Judo

Olympia 2008: Judoka Ole Bischof erzählt von dem Tag, an dem er Gold gewann

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Gewinner der Goldmedaille der Olympischen Spiele 2008 im Judo Ole Bischof im Judogi

Rückblick auf die Olympischen Spiele in Peking 2008. Der 12.08. war der Tag, an dem für Judoka Ole Bischof alles passte: Denn er wurde Olympiasieger im Judo. trainingsworld berichtet, wie er diese aufregende Zeit erlebte. 

Am 12. August 2008 konnte Ole Bischof, 81 kg, die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Peking in der Sportart Judo gewinnen. Wir erinnern uns noch an die Bilder, wie Ole nach seinem Sieg seinen Trainer Frank Wieneke, selbst Olympiasieger 1984, auf den Schultern durch die Halle trug. Er schildert, wie er diesen Tag und die Zeit davor erlebte.

 

One moment in life

Wir reisten eine Woche früher an. Ein Tag pro Stunde Zeitverschiebung ist notwendig, um sich anzupassen. Während dieser Periode in Peking schlief ich jeweils 14 oder 15 Stunden pro Tag. Immer wieder wurden kleine Einheiten eingeschoben, um den Kreislauf hochzufahren, aber mehr als 20–25 Minuten waren bei mir an diesen Tagen nicht drin. Ich hatte Mühe, mich zu bewegen und fühlte mich schwerfällig. Ich war einfach platt. Der Bundestrainer Frank Wieneke war schon beunruhigt. Die Zeitverschiebung, die außergewöhnlich harte Vorbereitung und der Faktor, dass wir uns bei den Olympischen Spielen befanden, setzten mir zu. Dieser „one moment in life“… bewusst oder unbewusst war großer Druck da, meine Kiefer wurden fest und ich brauchte eben mehr Schlaf als sonst.

 

Mentale Vorbereitung in der Kantine

Erst am Tag vor dem Wettkampf fühlte ich mich etwas besser. An jenem Tag zog ich mich für zwei Stunden in die Kantine zurück. Das waren im Nachhinein zwei sehr wichtige Stunden für mich. Ich konnte über den harten Weg hierher reflektieren. Athleten kamen rein, gingen raus. Alles nahm ich wahr. Mir wurde bewusst, wie geil es war, überhaupt hier in Peking bei den Olympischen Spielen zu sein. Ich habe mir nicht vorgestellt, was geschieht, wenn ich gewinne oder verliere, nein, ich war einfach mit mir im Reinen und habe die Situation genossen.

Am Tag darauf, also am Tag des Wettkampfs, war ich absolut in Form. Das war einfach perfekt von meinem Trainer getimet. Sozusagen die klassische Trainingslehre. Wir hatten genau die richtige Spitze erwischt. Später während den Kämpfen merkte ich, dass ich physisch und auch vom Kopf her den Anderen an diesem Tag überlegen war. Doch der Gedanke „heute kann kommen, wer will“ muss im Judo nicht immer heißen, dass man am Abend zuoberst auf dem Treppchen steht.

Ich hatte gut geschlafen, das Wiegen verlief ohne Probleme. Nach der Waage war die Wartezeit bis zu meinem ersten Kampf relativ lang, also legte ich mich nach dem Frühstück noch einmal hin. Ich hatte meinen Aufwärmpartner dabei und alles lief nach Plan.

 

Noch 10 Minuten

Ich stand mit meinem Trainer in diesem Korridor neben meinem Gegner und wartete darauf, auf die Matte gehen zu können. Für mich nenne ich diesen Korridor immer Pipeline. Kämpfer gehen von der Matte, neue Kämpfer kommen nach. In dieser Pipeline ging ich immer und immer wieder meinen Kampfplan im Kopf durch. Ich visualisierte: „Wir laufen nebeneinander auf die Matte, ich laufe auf meine Seite, mein Konkurrent auf seine Seite, ich steige über die TV-Kabel, die ich da liegen sehe, ich ziehe meine Schuhe aus, ich klatsche mich mit meinem Trainer ab, steige aufs Podest, gehe nach vorne, verbeuge mich, nehme die Hände nach vorne, warte aufs „Hajime“ des Kampfrichters und werde mit meiner rechten Hand an seinen linken Ärmel greifen.“ Ich muss immer schon vorher mental die Auffahrt in den Kampf erwischen, sonst bin ich ein paar Sekunden zurück. Ich will gleich richtig loslegen können, von 0 auf 100.

Ich ging auf die Matte und es lief nicht wie geplant, ich lag nämlich schon bald mit Yuko zurück. Eine gute mentale Vorbereitung bedeutet jedoch auch, dass man Notfallpläne hat. Ich musste also meine Kampfweise anpassen und es zeigte sich, dass ich mehr Fighting-Spirit und auch eine bessere Kondition hatte. So konnte ich den Kampf noch drehen.

Die folgenden Kämpfe konnte ich auch für mich entscheiden, so dass ich im Halbfinale auf den Ukrainer Roman Gontjuk stieß. Dieser Kampf sollte sich als entscheidend erweisen.

 

Sieg und Niederlage in den Händen des Kampfrichters 

Mir passiert es schonmal, dass ich bei einer kleinen Verletzung – durch das Gewichtmachen und viel Wassertrinken – stark blute. Gontjuk schlug unbewusst mit seiner Stirn im Halbfinale auf meine Nase, sodass meine Nase zu bluten begann. Die Regel besagt, dass man sich zwei Mal pro Kampf von einem Arzt helfen lassen darf. Ich wurde bereits zwei Mal versorgt und 10 Sekunden vor Schluss begann meine Nase erneut zu bluten. Ich zog das Blut die Nase hoch und schluckte es runter. Mir war bewusst, dass die Kampfrichter den Kampf jeden Moment abbrechen konnten – so sind die Regeln.

Die 10 Sekunden liefen langsam runter und die Kampfrichter entschieden, den Kampf nicht abzubrechen, so ging ich zum Schluss als Sieger von der Matte und stand im Finale. Es hätte auch anders laufen können…

 

Der letzte Gang durch die Pipeline

Im Finale hatte ich eine ganz klare Taktik. Ich war zuversichtlich. Mein Gegner war ein junger, noch relativ unbekannter Koreaner. Und er hatte im Halbfinale meinen wohl schwierigsten Gegner Guillaume Elmont aus den Niederlanden in einem 10-minütigen epischen Kampf mit Kampfrichterentscheid ausgeschaltet.

Wieder in der Pipeline ging ich meine Taktik durch und mir war klar: Heute ist alles möglich. Heute ist mein Tag. Ich visualisierte erneut: Nebeneinander auf die Matte laufen, über TV-Kabel steigen, Schuhe ausziehen, mit meinem Trainer abklatschen, aufs Podest, nach vorne, verbeugen, die Hände nach vorne nehmen, „Hajime“ und mit meiner rechten Hand an seinen linken Ärmel greifen.

Ich testete meinen Gegner in drei Wurfrichtungen und diese funktionierten nicht, doch die vierte nach hinten rechts passte und ich konnte eine Wertung erzielen, die ich bis zum Ende verteidigen konnte. Ich war meinem Gegner von Anfang bis Ende überlegen, ich fühlte, dass ich ihn im Griff hatte, und mein Gegner hat das auch gefühlt. Und dann war da der Schlusston, der das Ende des Finales signalisierte.

Ich ging von der Matte und war einfach nur glücklich. Mein Trainer stand da, Frank Wieneke. 1998 kam ich zu ihm in die Trainingsgruppe, uns verbanden damals also 10 Jahre harte Arbeit und Training, Höhen und Tiefen. Er hatte mich 10 Jahre begleitet, mich auf Spur gehalten. Er hatte mir gezeigt, dass man den Sport lieben kann, wie man ihn richtig ausführt, ich durfte auf seinen Erfahrungen aufbauen und für mich war es der richtige Zeitpunkt, um ihn dort in Peking auf die Schultern zu nehmen. Ihm damit zu zeigen, wie dankbar ich war. Ihm und mir hat diese Situation viel bedeutet. Ich bin froh, dass es damals diese Situation und Möglichkeit gab.

 

Der Artikel wurde auf der Basis eines Gesprächs, welches am 3. Juli 2012 von Karin Ritler Susebeek mit Ole Bischof geführt wurde, geschrieben. Am 31. Juli 2012 will Ole Bischof seinen Titel in London verteidigen und vielleicht wird ja Miryam Roper Yearwood, die einen Tag vorher antritt, in seine Fußstapfen treten: Mimi goes to London: Der Weg der Judoka Miryam Roper Yearwood zu den olympischen Spielen.

 

Karin Ritler Susebeek

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