern, aber das haben wir sowieso schon immer gemacht.

Die Regeln würde ich, wenn ich könnte, ein wenig anpassen. Ich finde nicht alles schlecht, was man in den letzten Jahren verändert hat. Aber ich bin der Meinung, dass man aktuell gar nicht so viel hätte ändern müssen, wenn man die bestehenden Regeln konsequenter umgesetzt hätte. Das destruktive und unriskante Judo hätte man durch schnellere Bestrafung im richtigen Moment umgehen können. Dann hätte man nicht so viel und Grundsätzliches ändern müssen und den gleichen Effekt gehabt, aus meiner Sicht. Und ganz viele schöne Techniken, wie Te‐guruma, Kata‐guruma oder ein Sode außen eingedreht (mit Hilfe der Hand geworfen), wären dem Judo erhalten geblieben. Diese Würfe sind superspektakulär und ich finde es schade, dass wir sie an Wettkämpfen nicht mehr sehen werden.

Auch die Tendenz  zu „weniger Griffkampf“ wird aus meiner Sicht nicht zum eigentlichen Ziel führen, den Sport fürs Fernsehen attraktiver zu machen. Aber sind wir ehrlich, auch ein Fußballspiel, bei welchem wir die Teams oder die Spieler nicht kennen, ist nicht interessant. Ich denke, wir müssen eher in die Richtung gehen, dass Judo einfach keine Live‐Sportart für Jedermann ist, wie im übrigen die wenigsten Sportarten sind. Es wird erst dann interessant, wenn man einen Bezug zum Sportler bzw. zu einer Mannschaft hat. Und dann ist Judo hochinteressant und spektakulär! Als TV‐Zusammenschnitt könnte Judo eine Topsportart sein, da viel Spektakuläres an einem Wettkampftag und im Training passiert. Und wie lange eine Sequenz Griffkampf war, spielt dann auch keine Rolle mehr.

Auch die Regelung mit der Waage finde ich nicht gut, da jetzt wieder das Gewicht im Vordergrund steht. Vor allem auch für Marie ist das nicht notwedig, da sie keine Gewichtsprobleme hat. Sie steht jetzt natürlich Athletinnen gegenüber, die sich durch die neue Regel über Nacht wieder aufbauen können und somit am nächsten Tag in der folgenden Gewichtsklasse nicht mehr kämpfen dürften. Das wird sicherlich ein Problem.

(Lesen Sie dazu auch: Wie kommen die neuen Wettkampfregeln an?)

  

5. Wie würdest du dich als Trainer definieren? Was ist dein Geheimrezept? Und kannst du dich als Trainer nun in Luxemburg voll und ganz verwirklichen?

Ich versuche, den Leuten Spaß am Judo, Spaß an der Leistung zu vermitteln. Bei mir geht viel über eine gute Grundstimmung im Training. Ich möchte, dass sich derjenige der sich entscheidet, Judo als Leistungssport zu machen, den Lebensabschnitt auch gut finden und auch genießen kann. Es wird in unserer Sportart extrem viel von den Athleten verlangt, im technischen, athletischen wie psychischen Bereich und dann kommt bei den meisten auch noch das Gewichtmachen hinzu. Das alles ist extrem hart im Vergleich zu anderen Sportarten.

Ansonsten sehe ich mich als einen eher technisch‐taktisch angehauchten Trainer, ich versuche immer auf die Stärken und Schwächen der Athleten einzugehen. Ich kremple einen Athleten nicht total um.

Grundsätzlich meine ich damit, dass ich einen ungeduldigen Menschen nicht zu einem Grundlinienspezialisten im Tennis ausbilden kann. Der wird immer wieder vorstoßen und etwas probieren wollen. Ein geduldiger Mensch hingegen, der keine hohe Entscheidungskompetenz besitzt, wird immer besser an der Grundlinie aufgehoben sein. Diese unterschiedlichen Charakterzüge und Stärken der Athleten zu berücksichtigen und den Kampfstil individuell zu entwickeln macht mir besonders Spaß.

Von dem her passe ich auch ganz gut zu einem kleinen Land wie Luxemburg.

 

Karin Ritler Susebeek

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