Exklusivinterview mit Basketball-Profi Chris Ensminger (Teil 1)

"Ich bin heute besser in Form als vor 10 Jahren"

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trainingsworld im Interview mit Basketball-Profi Chris Ensminger.

Es ist erstaunlich, wozu der menschliche Körper noch im „gediegenem“ Alter in der Lage ist. Woche für Woche zeigt dies Chris Ensminger, der älteste Spieler der Beko Basektball Bundesliga.

Das „Bundesliga‐Urgestein“ Chris Ensminger spielt seit nunmehr 14 Jahren in Deutschlands höchster Spielklasse und steht seit der Saison 2009/2010 bei den Telekom Baskets Bonn unter Vertrag. Der 39‐Jährige ist dabei nicht nur ein Mitläufer, sondern als 5-facher Liga‐MVP einer der erfolgreichsten Bundesligaspieler aller Zeiten. Ich habe mich mit Chris Ensminger über Hocheistung im Alter unterhalten.

Chris Ensmingers erfolgreiche Karriere in Zahlen:

1994–1996 Vereinigte Staaten Valparaiso University

1996–1997 Frankreich Tours

1997–1998 Portugal FC Porto

1998–1999 Neuseeland North Harbour Kings

1999–2001 Deutschland Mitteldeutscher BC Weißenfels

2001–2008 Deutschland Brose Baskets

2008–2009 Deutschland Paderborn Baskets

Seit 2009 Deutschland Telekom Baskets Bonn

 

‐ MVP Beko BBL All‐Star Game (2010)

‐ 2-mal Deutscher Meister mit Bamberg (2005 & 2007)

‐ Gewinn des BBL Champions Cup (2007)

‐ 7-maliger BBL All Star (2002‐2006,2009,2010)

‐ bester Rebounder im ULEB Cup (2005)

‐ 5-mal bester Rebounder der BBL (2001‐2005)

‐ bester Rebounder im FIBA Eurocup (2004)

‐ BLL All Star (1999 Neuseeland)

‐ bester Rebounder der NBL (1999 Neuseeland)

‐ 5-mal MVP Beko BBL Saison(2002,2003,2006,2007,2008)

‐ 1-mal Topscorer der BBL(2007)

Auch wenn Julian Morche erst seit dieser Saison mit Chris Ensminger arbeitet, der Athletikcoach der Telekom Baskets Bonn hat schon nach kurzer Zeit einen nachhaltigen Eindruck vom US‐Amerikaner, der seinen höchsten Respekt verdient: „Chris kann und konnte deshalb so lange auf diesem hohen Level performen, weil er zum einen sehr viel Talent hat und zum anderen sehr bewusst mit seinem Körper umgegangen ist. Er hat viel Zeit in Beweglichkeit und Stabilität investiert. Daran hat er all die Jahre effektiv gearbeitet und so seine Leistungsfähigkeit konserviert und Verletzungsprävention betrieben. Natürlich zeichnet das Alter jeden und zu sagen, dass eine so lange Basketballkarriere an einem Athleten spurlos vorbei ziehen würde, wäre schlichtweg falsch. Aber mit 39 Jahren noch auf einem solchen Level zu performen, verlangt meinen tiefsten Respekt und gerade bei Chris, der ja schon immense Erfolge erreicht hat."

 

trainingsworld: Im Dezember werden Sie 40. Wie schaffen Sie es, auf dem obersten Level gegen Spieler zu konkurrieren, die Ihre Kinder sein könnten?

Chris Ensminger: Zunächst einmal hatte ich das Glück, gesund geblieben zu sein und bis jetzt spielen zu können. Mein Vertrag läuft im Juni aus, von daher weiß ich jetzt noch nicht, ob ich noch mit 40 spielen werde. Das muss man abwarten.

Ich achte auf meinen Körper und ernähre mich gesund. Meine Frau achtet sehr auf meine Ernährung und die unserer beiden Kinder. Sie macht einen guten Job und hat großen Anteil an meinem Erfolg.

In der spielfreien Zeit mache ich auch Yoga, was mir geholfen hat, meine Karriere zu verlängern. Ich begann in meinem letzten Jahr in Bamberg in der Saison 2007/2008. Ich wurde zu der Zeit in Yoga, Pilates und verschiedene Trainingsarten eingeführt, was mir geholfen hat, meinen Core zu stärken und mehr Flexibilität zu gewinnen. Dies war eine große Hilfe für mich, meine Karriere auszuweiten. Es geht einfach darum, mit dem Körpers bewusst und professionell umzugehen.

 

trainingsworld: Ist die Motivation, Ihre Karriere fortzuführen, einfach nur der Spaß am Basketball spielen?

Chris Ensminger: Natürlich liebe ich das Spiel. Meine Motivation liegt darin, mich immer wieder messen zu wollen. Ich bin der älteste Spieler der Liga, aber ich fühle immer noch sowohl mental als auch physisch fit. Solange ich gesund bin, ist es ein gutes Gefühl, in der Bundesliga zu spielen.

 

trainingsworld: In der letzten Saison hatten Sie ausgezeichnete Statistiken (7,2 Rebounds, 14,6 Punkte). Was ist Ihr Geheimnis für diese starke Leistung?

Chris Ensminger: Ich denke, wir hatten in der letzten Saison eine gute Team‐Chemie und eine hohe Ausgeglichenheit auf jeder Position. Mit Jared Jordan haben wir einen tollen Pointguard, der ein ausgezeichneter Vorbereiter ist und immer den offenen Mitspieler findet. Am Ende der Saison haben wir die Playoffs erreicht, das war das Ziel des gesamten Teams. Wir haben letzte Saison sogar den Meister Bamberg in den Playoffs geschlagen, aber ich glaube, ich will weiterhin beweisen, dass ich auf diesem Niveau spielen und mithalten kann. Am Ende des Tages sind Statistiken Tinte auf Papier. Es geht letzten Endes ums Gewinnen und darum, sich zu messen, und dabei versuche ich, meinem Team in irgendeiner Weise, so gut ich kann, zu helfen.

 

trainingsworld: Welcher Chris Ensminger ist der bessere: Der vor 10 Jahren oder der Chris Ensminger heute?

Chris Ensminger: Dies ist eine gute Frage. Ich würde sagen, ich bin heute besser in Form, als ich es noch vor 10 Jahren war. Laut Statistik sind die Werte dieses Jahr schlechter als vor 10 Jahren. Ich glaube, das Spiel hat sich in dieser Zeitspanne verändert. In der Bundesliga gibt es mehr ausländische Spieler als früher. Vor 10 Jahren hatten wir 2 Amerikaner und 2 Importe (Europäische Spieler). Damals prägte ein europäischer Spielstil die Liga und heute ist es mehr ein Uptempo‐Spiel, wie in den USA. Okay, Schnelligkeit und Athletik waren nie meine Stärke, auch als ich noch jünger war. Also habe ich diese Eigenschaften nie verloren, weil ich sie auch nie hatte. Ich bin immer noch der gleiche Spieler, ein Low‐Post‐Spieler und ein Defensiv‐Spezialist. Heute habe ich mehr Erfahrung, und die kann man nicht lehren. Erfahrung etwas, dass man durch Spielpraxis, Playoff‐Spiele oder enge Spiele bekommt.

 

trainingsworld: Es ist sehr interessant, dass Sie gerade gesagt haben, dass Sie vor 10 Jahren nicht so gut in Form waren wie jetzt. Liegt das am veränderten Training, wie beispielsweise am Yoga, oder liegt das an einer bewussteren Ernährung?

Chris Ensminger: Mit der gesunden Ernährung hat das sicherlich zu tun. Ich war zwar beim Krafttraining früher wahrscheinlich etwas stärker, dies liegt aber daran, dass ich mich darauf mehr konzentriert habe als heute. In meinem momentanen Trainingsprogramm absolviere ich ein Training, das eine Mischung und eine Kombination von Dingen wie Yoga und Pilates ist. Als ich aus Amerika kam und meine erste Saison in Frankreich spielte, war meine Flexibilität nicht sehr gut.

Glücklicherweise hatte ich die Möglichkeit, in verschiedenen Ländern mit verschiedenen Trainern und Spielern zu arbeiten. Hierdurch habe ich gelernt, wie man mit seinem Körper umgehen sollte. Ich habe in dieser Zeit verschiedene Übungen gelernt, die mir helfen, meine Flexibilität zu erhöhen und meine Rumpfkraft zu entwickeln. Ich habe sowohl meine Balance verbessern können, als auch alles was ich für den Wettkampf benötige, wie beispielsweise Geschwindigkeit und Agilität. Ich denke, je älter man wird, desto flexibler sollte man sein. Das ist definitiv ein Schlüssel, um gesund zu bleiben.

Im Sommer mache ich eine Vielzahl von Dingen, die mir Spaß machen und die nicht belastend für meine Knie sind, wie beispielsweise Radfahren. Ich spiele in dieser Zeit kaum Basketball. Ich mache einfach verschiedene Dinge, die mir nach 10 Monaten Saison neue Energie geben, um mental wieder zu neuen Kräften zu kommen.

 

trainingsworld: Dirk Nowitzki tut das gleiche wie Sie. Er macht Yoga und Pilates und entspannt in der Sommersaison.

Chris Ensminger: Ich würde sagen, vieles im Basketball ist mental. Du brauchst irgendwann einfach eine Pause. Manchmal spiele ich im Sommer auch Golf, spiele viel mit meinen Kindern und tue verschiedene Dinge, zu denen ich während der Saison nicht die Möglichkeit habe.

 

Lesen Sie auch Teil 2 des Interviews!

 

Ramy Azrak

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